DOK Leipzig 30. Oktober – 5. November 2017
60. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 30 October – 5 November 2017
60th International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film

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Schulmaterial

Boy

Boy
Warum dürfen Jungen oft mehr als Mädchen? Warum gelten Mädchen immer als braver? Warum spielen tradierte Geschlechterrollen – bei uns und anderswo in der Welt  bis heute eine so große Rolle?

In unserer nächsten Schulvorstellung steht die Frage im Mittelpunkt, wie Kinder und Jugendliche damit umgehen (können), dass bis heute gesellschaftliche Vorgaben existieren, die festlegen, was typisch männlich und was typisch weiblich ist.

Der Dokumentarfilm Boy, der das Leipziger Publikum im Wettbewerb 2015 begeisterte, widmet sich dieser Frage am Beispiel zweier junger Frauen, die in Afghanistan aufgewachsen sind, wo Mädchen und Frauen in ihrem Recht auf Entfaltung ausgesprochen stark eingeschränkt werden.

Beide Frauen haben sich entschieden, diese Einschränkungen nicht hinzunehmen und einen ungewöhnlichen Weg gewählt, sich dagegen zur Wehr zu setzen: Sie sind zum Boy geworden. Der Film zeigt Ausschnitte aus dem Alltag der 14-jährigen Farahnaz, die in Afghanistan als Junge aufwuchs und verwebt diese mit den Erfahrungen einer jungen afghanischen Sängerin in London, die ebenfalls in ihrer Kindheit Jungenkleidung trug, um sich freier in der Gesellschaft zu bewegen. Der Film hinterfragt gesellschaftliche Stereotypen, die nicht nur in der afghanischen Gesellschaft wirken und zeigt zwei beeindruckende junge Frauen, die sich die Freiheit nehmen, sich nicht durch ihr Geschlecht definieren zu lassen.

Fragen zur Rekapitulation von BOY im Unterricht

Fragenkatalog

 

Anregungen zur weiterführenden Arbeit mit dem Film im Unterricht

Mittelniveau (9.–10. Klasse)

Hohes Niveau (ab 11. Klasse)

 

Empfehlungen zum Thema

Lektüreempfehlungen & Webseiten

 

 

KontaKt


DOK Bildung

Luc-Carolin Ziemann

+49 (0)341 3032505


Themen

Gender, Identität, Sexualität, fremde Kulturen, Kindheit, Außenseiter

 

Unterrichtsfächer

Deutsch, Gemeinschaftskunde, Politik, Kunst, Ethik, Religion

 

Altersempfehlung

ab 14 Jahren

 

Klassenstufe

ab 9. Klasse

Über die Regisseurinnen

Yalda Afsah wurde 1983 in Berlin geboren.

Sie studierte Medienwissenschaften in Halle (Saale), Berlin und Los Angeles und hat am Goldrausch-Programm, einem Professionalisierungstraining für junge Künstlerinnen, teilgenommen. Afsah lebt und arbeitet in Berlin.

 

Ginan Seidl wurde 1984 ebenfalls in Berlin geboren und studierte Bildende Kunst in Halle (Saale), Berlin und Mexiko-Stadt. Sie war 2012 Teilnehmerin der „Professional Media Master Class“ der Werkleitz Gesellschaft. Seidl lebt und arbeitet in Halle (Saale) und gehört zum Filmkunstkollektiv Rosenpictures.

 

Interview mit Farahnaz

Die DOK Spotters hat Farahnaz und die Regisseurinnen Ginan Seidl und

Yalda Afsah während des Festivals 2015 interviewt:

 

Informationen zu Afghanistan

Afghanistan ist ein Land in Asien, das unter anderem an Pakistan, Iran und die Volksrepublik China grenzt. Zwischen Deutschland und Afghanistan liegen rund 4.000 Kilometer. Das Land ist ungefähr doppelt so groß wie Deutschland, hat aber weniger als halb so viele Einwohner. In der Hauptstadt Kabul leben etwa 3,3 Millionen Menschen.


