DOK Leipzig 30. Oktober – 5. November 2017
60. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 30 October – 5 November 2017
60th International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film

Zur Filmsprache

Zur Filmsprache

 

Unter Beobachtung: vom Drehen in einer Extremsituation

Über zwei Jahre wurden die angehenden Lehrer mit der Kamera begleitet. Sie alle hatten kein Problem, sich in der für sie sehr herausfordernden Situation filmisch begleiten zu lassen, stattdessen erlebten sie das kleine Filmteam wie eine Verstärkung und vergaßen die Kamera im stressigen Unterrichtsalltag schnell. Wohl wissend, dass man sich niemals wirklich „unsichtbar“ machen kann (anders als es noch die Vertreter des „Direct Cinema“ in den 1960er Jahren hofften), agierte Jakob Schmidt während der Dreharbeiten dennoch so unauffällig wie möglich, arbeitete immer mit einem minimalen Team, bewegte sich in der Klasse so selten wie möglich und griff nicht in die Situation ein, die sich vor der Kamera abspielte.

Zu den beobachtenden Sequenzen in den Klassenzimmern, auf den Pausenhöfen und in den Lehrerzimmern kommen im Film die Interviews, die er mit seinen drei Protagonisten mehrfach geführt hat. Das Interviewmaterial kombiniert Schmidt teilweise mit Film-Aufnahmen aus dem privaten Alltag seiner Hauptpersonen. So begleiten wir Anna Kuhnhenn beim Joggen, erleben die Morgenroutine im Hause Credner und einen Ostsee-Urlaub mit Katja Wolf. All dies bringt die private, menschliche Seite der Protagonisten zum Vorschein und zeigt, wie sie sich verhalten, wenn sie nicht beobachtet von Schülern und Prüfern vor der Klasse stehen.

Im fertigen Film ist nur zu erahnen, dass es neben vielen Momenten, in denen die Kamera dabei war auch Ereignisse gab, bei denen ein Dreh unmöglich war. Gerade unter einigen Seminarleitern, also den „Lehrer-Lehrern“, die ja eigentlich am längeren Hebel sitzen, hatten manche Angst, ihre Vorgesetzten könnten den Film sehen und Fehler in ihrer Arbeit entdecken. Deshalb durfte in einigen Lehrerseminaren nicht gedreht werden.

 

Der Schnitt: aus Material wird eine subjektive Erzählung

Obwohl nicht alle geplanten Aufnahmen stattfinden konnten, hatte der Regisseur nach Drehschluss mit über 300 Stunden mehr als genug Filmmaterial, um die verschiedenen Geschichten zu erzählen. Erst im Schnittprozess entschied sich endgültig, wie der rote Faden des Filmes aussehen würde.

Die Herstellung eines Dokumentarfilms, darauf legt Schmidt Wert, funktioniert letztlich wie Bildhauerei. Aus einem soliden Materialblock schält man während der Dreharbeiten und in der Montage nach und nach die Formen der Erzählung heraus. Gerade im beobachtenden Dokumentarfilm muss dafür weit mehr Material aufgenommen werden, als schließlich verwendet werden kann. Es wird quasi „auf Vorrat“ gedreht, um im Schnitt entscheiden zu können, wie die Narration aufgebaut wird.  

Im Fall von ZWISCHEN DEN STÜHLEN wurden zunächst die Hauptpersonen in einem zweistufigen Prozess ausgewählt. Schon vor Drehbeginn fand in diversen Vorgesprächen eine Auswahl statt, in der sich der Regisseur schließlich für fünf junge LehrerInnen entschied, die er durch ihr gesamtes Referendariat begleitete. Im Schnitt wurde das Personal des Films schließlich noch einmal auf drei dezimiert, weil ansonsten jede einzelne Hauptperson zu kurz gekommen wäre. Übrig blieben schließlich diejenigen Protagonisten, die für Schmidt am besten die unterschiedlichen Reibepunkte und Herausforderungen des Lehrerberufs repräsentierten. Trotz der großen Kontraste in den Persönlichkeiten der Protagonisten sei allen ihre unbedingte Liebe zum Beruf gemein. Schon diese Fokussierung macht aus ZWISCHEN DEN STÜHLEN einen, wie Schmidt sagt, „höchst subjektiven Film“. Schließlich gebe es eine große Zahl von Referendaren, denen genau diese klare Hingabe zum Beruf fehlt.

