DOK Leipzig 29. Oktober – 4. November 2018
61. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 29 October – 4 November 2018
61st International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Nickel


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Programmübersicht Rhythms of India Jürgen Böttcher

Manchmal möchte man fliegen - Hommage à Gitta Nickel

In Nickels Arbeit finden wir nicht nur Historisches von unschätzbarem Wert: ungeschönte Bilder vom Alltag eines untergegangenen Landes. Zugleich ist da immer die Utopie, dass es noch etwas anderes gibt – in den Werken der „großen" Künstler, die Nickel so meisterhaft porträtierte, wie in den Träumen und Sehnsüchten der „kleinen" Leute, bei denen sie sich zu Hause fühlte.


Aber hab' ich nich'n büschen Recht?


R: Gitta Nickel
Deutschland, 1997, 15:00min

Mi, 19.10. 14:00 Uhr Universum


Das Leben und die Arbeitsbedingungen von Frauen auf dem Land sind ein wiederkehrendes Thema der Arbeiten von Gitta Nickel, das mit dieser für eine MDR-Serie entstandenen Miniatur fortgesetzt und kommentiert wird. Wenn man sich fragt, was weiter mit den Frauen geschah, die Nickel in ihren Vorwende-Filmen porträtierte, könnte dies eine Antwort sein: Ida, die allein in ihrem großen Haus zurückblieb und trotz hohen Alters und zunehmender Isolation versucht, ihre ländliche Lebensweise von der Kleinviehhaltung bis zur Feldfruchtfolge beizubehalten. Und die dabei nicht aufhört, sich über den Hunger in der Welt zu sorgen. Grit Lemke

Den Wind auf der Haut spüren


R: Gitta Nickel
DDR, 1989, 77:00min

Fr, 21.10. 10:00 Uhr Universum


Nach einem Badeunfall als Jugendlicher ist Thomas bis zum Hals gelähmt und dämmert, von den Ärzten aufgegeben und mit Morphinen vollgepumpt, in der Klinik vor sich hin. Doch seine Eltern kämpfen um ihn und damit auch gegen die Praktiken des DDR-Gesundheitswesens und den üblichen Umgang mit Behinderten. Mit ihrer Unterstützung und bewundernswerter Selbstdisziplin gelingt ihm die Rückkehr ins Leben als Japanisch-Übersetzer und Maler, der zudem in einer der ersten Selbsthilfe-Organisationen der DDR aktiv wird. Einmal mehr geht es Gitta Nickel in diesem sensiblen, mit impressiven Schwarz-Weiß-Fotos und dissonanter Musik durchkomponierten Werk um das Recht des Einzelnen auf ein selbstbestimmtes Leben, das kaum drastischer als am Beispiel von Thomas auszudrücken ist. Grit Lemke

Gundula – Jahrgang 58


R: Gitta Nickel
DDR, 1982, 59:00min

Do, 20.10. 14:00 Uhr Universum


Die alleinerziehende Krankenschwester Gundula, die im Schichtdienst in einem Altenpflegeheim arbeitet und in ihrer Freizeit als Sängerin auf Tanzveranstaltungen tingelt, erinnert in vielem an die Heldin des später zum Kultfilm avancierten „Solo Sunny“ – nur dass die Realität noch trister und ganz ohne Glamour daherkommt. Wie jene kämpft Gundula um das Recht auf Individualität, was die Hinwendung zu Patienten im trostlosen und durchnormierten Pflegealltag (auch dies zu zeigen ein Tabu in der DDR) ebenso wie die vom „Arbeitskollektiv“ misstrauisch beäugte Musik einschließt. Wenn Gundula – obwohl von den Heimbewohnern geliebt und geschätzt – sich vor einem Tribunal für ihre Lebensweise verantworten muss, weiß man, dass ein Land auch an seiner Spießigkeit zugrunde gehen kann. Ausgezeichnet mit dem Preis der Filmklubs Leipzig 1982. Grit Lemke

Heuwetter


R: Gitta Nickel
DDR, 1972, 43:00min

Mi, 19.10. 14:00 Uhr Universum


Der mehrfach preisgekrönte Film (Silberne Taube Leipzig 1972, Hauptpreis der Jury des Deutschen Hochschulverbandes und Preis der AID Oberhausen 1973) ist eines der wichtigsten und ehrlichsten Dokumente der Umgestaltung der Landwirtschaft in der DDR. Die Geschichte eines Dorfes und einer LPG im Oderbruch wird auf zwei Ebenen erzählt: Die Erinnerungen und der Alltag der Kälberzüchterin Frieda und ihres Mannes Ernst im Jahr 1972 sowie Filmaufnahmen von Karl Gass, 1963 auf einer LPG-Versammlung gedreht. Letztere, das einzige Filmmaterial aus den Tagen des „sozialistischen Frühlings“, waren aufgrund der offenen Darstellung von Misswirtschaft, Alkoholismus und Armut vorher nie veröffentlicht worden. Die Biografien zweier Landarbeiter verweben sich mit der Geschichte eines Jahrhunderts, und über die seinerzeit enorme gesellschaftspolitische Brisanz des Films hinaus bleibt eine berührende Geschichte vom Leben und von der Liebe. Grit Lemke

