DOK Leipzig 30. Oktober – 5. November 2017
60. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 30 October – 5 November 2017
60th International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Hintergründe

Hintergründe zum Film

Die Eingangssequenz des Dokumentarfilms „Bruder Jakob“ ist düster und ein wenig unheimlich. Ein Auto fährt nachts über unwegsames Gelände langsam auf die Zuschauer zu. Zunächst sind nur die grellen Scheinwerfer zu sehen. Im letzten Moment huscht ein Fuchs zur Seite. Aus dem Off liest eine junge männliche Stimme den Anfang eines Briefes, der mit folgenden Worten beginnt: „Bruder Elí, schläfst Du noch? Was ist mit dem Islam, mein

lieber Bruder? Ich habe Dich schon so oft eingeladen und Du reagierst nicht. Hast Du überhaupt Interesse? Oder bist Du grundsätzlich abgeneigt? Es kann Dir doch nicht gleichgültig sein, dass Dein Bruder überzeugt davon ist, dass Du, wenn Du in Deinem jetzigen Zustand als Leugner der Wahrheit stirbst, für alle Ewigkeiten in die Hölle kommst!“

Mit diesem kurzen Textzitat sind Thema und Ton des Films gesetzt. Im Mittelpunkt steht Jakob, der jüngere Bruder des Dokumentarfilmregisseurs

Elí Roland Sachs. 2010 konvertiert Jakob mit 23 Jahren überraschend zum Islam. In der folgenden Zeit versucht er immer wieder, Freunde und Familienmitglieder davon zu überzeugen, es ihm gleichzutun.

 

Jakobs Hinwendung zum Islam verläuft in aller Stille. Als er 2009 während eines Hippietreffens in Marokko zufällig auf eine englische Ausgabe des Korans stößt, fängt er an, sich mit der ihm bisher unbekannten Religion auseinanderzusetzen. Mehr als anderthalb Jahre lang beschäftigt er sich mit dem Islam und beginnt, sein Leben gemäß den muslimischen Lehren zu ändern. Statt wie vorher durch Clubs zu ziehen, zu kiffen, aufzulegen und mit seinen Mitbewohner/innen über Gott und die Welt zu philosophieren, ist Allah von nun an allgegenwärtig. Anders als in vielen Erlebnisberichten junger Konvertiten, die durch charismatische Prediger „auf den rechten Weg gebracht“ werden oder sich an eine bestehende muslimische Gemeinde binden, vollzieht Jakob diese Wandlung ganz für sich allein.

Salafismus – Reizthema oder Quelle eines neuen Lebenssinns

Jakob versucht, das eigene Umfeld mit seiner Begeisterung für den Islam anzustecken. Voller Sendungsbewusstsein wendet er sich an Freunde und Familie, schreibt Rundmails mit Koran-Zitaten an alle, die ihm nahe sind. Selbst die zehnjährige Tochter seines Patenonkels bleibt von diesen manipulativen Nachrichten nicht verschont. Anders als gehofft führt sein missionarischer Eifer allerdings nicht zu größerer Nähe, sondern zu wachsender Entfremdung zwischen ihm und seinen Nächsten. Freunde, die zunächst an eine vorübergehende Phase glauben, führen lange Diskussionen mit ihm. Doch er lässt sich nicht von seinem Weg abbringen und verhält sich – aus ihrer Sicht – immer abwegiger. So verweigert er sich zum Beispiel Gesprächen mit seiner Mitbewohnerin, nur aufgrund ihres Geschlechts. In seiner Euphorie scheint Jakob sich nicht bewusst zu machen, dass sein Dogmatismus einen Keil zwischen ihn und weite Teile seines sozialen Umfelds treibt.

 

Als er sich schließlich dem Salafismus zuwendet und damit genau der Ausprägung des Islam folgt, die im Westen als besonders radikal und extremistisch gilt, ist für viele Freunde und Bekannte der Moment erreicht, in dem kein Gespräch mehr möglich scheint. Reale und virtuelle Kontakte werden abgebrochen, Einladungen werden zurückgezogen, selbst wenn die Gäste schon angereist sind, Diskussionsangebote werden unumwunden ausgeschlagen. Trotz dieser drastischen Reaktionen scheint Jakob auszublenden, wie umstritten der Salafismus in seiner Umgebung ist. Für ihn fügt sich diese strenge Form des Islam wie ein bisher fehlendes Puzzleteil in sein Leben ein und liefert religiöse Antworten auf Fragen, die bisher ungeklärt blieben. Er nimmt sich das Recht heraus, den Salafismus nicht mit Terror und Gewalt zu verbinden, sondern die Religion ausschließlich als spirituelle Offenbarung zu betrachten.

