DOK Leipzig 30. Oktober – 5. November 2017
60. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 30 October – 5 November 2017
60th International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
Inhalt Navigation "Barrierefreie Angebote" switch to english language Umschalten auf deutsche Sprache Erfahren Sie mehr über unsere barrierefreien Angebote (Audiodeskriptionen, erweiterte Untertitel, Zugänglichkeit)
Impressum

Die formale Gestaltung

Die formale Gestaltung

Die formale Gestaltung

Verborgenes Leben, gefilmt in aller Öffentlichkeit

Der 30-minütige Dokumentarfilm „Boy“ besteht größtenteils aus Außenaufnahmen, die in Masar-e Scharif und London gedreht wurden. Diese Entscheidung für den Außenraum ist bei einem Thema, das (wenn überhaupt) nur hinter verschlossenen Türen verhandelt wird, kein Zufall. Anstatt sich dem gesellschaftlichen Diktat zu beugen und die Gespräche im Verborgenen zu führen, begeben sich die Protagonistinnen und das Filmteam – bestehend aus zwei weiblichen Regisseurinnen  ganz bewusst mitten ins Leben und zeigen so deutlich, dass hier kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem behandelt wird.

Langsam gleitet die Kamera durch die Nachbarschaften, in denen Elaha und Farahnaz leben, und macht so sichtbar, wo beide zu Hause sind und in welchem geografischen und sozialen Kontext sie sich bewegen. Besonders in Masar-e Scharif wird deutlich, dass der Alltag in Afghanistan noch immer durch Zerstörungen und Einschränkungen bestimmt ist. Andere Frauen sind selten und dann nur verschleiert zu sehen.

In der Eröffnungsszene verfolgen wir ein abendliches Fußballspiel auf einem öffentlichen Sportplatz in Afghanistan, bei dem Farahnaz als Schiedsrichterin ein Spiel leitet. Sie trägt einen Trainingsanzug und kurz geschnittene Haare und bewegt sich sicher und selbstverständlich zwischen den meist älteren Spielern. Ob Farahnaz männlich oder weiblich ist, lässt sich in dieser Szene schwer ausmachen. Sicher ist nur, dass ansonsten keine Frauen auf dem Spielfeld sind und Farahnaz das Geschehen voll im Griff hat. Sie wirkt engagiert und energisch, auch wenn ihre Stimme bei manchen Kommandos in ungewöhnliche tonale Höhen steigt. Nach dem Spiel, die Nacht ist bereits hereingebrochen, kauft Farahnaz für die Mannschaft Milch in einem Straßenladen und verteilt die Trinkkartons an die Jungen. Ohne einen einzigen Kommentar werden hier die Grundlinien der Erzählung fixiert: Farahnaz ist selbstbewusst, hat Autorität und kommt aus einer Familie, die wohlhabend genug ist, eine gesamte Fußballmannschaft mit Milch vom Kiosk zu versorgen.

Mit einem harten Schnitt findet ein Szenenwechsel statt. Wir befinden uns wieder auf der Straße, diesmal jedoch in Begleitung von Elaha. Erst nach und nach wird deutlich, dass es eine Londoner Nachbarschaft ist, durch die die junge, selbstbewusste Afghanin streift. Im Off erzählt Elaha von den Verkleidungen, derer sie sich als Jugendliche in Afghanistan bediente, um sich dort in der Öffentlichkeit bewegen zu können. Durch die Kombination einer für westliche Zuschauer alltäglichen Situation mit der Beschreibung der komplizierten Vorkehrungen, die eine junge Frau treffen muss, um in Afghanistan ähnlich selbstständig unterwegs zu sein, wird sehr plastisch, wie stark sich die Lebensbedingungen hier und dort unterscheiden.