„Es ist wichtig, dass Zuschauer begreifen, dass ein Dokumentarfilm zwar die Realität zeigt, aber nicht mit der Wahrheit gleichzusetzen ist. Jeder Dokumentarfilm ist das Ergebnis einer subjektiven Sichtweise auf das Material. Was später im Film zu sehen ist, ist unsere Perspektive auf die Welt.“ Jakob Schmidt

Der filmische Rhythmus: wie Montage und Musik den Film strukturieren

Im Schnitt wird neben dem roten Faden auch der Rhythmus des Films bestimmt. Regisseur Jakob Schmidt und Cutterin Julia Wiedwald haben dafür mehrere wichtige Entscheidungen getroffen. Neben der bereits erwähnten Konzentration auf Katja, Anna und Ralf als Hauptpersonen wurde sich für eine filmische Struktur entschieden, die dem realen Ablauf des Geschehens folgt und mit der Abschlussprüfung der ReferendarInnen (und einem kleinen Epilog) endet. Es hat sich als gute Entscheidung erwiesen, diese natürliche Spannungskurve beizubehalten, gerade weil alle drei Protagonisten zwischendurch daran zweifeln, ob sie die Prüfung bestehen werden.

Ebenso richtungsweisend war die Hinwendung zu einem Humor, der nicht über die Menschen lacht, sondern über die Situationen, in denen sie sich befinden. Die Protagonisten werden zwar wiederholt in schwierigen Situationen gezeigt, doch niemals der Lächerlichkeit preisgegeben. Stattdessen wird durch die Kombination einzelner kleiner Szenen immer wieder eine Komik erzeugt, die sich eher auf die Gesamtsituation (z.B. die Einrichtung eines Lehrerzimmers oder die sich ausbreitende Müdigkeit der Referendare im Lehrerseminar) bezieht als einzelne Personen in den Mittelpunkt zu rücken.

Mehrfach wird der Fortgang der Filmerzählung auch durch Sequenzen mit deutlich erhöhter Schnittfrequenz unterbrochen, die wie eine Illustration der vorher erzählten Situationen wirken. Detailaufnahmen werden auf sehr humorvolle Weise kombiniert, so dass die Komik des Alltags voll zum Tragen kommt. Unterlegt mit minimalistischer Musik mit Xylophon und Gitarre werden alle drei Protagonisten wie in einem Schnelldurchlauf in verschiedenen Situationen gezeigt, die ohne diese Montagesequenzen möglicherweise dem berüchtigten Grundsatz „Kill your Darlings“ zum Opfer gefallen wären.

 

Kein Kommentar: das Leben selbst erzählen lassen

Schmidt wusste außerdem von Anfang an, dass er in seinem Film ohne einen begleitenden Off-Kommentar auskommen wollte. Anders als in vielen TV-Dokumentationen, in denen ein Kommentar obligatorisch ist, erzählt ZWISCHEN DEN STÜHLEN seine Geschichte nur über die Szenen selbst. Statt vorzugeben, wie die Bilder zu interpretieren sind, überlässt der Film die Einordnung des Gesehenen weitgehend den Zuschauern. Eine Nebenwirkung des Verzichts auf einen Kommentar ist die relativ wertfreie Darstellung der drei Hauptpersonen, deren Handlungen nur gezeigt, aber nicht bewertet werden. So bleibt es dem Publikum überlassen, sich über die pädagogische Eignung von Anna, Ralf und Katja auszutauschen und selbst ein Bild zu machen.

Auf diese Weise, so hofft Schmidt, kann sein Film vielleicht ein Stück weit über das Kino hinaus wirken. Indem im Anschluss an die Vorführung Diskussionen darüber entstehen, wie Schule ist und wie sie sein könnte, wäre eins der wichtigsten Ziele des Films schon erreicht.

„Ein guter Dokumentarfilm bleibt nicht auf der Leinwand, sondern ist ein Energiespender für das, was in den Leuten passiert, die ihn sich angeguckt haben. Ein guter Dokumentarfilm verändert den, der ihn gesehen hat.“ Jakob Schmidt

Folgt man dieser Hoffnung, so kann ZWISCHEN DEN STÜHLEN besonders in Schulvorführungen eine Menge Potential entfalten und hoffentlich der bereits begonnenen Diskussion darüber, wie Bildung momentan in Deutschland gehandhabt wird und wie sie aussehen könnte, neue Nahrung geben.

ANZEIGEN