DOK Leipzig 29. Oktober – 4. November 2018
61. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 29 October – 4 November 2018
61st International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Form "Die Weite suchen"

Mehr zur filmischen Form

Die Rotoskopie-Technik

Falk Schuster hat in seiner Laufbahn bereits mit den unterschiedlichsten Animationstechniken gearbeitet. Besonders häufig verwendet er Zeichen- und Legetrick, Stopptrick und Knetanimationen und kombiniert auch gern verschiedene Techniken miteinander. Den 2015 fertig gestellten Kurzfilm „Die Weite suchen“ plante Schuster zunächst ebenfalls als klassischen Animationsfilm, der diesmal hauptsächlich mit Hilfe der Rotoskopie-Technik hergestellt werden sollte.

Das Rotoskopie-Verfahren dient im Animationsfilm vor allem zur realistischen Darstellung von Bewegungen und funktioniert wie das Abpausen eines Bildes von einer Vorlage. Die Filmszenen werden Einzelbild für Einzelbild von hinten auf eine Mattglasscheibe projiziert, so dass der Animator sie Bild für Bild abzeichnen kann. Entwickelt vor genau 100 Jahren, wurde das Verfahren immer dann eingesetzt, wenn komplexe Bewegungen dargestellt werden sollten. So wurde sowohl die Figur des Schneewitchens in Walt Disney berühmter Animationsverfilmung mittels Rotoskopie zum Tanzen gebracht als auch die bedrohlichen Vögel in Alfred Hitchcocks Gruselschocker teilweise auf diese Weise in der Realfilm hinein gezeichnet. Im Gegensatz zu computerbasierten Verfahren der Bewegungserfassung (wie dem Motion Capturing Verfahren) ist die Rotoskopie eine zweidimensionale Technik, das heute im kommerziellen Film nur noch vereinzelt eingesetzt wird.

Warum die DDR auf filmische Weise re-animieren?

Falk Schuster wollte – ausgehend von seinen persönlichen Erinnerungen - das Erlebnis des sommerlichen Ostseeurlaubes aus der Sicht eines 6-jährigen Kindes erzählen. Geplant war eine Art animiertes Reisetagebuch, das den Zuschauern heute, 25 Jahre nach dem Ende der DDR einen lebendigen Eindruck darüber vermittelt, wie eine Kindheit in der DDR ausgesehen haben könnte. Schuster war von Anfang an bewusst, dass die Frage, wie die Erinnerung an das Leben in der DDR lebendig gehalten werden kann, politisch kontrovers diskutiert wird.

Obwohl es die DDR nicht mehr gibt, lebt sie in der Erinnerung der Deutschen fort – in Ost wie West. Dabei erscheint der SED-Staat manchem Betrachter heute in einem milderen Licht als noch im revolutionären Herbst 1989: nostalgisch werden die vermeintlich positiven Aspekte des Alltags fokussiert. Für andere stehen dagegen die Mauertoten, die politischen Unrechtsurteile oder die umfassende Überwachung der Menschen durch das Ministerium für Staatssicherheit im Vordergrund. Die gesamtdeutsche Gesellschaft ist 25 Jahre nach dem Mauerfall mitten drin im Ringen um die Erinnerung an die DDR.

Falk Schuster wusste, dass es angesichts dieser umkämpften Erinnerungslandschaft ein „unpolitischer“ Film über die DDR unmöglich ist. Gerade deshalb wollte er unbedingt die naive Betrachtungsweise des eigenen 6-jährigens ICHs zur Erzählperspektive erheben, wohl wissend, dass gerade dieser kindliche Blick auf die DDR zum Politikum werden kann. Im Laufe der Vorbereitungen wurde dem Regisseur immer deutlicher bewusst, dass er die DDR nur dann zeichnerisch re-animieren kann, wenn er die Authentizität des Erzählten durch eine dokumentarische Herangehensweise (wie z.B. Zeitzeugeninterviews und historische Recherchen) unterfüttert, aber gleichzeitig immer und jederzeit vor allem von den eigenen, kindlichen Erfahrungen spricht. Es lag auf der Hand, dass daher die eigenen Eltern die ersten und wichtigsten Gesprächspartner waren, deren Aussagen schließlich zwar durch zahlreiche Interviews mit ehemaligen Vermietern und Grenzsoldaten flankiert wurden, aber dennoch zentrales Element des Films geblieben sind. Schließlich entschied sich Schuster inmitten der laufenden Produktion auch noch, den ohnehin subjektiv gehaltenen Off-Kommentar des Films selbst einzusprechen und gab „Die Weite suchen“ dadurch eine sehr starke persönliche Prägung.