Ab in die Maske – Zeigen, wie das öffentliche Selbst entsteht

Sowohl Männer als auch Frauen sorgen mit ihrem ganz individuellen Styling dafür, dass sie in der Öffentlichkeit ein bestimmtes Bild abgeben. Nicht von ungefähr versuchen die Taliban, durch den Burka-Zwang sowohl Weiblichkeit im Allgemeinen als auch weibliche Individualität und Persönlichkeit im Besonderen aus dem öffentlichen Leben zu eliminieren. Die Freiheit, selbst zu bestimmen, wie man aussehen will, ist ein Grundrecht (das z.B. bei bestimmten Gruppen wie Gefängnisinsassen oder Soldaten auch eingeschränkt werden kann). In einem Land, in dem diese Freiheit nicht gewährleistet ist, wird das Styling fast automatisch zum Politikum.

Doch auch in einer Umgebung wie in Deutschland, in der in Sachen Styling fast alles möglich ist, kann die Existenz normierter Schönheitsvorstellungen, die sich durch Model- und Talentshows immer weiter verfestigen, das Gefühl der individuellen Freiheit stark einschränkt werden. Hier wie in Afghanistan ist die Präsentation der eigenen Person in der Öffentlichkeit besonders für Jugendliche kein Zufall, sondern Gegenstand genauester Planungen.  

Dem trägt der Film Rechnung, indem Elaha und Farahnaz dabei gezeigt werden, wie sie sich vor dem Spiegel für den Gang nach draußen präparieren. Während Elaha sorgfältig die langen, schwarzen Haare kämmt und sich die Wimpern tuscht, klopft sich Farahnaz auf sehr männliche Art Creme ins Gesicht und föhnt die Haare lässig aus der Stirn. Die Schuluniform in der Version für Jungen mit schwarzem Hemd samt Hose und Lederschuhen komplettiert ihr Outfit. Auf der Straße wirkt Farahnaz schließlich deutlich maskuliner als zu Hause im eigenen Wohnzimmer. Im geschützten Privatraum erleben wir sie beim fröhlichen Tanzen mit der ganzen Familie und sehen, dass sie durchaus elegante, wenn auch sehr zurückgenommene weibliche Bewegungen im Repertoire hat. Nicht von ungefähr sind in dieser Szene auch Ausschnitte aus dem afghanischen TV-Programm zu sehen, in denen Frauen in knappen Bikinis in Musikvideos lasziv tanzend die Hüften kreisen lassen. Die Doppelmoral des afghanischen Sittenkodex lässt sich in diesem Moment mit Händen greifen.



Wer bin ich? Über ein Leben im Widerspruch

Elaha muss ihre Kleidung heute nicht mehr danach auswählen, ob ihr die Schuhe den lässigen breitbeinigen Gang junger Männer erlauben, sondern darf ruhig femininer auftreten. Sie entscheidet sich deshalb für hohe Stiefel mit Keilabsätzen und enge Jeans. Wenn die Kamera ihr in der Öffentlichkeit folgt, ist kaum vorstellbar, wie sie noch vor wenigen Jahren, mitten in der Herrschaftszeit der Taliban, als Mann verkleidet durch Afghanistan reiste. Gleichzeitig macht Elaha in ihren Aussagen sehr klar, dass ihre Verkleidung immer nur Mittel zum Zweck war. Sie hat die eigene Persönlichkeit und ihr öffentliches Bild stets deutlich voneinander getrennt – damals wie heute. Dies dürfte ihr auch deshalb leichter gefallen sein als anderen „bacha posh“, weil sie nicht „öffentlich“ als Junge lebte, sondern diese Rolle nur bei besonderen Anlässen spielte. Das Männliche sieht sie nicht als Teil ihrer Persönlichkeit, sondern als notwendige Maske in einer Welt, in der nur Männer sich frei bewegen können.

Auch Farahnaz betont mehrfach, dass sie nicht versucht, die Jungen in allem nachzuahmen, sondern nur das anzunehmen, was ihr gefällt. Ihr gehe es nicht um die perfekte Camouflage, sondern darum, den jeweiligen Codes zu entsprechen, damit sie unter dem Radar einfach weiter sie selbst sein darf. Sie weiß, dass die Balance zwischen weiblichem und männlichem Selbst fragil ist und im Handumdrehen verloren gehen könnte. So macht die neue Direktorin ihrer Schule den Mädchen immer strengere Kleidungsvorschriften. Zwar scheint Farahnaz, die die männliche Schuluniform mit einem weißen Kopftuch kombiniert, in der Schule eine Art Narrenfreiheit zu genießen. Doch es ist absolut unsicher, wie lange diese Situation noch anhält.



