DOK Leipzig 30. Oktober – 5. November 2017
60. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 30 October – 5 November 2017
60th International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Disobedient Images

Dass Ungehorsam, das Motto des diesjährigen Festivals, durchaus nicht nur politisch, sondern auch künstlerisch zu verstehen ist, beweist die Reihe Disobedient Images. Hier geht es um den Ungehorsam der Bilder und der Kunst, die sich der eindimensionalen Zuschreibung und ideologischen Verwertung permanent verweigern. In neue Zusammenhänge gestellte und animierte Dokumentarfilmaufnahmen, wilde Zeichen- und Objektanimationen, Bildmetamorphosen und Tücken der Technik: Dokumentar- und Animationsfilm treten in einen Dialog und untersuchen dabei den Film in all seinen Bestandteilen. Vier Programme versammeln analoge und digitale, kurze und lange Filme, die zwischen 1919 und 2016 entstanden sind.

 

#47 (2014); Regie: José Miguel Biscaya

In Reworking the Image wird das Filmbild selbst widerspenstig. Found Footage-Collagen, Animationen auf dem Filmstreifen, verschobene Tonspuren und eine Montage, die die Nazis aus Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“ tanzen lässt: Der Film gibt viele Möglichkeiten zum Ungehorsam gegen seine eigenen Bilder und einen vermeintlichen Wahrheitsanspruch.

Die Animationstechnik des Direct-On-Film beispielsweise ist ein Eingriff in die Struktur des Filmträgers. Durch Kratzen, Perforieren, Verätzen und Aufkleben von lichtdurchlässigen Materialien wird der analoge Film kameralos geschaffen. So bearbeiten Len Lyes „Trade Tattoo“, Naomi Umans „Removed“ und Peter Tscherkassys „Outer Space“ auf kreative Weise gefundenes Material, loten die Möglichkeiten des filmischen Raums aus und entlarven pornographische Blicke und Klischees.

Mit der heutigen Verdrängung der analogen Film- und Kinoapparatur treten neue Möglichkeiten zutage: Denn auch der digitale Code lässt sich knacken. So wird das Filmbild Opfer eines sich virusartig ausbreitenden Pixelbefalls, wie in Yung Jakes „Datamosh“ und in José Miguel Biscayas „#47“, wo er eine nahezu malerische Qualität bekommt.

 

Decasia (2002); Regie: Bill Morrison

Decasia“ des US-Regisseurs Bill Morrison gehört zu den zentralen Werken der jüngeren Zeit, die sich mit dem Medium des chemischen, analogen Films und seiner Vergänglichkeit auseinandersetzen.

Aus in Archiven gefundenen alten Nitratfilmen, die man in den ersten Jahrzehnten der Filmgeschichte noch verwendete, kompiliert Morrison Szenen aus Wochenschauen, dokumentarischen Arbeiten, Testfilmmaterial und Spielszenen. Dabei wählt er Filmausschnitte, bei denen sich der Filmstreifen in der Auflösung befindet. So werden chemische Zersetzungen sichtbar und das ursprüngliche Filmbild tritt mit den Verzerrungen, Auslöschungen und flechtenartigen Gebilden, die sich auf dem Filmstreifen bilden, in Dialog.

Bill Morrison wird außerdem am 2.11. im Rahmen von DOK Leipzig eine Meisterklasse geben.

 

Swarming (2011); Regie: Joni Männistö Disobedient by Nature erinnert daran, dass der Animationsfilm seit seiner Anfangszeit rebellisch ist und eine Spielwiese für die Phantasie bietet, die sonst aus der guten bürgerlichen Stube verbannt ist. Hier kann jede Menge Schabernack getrieben werden, Naturgesetze werden aus den Angeln gehoben, erotische und gewalttätige Vorstellungen werden zum Leben erweckt. Da dürfen Körperöffnungen besungen, Genitalien zu absurder Größe überzeichnet werden und Kinder rauchend Abenteuer erleben: Der Animationsfilm zelebriert seine Freiheit. Aber die harmlos gemeinten Späße und der unüberlegte Unfug der jugendlichen Protagonist/innen können sich auch mit viel schwarzem Humor gegen die Übeltäter/innen wenden, das zeigen Joni Männistös „Swarming“ oder Robert Morgans „Bobby Yeah“.

 


Jabberwocky (1971); Regie: Jan Švankmajer

In Subversive Matter bekommt die Welt der Dinge ein Eigenleben und rebelliert: gegen den ihnen vorgesehenen Zweck, gegen ihre Nützlichkeit und gegen den Menschen.

Die Miniaturwelten, die der tschechische Surrealist und Filmkünstler Jan Švankmajer baut, sind nur auf den ersten Blick den unsrigen in ihren Gesetzen nah. Denn dort kämpfen Zinnsoldaten mit Porzellanpuppen, Taschenmesser verletzen sich selbst, Anzüge tanzen und Bügeleisen verwandeln dreidimensionale Figuren in zweidimensionale. Das bizarre Benehmen der Gegenstände unterwandert unsere Wirklichkeitserfahrung, so auch in Mihai Grecu und Thibault Gleizes „Glucose“ und in Floris Kaayks „Metalosis Maligna“, wo wuchernde Metallimplantate langsam den menschlichen Körper übernehmen.

In der Knetanimation können Gegenstände sogar völlig beliebig ihre Gestalt verändern. Diesen morphenden Gesetzlosen ist nicht mehr habhaft zu werden, in Bruce Bickfords „CAS’L“ laden sie zum psychedelisch Trip ein.

 

Die Reihe Disobedient Images wurde von André Eckardt, Kurator für Animationsfilm bei DOK Leipzig, konzipiert und von der erfahrenen Dresdner Kurzfilmexpertin Ines Seifert kuratiert.