DOK Leipzig 30. Oktober – 5. November 2017
60. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 30 October – 5 November 2017
60th International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Interview

Interview Elí Roland Sachs

Im Film wird sichtbar, dass sich viele Menschen nach Jakobs Hinwendung zum Salafismus von ihm zurückgezogen haben. Wie ging es Dir als Bruder mit Jakobs Wandlung zum Salafisten?

Eigentlich haben wir die muslimische Welt zusammen entdeckt. Wir waren zum Beispiel 2009 zusammen bei einem Hippietreffen in Nordafrika, wo Jakob das erste Mal den Koran gelesen hat. Davon erzählt er auch im Film. Ich bin dann für ein halbes Jahr nach Kuba gegangen und bevor ich wegging, war Jakob zwar interessiert am Islam, aber noch kein Muslim. Während ich in Kuba war, habe ich dann von ihm ein Tagebuch zugeschickt bekommen, in dem er seine Hinwendung zum Islam beschreibt. Als ich zurück nach Deutschland kam, war er schon ein sehr strenger Muslim geworden. Mich hat das sehr irritiert, weil er plötzlich sehr viele Regeln hatte, Frauen nicht mehr die Hand gab, fünfmal am Tag gebetet hat und mit seinem ganzen Freundeskreis gebrochen hatte. Er war auf einmal ein ganz anderer Mensch geworden. Ich war zwar irritiert, aber auch neugierig und hab mich gefragt, wie diese massive Wandlung von einem antireligiösen Nihilisten in einen strenggläubigen Muslim zustande gekommen sein könnte.

Ich hab ihn dann in Berlin besucht, bin mit ihm in die Moschee gegangen und ein Stück weit in die muslimische Welt eingetaucht. Das war für mich ganz neu und durchaus beeindruckend. Mir war nicht klar, wie groß und wie anders diese muslimische Welt in Deutschland ist. Ich wollte einfach wissen, warum mein Bruder sich so verändert hat. Ich hab ihm einfach ganz viele Fragen gestellt und nicht locker gelassen. Und dann habe ich irgendwann angefangen, ihn auch zu filmen.

Ziemlich bald hat er dann aber entschieden, dass er nicht mehr vor der Kamera stehen will. Das habe ich respektiert. Begleitet habe ich ihn allerdings weiter. Mir ging es ja nur in zweiter Linie darum, einen Film zu machen. In erster Linie wollte ich meinen Bruder wiederfinden.

 

Ihr verfolgt mit dem Film also ganz unterschiedliche Intentionen. Jakob wollte mehr Leute zum Islam bekehren können. Der Film sollte sein Sprachrohr sein. Warum hat er sich dann doch dagegen entschieden, weiter zu drehen?

Das hatte zwei Gründe. Einerseits hat er gemerkt, dass er als Fürsprecher dieser Religion, die ihn so sehr beeindruckte, noch nicht geeignet war, weil er den Koran noch nicht gut genug kannte und verstand. Andererseits hat er sich zwischendurch entschieden, Musik, Kunst und Film aus religiösen Gründen abzulehnen. Die Drehpause hat ungefähr vier Jahre gedauert, in denen sich Jakobs Glaube gefestigt hat und in dem unser Verhältnis sich entspannt hat.

Parallel dazu hat sich aber auch die Sichtweise des Imams Abdul Adhim, der für ihn sehr wichtig war und der auch im Film zu sehen ist, geändert. Der Imam hat sich auch anderen Einflüssen als dem Koran geöffnet und begonnen zu lehren, dass es wichtig ist, sich auch mit anderen Dingen auseinanderzusetzen. Und das hat Jakob beherzigt und sich auch wieder mit anderen Positionen beschäftigt. Dazu gehörten unter anderem die Texte von Baha’ulla, aber auch von sufistischen Gelehrten. In dieser Zeit der Öffnung habe ich dann noch mal gefragt, ob ich nicht doch einen Film machen kann, und da hat er dann wieder zugestimmt. Es hat dann auch gar nicht mehr so lange gedauert, bis er sich vom klassischen Islam abgewandt hat.

