DOK Leipzig 29. Oktober – 4. November 2018
61. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 29 October – 4 November 2018
61st International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Formale Gestaltung

Die formale Gestaltung

Das Leben schreibt das Drehbuch

Regisseur Elí Roland Sachs weiß, dass sein Film keinem Drehplan folgen kann, denn zu Drehbeginn ist nicht einmal ansatzweise vorauszusehen, wie Jakobs Entwicklung verlaufen wird. Dramaturgie und Drehzeit sind also zunächst nicht kalkulierbar. Im Vordergrund steht das Ziel, die Wandlungen seines Protagonisten umfassend, aber gleichzeitig so wenig invasiv wie möglich zu verfolgen. Solange Jakob sich in der Öffentlichkeit bewegt, ist die Anwesenheit eines kleinen Filmteams weitgehend unproblematisch. Sogar in der Moschee kann Elí Roland Sachs ohne Einschränkungen filmen. Je privater und emotionaler aber die Gespräche zwischen den Brüdern werden, desto weniger ist es denkbar, sie vor den Augen und der Kamera eines mehrköpfigen Teams zu führen. Deshalb entscheidet sich der Regisseur immer wieder dafür, allein zu drehen. Aus diesem Grund ist Elí Roland Sachs in manchen Szenen, etwa beim ersten Gespräch mit der Großmutter an ihrem Bett, mit Kopfhörern zu sehen, mit denen er selbst den Aufnahmeton kontrolliert.

 

Der fertige Film kombiniert Material aus ganz unterschiedlichen Aufnahmesituationen: Es gibt Mitschnitte, von denen nur die Tonspur Verwendung findet, Szenen, die mit großem und andere, die mit kleinem Team aufgenommen wurden, geplante Interviews und spontan mitgefilmte Ereignisse. Es gibt alte Filme aus dem Familienarchiv und diverse Nachtaufnahmen aus verschiedenen Kontexten, die zur Bebilderung der dienen. Eine Sonderstellung nehmen die Aufnahmen von Jakobs Hochzeit ein. Obwohl sie in der Zeit stattfindet, in der sich Jakob dem Filmen verweigert, drückt ein Mitglied der muslimischen Gemeinde seinem Bruder Elí während der Zeremonie die gemeindeeigene Videokamera in die Hand und bittet ihn, den Moment festzuhalten. So enthält „Bruder Jakob“ schließlich doch Bilder der Hochzeit, gedreht mit Amateurfilm-Ausrüstung.

 

Eine Annäherung in drei Schritten – Die Struktur des Films

Der Regisseur hat das disparate Material in drei Kapiteln geordnet. Im ersten Drittel des Films wird Jakob ganz bewusst nur durch die Augen von Freunden und Verwandten gezeigt. Er selbst ist nur einmal sehr kurz am Anfang zu sehen – sein Bild bleibt verschwommen und fremdbestimmt. Nach dieser Exposition ist es so gut wie unmöglich, Jakob unabhängig von all den auf ihn projizierten Klischees und Vorurteilen wahrzunehmen.

 

Erst im zweiten Abschnitt des Films wird Jakob als Mensch aus Fleisch und Blut richtig greifbar. Er schildert mit seinen eigenen Worten den Entfremdungsprozess von seiner WG und sein Eintauchen in die muslimische Welt Berlins. In einer langen Einstellung sehen wir ihn und seine Frau im schwarzen Gewand und mit verhülltem Gesicht durch einen Park gehen. Sie wirken gelöst und entspannt. Ein ganz normales junges Paar auf einem Spaziergang – wenn da nur nicht der Schleier wäre. In diesem Kapitel wird Jakob als facettenreicher Sinnsucher erkennbar, der nie den leichtesten Weg wählt. Hier wird auch deutlich, warum er sich nach einiger Zeit nicht mehr nur als Muslim, sondern als Salafist begreift. Für ihn ist der Salafismus nicht Ausdruck einer politischen Orientierung, sondern schlicht und einfach der „unverfälschte“ Islam. Er empfindet die strengen Regeln und Verhaltensvorgaben als Erleichterung. Es tut ihm gut, sich einer höheren Macht unterzuordnen und damit die eigenen Zweifel zu beruhigen. Im Zentrum des zweiten Filmabschnitts steht das Familientreffen, bei dem Jakob und seine Frau auf Mehrheitsbeschluss der Verwandten „ausgeladen“ werden. Weder Jakob noch Kathrin gelingt es in der sich daraus entwickelnden Diskussion um Grenzen und gegenseitige Erwartungen, ihre eigenen religiösen Ansprüche mit denen der säkular geprägten Gesellschaft zusammenzubringen. Dabei würde sie, so sagt Kathrin, ihrer Umgebung gern entgegenkommen, hat aber das Gefühl, dafür ihren Glauben verraten zu müssen.