Emotionale Momentaufnahmen statt eindeutiger Erklärungen

Statt mit einem Off-Kommentar auf sprachlicher Ebene Informationen zu transportieren, die dabei die Bilder fast zwangsläufig werten und eine bestimmte Lesart vorgeben, konzentriert sich das Regie-Duo Afsah/Seidl auf die Beobachtung und arbeitet mit Aufnahmen, deren Komplexität nicht durch verbale Erklärungen gemindert wird.

In einer berührenden Szene wird Farahnaz zu Hause beim Beten beobachtet. Sie absolviert die vorgeschriebenen rituellen Handlungen ruhig und in sich gekehrt, ohne sich von der Kamera stören zu lassen. Dabei trägt sie ein lockeres Kopftuch und wählt die für Frauen vorgesehene Gebetsform, bei der die Hände vor der Brust geschlossen werden (Männer senken die Hände tiefer, etwa in Höhe des Bauches). Sobald das Gebet beendet ist, legt sie Gebetsteppich und Kopftuch zur Seite und verlässt mit der lapidaren Bemerkung „So, fertig mit Beten“ den Raum. Selbst der flapsige Abgang täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass Farahnaz sich hier in einem fast intim wirkenden Moment gezeigt hat, weit weg von den vielen kleinen Gesten der Selbstbehauptung, die ihren Alltag normalerweise prägen. Der Tatsache, dass selbsternannte Religionswächter Farahnaz‘ Lebensweise als „unrein“ bekämpfen, setzt das Mädchen die beeindruckende Selbstverständlichkeit entgegen, mit der sie ihren Glauben praktiziert.

Aber es gibt auch Themen, bei denen es Farahnaz weniger gut gelingt, eine eigene Position zu finden. Wie bei vielen Jugendlichen zieht die Frage „Wer bin ich?“ unzählige Antworten nach sich. Doch anders als bei ihren Freunden, Schwestern und Brüdern, ist Farahnaz‘ geschlechtliche Identität – gerade in der Pubertät oft wesentliches Fundament des Selbstbildes – unklar. Ihr Status als „bacha posh“ wird mit zunehmendem Alter immer problematischer. Nicht nur die afghanische Gesellschaft, sondern auch Farahnaz selbst ist offensichtlich nicht bereit für ein Lebensmodell „zwischen den Geschlechtern“. Manchmal wünscht sie sich, einfach unter einem Regenbogen hindurchschreiten zu können. Denn dadurch, so sagt es die afghanische Überlieferung, werde eine Frau zum Mann. Endgültig und eindeutig.



„Ich weiß schon, dass ich kein Junge bin, aber ich fühle mich eben wie ein Junge.“ Farahnaz

Indem die Regisseurinnen Aussagen wie diese bewusst unkommentiert lassen, bleibt offen, ob die 13-Jährige tatsächlich im Laufe der Jahre eine „männliche“ Identität entwickelt hat, oder ob sie die Freiheiten, die in Afghanistan ausschließlich Jungen ihres Alters vorbehalten sind, nicht mehr aufgeben will.

Elaha gab die fremde Kleidung ein Gefühl der Freiheit zurück, das sie als Kind kannte und später in ihrer Jugend in Kabul schmerzlich vermisste. Genau genommen, so sagt sie rückblickend, habe sie einfach das umgesetzt, was ihr jahrelang beigebracht worden war: dass nur Männer frei und stark seien. Daraus zog sie den Schluss, dass sie zumindest äußerlich zum Mann werden müsse, um sich ebenso stark und frei fühlen zu können. Erst als erwachsene Frau wurde Elaha bewusst, dass sie dieser Weg von einem wichtigen Teil ihrer Persönlichkeit – dem weiblichen – wegführte. Heute erlaubt sie sich den Wunsch, alles zur selben Zeit zu sein: „Frei, stark und dennoch eine Frau.“