 

Der Großteil der ihm vertrauten Menschen weigert sich aber, diese Unterscheidung zu treffen. Auch seiner Familie fällt die Differenzierung zwischen medialen Klischees über Moslems und Salafisten und dem, was Jakob wirklich sagt und tut, schwer. Einige Verwandte meiden jede Begegnung mit ihm, andere ringen um Verständnis. Seine greise Großmutter wünscht sich, „dass er mir all das so erklärt, dass ich es verstehen kann.“ Seine engsten Familienmitglieder bleiben ihm trotz aller Schwierigkeiten zugewandt. Vor allem Elí verbringt viel Zeit mit Jakob und erkundet den Islam mit ihm gemeinsam – zumindest so weit, wie er das als „Ungläubiger“ tun kann.

 

Bruder oder Beobachter?

Für den großen Bruder Elí, der in dieser Zeit bereits Film studiert, ist klar, dass er die Entwicklungen in Jakobs Leben gern mit der Kamera begleiten würde. Zunächst ist Jakob damit einverstanden. Diese Offenheit schwindet aber, je länger er sich mit dem Islam beschäftigt. Er gelangt zu dem Schluss, dass er sich von weltlichen Zerstreuungen wie Musik und Film ab sofort gänzlich fernhalten will. Die Frage, ob Musik und Film „halal“ sind, wird je nach Auslegung der Quellen unterschiedlich beantwortet. Als frisch konvertierter Salafi neigt Jakob der strengen Auslegung zu und bittet seinen Bruder deshalb, das Filmen einzustellen.

 

Der junge Filmemacher weiß, dass er sich dieser Bitte nicht widersetzen kann. Es würde unweigerlich zum Kontaktabbruch führen. Also beendet Elí die Dreharbeiten, weil ihm der familiäre Zusammenhalt wichtiger ist als das Filmprojekt. In den folgenden vier Jahren lebt Jakob sein Leben also ohne die Kamera des Bruders. Trotzdem findet Elí einen Weg, auch diese Zeit zu dokumentieren. Freunde und Familie berichten über Jakobs Wandlungen als Gläubiger und als Persönlichkeit. Ehemalige WG-Mitbewohner zitieren aus hin und her gehenden E-Mails, in denen die zunehmende Entfremdung zwischen den einst engen Vertrauten deutlich wird. Vor allem das erste Drittel des Films wird von diesem Material dominiert, das uns Jakob fast ausschließlich mit den Augen anderer sehen lässt (zur filmischen Struktur auch hier).

Ist Religion wirklich Privatsache?

Wie andere Muslime stellt auch Jakob fest, dass sich viele Menschen aus Mangel an persönlichen Erfahrungen mit dem Islam stark an medialen Bildern und Klischees orientieren. Seitdem Terrororganisationen wie El Kaida, IS und Boko Haram ihre Taten mit ihrem Glauben begründen, haben sich die Vorurteile gegen Muslime vervielfacht. Besonders Konvertiten wie Jakob haben mit dem Vorwurf zu kämpfen, sie würden mit dem Terror sympathisieren.

 

Die Tatsache, dass die überwältigende Mehrheit aller Anhänger des Islam weltweit Terror und Gewalt ablehnt und viele Muslime, die als Flüchtlinge nach Europa kommen, selbst auf der Flucht vor radikal-islamischen Extremisten sind, findet im aufgepeitschten gesellschaftlichen Diskurs oft zu wenig Beachtung. Erschwerend kommt hinzu, dass Jakob sich nicht nur als Muslim, sondern als Salafi bezeichnet, ein Begriff, der in der Öffentlichkeit inzwischen fast als Synonym für „islamistischen Extremismus“ gebraucht wird. Jakob betritt also ungewollt ein Diskussionsfeld, in dem es von Vorurteilen nur so wimmelt. Es ist auffällig, dass er sich von diesen Rahmenbedingungen in seinem Handeln in keiner Weise beeinflussen, geschweige denn beirren lässt. Damit nimmt er eigentlich nur auf ganz selbstverständliche Weise für sich in Anspruch, was in einer dezidiert säkularen Gesellschaft als Norm gelten sollte: Religion ist Privatsache.

 

Die Kopftuchdebatte

Ganz ähnlich argumentiert auch Jakobs Ehefrau Kathrin, ebenfalls eine deutsche Konvertitin, im Hinblick darauf, dass sie sich verschleiert. Dennoch kommt es zu einem Eklat, als sie mit Jakob zu einem Familientreffen fährt und dem Paar deutlich gemacht wird, dass ihre Anwesenheit nicht erwünscht ist. Während Jakob angesichts der offenen Ablehnung, die ihnen entgegenschlägt, zu resignieren scheint, ergreift Kathrin das Wort und beschreibt ihre Gefühle:

 

„Es ist gar nicht mein Wunsch, mich schwarz anzuziehen. […] Es ist einfach mein Wunsch, mich zu bedecken. Aber ich habe keine andere Kleidung und ich trage deshalb dieses. Ich habe kein anderes Gewand, das irgendwie gesellschaftstauglicher ist. […] Ich habe diesen Anspruch, meinen Glauben leben zu können und mich bedecken zu dürfen. So wie andere sich nackt ausziehen, möchte ich mich bedecken dürfen und mich trotzdem respektiert und willkommen fühlen in dieser Welt.“