 

Im dritten und letzten Teil des Films werden wir Zeuge einer erneuten inneren Wandlung. Jakob entwickelt sich vom strenggläubigen Salafi wieder zum Suchenden. Im gleichen Maße, in dem ihm der Glaube abhandenkommt, wächst seine Angst vor Allah. Bei einem Besuch bei seiner Großmutter erzählt er zum ersten Mal davon, dass er mit der Bahai-Religion eine neue Form der Spiritualität für sich entdeckt hat. Ohne weitere Erklärungen bleiben die Gründe dafür zunächst rätselhaft. Als Kathrin in der nächsten Szene mit einem das Gesicht verdeckenden Niqab vor die Kamera tritt, fürchtet man zunächst, die religiöse Radikalisierung der beiden habe sich noch gesteigert. Diese Sorge erweist sich als unbegründet: lachend nimmt die junge Frau den Schleier ab und faltet ihn sorgfältig zusammen. Mit diesem Kapitel, so zeigt uns die Szene, haben Kathrin und Jakob abgeschlossen – auch wenn beide betonen, wie wichtig die intensive Phase des Salafismus für sie war. Ab jetzt folgen sie nicht mehr den strengen Regeln des Islam, sondern nur noch ihren Herzen – und die schlagen inzwischen für die deutlich tolerantere Bahai-Religion.

 

Während diese Wendung von ihren Familien und Freunden grundsätzlich positiv aufgenommen wird, sind die muslimischen Glaubensbrüder entsetzt. In einem erzählerischen Nachtrag begleitet das Filmteam Jakob zu seiner Moschee und dokumentiert die unterschiedlichen Reaktionen auf seine erneute Konversion. Ungeachtet der Tatsache, dass Jakob selbst seine religiöse Neuorientierung als Weiterentwicklung begreift und davon ausgeht, dass der Islam im Bahaitum aufgeht, sehen die Mitglieder der muslimischen Gemeinde in ihm nun den Irregeleiteten, der sich vom wahren Glauben entfernt hat.

 

Die Traumerzählung

Der schwierige Weg zum Glauben spiegelt sich nicht nur in Gesprächen und dokumentierten Ereignissen, sondern auch in Elís Traumerzählung, die sich durch den gesamten Film zieht. Der Regisseur schildert darin einen Albtraum, in dem er sich zunächst alleingelassen in der Hölle befindet, sich aus der bedrohlichen Situation befreien kann, um sich schließlich gemeinsam mit seinem Bruder auf den Weg zu machen.

 

Die Traumerzählung greift die Geschichte der Entfremdung und Wiederannäherung der Brüder auf poetische Weise auf. Indem Elí Roland Sachs diese Ich-Perspektive und damit seine eigenen Ängste und Hoffnungen einflicht, strukturiert und kommentiert er die Filmerzählung. Gleichzeitig setzt er ein auditives Gegengewicht zu Jakobs großer visueller Präsenz. Mit diesem Kunstgriff führt sich der Regisseur, der sonst kaum selbst im Bild zu sehen ist, als anteilnehmenden, emotional eingebundenen Dialogpartner ein. Ohne diese künstlerische Entscheidung wäre „Bruder Jakob“ eher ein Porträt als ein „Bruder-Film“ geworden. Mit dem Traum schließt sich dramaturgisch der Kreis der Erzählung, genauso wie sich die Brüder am Ende des Films umarmen.

 

Den eigenen Ton finden – Der Einsatz von Musik

Die Musik spielt nicht nur im Film eine wichtige Rolle, sondern hat auch das bisherige Leben des Protagonisten stark geprägt. Jakob ist ein hochgradig musikalischer Mensch, sang schon als Junge in einem Chor, spielte Klavier, machte später Hip-Hop und legte auf. Musik, das schien ihm sicher, war Teil von etwas Großem und Heiligem. Nach der Konversion zum Islam gab er sie für lange Zeit auf und verzichtete damit darauf, eine wichtige Komponente seiner Persönlichkeit auszuleben.

 

Diese elementare Bedeutung der Musik für Jakob veranlasste den Regisseur, schon sehr früh über die musikalische Gestaltung des Films nachzudenken. In der Arbeit mit dem Filmkomponisten Antonio de Luca achteten beide darauf, dass Musik nicht nur eine begleitende, sondern vielmehr eine dramaturgisch tragende Funktion erfüllen sollte. Filmemacher und Komponist entschieden sich gemeinsam dafür, die Orgel als zentrales Element des Soundtracks einzusetzen.

 

Das Instrument ist eng verbunden mit der christlich-sakralen Musiktradition. Hier wird es jedoch anders, experimenteller genutzt. Der Zusammenprall der Kulturen und Religionen, den Jakob Tag für Tag erlebt, findet auch im Soundtrack Widerhall. Kurz vor Ende der Drehzeit erhält er zum ersten Mal in seinem Leben die Möglichkeit, selbst auf einer Orgel zu spielen. Damit erfüllt ihm sein Bruder Elí einen Kindheitswunsch, der fast Beruf geworden wäre. Denn lange träumte Jakob von einer Karriere als Organist. Heute, nach Jahren der musikalischen Abstinenz, macht er sich das Instrument als „Sprachrohr“ seiner Suche nach Sinn und Spiritualität zu eigen. So spielt er kein klassisches Orgelstück, sondern spürt stattdessen seinem ganz eigenen Ton nach. Als er ihn gefunden hat, begleitet er die Orgel mit Obertongesang und erzeugt einen Sound, der sich fast wie ein Mantra anhört: Das christlich konnotierte Instrument, gespielt von einem ehemaligen Muslim, führt religiöse und musikalische Traditionen zu einem überkonfessionellen Klang zusammen.