Ein Land wird zum Opfer des Kalten Krieges

Das tägliche Leben ist hier seit Jahrzehnten geprägt von Krieg und Armut. Die anhaltenden bewaffneten Konflikte haben aus Afghanistan eines der ärmsten Länder der Welt gemacht. Seit mehr als 30 Jahren herrscht kein Frieden mehr. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde Afghanistan zum Schauplatz des Kalten Krieges. Die beiden Großmächte USA und UdSSR trugen hier ein ideologisches Kräftemessen aus, das mit dem Land selbst eigentlich nichts zu tun hatte. Nach dem Ende des Kalten Krieges Ende der 1980er-Jahre versank Afghanistan in einem jahrelangen Bürgerkrieg.

Die Herrschaft der Taliban

Die chaotische Situation nutzten die neofundamentalistisch ausgerichteten Taliban, um ihre Vision einer vom Islam bestimmten Lebenswelt durchzusetzen. 1996 übernahmen sie die politische Macht über das Land. Unter ihrem Regime mussten alle Afghanen nach sehr strengen religiösen Regeln leben: Musik, Sport und Fernsehen waren verboten. Männer mussten Bärte tragen. Frauen hatten fast keine Rechte, durften nicht arbeiten und sollten sich in der Öffentlichkeit nur vollständig verschleiert bewegen. Mädchen war der Schulbesuch untersagt.

Die Taliban versteckten auch Mitglieder der Terrorgruppe El Kaida. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 wurde Afghanistan deshalb zum militärischen Hauptangriffsziel des von den USA angeführten „Krieges gegen den Terror“. Auch Deutschland griff mit der Entsendung von Truppen in das Kriegsgeschehen ein.

Internationale Truppen beenden das Taliban-Regime

Es dauerte nur Tage, bis der offene Widerstand der Taliban zusammenbrach. Die internationale Gemeinschaft etablierte schließlich unter Federführung der USA eine neue afghanische Regierung mit dem Präsidenten Hamid Karzai an der Spitze. Um diese Regierung zu sichern, wurden Soldaten aus verschiedenen Ländern – darunter die USA, Großbritannien, Deutschland, Dänemark und Schweden – als internationale Schutztruppe (International Security Assistance Force, kurz: ISAF) in Afghanistan stationiert. Viele Taliban blieben dennoch im Untergrund aktiv. Terroristische Anschläge auf Soldaten und Zivilisten sind bis heute an der Tagesordnung.

Ein Land zwischen Chaos und Aufbau

Trotz zaghafter Fortschritte im Wiederaufbau des Landes bleibt das Leben für die meisten Menschen in Afghanistan schwierig. Mittlerweile dürfen die Kinder hier wieder zur Schule gehen – auch Mädchen. Doch immer wieder gibt es Anschläge – besonders auf Mädchenschulen. Deshalb bleiben viele Kinder aus Angst lieber daheim. Hinzu kommt, dass die Schulzeit für den überwiegenden Teil der Mädchen spätestens mit dem Beginn der Pubertät endet. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass der Kontakt zu Jungen und Männern ihren Ruf beschädigt und damit ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt vermindert.

Obwohl der Krieg seit 2001 offiziell als beendet gilt, sind Gewalt und Terroranschläge in Afghanistan alltäglich. Einige Regionen des Landes werden inzwischen wieder von den Taliban kontrolliert. Bis heute gibt es keinen funktionierenden Staatsapparat, staatlich befehligte Sicherheitsorgane, eine unabhängige Justiz oder freie Medien.

Frauenrechte in Afghanistan

Viele Menschen in Europa nehmen an, dass die Verschleierung der Frauen einer alten afghanischen Tradition folgt. Dies entspricht nicht der Wahrheit. Bevor die Taliban Mitte der 1990er-Jahre alle Frauen zum Tragen einer Burka verpflichteten, war dieses Kleidungsstück keineswegs verbreitet.

