DOK Leipzig 30. Oktober – 5. November 2017
60. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 30 October – 5 November 2017
60th International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Interview Falk Schuster

Interview mit Falk Schuster

DOK: Kannst Du kurz beschreiben, worum es in Deinem Film geht?

Falk Schuster: Es geht darum, dass ich mit 6 mit meiner Familie an die Ostsee gefahren bin und dort einen wunderbaren Urlaub verlebt habe. Trotzdem gab es in unserem Urlaubsort Klütz einige Merkwürdigkeiten: es liefen Soldaten am Strand herum und man durfte nicht alles machen, was man wollte, wie zum Beispiel Spaziergänge an der Steilküste oder Schwimmringe mit ins Wasser nehmen. Wir wohnten in einer umgebauten Garage, die alles andere als komfortabel war und auch das Einkaufen war schwierig, denn es gab immer wieder Versorgungsengpässe. Das alles lag daran, dass unser Urlaubsort direkt an der innerdeutschen Grenze lag und damit eigentlich schon fast ein Sperrgebiet war. Wir haben also Urlaub unter ganz besonderen Bedingungen gemacht und ich wollte gern heute, wo sich das keiner mehr vorstellen kann, diese vielen kleinen kuriosen Geschichten erzählen.



DOK: Dein Film ist sehr persönlich, Du erzählst Deine eigene Geschichte und sprichst auch mit Deinen Eltern. Wie war das, so viel von sich preis zu geben?

Falk Schuster: Ich wollte anfangs gar nicht so viel Persönliches erzählen! Anfangs wollte ich eigentlich anhand unserer kleinen Familiengeschichte einen generellen Blick zurück in den DDR Alltag werfen. Ich bin davon überzeugt, dass sich auch in einzelnen kleinen Geschichten die allgemeine, gesellschaftliche Wahrheit spiegelt. Erst im Verlauf der Arbeit an dem Film wurde mir klar, dass ich nicht nur zeichnen will, sondern auch Leute interviewen muss. Und die wichtigsten Interviewpartner waren dann natürlich meine Eltern. Und als der Film dann zur Hälfte fertig war, da wurde mir langsam klar, dass ich auch den Kommentar selbst sprechen muss. Wer hätte das auch sonst machen sollen? Und plötzlich war „Die Weite suchen“ ein sehr persönlicher Film geworden – fast durch Zufall.



DOK: Warum hast Du Dich entschieden, die beiden Genres Animation und Dokumentarfilm zu nutzen, um Deine Geschichte zu erzählen?

Falk Schuster: Mir war klar, ich kann das nicht nur als Animationsfilm machen, denn thematisch braucht das eigentlich einen Dokumentarfilm. Die normale Herangehensweise wäre also gewesen, mit der Kamera die Orte abzuklappern, an denen wir damals Urlaub gemacht haben. Aber viele der Orte und der Menschen und der Dinge, die es damals gab, die sind heute gar nicht mehr da, obwohl es gerade mal 25 Jahre her ist. Da wurde mir klar, dass ich diese Orte, Menschen und Dinge aus der Vergangenheit wieder zum Leben erwecken muss. Da hat sich die Animation als filmisches Mittel natürlich angeboten. Eigentlich bin ich über den Umweg des Dokumentarfilms wieder darauf gekommen, dass ich als Animationsfilmer ja über die Möglichkeit verfüge, Vergangenes und Verschwundenes wieder sichtbar zu machen, bzw. wieder zu beleben.



DOK: Wie nah kann man denn der Wirklichkeit kommen, wenn man Dokumentarfilm und Animationsfilm kombiniert?

Falk Schuster: Auf der verbalen Ebene habe ich natürlich versucht, mich so eng wie möglich an die Wirklichkeit zu halten. Das animierte Bild ist natürlich schon eine Verfremdung und sicher manchmal auch eine Art Verfälschung. Mir ging es vor allem darum, so eine Art gefühlte Wahrheit entstehen zu lassen, in der sich möglichst viele derer, die das damals miterlebt haben, sich wieder erkennen. Das animierte Bild spiegelt natürlich streng genommen keine Wahrheit wieder. Ich hab eher versucht eine Art emotionale Wahrheit da rein zu bringen.

 


DOK: Was hast Du während der Arbeit an diesem Film gelernt?

Falk Schuster: Es war neu für mich, als Regisseur mit einem großen Team zu arbeiten. Es gab einen Produzenten und einen Redakteur der MDR, die alle auch mitgeredet haben. Das war für mich anfangs ganz schwierig, denn ich war eher das Arbeiten allein gewohnt. Genauso ungewohnt war es, mit verschiedenen Zeichnern zusammen zu arbeiten und das nicht alles allein zu machen. Ich musste lernen, Aufgaben abzugeben und Sachen laufen zu lassen.



DOK: Bist Du mit dem Film auch ein Stück weit erwachsen geworden?

Falk Schuster: Ja, das kann man schon sagen, ich denke, ich habe gelernt, auch größere Projekte zu stemmen. Aber gleichzeitig habe ich gemerkt, dass ich das autarke, eher künstlerische Arbeiten sehr vermisst habe. Es war natürlich toll, so ein großes Projekt machen zu können, aber ich brauche jetzt auch auf jeden Fall mal eine Pause vom „Ernst des Lebens“ und will man wieder „einfach nur spielen“ und ein bisschen kleinere Sachen machen.

 


DOK: Zum Abschluss wollte ich Dich bitten, Deine Kindheit in der DDR mit ein paar Worten beschreiben!

Falk Schuster: Ich war glücklich und unbeschwert und hatte selbst nicht das Gefühl, irgendwie eingeschränkt zu werden. Zum Glück war ich erst 9, als die Wende kam und kann wirklich sagen, dass ich in der DDR eine schöne Kindheit hatte.