 

Die sich anschließende Debatte mit Jakobs Patenonkel zeigt, dass das Kopftuch von vielen Außenstehenden keineswegs als ein gewöhnliches Kleidungsstück, sondern vielmehr als Ausdruck einer Weltanschauung wahrgenommen wird. Weil Frauen anderswo gezwungen sind, sich zu verhüllen, könne er der verschleierten Kathrin nicht unbefangen gegenübertreten, argumentiert der Onkel. Kathrin hingegen betont, dass sie all denen, die sich von ihrem schwarzen Schleier (sie trägt einen El-Amira, der nur das Gesicht unbedeckt lässt) provoziert fühlen, gern ein Stück entgegenkommen würde, indem sie sich bunter kleidet. Leider fehle es ihr bisher an der passenden Garderobe, erzählt sie unter Tränen.

Die rechtliche Situation –
„Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“

In Deutschland garantiert das Grundgesetz sowohl Glaubensfreiheit als auch Meinungsfreiheit. Gleichzeitig können diese grundlegenden Rechte nur funktionieren, wenn die Freiheit des Einen dort endet, wo die Freiheit des Anderen beginnt. „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“, heißt es bei Rosa Luxemburg – ein Zitat, das mittlerweile zum geflügelten Wort wurde. Wer für sich selbst also Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit reklamiert, muss beides auch seinem Gegenüber zugestehen. Wo genau die Grenzen zwischen der eigenen Freiheit und der Freiheit des Gegenübers verlaufen, muss im täglichen Miteinander immer wieder ausgehandelt werden.

 

Die Diskussion zwischen Jakob, seiner Frau Kathrin und dem Patenonkel ist ein gutes Beispiel für einen solchen Aushandlungsprozess, auch wenn er nicht mit einer klaren Einigung endet. Allein die Tatsache, dass die drei miteinander sprechen, statt wortlos auseinanderzugehen, ist ein Erfolg und wird dazu beitragen, dass sie die Grenzen ihres „Verhandlungspartners“ beim nächsten Aufeinandertreffen besser einschätzen können.

 

An anderer Stelle hat Jakob diese Grenzen sehr viel deutlicher überschritten. Seine missionarischen E-Mails, die er direkt nach seiner Konversion zum Islam relativ wahllos an Freunde und Bekannte schickte, gestehen den Empfängern nicht die Freiheit zu, auch weiterhin als „Ungläubige“ zu leben. Obwohl er sich das lange nicht eingesteht, kommt er in einem resümierenden Gespräch mit seinem Bruder schließlich doch zu der Überzeugung, dass es auch in diesem Fall besser gewesen wäre, sich an den von ihm selbst angemahnten Grundsatz zu halten: Religion ist Privatsache.

Auf der Suche nach neuen Horizonten

Als Jakob nach fünf Jahren als gläubiger Muslim schließlich spürt, dass der Islam seinen Ansprüchen an ein von Sinn und Spiritualität erfülltes Leben nicht vollständig genügt, beginnt für ihn eine Zeit des Zweifelns. Er reagiert auf die eigenen Ängste, indem er intensiv betet und liest und entdeckt mit dem

Bahaitum eine Glaubensrichtung, die wie kaum eine andere darauf ausgerichtet ist, verschiedene Religionen zu vereinen und die Vielfalt der religiös geprägten Gottes- und Lebensvorstellungen nicht als Bedrohung, sondern als Reichtum zu empfinden.

 

Jakob selbst sieht sein Bekenntnis zur Bahai-Religion nicht als Abkehr vom Islam, sondern als Weiterentwicklung des eigenen Glaubens. Obwohl er ahnt, dass sein muslimisches Umfeld diesen Schritt anders bewerten wird, besucht er nach seiner erneuten Konversion noch einmal seine Moschee und den Imam, der ihn viele Jahre lang begleitet hat. In der muslimischen Gemeinde erlebt er ganz unterschiedliche Reaktionen. Sie reichen von Sprachlosigkeit bis hin zu scharfer Kritik – und gleichen damit ironischerweise dem abwehrenden Verhalten, das sein Bekenntnis zum Islam bei deutschen Freunden und Verwandten hervorrief.

 

Doch dieses Mal reagiert Jakob anders. Das Sendungsbewusstsein und die Unbedingtheit, die seine Konversion zum Islam für sein Umfeld zu einer Herausforderung werden ließen, fehlen völlig. Hinzu kommt die Tatsache, dass er sich mit dem Bahaitum für eine sehr integrativ angelegte (und in Deutschland weitgehend unbekannte) Religion entschieden hat, die nicht annähernd so stark polarisiert wie der Salafismus.