Manchmal möchte man fliegen


R: Gitta Nickel
DDR, 1981, 62:00min

Do, 20.10. 14:00 Uhr Universum


Die Großbaustelle Berlin-Marzahn galt als wichtigstes und prestigeträchtigstes Vorhaben des DDR-Wohnungsbauprogramms, das wiederum den Kern der SED-Sozialpolitik bildete. Woran dieses ehrgeizige Projekt letztendlich scheiterte, lässt Nickels Langzeitbeobachtung der „Jugendbrigade“ Lademann erahnen: Der anfängliche (mit Abenteuerlust gemischte) Enthusiasmus der Arbeiter weicht angesichts von Misswirtschaft, Materialmangel und Phrasendrescherei einer zunehmenden Desillusionierung. Das Bild der stolzen Erbauer – eine der wirkmächtigsten Ikonen des Sozialismus – wird nicht zuletzt gebrochen, wenn die Verzweiflung der realen Bauarbeiter über die eigenen beengten Wohnverhältnisse spürbar wird. Insofern verwundert es nicht, dass der Film starken Anfeindungen ausgesetzt war, seine Aufführung zeitweilig verhindert und nur durch die Auszeichnung mit der Silbernen Taube in Leipzig möglich wurde. Grit Lemke

Musikanten


R: Gitta Nickel
DDR, 1981, 59:00min

So, 23.10. 11:00 Uhr Universum


Aus Anlass der Eröffnung des Neuen Gewandhauses zu Leipzig porträtiert Gitta Nickel 1981 im Auftrag des DDR-Fernsehens das Gewandhausorchester. Die Musiker bei der Probe, auf Tournee, beim Reden über Musik und beim Musizieren, Kurt Masur am Pult, privat im Garten und mit Arbeitern auf der Baustelle. Wie schon in vorangegangenen Künstlerporträts gelingt Nickel hier eine Komposition aus Musik, Bild und Haltung. Es wird deutlich, was das Besondere dieses Klangkörpers unter seinem Mastermind Masur ist: Hingabe, Leidenschaft, Disziplin, eine starke Bindung an den Ort und dessen Tradition und – wie einer der Musiker sagt – „sich vom Kapellmeister nicht irre machen lassen“. Grit Lemke

Tay Ho – Das Dorf in der 4. Zone


R: Gitta Nickel
DDR, 1973, 35:00min

Sa, 22.10. 19:30 Uhr Universum


Es sind Bilder vom lang ersehnten Frieden, die Gitta Nickel in diesem 1973 in Leipzig mit der Goldenen Taube ausgezeichneten Vietnam-Film einfängt: lachende Kinder, Impressionen vom Dorfleben und ein Aufbauwille, der in einer Produktionsberatung und auf der Geburtstagsfeier für Onkel Ho spürbar wird. Doch in das Loblied des sozialistischen Aufbaus mischen sich nachdenkliche Töne, wenn etwa eine junge Frau von persönlichen Opfern spricht. Nickel äußerte später, die Arbeit in Vietnam, wo sie insgesamt drei Filme realisierte, sei schwierig gewesen und hätte ihr zu neuen Sichtweisen verholfen. Grit Lemke

Verbrennt nicht unsere Erde


R: Gitta Nickel
DDR, 1980, 42:00min

Sa, 22.10. 19:30 Uhr Universum


Als Gitta Nickel 1980 in die Stadt Hiroshima kommt, findet sie eine Gesellschaft, die um jeden Preis vergessen will, und Atombombenopfer, deren Geschichten keiner hören mag. In einer expressiven Montage mischen sich die stillen Momente der Erinnerung mit zerrissenen Penderecki-Klängen sowie Bildern einer schnell wachsenden Metropole und prosperierenden Industrie im Rausch kapitalistischer Akkumulation, in der nur Gesunde, Leistungsfähige einen Platz haben. Zweifellos einer der Höhepunkte im Schaffen von Gitta Nickel mit Bestand weit über seine Zeit hinaus: So eindrucksvoll wie schmerzhaft wird hier deutlich, welcher Weg zu Fukushima führte. Grit Lemke

… und morgen kommen die Polinnen


R: Gitta Nickel
DDR, 1975, 52:00min

Mi, 19.10. 14:00 Uhr Universum


Diese Arbeit gilt als die wichtigste von Gitta Nickel in den 70er-Jahren und zudem als ein Höhepunkt des DDR-Fernsehdokumentarismus. In der genauen Beobachtung der Begegnung von deutschen Arbeiterinnen und polnischen Frauen, die zum Anlernen in den Geflügel verarbeitenden Betrieb kommen, und in von Problemen und Sehnsüchten erzählenden Einzelporträts hinterfragt und dekonstruiert der Film die stets behauptete „unverbrüchliche Freundschaft“ mit den „Bruderländern“. Indem er Konflikte und Vorurteile aufzeigt, bricht er ein wohlbehütetes Tabu, findet aber hinter der schonungslos dargestellten Härte des Arbeitsalltags und dem Zusammenprall der Kulturen zugleich auch Momente echter Herzenswärme – die hier schon fast subversiv wirkt. Grit Lemke