Obwohl die Burka-Pflicht 2001 wieder aufgehoben wurde, blieb die Ganzkörperverschleierung für die meisten Frauen weiterhin verbindliche Vorgabe. Bis heute wagen es nur wenige, sich ohne männliche Begleitung oder gar unverschleiert in der Öffentlichkeit zu bewegen.

Übergriffe gegen Mädchen und Frauen sind an der Tagesordnung. Dies ist ein deutlicher Rückschritt, denn in den Jahren der sowjetischen Besatzung und danach verfügten Frauen – zumindest in den Städten – über Zugang zu Bildung und Arbeit. Auch die rechtliche Gleichstellung war weitgehend gewährleistet. Diese Errungenschaften wurden durch den Siegeszug der Taliban zunichte gemacht.

Zwar begann nach dem Fall der Taliban im Jahr 2001 eine Phase des Wiederaufbaus, doch das Afghanistan von heute zeigt ein ernüchterndes Bild: Der Rückzug der internationalen Truppen im Jahr 2014, die unruhigen Präsidentschaftswahlen und die Absenkung internationaler Finanzhilfen haben die Lage vor Ort weiter verschlechtert.

Noch immer werden Frauen in der afghanischen Gesellschaft brutal unterdrückt. Viele erleben tagtäglich Gewalt, sexuelle Ausbeutung, Rechtlosigkeit und Erniedrigung – in der Ehe, in der Familie oder durch Behörden wie die Polizei. Zahlreiche Fälle von Entführungen und Morden wurden bekannt. Das nach dem Sturz der Taliban eingerichtete Frauenministerium verzeichnet einen Anstieg von Vergewaltigungen. Obwohl es Gesetze zum Schutz und zur Gleichbehandlung von Frauen gibt, finden diese in der patriarchal geprägten Alltagskultur nur selten Anwendung. Häufige Folgen der gewaltsamen Unterdrückung und Entrechtung von Frauen in Afghanistan sind psychosomatische Krankheiten und Depressionen bis hin zur Selbsttötung. Trotz ihrer schwierigen und äußerst gefährlichen Situation erheben jedoch immer mehr Frauen ihre Stimme – gegen die Ungerechtigkeit und für politische Mitsprache in ihrer Heimat.



Zahlen und Fakten zur Lage der Frauen in Afghanistan

• 70 bis 80 Prozent aller Ehen werden unter Zwang geschlossen. Viele Frauen sind zum Zeitpunkt der Heirat nicht einmal 16 Jahre alt.

• Von den 15- bis 24-jährigen jungen Frauen können nur 32 Prozent lesen. In der gleichen Altersgruppe sind es immerhin 61 Prozent der Männer.

• Durchschnittlich bekommt jede Frau 4,9 Kinder in ihrem Leben. Mit 400 Fällen bei 100.000 Lebendgeburten hat Afghanistan eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten der Welt – alle zwei Stunden stirbt eine Frau bei der Geburt ihres Kindes. Ursachen sind oft das junge Alter der Mütter, Vitaminmangel und die schlechte medizinische Versorgung der Schwangeren.

• Zwar haben Frauen auf dem Papier gleiche Rechte – seit 2009 gibt es sogar ein Gesetz, das Gewalt gegen Frauen unter Strafe stellt. In der Praxis setzen Richter dies aber nur selten um. Ein selbstbestimmtes Leben außerhalb der Familie ist für Afghaninnen kaum möglich.

• Mehr als die Hälfte der Gefängnisinsassinnen sind wegen sogenannter moralischer Verbrechen inhaftiert: Sie werden wegen Ehebruchs angeklagt, sind aber in den meisten Fällen Opfer von Vergewaltigung oder Zwangsprostitution.

Quelle: www.medicamondiale.org