DOK Leipzig 29. Oktober – 4. November 2018
61. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 29 October – 4 November 2018
61st International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Programmübersicht Best of Animadoc Retrospektive Robert Drew

Bestandsaufnahme ´61 - Die Welt, als sie sich teilte

Gagarin fliegt ins Weltall, Afrika wirft die kolonialen Fesseln ab, Neubaugebiete schießen aus dem Boden, Atomkraft verspricht eine strahlende Zukunft, der Ostblock schickt einen „neuen Menschen" ins Rennen  in Kuba scheitern die Amis an Fidel, während JFK zu Hause die Rassentrennung aufhebt und eine neue Ära einleitet – und in Berlin wird eine Mauer gebaut.

Das Jahr 1961 – was die Welt wirklich bewegte, als sie sich teilte. In Dokumentar- und Animationsfilmen der Zeit. Rares, Avantgardistisches, Komisches und ein paar absolute Klassiker von großen Namen der Filmgeschichte.


A People on the March


R: René Vautier
Algerien, 1963, 45:00min

Sa, 22.10. 11:30 Uhr CineStar 5


Der bretonische Filmemacher René Vautier, der seit den frühen 1950er-Jahren in Nordafrika antikolonialistische Filme drehte und produzierte und von 1961 bis 1965 Direktor des Centre Audiovisuel d'Alger war, initiierte dieses Projekt zusammen mit einer Gruppe junger Filmemacher, deren Arbeit darin bestehen sollte, einen Dialog der Bilder zwischen der französischen Armee und den algerischen Widerstandskämpfern zu führen. Erhebliche Teile der Aufnahmen wurden von der französischen Polizei konfisziert und zerstört. Dennoch verblieb den Filmemachern eine hinlängliche Menge Material, sodass sie eine erneute Montage in Angriff nehmen konnten. Was ursprünglich darauf angelegt war, Nachrichten im Wochenschau-Format zusammenzustellen und kontinuierlich auszuliefern, wurde nun zu einem in sich geschlossenen Film verarbeitet, der zum zentralen Dokument und Monument einer jungen Nation auf der Suche nach sich selbst wurde. – Eine hoffnungsvolle filmische Vision auf den Trümmern von Alpträumen. Ralph Eue

A Trip through the Kosmos


R: Krzysztof Dębowski
Polen, 1961, 10:00min

Sa, 22.10. 14:30 Uhr CineStar 5


Eine durchtriebene Mischung aus Science und Fiction. Eine Weltraumfahrt, bei der archaische Ängste, Technik-Euphorie und gesellschaftliche Utopien einander begegnen und absurde Abenteuer in der Art von Alice im Wunderland lostreten. Ein Fantasiestück darüber, was passiert, wenn man ein kleines Männlein mit solch elaborierten Phänomenen wie Transsubstantation, schwarzen Löchern und Leben aus der Retorte konfrontiert. – Möglicherweise war „Wycieczka w kosmos“ für Stanisław Lem das satirische Steckenpferd, das ihm die notwendige Erholung von seinem ebenfalls 1961 geschriebenen ernsten Roman „Solaris“ verschaffte. Ralph Eue

Actua-Tilt


R: Jean Herman
Frankreich, 1960, 11:00min

Sa, 22.10. 14:30 Uhr CineStar 5


Ein Meisterwerk der Montage mit rasant wechselnden Bildern von Flipperautomaten, Reklamedarstellungen und melancholischen Einsamkeitsimpressionen. – Ein Blick vom Anfang der 1960er-Jahre in die Zukunft: „Anno 1965, oder auch früher“, so kommentierte der Regisseur Jean Herman seinen Film anlässlich der Ur-Aufführung 1961 bei den Westdeutschen Kurzfilmtagen in Oberhausen: „Man verspricht uns, einen Menschen auf den Mond gelangen zu lassen. Man wird auch gewiss dort landen – der Mensch, der Wissenschaftler. Aber gehört nicht zu solchem sprunghaften Fortschritt, solchen monströsen Wagnissen auch der gelegentliche Gedanke an eine bevorstehende Katastrophe? Die Vor-Zeichen umgeben uns längst.“ – Eine Abrechnung mit der Fortschrittsgläubigkeit der frühen 1960er-Jahre, ein präzises, kühles Stück Zivilisationskritik voller Pessimismus. Ralph Eue

