DOK Leipzig 29. Oktober – 4. November 2018
61. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 29 October – 4 November 2018
61st International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Kurzinterview mit Ralph Eue

Zwei Fragen an Ralph Eue

Zwei Fragen an Ralph Eue

Was ist deine persönliche Verbindung zum Dokumentar- und Animationsfilm?


Ralph Eue: Um mit einem Geständnis zu beginnen: Ich bin ein Spätzünder, was Dokumentarfilme angeht. In meiner Kinosozialisation haben Dokumentarfilme lange Zeit eine absolut nachgeordnete Rolle gespielt. Die auf tönernen Füßen stehende Ignoranz und Arroganz aber purzelte binnen kurzer Zeit, irgendwann in den Achtziger Jahren, in sich zusammen, unter anderem als ich im Zusammenhang eines umfangreichen Dossiers für eine Zeitschrift mit Marcel Ophüls bekannt wurde. Einmal, während einer gemeinsamen Taxifahrt, erklärte er mir, dass seine Filme anscheinend klüger seien als ihr Regisseur. Zwar wünsche er es sich andersrum, aber da es nun mal so gekommen sei, wolle er sich nicht beklagen, immerhin hätte ihm das ja einen Oscar eingebracht.

Etwa zeitgleich und vermutlich aufgeschlossen durch den Zufall dieser Begegnung, andere Begegnungen: mit Lanzmanns SHOAH, mit den frühen Filmen von Romuald Karmakar, mit den späten von Richard Leacock und den mittleren von Raymond Depardon. Nicht zu vergessen die immerwährenden von Harun Farocki und Hartmut Bitomsky, Jürgen Böttcher und Volker Koepp. Von Jean-Luc Godard sowieso. Und vielen anderen außerdem.

Ähnlich aufschließendes Erlebnis in puncto Animationsfilm: eine Diskussionsveranstaltung zwischen Norman McLaren (damals 71) und Jonas Mekas (damals 63) im Harvard Filmarchive. Unauslöschlich in meine Erinnerung eingelassen die Überlegung von Mekas zur vorgeblichen Opposition zwischen Animations- und Dokumentarfilm (hier aus meiner Erinnerung zitiert): 'Ist Poesie der Prosa oder dem Sachtext entgegengesetzt? Natürlich nicht: Das sind, wenn sie gut sind, verschiedene Formen der Literatur, die parallel laufen. Ist das Lied der Symphonie entgegengesetzt? Natürlich nicht, das sind verschiedene Formen von Musik. Genauso ist es im Kino. Oder das Leben auf dem Bauernhof: Ist die Kuh dem Schaf entgegengesetzt? Das Schaf gibt Wolle, und die Kuh gibt Milch, aber sie sind einander nicht entgegengesetzt. Sie fressen von der gleichen Weide und schlafen im selben Stall.'

– Es ist eine gute Tradition von DOK Leipzig, an der Wiederbelebung solcher Zusammenhänge – sei es zwischen Tieren, Menschen oder Filmen – mit Hand anzulegen.

 

WO LIEGEN DEINE PRIORITÄTEN IM AUSWAHLPROZESS?

 

Ralph Eue: Eigentlich überfordert, den Prozess in Worte zu fassen, bis man eines Tages einem Film begegnet, bei dem alle Antworten glasklar zutage liegen: Man schaut und hört einen Film und traut zunehmend weder Augen noch Ohren noch den anderen Sinnen – und stellt fest, dass augenblickliche Gewissheit von einem Besitz ergreift, dass man überschwemmt wird, dass Untergang droht, dass man aber auch gar nichts anderes will gerade. Aber auch die Gewissheit (oder das Vertrauen): dass man später, wieder aufgetaucht, ein Anderer geworden sein wird. Das hat übrigens nichts mit 'gefallen' zu tun, noch viel größere Wucht hat das Ganze, wenn der Film einen gegen das eigene Nicht-Gefallen von der Notwendigkeit überzeugt, so sein zu müssen, wie er eben ist. Wenn einem solches widerfährt, dass man einen Film schaut und dieser auf verstörende Weise auf einen zurückblickt, dann ist das ein erleuchteter Moment.