DOK Leipzig 30. Oktober – 5. November 2017
60. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 30 October – 5 November 2017
60th International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film

Thematische Aspekte des Films

Thematische Aspekte des Films

 

Zwischen den Stühlen: junge Lehrer und der Schulalltag

Bevor angehende LehrerInnen in die Berufspraxis entlassen werden, absolvieren sie mit dem Referendariat eine Zeit, in der sie sich in einer durchaus widersprüchlichen Position befinden: Sie lehren, während sie selbst noch lernen. Sie vergeben Noten, während sie ihrerseits benotet werden. Zwischen Problemschülern, Elternabenden, Intrigen im Lehrerzimmer und Prüfungsängsten werden die Ideale der Anwärter auf eine harte Probe gestellt.

Der Dokumentarfilm ZWISCHEN DEN STÜHLEN begleitet drei junge LehramtsstudentInnen in dieser ambivalenten Zeit. Im Referendariat erfahren sie, wie es sich anfühlt, als Lehrer zu arbeiten. Sie erleben gute und schlechte Tage, das Gefühl der Ohnmacht aber auch die Freude über gutes Feedback. Sie hinterfragen ihre Ausbilder und werden von ihren SchülerInnen hinterfragt. Und sie kommen an den Punkt, an dem sie die eigene Motivation für den Berufswunsch noch einmal ganz genau unter die Lupe nehmen. 

Dabei ist es in diesem Moment – nach 4-5 Jahren Studium – eigentlich zu spät, um die Berufswahl noch einmal grundlegend zu überdenken. Nur die wenigsten Studierenden können es sich leisten, sich an dieser Stelle noch gegen den Lehrerberuf zu entscheiden und machen – manchmal wider besseres Wissen – weiter. Nicht von ungefähr sind LehrerInnen besonders häufig von Burnout betroffen. Viele Forscher, die nach den Ursachen dafür suchen, gehen davon aus, dass bis zu 40% der LehrerInnen nicht für ihren Beruf geeignet sind[1], weil sie den Anforderungen des Schulalltags psychisch oder körperlich nicht gewachsen sind.

 

Drei Überzeugungstäter: die Protagonisten

Der Regisseur Jakob Schmidt hat sich für seinen Dokumentarfilm ganz bewusst auf die Suche nach „Überzeugungstätern“ begeben. Er betont, dass er nicht von Menschen erzählen wollte, denen einfach nichts anderes eingefallen ist, sondern von Idealisten, die genau wissen, warum sie Lehrer werden wollen, die mit ihrer Berufswahl „eine eigene Agenda verfolgen“. 

So versteht sich die schüchtern wirkende Grundschullehrerin Anna Kuhnhenn als Anwältin ihrer Schüler gegen das Schulsystem, das sie als veraltet und kontraproduktiv bewertet. Alles was Spaß macht, kritisiert sie, sei verboten. Das verordnete Stillsitzen im 45-Min-Takt diene nur dazu, „verwertbares Humankapital“ zu erzeugen. Kuhnhenn will ihren SchülerInnen Freiräume verschaffen, merkt aber im Alltag auch, dass es ohne klare Strukturen sehr schwierig werden kann, eine vollbesetzte Grundschulklasse zu bändigen.

Katja Wolf hat mit ihrer Mutter, die ebenfalls Lehrerin ist, ihr großes Vorbild gleich in der Familie. An der Berliner Gesamtschule, die als „schwierig“ gilt, nützt ihr im Alltag aber auch die beste Fachdidaktik nichts, wenn die Hälfte der Schüler gar nicht erst zum Unterricht erscheint. Obwohl es der jungen Lehrerin gelingt, trotz schwieriger Bedingungen durchzuhalten, fühlt sie sich nach dem Referendariat ausgebrannt und zweifelt ernsthaft daran, ob sie ein Leben lang als Lehrerin tätig sein will und kann.