 

An dieser Stelle würde ich gern mal Deine persönliche Rolle in dieser Geschichte ansprechen. Ich habe den Eindruck, dass Du weite Teile des Materials mehr oder weniger allein, also ohne ein Filmteam im Rücken gedreht hast. Stimmt das?

Ich hab einfach gemerkt, dass man bestimmte Szenen nicht drehen kann, wenn man mit einem Team vor Ort ist, selbst wenn es noch so klein ist. Es ist eben schon eine sehr private Brudergeschichte. Gleichzeitig hat das Material, das ja über einen Zeitraum von ungefähr fünf Jahren entstanden ist, ganz unterschiedliche Geschichten. Es gab Szenen, in denen ich mit Kameramann und auch mit einer Person am Ton gearbeitet habe. Aber es gab eben auch häufig diese Momente, in denen wir beide allein mit der Kamera waren.

 

Für mich ist „Bruder Jakob“ nicht nur ein Bruderfilm, sondern ganz generell ein Familienfilm. Ich hatte teilweise den Eindruck, dass Du beziehungsweise Du und Deine Kamera gerade in familiären Konfliktsituationen wie Katalysatoren gewirkt habt, die für Klärung sorgten.

 Ich bin generell der Meinung, dass viele Konflikte in dieser Welt geklärt werden könnten, wenn man sich im Moment des Streites nicht abwendet, sondern es noch mal versucht und einfach einen Moment länger bleibt. Das habe ich auch mit Jakob versucht, auch wenn mir das oftmals gar nicht so leicht gefallen ist.

In der Familie wurde ich dann häufig gefragt: Glaubst Du, dass sich Jakob radikalisieren würde oder dass er gewalttätig wird? Ich hab dann immer nur geantwortet, dass ich das nicht vorhersagen kann und dass es das Beste wäre, wenn all diese besorgten Menschen mit Jakob selbst sprechen würden. Ich finde, das Wichtigste ist es, miteinander in Verbindung zu bleiben, miteinander zu sprechen und nicht übereinander.

Deshalb habe ich auch in der Zeit, als es sehr schwer war, mit Jakob in Verbindung zu bleiben, nie den Kontakt ganz abreißen lassen. Insofern habe ich vielleicht wirklich so ein bisschen wie ein Katalysator gewirkt, weil das andere Familienmitglieder und auch manche Freunde eben nicht so gemacht haben. Das werfe ich ihnen auch ein Stück weit vor. Viele Menschen haben sich abgewendet und blockiert, als er begonnen hat, alle zum Islam bekehren zu wollen. Sie haben den Vorurteilen Glauben geschenkt, statt sich für die Gründe zu interessieren, warum er diesen Weg gewählt hat. Unsere Eltern gehören übrigens nicht dazu, die haben sich beide sehr viel Mühe gemacht, ihn zu verstehen und bei ihm zu bleiben. Mein Vater hat sich belesen und stundenlang mit ihm diskutiert, und meine Mutter hat sich ganz praktisch genähert, indem sie zum Beispiel einfach ausprobiert hat, was es heißt, den Ramadan einzuhalten. Das hatte sicher auch einen positiven Einfluss auf Jakobs Weg und hat ihm ermöglicht, sich weiter zu verändern. Sie haben ihn nicht abgestempelt, sondern so genommen, wie er zu dem Zeitpunkt eben war.

 

Das ist jetzt für mich ein bisschen überraschend, denn im Film kommen eure Eltern ja so gut wie gar nicht vor. Woran liegt das?

Das liegt daran, dass sie der Idee, diesen Prozess zu filmen und zu veröffentlichen eher negativ gegenüberstanden. Sie waren einfach nicht überzeugt, dass die Veröffentlichung dieses Prozesses gut für die Beteiligten ist.

 

Mir ist aufgefallen, dass keiner vor der Kamera Jakob die eigentlich naheliegende Frage stellt, die mir erst mal in den Sinn kommen würde, wenn ich einen konvertierten Salafisten kennenlernen würde: Wie stehst Du zur Gewalt und zum Terror, den Deine Glaubensbrüder verbreiten?

