DOK Leipzig 30. Oktober – 5. November 2017
60. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 30 October – 5 November 2017
60th International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film

Programm

Escaping Realities

Stell dir vor, du wachst eines Tages auf und all deine Freunde sind verschwunden. Für Martin ist diese Vorstellung Realität geworden. Unermüdlich durchkämmt er nun die Straßen der Stadt, auf der Suche nach Angel, Gaël und Luna. Doch wie real ist seine Welt wirklich? Wie real ist er selbst? Jonathan Vinel nutzt für seinen Film Martin Cries das Computerspiel Grand Theft Auto V und erzählt damit eine Geschichte über Verlust, Wut und Einsamkeit. Originalgetreue Grafik trifft auf Alptraumvision. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmt. Wer legt schon fest, was echt ist und was nicht? Und kann eine Flucht aus der sogenannten Realität nicht auch neue Freiheiten bieten?

 

Martin Cries (2017); Regie: Jonathan VinelMartin Cries (2017); Regie: Jonathan Vinel

Genau diese Fragen stellt das diesjährige Jugendprogramm ESCAPING REALITIES. Gezeigt werden Filme, deren Protagonist/innen aus dem Alltag austreten und eine neue Perspektive auf die Welt einnehmen. Andreas Hartmann begleitet in A Free Man den 22-jährigen Kei, der aus freien Stücken auf den Straßen und unter den Brücken Kyotos lebt. In der Schule noch der introvertierte Außenseiter, geht er nun darin auf, jeden Tag auf die unterschiedlichsten Menschen und Geschichten zu treffen. Die wärmenden vier Wände hat er gegen einen selbstgewählten Lebensstil ausgetauscht, die finanzielle Sicherheit gegen persönliche Freiheit.

 

A Free Man (2017); Regie: Andreas HartmannA Free Man (2017); Regie: Andreas Hartmann

Vom Aussteigen träumt auch Jose im animierten Kurzfilm von Fernando Pomares. Morning Cowboy zeigt mit viel Humor, dass es nie zu spät ist, seine Kindheitsträume zu verwirklichen. Anstatt wie sonst Anzug und Krawatte anzulegen, schlüpft Jose eines Morgens einfach in Stiefel und Weste, schnappt sich seinen Hut und spaziert als Cowboy ins Büro. Die Kleidung wird hier zum Ausdruck der eigenen Persönlichkeit.

 

Anders als beim Cosplay, bei dem das Anlegen eines Kostüms den Wechsel zu fremden Charakteren markiert. Cosplayer verändern ihr Aussehen, die Stimme und Bewegungen, um in fiktive Figuren einzutauchen. In ihrem Dokumentarfilm The World is Mine spielt Ann Oren eine junge Cosplayerin und schlüpft somit gleich doppelt in ein anderes Ich. Ihre Rolle, die junge M, zieht nach Tokyo und imitiert den virtuellen Popstar Hatsune Miku, das zierliche, blauhaarige Maskottchen einer Synthesizer-Software. Ann verschmilzt mit M und M mit Hatsune Miku.

 

Eine Cosplayerin steht vor dem Spiegel und schminkt sichThe World is Mine (2017); Regie: Ann Oren

So sehr die Realitätsflucht Unabhängigkeit und Schutz bieten kann, so sehr erfordert sie auch Mut. Das spüren vor allem die Teenager in Selma Vilhunens Hobbyhorse Revolution, deren Leidenschaft wortwörtlich ihr Steckenpferd ist. Mit Liebe zum Detail bauen sie die hölzernen Pferde selbst, trainieren mit ihnen das Parcoursreiten und veranstalten Wettbewerbe – ein Hobby, das vom Umfeld nicht immer ernst genommen wird und Angriffsfläche bietet.
Die dunkle Seite der Realitätsflucht zeigt schließlich Jonas Odells animierter Dokumentarfilm I Was a Winner, in dem drei Videospiel-Avatare auftreten. Hinter ihnen stecken Menschen, die davon erzählen, wie sie sich in der virtuellen Welt verloren und aus dem Hobby Computergaming eine Sucht wurde.

 

Das Sonderprogramm ESCAPING REALITIES richtet sich an ein Publikum ab 13 Jahren und wird kuratiert von Kim Busch, Programmkoordinatorin bei DOK Leipzig.