Ralf Credner scheint es als angehender Gymnasiallehrer zwar ein Stück weit leichter zu haben, hadert aber dennoch zwischendurch damit, dass seine eigenen Ansprüche und die Realität weit auseinander klaffen. Immer wieder versucht er, seine Schüler aus ihrer Lethargie zu reißen und zu begeistern, scheitert aber mehr als einmal. Vielleicht ist es auch auf seine eigene, schwierige Schullaufbahn zurück zu führen, dass er sich schließlich zunächst damit zufrieden gibt, seinen Schülern immerhin beibringen zu können, wie sie in unserer Gesellschaft überleben können.

Da die drei Referendare in verschiedenen Schulformen mit unterschiedlichen Altersgruppen konfrontiert sind, zeigt der Film ein durchaus differenziertes Bild der Schullandschaft. Tatsächlich sind die Bedingungen an den Schulen und die Unterstützung durch die betreuenden Ausbilder sehr unterschiedlich ausgeprägt.

 

Kann man das Lehren lernen: die Lehrerausbildung

Wer heute in Deutschland Lehrer werden will, durchläuft zunächst ein 5- bis 6-jähriges Studium, in dem es vor allem um die Vermittlung von Fachwissen und Didaktik geht. Die angehenden LehrerInnen studieren normalerweise zwei Fachrichtungen und werden zusammen mit Studenten, die nicht Lehrer werden wollen, unterrichtet. So sitzt der künftige Physiklehrer neben dem angehenden Forscher in der Vorlesung. Auch die Fachdozenten sind keine Pädagogen, sondern Wissenschaftler. Die Frage, wie man Kindern und Jugendlichen den behandelten Stoff vermitteln kann, wird meist ausschließlich in gesonderten Seminaren zur Fachdidaktik behandelt. Angehende LehrerInnen lernen also erstmal viel über ihr Fach und erst im zweiten Schritt, wie sie dieses Wissen vermitteln können.

Praktische Phasen, in denen die Studenten in Schulen gehen und das Unterrichten üben, sind zwar auch schon während des Studiums vorgesehen, richtig ernsthaft geht es allerdings erst im  Referendariat daran, auszuprobieren, welche Herangehensweise sich vor der Klasse bewährt. Obwohl die Referendare in dieser Zeit natürlich von erfahrenen LehrerInnen und AusbilderInnen begleitet und beraten werden, stehen sie letztlich allein im Klassenzimmer. Für viele ist dieser Moment der berühmte Sprung ins kalte Wasser. Jeder zweite Berufsanfänger gab in einer Allensbach-Studie an, dass sein Studium ihn nur unzureichend auf die Lehrertätigkeit vorbereitet habe. Für 20 Prozent von ihnen war der Start ins Berufsleben gar verbunden mit einem "Praxisschock".

Nicht umsonst bemüht eine Ausbilderin im Film die Analogie zu Menschen, die nicht schwimmen können und sich plötzlich im tiefen Gewässer wiederfinden: „Sie werden sich über Wasser halten können, aber dadurch können Sie noch lange nicht wirklich schwimmen. Denn alleine vor der Klasse zu stehen und irgendwie Unterricht zu machen, bedeutet nicht, dass sie tatsächlich auch ein guter Lehrer oder eine gute Lehrerin sind. Sie werden irgendwann drohen, abzusaufen.“

Während die Universität auf pädagogische Konzepte, gezielte Unterrichtspläne und klare Bewertungsschemata setzt, fragen sich andere, ob es stattdessen nicht vielmehr darauf ankommt, die Schüler mit der eigenen Begeisterung anstecken zu können.

 

Gibt es das Lehrer-Gen oder ist das eine Frage von Persönlichkeit und Haltung

Auch für den Regisseur Jakob Schmidt stand am Anfang seines Filmprojekts die These, dass ein guter Lehrer vor allem selbst für das brennen muss, was er weitergeben will. Führt nicht vor allem die eigene Begeisterung dazu, Jugendliche für ein Thema zu „entflammen“? Aus der eigenen Schulzeit bleiben tatsächlich am ehesten die Enthusiasten in guter Erinnerung, die mit ihrer eigenen Begeisterung alle angesteckt haben.