Ich hab einfach versucht, mich eben nicht durch Medienbilder und Vorurteile leiten zu lassen, sondern durch den genauen Blick auf meinen Bruder. Und bei ihm spielte diese Art der Radikalisierung einfach überhaupt keine Rolle. Er scheint auch diese ganze Mediendebatte über radikale Salafisten überhaupt nicht wahrgenommen zu haben. Er hat einfach nach der Wahrheit gesucht. Und ich wollte keinen informativen Film über Salafismus drehen, sondern meinen Bruder verstehen. Daher habe ich mich auf das konzentriert, was ihn beschäftigte. Seine Frage war aber nie, ob er in den Krieg ziehen sollte. Seine Frage war, wie er vor Gott ein gutes Leben führen kann. Und der Salafismus ist eben nicht nur die Religion der radikalen Islamisten, sondern auch der Versuch einer möglichst puren, unverfälschten Koraninterpretation. Das Pure war es, was ihn an der Religion gereizt hat. Deswegen habe ich nicht danach gefragt, was er davon hält, was andere Salafisten tun, sondern eher, was ihn persönlich gerade umtreibt und bewegt.

Tatsächlich hat er allerdings an einer Stelle zu mir gesagt, dass er zu einer bestimmten Zeit sogar bereit gewesen wäre, für den Salafismus zu kämpfen. Er selbst wäre allerdings nie auf die Idee gekommen, das wirklich zu machen. Er hatte genug damit zu tun, das eigene Seelenheil zu sichern. Glücklicherweise hat in dieser Zeit niemand von ihm verlangt, „für seinen Glauben zu kämpfen“. Da waren die Missionierungsversuche, die er unternommen hat, schon die übergriffigsten Aktionen.

Ich muss nochmal betonen, dass ich keinen Film über islamischen Terrorismus und noch nicht mal einen Film über Salafismus machen wollte. Ich wollte einen Film über meinen Bruder machen und darin die Frage klären, was zu seiner Veränderung geführt hat und wie wir uns wieder näherkommen können.

 

Diesen Prozess der Annäherung beschreibst Du ja auch in Deinem Traum von der Hölle, der im Film mehrfach angesprochen wird. Was hat es mit diesem eher poetischen Teil des Films auf sich?

Den Traum hatte ich erst relativ spät, als wir bereits dabei waren, den Film zu schneiden. Während des Schnitts hatten wir auch gemerkt, dass mein Bruder in dem gedrehten Material sehr häufig so ganz allein blieb vor der Kamera. Gleichzeitig war immer klar, es ist kein Porträt, sondern ein Bruderfilm. Mit anderen Worten: Jakob fehlte im Film schlicht und einfach ein Gegenpart, weil ich – bis auf wenige Ausnahmen – nicht vor, sondern hinter der Kamera geblieben war. Es war klar, dass es besser wäre, wenn ich einfach ein bisschen präsenter im Film wäre. Gleichzeitig wollte ich unbedingt vermeiden, Jakob als der allwissende große Bruder und Filmemacher zu überragen. Ich wollte lieber mit all meinen Zweifeln und meiner Verletzlichkeit spürbarer werden. Und bei mir äußert sich das, was mich bewegt, eben ganz stark in Träumen. Es war gar nicht von vornherein gedacht, dass der Traum sich durch den ganzen Film zieht, sondern das ergab sich dann eigentlich zufällig.

Der Traum erzählt eigentlich auf eine poetische Art die Geschichte unserer Entfremdung und Wiederannäherung nach. Einerseits wäre ohne Jakob diese Vorstellung von der Hölle bei mir sicherlich nicht so präsent gewesen, andererseits war es auch Jakob, der mich im Traum nach der Befreiung aus der Hölle wieder aufgenommen und mitgenommen hat. Mit dem Traum schließt sich also auch dramaturgisch der Kreis, genauso wie am Ende des Films eine Umarmung unter Brüdern steht.

