DOK Leipzig 29. Oktober – 4. November 2018
61. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 29 October – 4 November 2018
61st International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Urlaubsalltag an der Staatsgrenze

Das Urlaubsziel der Familie Schuster war das Ostseebad Klütz nahe Boltenhagen, ganz im Nordwesten der DDR. Man sprach auch vom westlichsten Strand im Sozialismus. Die Familie verbrachte schon jahrelang hier ihre Ferien. Ihnen gefiel es, dass Klütz ein bisschen abseits der typischen Touristenorte lag. Das kleine Dorf war nur wenige Kilometer von der Ostsee und der innerdeutschen Grenze entfernt. Wie immer bezogen die Schusters die ausgebaute Garage im Hinterhof der Familie Köhler – klein und dunkel, aber immerhin ein privates Urlaubsquartier.

 



Gleich am nächsten Morgen ging es bepackt mit Fußball, Eimer und Windschutz an den Strand – gemeinsam mit hunderten anderer Urlauber aus der ganzen DDR. Bis heute ist für den Animationsfilmer Falk Schuster der jährliche Ostseeurlaub eine prägende Kindheitserinnerung. Auch oder gerade weil es im Urlaub in Klütz immer ein paar Merkwürdigkeiten zu erleben gab. So durften in Boltenhagen weder Schwimmhilfen noch Luftmatratzen mit an den Strand genommen werden und die malerische Steilküste war nach Einbruch der Dunkelheit für Urlauber tabu. Im Konsum gab es zwei verschiedene Schlangen – eine für „Einheimische“ und eine für Urlauber. Zumindest die Urlauber mussten für den Einkauf mindestens zwei Stunden einplanen, denn ihre Schlange war deutlich länger. Auch deshalb reiste die Familie Schuster nicht nur mit dem Trabbi, sondern mit einem extra Auto-Anhänger in die Ferien – vollgepackt mit Essen und „Tauschwaren“ für die Mecklenburger Gastgeber.

Vieles von dem, was 1987 ganz selbstverständlich zum Alltag gehörte, ist für Schüler heute bereits Vergangenheit. Immer wieder erfuhr Falk Schuster in Gesprächen mit gleichaltrigen Freunden und Kollegen, dass der DDR-Alltag schon 25 Jahre später vielen kaum noch vorstellbar erschien – ganz besonders nicht der Alltag eines Kindes, das von den politisch-gesellschaftlichen Problemen weitgehend unbeeinflusst geblieben war, obwohl es die Auswirkungen im Alltag natürlich miterlebte. Deshalb entschied sich Schuster, die eigenen Erinnerungen in einem Film festzuhalten. Das Ergebnis ist der 30-minütige AnimaDOK-Film „Die Weite suchen“, in der dokumentarische Elemente wie Interviews mit den Eltern und ehemaligen Grenzsoldaten mit den Mitteln des Animationsfilms in Szene gesetzt werden. Eine detailreiche, persönliche Erinnerungsreise in eine Vergangenheit, von der überraschend wenig übrig blieb.

 



Von den Mühen des Individualismus

In der DDR war vieles zentral organisiert, was heute jeder selbst entscheidet und plant: das gilt auch für den Urlaub. Da in den preiswerten Unterkünften wie den FDGB- und Betriebsferienheimen die Plätze knapp waren, entschied die sogenannte Ferienkommission darüber, wer fahren durfte und wer nicht. Wer hier kein Glück hatte oder sich etwas individuellere Ferien wünschte, der machte sich – wie die Schusters - auf die schwierige Suche nach einem Privatquartier. Dabei bewegten sich sowohl die Urlauber als auch die Vermieter rechtlich in einer Grauzone: offiziell durften die Küstenbewohner ihre Zimmer nur an Verwandte vermieten. Praktisch hielt sich an dieses Verbot allerdings kaum jemand und so hielten die Touristen jeden Sommer Einzug in die sogenannten „Sachsenkeller“, also die „schwarz“ vermieteten Fremdenzimmer am Ostseestrand.