 

AnimaDok –

Die Wirklichkeit mit den Mitteln der Animation ins Bild setzen

Mit die „Die Weite suchen“ hat Falk Schuster einen Film geschaffen, der dem Mischgenre AnimaDok zugeordnet werden kann. Aufbauend auf einer dokumentarischen Recherche mit Vor-Ort-Terminen, der Auswertung von Quellen wie Fotos und Postkarten sowie Experteninterviews entwickelte der Regisseur ein Drehbuch. Da bis auf einzelne Fotos kein authentisches visuelles Material wie beobachtende Filmaufnahmen des Urlaubsalltags vorhanden war, enthält das Drehbuch nur etwa 1/3 klassisch dokumentarische Szenen wie Interviews. Bei der Rekonstruktion des Urlaubsalltags war Schuster auf die eigene Erinnerung, familiäre Überlieferung und historische Recherchen angewiesen. Ausgestattet mit authentischen Requisiten wurden die Urlaubsszenen der Familie Schuster vor Ort nachgestellt. Falk Schuster selbst übernahm als Stand-In (Platzhalter, der vor der Kamera agiert und in der Postproduktion mit den Animationscharakter übermalt wird) die Rolle seines Vaters, andere Teammitglieder verkörperten Mutter, Schwester und den 6-jährigen Falk.

Das nachgestellte Material wurde schließlich erst geschnitten und dann Szene für Szene mittels der Rotoskopie-Technik animiert. Falk Schuster wollte durch die Übermalungen den typischen Look der DDR der 80er Jahre erzeugen. Es fällt auf, dass die Übermalungen der nachgestellten Szenen lückenhaft bleiben. Oft fehlen den animierten Figuren einzelne Körperteile wie Köpfe oder Gliedmaßen, so dass die abgebildeten Menschen seltsam gesichtslos bleiben. In anderen Szenen werden Personen oder auch Gegenstände, z.B. der Trabbi der Familie, nicht komplett ausgemalt, sondern nur teilweise coloriert, was dazu führt, dass die Hintergründe streckenweise sichtbar bleiben, wenn das Auto vorbei fährt. Durch solche bewusst gesetzten Auslassungen wird einerseits eine leicht surreale Atmosphäre erzeugt und andererseits die Szene als Teil einer (möglicherweise lückenhaften) Erinnerung kenntlich gemacht. Streng genommen, so Schuster, spiegelt das animierte Bild ohnehin keine absolute Wahrheit wieder, sondern gibt stattdessen einer Art emotionaler Wahrheit Raum. Die visuellen Auslassungen führen diesen Gedanken auf der formalen Ebene weiter.

 



Schuster nutzt die Möglichkeiten des Animationsfilms auch, um Vergangenes und Verschwundenes wieder sichtbar zu machen. Das ist allem dort hilfreich, wo sich die Physiognomie der Umgebung in den letzten 25 Jahren so stark verändert hat, dass auch durch den Einsatz von Requisiten kein 80er Jahre Zustand herzustellen war wie im Urlaubsort Boltenhagen, wo der Bauboom seit Anfang der 90er Jahre das Angesicht des Dorfes stark verändert hat. Statt zu zeigen, wie es heute in Boltenhagen aussieht, sollte im Film deutlich werden, wie der Strand 1987 wirkte – inklusive der heute bereits abgerissenen Wachtürme an der Steilküste. Mit den Mitteln des Animationsfilms wurde also das rekonstruiert, was heute nicht mehr sichtbar ist. Durch die Instrumente des Dokumentarfilms wurde gleichzeitig sichergestellt, dass hier keine DDR-Nostalgie die Zeichenfeder führt, sondern nur das wieder belebt wird, was es wirklich gegeben hat.

Fragen zur Rekaptiulation der Filmsprache von "Die Weite suchen" im Unterricht

Der Titel „Die Weite suchen“ variiert den gängigen Ausspruch „das Weite suchen“. Was assoziiert ihr mit diesem Titel?

Die Weite suchen ist ein Animationsfilm. Was kannst Du über die verwendete Animationstechnik sagen?

Die Übermalungen des Realfilms wirken in einigen Szenen lückenhaft. Welchen Effekt hat das?

Aus welcher Perspektive wird der Film erzählt? Wie wirkt der Kommentar auf Euch?

Der Film kombiniert dokumentarische Elemente und animierte Szenen und mischt auch beide Herangehensweisen. Welche Szenen würdet ihr als dokumentarisch wahrnehmen?

Es ist so gut wie keine Mimik bei den abgebildeten Personen zu sehen. Was glaubt ihr, warum das der Fall ist?

Die Interviewpartner sind auf eine andere Art animiert als die „alten“ Bilder der Familie Schuster im Urlaub. Versucht euch zu erinnern, wo die Unterschiede liegen!