 

Interessant finde ich in dieser Hinsicht auch die musikalische Ebene des Films. Du hast hier mit einem Komponisten zusammengearbeitet, der mit der Orgel ein ausgesprochen sakrales Instrument benutzt hat. Wie kam es dazu?

Die Musik war insofern ein großes Thema, als das frühere Leben meines Bruders ausgesprochen musikalisch war. Jakob hat in einem Knabenchor gesungen, Hip-Hop gemacht, elektronische Musik aufgelegt und Klavier gespielt und wollte schon als kleines Kind unbedingt Organist werden. Ich wusste also, dass Musik ein ganz persönliches, wichtiges Thema bei ihm ist. Musik war für Jakob immer Teil von etwas ganz Großem, etwas Heiliges. Ich habe also mit meinem Komponisten, den ich für die Produktion der Filmmusik angesprochen habe, erstmal ganz viel über Jakob gesprochen und wir waren uns beide einig, dass die Musik nicht nur eine begleitende, sondern eine tragende Rolle spielen würde. Und dann wurde uns schnell klar, dass die Orgel als das größte aller Instrumente eine gute Wahl sein könnte.

 

Gleichzeitig war klar, dass es sehr spannend sein würde, die Orgel nicht wie in der christlichen, sakralen Musik zu spielen, sondern dass wir anders mit dem Instrument umgehen wollten. So spiegelt sich schließlich im Soundtrack der Clash der Kulturen und der Religionen, den Jakob Tag für Tag erlebt, ganz wunderbar wider.

Und weil wir in dieser Zeit auch noch nicht mit dem Drehen fertig waren, habe ich beschlossen, meinen Bruder einfach mal seinen großen Traum, einmal auf einer Orgel zu spielen, zu ermöglichen. Und als er dann in einer Kölner Kirche an der Orgel saß, ist dieser für mich sehr magische Moment passiert, in dem er gar nicht mehr versucht hat, irgendwelche Melodien zu spielen, sondern in dem er „seinen“ Ton gefunden hat und den einfach ganz ganz lange gespielt hat und dann dazu auch noch gesungen hat. Das war für mich ein Moment, der für mich eine Verbindung der Religionen aufzeigt. Das christliche Instrument wird von einem Muslim gespielt, so dass es klingt wie ein buddhistisches Mantra.

Für mich ist das das schönste Bild für die lange Reise, die ich mit meinem Bruder gemacht habe. Kommend von den sehr starken Regeln des Islam, über die Frage, was bedeutet eigentlich Religiosität und Glaube, bis hin zu: Wer bin ich in dieser Welt?

 

Was hat denn der Film mit Dir gemacht?

Mir fällt es generell schwer, zu Themen eine klare Meinung zu haben. Das hab ich immer auch als Defizit empfunden. Während des Filmdrehs habe ich aber gemerkt, dass es manchmal auch ganz gut sein kann, sich eine gewisse Offenheit zu bewahren und gerade bei Dingen oder Ansichten, die bei mir einen Widerstand auslösen, noch mal hinzuschauen und mich weiter damit auseinanderzusetzen. Es war gar nicht so leicht, bei meinem Bruder hinter die Hülle „Islam“ zu schauen. Aber ich bin dran geblieben und habe schließlich erlebt, wie gut es sein kann, nicht gleich über alles eine Meinung zu haben, sondern vor allem erstmal sehr genau hinzusehen.

 

Was macht denn einen guten Dokumentarfilm für Dich aus?

Es gibt ja Filmemacher, die sagen, dass ein Film nur einem selbst gefallen muss. Dieser Meinung bin ich nicht. Ich denke, dass ein guter Dokumentarfilm eine bewegende Geschichte erzählen sollte, die möglichst viel mit mir selbst als Zuschauer zu tun hat und möglichst viele Berührungspunkte bietet. Das kann bedeuten, dass sich die Zuschauer widergespiegelt finden, aber auch, wenn sie eine große Abneigung gegen das Gezeigte spüren. Wenn es einem Film gelingt, die Menschen zu berühren, dann ist es für mich ein guter Dokumentarfilm.

 

Das Interview führte Luc-Carolin Ziemann am 8. September 2016