 


Anders als die FDGB-Urlauber, die sich um kaum etwas zu kümmern brauchten, weil sie in den Heimen mit Vollpension verpflegt wurden, hatten es Individualreisende schon schwerer, die Versorgung im Urlaub sicher zu stellen. Vor Ort einzukaufen oder – wie heute üblich – einfach im Restaurant zu essen, war aufgrund der knappen Versorgungslage keine Alternative. Wer individuell reisen wollte, war angewiesen auf gute Planung und Selbstverpflegung.

„Wir haben alles mitgeschleppt. Essen und Trinken. Wir waren zwar nicht ganz so krass wie manche, die dann auch Sachen extra für den Urlaub eingeweckt haben, aber man hat schon versucht, das letzte Vierteljahr vor dem Urlaub Sachen in Gläsern zu bekommen, die nicht immer so im Regal stehen. (…) Wir haben sogar die Kartoffeln mitgenommen, aber irgendwann war es dann eben doch alle und wir mussten einkaufen.“

Den Läden in den Urlaubsorten gelang es oft nicht, den Bedarf der „schwarz“ logierenden Touristen zu decken und so wurde es schnell leer in den Regalen. Viele Konsum-Filialen reagierten darauf mit einer einfachen Maßnahme, die den angestammten Küstenbewohnern den Alltag erleichtern sollte: sie führten zwei Schlangen ein – eine für Einheimische und eine für Urlauber. In der Urlauberschlange konnte ein Einkauf dann durchaus mal ein paar Stunden in Anspruch nehmen, wie Frau Schuster im Interview berichtet.



Do it yourself – über präparierte Trabbis, Souvenirs und Tauschgeschäfte

Auch bei der Anreise in den Urlaub war Kreativität gefragt. Anders als heute gab es 1987 nur sehr wenige Tankmöglichkeiten an den Transitstrecken durch die DDR und vor den seltenen Tankstellen stauten sich die Autos oft stundenlang. Aus diesem Grund hatte Vater Schuster in seinen Trabant einen besonders großen Tank eingebaut, um – anders als der Rest der Urlauber – mit einer einzigen Tankfüllung bis an die Küste zu kommen. Als Automechaniker hatte er nicht nur für diese praktische Ergänzung Mittel und Möglichkeiten, sondern konnte den Vermietern in Klütz auch jedes Jahr ein paar ganz besondere Mitbringsel einpacken. So wurden im Auto-Anhänger nicht nur Gepäck und Verpflegung der Familie verstaut, sondern auch Trabbi-Ersatzteile, Batterien oder eine Heizung für die Ferienunterkunft vom tiefen Sachsen bis an die Ostsee transportiert.

„Der Hänger mit den Ersatzteilen war dazu da, den Kontakt mit der Frau Köhler zu halten und unser Urlaubsquartier fürs nächste Jahr zu sichern.“ Vater Schuster

 



Andere Urlauber tauschten auch selbst gemachte Wurst, Marmelade oder andere Güter des täglichen Gebrauchs gegen die Gunst, eine private Ferienunterkunft zu erhaschen. In den Sommerwochen stellten die Touristen – ob privat angereist oder „organisiert“ - in den kleinen Ostsee-Dörfern häufig die Mehrheit der Bevölkerung dar. Deshalb wurden die Sachsen, Sachsen-Anhaltiner und Thüringer in vielen Urlaubsgebieten von den Einheimischen spaßeshalber als „zweite Besatzungsarmee“ bezeichnet.

Wenn die Anhänger und Kofferräume der Urlauber auf dem Rückweg dann deutlich leerer waren, wurde der frei gewordene Platz von den gesammelten Urlaubserinnerungen und Strandfundstücken der Kinder ausgeglichen. Donnerkeile, Muscheln, und Bernsteine konnte jeder selbst am Strand finden. Andere Souvenirs wie Krebse oder Seesterne waren da schon schwieriger zu bekommen. Zumindest so lange, bis die Einheimischen auf die Idee kamen, „professionell“ ins Souvenirgeschäft einzusteigen und begannen, mitgefischte Krebse im großen Stil zu konservieren und dann für 5 Mark an Urlauber zu verkaufen. Die improvisierte Produktionsstrecke hat Falk Schuster für seinen Film nachgestellt und animiert – klar lackierte, leuchtend rote Ostsee-Krabben, soweit das Auge reicht.

