DOK Leipzig 30. Oktober – 5. November 2017
60. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 30 October – 5 November 2017
60th International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film

Programm

Import/Export –
Georgischer Film im Grenzverkehr

Länderfokus

Filme aus Georgien liegen im Trend. Seit einigen Jahren bekommen sie die Aufmerksamkeit von internationalen Filmfestivals und zunehmend auch von Weltvertrieben. Im Landesinneren schwelt unterdessen noch ein Generationenkonflikt, denn aufstrebende Filmschaffende wenden sich vom kulturellen Raum der ehemaligen Sowjetunion ab und wollen sich an breiteren europäischen Diskursen beteiligen. Wie werden dieser Wandel und die Ablösung von der sowjetischen Vergangenheit im Dokumentarischen reflektiert?

 

Der Länderfokus Georgien bildet die rasante Entwicklung der vergangenen Jahre ab und hinterfragt kritisch, ob sich die Machart der Filme ändert, wenn die ganze Welt auf diese zu blicken scheint.

 

The Dazzling Light of Sunset (2016); Regie: Salomé JashiThe Dazzling Light of Sunset (2016); Regie: Salomé Jashi

Die Regisseurin Salomé Jashi entwirft in The Dazzling Light of Sunset ausgehend von einem lokalen TV-Sender ein Stimmungsbild einer georgischen Kleinstadt. Jashi reflektiert dabei etwas, das in vielen der ausgewählten Filme mitschwingt: die Auseinandersetzung mit dem Selbstbild der Georgier/innen, die als modern wahrgenommen werden wollen, und dem vermeintlichen Fremdbild, das einem Vorzeige-Image zuwiderlaufen könnte. Die skateboardfahrenden Jugendlichen in When the Earth Seems to Be Light verkörpern dagegen eine universelle Jugendkultur, sind dann aber doch ganz in ihrer Region verhaftet, wenn durch abrupte Gegenschnitte auf Staßentumulte das Dahindriften der jungen Leute irritieren. Es ist offenkundig, das sich nicht nur der Filmmarkt im kaukasischen Land gewandelt hat, das ganze Land befindet sich seit 1989 im Umbruch und sucht nach einem eigenen Platz zwischen Ost und West.

 

When the Earth Seems to Be Light (2015); Regie: Salome Machaidze, Tamuna Karumidze, David MeskhiWhen the Earth Seems to Be Light (2015); Regie: Salome Machaidze, Tamuna Karumidze, David Meskhi

In den Filmen dieser sogenannten Neuen Georgischen Welle werden keine zeitgenössischen Tendenzen ausgelassen, anders als beim sowjetischen Dokumentarfilm, der viel mit suggestiver Musik und gedankenführendem Kommentartext arbeitete, um keine politisch ungewollte Interpretationen zuzulassen. Heute verwenden einige Filmschaffende beispielsweise Mittel der dokumentarischen Inszenierung und rücken in die Nähe des Spielfilms, etwa Nino Kirtadzes Don’t Breathe oder Rati Onelis Langfilm-Debüt City of the Sun. Rati Oneli fängt die schrumpfende ostgeorgische Stadt Tschiatura vor dem Hintergrund einer gewaltigen Naturkulisse ein. Wurden im umliegenden Gebirge einst Mengen an Mangan abgebaut, liegt das Bergwerk heute fast brach und hinterlässt eine geisterhaft wirkende Stadt. Bei Vakhtang Jajanidzes Exodus sind die Grenzen zwischen Dokumentarfilm und Fiktion kaum noch auszumachen.

 

Wenn Heinz Emigholz in 2+2=22 [The Alphabet] schließlich die deutsche Band Kreidler bei deren Albumaufnahmen in Tiflis begleitet und den Ort mit besonderem Blick auf die Architektur filmt, schafft er Bilder, die es so von der georgischen Hauptstadt noch nicht gegeben hat – ein wertvoller Blick von außen.

 

Begleitend zum Länderfokus gibt es eine Paneldiskussion, in dem das Aufeinanderprallen zweier unterschiedlicher Sichtweisen auf den georgischen Film thematisiert wird: der sehnsüchtige Blick des westlichen Publikums auf Geschichten osteuropäischer Länder und die zweifelnde Selbstreflexion georgischer Filmemacher/innen.

 

Der Länderfokus Georgien wurde kuratiert von Zaza Rusadze, Filmemacher, Produzent und Mitglied der Auswahlkommission von DOK Leipzig. Das Programm entstand in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung.

Mit ihrer Filmreihe „Female Gazes from Georgia – Contemporary Documentaries“ fördert die Heinrich Böll Stiftung georgische Regisseurinnen und tourt durch vier weitere Städte.


 

In Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung