DOK Leipzig 29. Oktober – 4. November 2018
61. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 29 October – 4 November 2018
61st International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Länderfokus: Schatten des Halbmonds. Filme aus der Türkei

Der Länderfokus gibt bei DOK Leipzig jedes Jahr Einblicke in das aktuelle Filmschaffen einer Region – und nie zuvor war er politisch so aktuell und brisant. Der Großteil der insgesamt 18 Dokumentar- und Animationsfilme stammt aus den Jahren 2015 und 2016. Diese Dichte an bemerkenswerten Arbeiten zeugt von einem überaus aktiven unabhängigen Filmschaffen in der Türkei, das in einem zunehmend repressiven Umfeld entstanden ist. Teil des Programms sind vor allem politisch dringliche Werke, die offizielle Narrative der Regierung herausfordern.

 

Die vermehrten Versuche der türkischen Regierung, Festivalaufführungen von Dokumentarfilmen zu zensieren, machen den diesjährigen Länderfokus umso zwingender. Der kurdische Regisseur Selim Yıldız hat etwa seinen Film „I Remember“, eine persönliche Erinnerung an das Massaker der türkischen Armee in Roboski, nach einer Reihe von Zensurmaßnahmen im April 2016 vom Ankara Film Festival zurückgezogen. Nun wird er im Rahmen des Länderfokus bei DOK Leipzig aufgeführt. Yıldız filmt in dieser Arbeit Bewohner/innen des Ortes an der Grenze zum Irak, deren abgeschiedenes Leben im Hochgebirge nach wie vor mit der Dauerpräsenz türkischer Soldaten kollidiert.  

 

I Remember (2015); Regie: Selim Yıldız

Die Filmemacher/innen der ausgewählten Kurz- und Langfilme ermöglichen tiefgehende und bisher kaum gezeigte Einblicke in aktuelle Konfliktfelder. Häufig rücken sie Akteurinnen und Akteure von in den letzten Jahren entstandenen Protestbewegungen in den Mittelpunkt. In dem persönlichen Werk „#resistayol“ begleitet der Regisseur Rüzgâr Buşki die befreundete LGBT-Aktivistin Şevval. Buşki und sein Team werden von den aufkommenden Protesten im Gezi-Park überrascht und durch den Elan Şevvals mitten in diese hineingezogen. Dieser und andere ausgewählte Filme führen vor, welche Energie und welcher temporäre Zugewinn an Freiheit durch Widerstand entstehen können. Die Arbeit „Distant…“ der kurdischen Filmemacherin Leyla Toprak etwa lässt inmitten von Trümmern im syrischen Kobane Widerständlerinnen zu Wort kommen, die nicht nur gegen den selbst ernannten IS, sondern auch für einen selbstbestimmten weiblichen Lebensentwurf kämpfen. Die Regisseurinnen Berke Baş und Melis Birder begleiten in „Bağlar“ eine aufstrebende kurdische Basketballmannschaft. Im abgeschlagenen und krisengeschüttelten Südosten der Türkei nutzen die Teammitglieder ihren Sport als Instrument der Selbstermächtigung. Wie die Gentrifizierung in der Türkei auch den Erhalt des türkischen Filmerbes bedroht, dokumentiert die Kollektivarbeit „Audience Emancipated: The Struggle for the Emek Movie Theater“. Anwohner/innen und Filmschaffende kämpfen in Istanbul um den Erhalt des 1924 eröffneten Kinos.

 

Remake, Remix, Rip-Off. About Copy Culture & Turkish Pop Cinema (2014); Regie: Cem Kaya

Einen humorvollen Einblick in wilde Zeiten der türkischen Filmgeschichte gibt „Remake, Remix, Rip-Off. About Copy Culture & Turkish Pop Cinema“ von Cem Kaya. Die türkische Filmindustrie „Yeşilçam“ zählte in den 1960er und 70er-Jahren mit bis zu 350 produzierten Filmen pro Jahr zu den produktivsten der Welt – und verfügte über ein extrem geringes Budget. Aus der Not heraus kopierten Filmschaffende schonungslos große Vorbilder wie „Star Wars“ oder „Der Exorzist“ und versorgten damit Kinofans aus dem ganzen Land.

 

Andere Filme dringen in das Gedächtnis des Landes ein und stoßen dabei auf kollektive Traumata. Der Beitrag „The Return“ der armenischen Filmemacherin Hale Güzin Kızılaslan begibt sich auf Konfrontation mit der Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern. Gürcan Keltek spürt in „Colony“ in nüchternen Schwarz-Weiß-Bildern die Exhumierung türkischer und griechischer Zyprioten auf, die im Zypernkonflikt gestorben sind. Beide Filme stehen im Spannungsfeld zwischen Erinnerung und Vergebung.

 

Zahlreiche Filmemacher/innen des Programms werden bei DOK Leipzig anwesend sein. In einem DOK Talk Special am Festivaldonnerstag, dem 3.11., sprechen die Regisseur/innen über aktuelle Entwicklungen des Filmschaffens in der Türkei und deren Hintergründe.

 

Der Länderfokus wurde von der renommierten türkischen Filmexpertin Özge Calafato kuratiert.