 

 


Ein regelrechter Urlaubsspaß

Wer zwischen Klütz und Kühlungsborn Urlaub machte, wusste zumeist schon vorher, dass man hier die Ferien unter den wachsamen Augen von unzähligen Grenzsoldaten verbringen würde. Aufgrund der Grenznähe waren viele Aktivitäten, die man heute ganz automatisch mit einem Urlaub an der Ostsee verbindet, in der DDR-Zeit nicht erlaubt. Die Angst des Staates vor der „Republikflucht“ war auch am Stand spürbar, besonders an denen, die weiter westlich gelegen waren. So war es nicht nur streng verboten, mit dem eigenem Boot die Ostsee zu befahren, sondern auch jede Art von Schwimmhilfe war untersagt. In der Praxis hieß das, dass sogar Kinderschwimmflügel und Rettungsringe nicht erlaubt waren.

Verboten war es auch, sich nach 20 Uhr noch am Strand aufzuhalten oder in den Dünen zu schlafen. Gerade Jugendliche, die in den Sommerwochen mit Gitarre und wenig Gepäck an die Küste trampten, hielten sich nur selten an dieses Verbot, doch in den nahe der Grenze gelegenen Regionen wurden Verfehlungen gegen diese und andere Vorgaben strikt verfolgt: Sicherheitskräfte waren ständig auf Streife und achteten peinlich genau darauf, dass keiner aus der Reihe tanzte. Selbst bewaffnete Grenzsoldaten direkt am Strand waren keine ungewöhnliche Erscheinung. Für den sechsjährigen Falk stellten ihre Uniformen eine spannende Abwechslung dar, ohne dass er damals schon ahnte, warum sie so präsent waren.

Für die Eltern bedeutet der Urlaub in Grenznähe immer eine besondere Situation. Einerseits war durch die hohe Militärpräsenz das Gefühl des „Eingeschlossen-seins“ deutlicher spürbar als im Alltag zu Hause, andererseits war die räumliche Nähe des Westens auch verlockend. So gehörte der Ausflug an ein etwas höher gelegenes Silo in jedem Urlaub dazu, um mit dem Fernglas einmal so richtig in den Westen schauen zu können. Bei diesen Exkursionen blieben Falk und seine Schwester meistens im Auto: der Blick in den anderen Teil Deutschlands interessierte sie lange nicht so brennend wie ihre Eltern. Für die Kinder war der Ostsee-Urlaub an sich schon „das Größte, was passieren konnte“ und bei dieser Bewertung spielte weder die Grenznähe noch die damit einhergehenden Einschränkungen eine große Rolle.

 

Fragen zur thematischen Rekapitulation von "Die Weite suchen" im Unterricht

Was versteht man unter Westautos und warum hat Falk sie auf der Fahrt gezählt?

Wie alt waren Falk und seine Schwester zum Zeitpunkt des Ostseeurlaubs?

Warum hat die Familie einen Anhänger gebraucht, was wurde darin transportiert?

Wozu diente der Extra-Tank im Auto der Schusters und wer hat ihn eingebaut?

Warum wurden die Schusters auf dem Weg in den Urlaub von der Polizei angehalten?

Was verstand man unter dem Begriff „Sachsenkeller“?

Wo wohnten die Schusters während ihres Urlaubs? Versucht, die Urlaubsunterkunft zu beschreiben!

Warum gab es in den Urlaubsorten zwei verschiedene Schlangen vor den Geschäften?

Warum durfte man an der Ostsee keine Schwimmhilfen benutzen?

Warum patrouillierten am Ostseestrand bewaffnete Soldaten?

Falks Eltern besuchten in jedem Urlaub ein höher gelegenes Futtersilo. Was reizte sie an diesem Ort?