Doch kann diese Begeisterung einen Lehrer auch über Jahrzehnte tragen? Und was heißt das für all diejenigen, die nicht als „geborene“ Lehrer auf die Welt gekommen sind, aber trotzdem gern (und oft gut) unterrichten? Spätestens seit den Dreharbeiten hat sich Jakob Schmidt von der Idee, es gebe eine besondere Lehrerpersönlichkeit, verabschiedet. Inzwischen ist es eher eine Kombination aus Persönlichkeit und Haltung, die einen guten Lehrer ausmacht. Man kann also durchaus lernen, ein guter Lehrer zu sein, muss dabei aber immer authentisch bleiben.

Schmidt porträtiert in seinem Film drei Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen mit Haut und Haar dem Lehrerdasein verschreiben. Diese Auswahl sei allerdings keineswegs repräsentativ, stellen Studien[2] doch immer wieder fest, dass viele Lehramtsstudenten sich nur aus Mangel an Alternativen für das Studium entschieden haben.  

Dies ist besonders deshalb problematisch, weil das deutsche Schulsystem reformbedürftig ist. Schmidt betont, dass er während der jahrelangen Arbeit an seinem Film niemanden getroffen hat, der das Bildungssystem in seiner jetzigen Form wirklich befürwortet. Es herrscht Einigkeit darüber, dass das Schulsystems und die Lehrerausbildung verbessert werden müssen. Weniger klar ist allerdings, wie das geschehen soll.

 

Lebenslanges Lernen:
warum der perfekte Lehrer nicht alles wissen kann

Jenseits der Reformdebatten zeigt ZWISCHEN DEN STÜHLEN deutlich, dass der Lehrerberuf komplexe Anforderungen stellt. Lehrer müssen mehr können, als den Unterrichtsstoff verständlich vermitteln. Sie müssen mit SchülerInnen, aber auch mit Eltern kommunizieren, müssen Grenzen setzen und im gleichen Atemzug Türen öffnen. Sie müssen sowohl diplomatisch als auch unmissverständlich sein und idealerweise über genügend Selbstbewusstsein und Humor verfügen, Misserfolge nicht persönlich zu nehmen. Am besten wäre es, wenn jeder Lehrer noch dazu auf fundierte Kenntnisse der Sozialarbeit und Psychologie zurückgreifen kann, um bei notorischen Schulschwänzern, im Falle von Leistungsdruck oder Gewalt angemessen reagieren zu können.

Keiner der jungen Lehrer, die sich im vorliegenden Dokumentarfilm durchs Referendariat begleiten ließen, verfügt schon heute über all diese Fähigkeiten. Aber jede/r der drei hat das Potential, sich zu einem Pädagogen zu entwickeln, mit dessen Hilfe SchülerInnen ihre Schulzeit als wichtige, gewinnbringende Erfahrung erleben, die sie aufs Leben vorbereitet hat. Sie alle müssen, wie die SchülerInnen, die ihnen anvertraut sind, Tag für Tag dazu lernen, was es heißt, ein guter Lehrer zu sein.

Nur in wenigen Berufen ist das lebenslange Lernen so essentiell wie im Lehrerberuf. Daher sollte der notwendige Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik auch darin bestehen, dass sich PädagogInnen  auch nach dem Referendariat weiter als Lernende verstehen dürfen und sollen. Wenn die kontinuierliche Weiterbildung der PädagogInnen, die die wichtigste Ressource des Bildungssystems darstellen zur Normalität geworden ist, fühlt man sich als Lernender unter Lernenden vielleicht nicht mehr ganz so stark „zwischen den Stühlen“.

 

 

[1] „Bis zu 40 Prozent der Lehramtsstudenten seien für den Beruf eigentlich ungeeignet, meint Norbert Seibert, Professor für Schulpädagogik an der Uni Passau.“ Zitiert nach ZEIT, 23. Oktober 2014

[2] So geht ein Forschungsprojekt am Lehrstuhl für Schulpädagogik an der LMU davon aus, dass 25 % der Studierenden für den Beruf nicht geeignet sind, weil sie nur über eine geringe pädagogische Motivation, Kinder und Jugendliche zu fördern und zu unterrichten verfügen und das Lehramtsstudium eher als Notlösung betrachten (Weiß, Lerche & Kiel, 2011).