DOK Leipzig 30. Oktober – 5. November 2017
60. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 30 October – 5 November 2017
60th International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Retrospektive: Sieben Sünden und andere Bekenntnisse im polnischen Dokumentarfilm

Sucht man den Ungehorsam im Dokumentarfilm, so kommt man unweigerlich auf dessen polnische Schule. Deren Vertreter/innen waren stets Unruhestifter/innen im besten, mehrfachen Sinne: Mutig und radikal haben sie politische und künstlerische Grenzen ausgelotet und überschritten. Mit der Nähe zum Spielfilm, der Offenheit der Form und dem Bekenntnis zur Inszenierung schafft der polnische Dokumentarfilm ganz eigene Stilcharakteristika und nimmt international eine einzigartige Stellung ein.

Dabei stellen die Programme der Reihe die Filme nicht in einen filmhistorischen, sondern in einen thematischen, oft provokativen Zusammenhang und geben so unterhaltsame Einblicke und kluge Einsichten in universale Themen wie den immerwährenden Konflikt der Generationen, die Angst vor dem Fremden und das Verschwinden des Einzelnen im System. Auf spielerische und humorvolle Weise ist der Bezug zu Religion, „Sünde“ und Verheißung dabei stets präsent. Aber auch um Fragen nach der Nation und der Familie wird es gehen, um Mangel, Zensur und den kreativen Umgang mit ihr, und schließlich auch um Wodka.

Neben Klassikern u.a. von Kazimierz Karabasz, Jerzy Bossak, Krzysztof Kieślowski und Marcel Łoziński wird es eine ganze Reihe kaum bekannter Werke zu entdecken geben, wie „Wave“ von Piotr Łazarkiewicz, der die Punk-Rebellion der späten 1980er laut und wild beschreibt.

 

Ungehorsam sind auch Jerzy Bossak und Jarosław Brzozowski, die sich in „Warsaw 1956“ gegen die propangandistischen Darstellungen der Wochenschauen wehren und das Nachkriegswarschau von seiner lädierten, baufälligen und gefährlichen Seite zeigen. Damit leiten die Filmemacher einen Perspektivwechsel auf die Probleme beim Aufbau der neuen Gesellschaft ein. Ebenso wird hier, wie auch in Edward Skórzewski und Jerzy Hoffmans „Look Out, Hooligans!“, das Dokumentarische ganz offen inszeniert, um eine Gegendarstellung zu schaffen.

In „The 24 Hours of Jadwiga L.“ beobachtet Krystyna Gryczełowska den von Pflichten bestimmten Alltag einer Fabrikarbeiterin und Mutter und schafft so ein frühes feministisches Werk. Auch mit der Filmemacherin Maria Zmarz-Koczanowicz meldet sich eine starke weibliche Stimme des polnischen Kinos zu Wort. Sie widmet sich in „Everyone Knows Who They Are Standing Behind“ humorvoll der Absurdität eines alltäglichen Phänomens in der Volksrepublik: dem Schlangestehen.

 

Happy End (1972); Regie: Marcel Łoziński

Welche Auswirkungen das Leben in einer totalitären Gesellschaft haben kann, zeigt Marcel Łoziński klug und allegorisch, indem er eine künstliche Situation schafft: „Happy End“ ist ein psychologisches Experiment, in dem sich ein Parteitreffen in kollektive Hetze zu wandeln droht.

Und Krzysztof Kieślowski porträtiert in „From a Night Porter’s Point of View“ einen Nachtwächter, der sich mit seinem Credo, Regeln seien wichtiger als Menschen, als perfekter Auswuchs des autoritäres Regimes präsentiert.

 

Es sind die Schülerinnen und Schüler von Łoziński, Dziworski und Zmarz-Koczanowicz, denen es nach einer komplizierten Phase der Post-‘89-Neustrukturierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts gelingt, an ihre Vorgänger/innen anzuknüpfen und deren Traditionen weiter zu entwickeln.

Marcin Koszałka etwa setzt sich in „Such A Nice Boy I Gave Birth To“ den lautstarken Vorwürfen seiner Mutter an ihn und seine ganze Generation aus. Grzegorz Pacek übergibt in „I Am Bad“ in einem sozial abgehängten Warschauer Vorort die Kamera an eine Gruppe Jugendliche, die die Chance zur Selbstinszenierung umgehend nutzt.


 

I Am Bad (2000); Regie: Grzegorz Pacek

Die Reihe schließt zeitlich mit der Weltpremiere von „The Intensity of Watching“, in dem Andrzej Sapija auf das Leben und Werk des Altmeisters Kazimierz Karabasz zurückblickt.

 

Die Programme werden von namhaften polnischen Filmschaffenden präsentiert, ein DOK Talk Special widmet sich außerdem der Frage nach der Möglichkeit des filmischen Ungehorsams im Polen der Vergangenheit und – vor allem – der Gegenwart.

 

Die Retrospektive wird in Zusammenarbeit mit der Krakow Film Foundation und dem Polnischen Institut Berlin/Leipzig durchgeführt und von der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit gefördert. Sie wurde von Kornel Miglus (Kurator und Referent für Film beim Polnischen Institut), Lars Meyer (Filmjournalist und Programmer bei DOK Leipzig) und Grit Lemke (Leiterin des Filmprogramms bei DOK Leipzig) kuratiert.