Aktuelle Kamera – Hauptausgabe 15.8.1961



DDR, 1961, 1:00min

Di, 18.10. 20:00 Uhr CineStar 6



Alarm


R: Antonín Horák
CSSR, 1962, 11:00min

Fr, 21.10. 17:30 Uhr CineStar 6


Eine Strandidylle in der Sommerhitze. In Sichtweite davon ein Wachturm. Zwei Grenzsoldaten, die sich die Zeit vertreiben, indem sie das hübsche Treiben beobachten. Außerdem, draußen auf dem Wasser, ein Fischer und sein Sohn, die ihrem Handwerk nachgehen. Und schließlich: ein ebenso aufgeregter wie hochrangiger Militär. Er bringt ein bisschen Zackigkeit in die Sache: Friede? Ha! Das kann nur eine Provokation sein. Womöglich ein perfider Trick des Feindes? Und siehe da: Plötzlich ragt ein rätselhaftes Teleskop aus dem Wasser auf. Ein Spionage-U-Boot? Aber ja, was sonst! Eine Leuchtrakete, die „Alarm“ in den Himmel schreibt, bringt einen riesigen Verteidigungsapparat in Stellung. – Man könnte sich zu der Spekulation versteigen, dass Nena diesen Puppentrickfilm als Kind gesehen und aus der verschwommenen Erinnerung daran ihren Song „99 Luftballons“ geschrieben hat. Silberne Taube Leipzig 1962. Ralph Eue

Algeria, the Year Zero


R: Marceline Loridan-Ivens
Frankreich, Algerien, 1962, 33:00min

Sa, 22.10. 11:30 Uhr CineStar 5


Die algerische Bevölkerung durchlebt in den ersten Monaten der Unabhängigkeit Tage der Euphorie, in die sich immer wieder Schmerz mischt, wenn Verdrängungen aus 30 Jahren Kolonialherrschaft und sieben Jahren bewaffnetem Kampf an die Oberfläche der Erinnerung gespült werden. Auch Zweifel werden geäußert, ob die Zukunft wirklich so strahlend werden könne, wie man es sich trotz allem erhofft. – 1965 erhielt Marceline Loridan für „Algérie année zéro“ den Großen Preis des Leipziger Festivals. – Bruno Muel, der Kameramann, der 1956–58 selbst als junger Soldat in Algerien stationiert war, bezeichnete diesen Film als seinen persönlichen Sieg über den Horror, die Lüge und das Absurde dieses Kriegs. Ralph Eue

Chronical of a Summer


R: Jean Rouch
Frankreich, 1961, 85:00min

Mi, 19.10. 14:30 Uhr CineStar 6


Vorstellungen von Glück – wie sie gewöhnliche Leute im Pariser Sommer von 1960, zur Zeit des ausgehenden Algerienkrieges, zu formulieren und zu praktizieren versuchen. Vorangegangene soziologische und psychologische Studien bildeten die Basis des Projekts – die Montage der dazu realisierten kurzen Interviews auf der Straße zeigt, wie umstandslos Umfrageergebnisse manipuliert werden können. In „Chronique d’un été“ kam zum ersten Mal der Kamera-Prototyp Éclair Coutant KMT zum Einsatz, ein sehr leichtes Gerät mit synchroner Tonaufnahme. In direktem Zusammenhang mit diesem Film wurde der Name „Cinéma Vérité“ erfunden. Die Bezeichnung für diese Spielart des Dokumentarischen ist oft simplifiziert und gern missinterpretiert worden: Im Kern bedeutet sie genau nicht das naive Aufzeichnen einer vermeintlich offen zutage liegenden Wirklichkeit oder gar Wahrheit, sondern die Entwicklung eines Sensoriums für die Fallen, in die solch naives Tun gern tappt. Nicht zuletzt ist dies der Film, in dem die junge Marceline Loridan als Protagonistin in Erscheinung tritt und Joris Ivens auffällt – später wird sie an seiner Seite wie auch selbst als Regisseurin hinter der Kamera stehen. Ralph Eue

Crisis


R: Robert Drew
USA, 1963, 52:00min

Fr, 21.10. 14:30 Uhr CineStar 6


Mit beachtlichem Produktionsaufwand wird dem Konflikt zwischen der Kennedy-Regierung und dem wahnwitzigen Südstaaten-Demokraten George C. Wallace, Gouverneur von Alabama, filmisch nachgespürt. Zentraler Konfliktpunkt: die Zulassung zweier schwarzer Studenten zur Universität. Es geht um Mechanismen der Macht hinter den Kulissen, um den jeweiligen politischen Stil und die zur Verfügung stehenden Alternativen. Dokument und Monument des politischen und medialen Erregungsklimas der frühen 1960er-Jahre. Ralph Eue

Darkness after Dawn


R: Róbert Bán
Ungarn, 1961, 10:00min

Mi, 19.10. 14:30 Uhr CineStar 6


Bewundert wird Jurij Gagarin, geschwärmt für Gina Lollobrigida und gesungen von Rum und Coca Cola auf Trinidad. Unterdessen überzieht der Ku-Klux-Klan die USA mit rassistischem Terror, De Gaulle und der Algerien-Krieg beherrschen die Aufmacher der internationalen Presse und der Twist erobert die Dance-Floors der Welt. – Wenn es entsprechend dem Genre der Wochenschau so etwas wie die Jahresschau gäbe, und wenn eine solche quer zu allen journalistischen Ressorts funktionierte, also die Absicht verfolgte, ein triftiges Bild von der Fülle einer Zeit zu geben mit ihren Berühmtheiten und Gebrauchsartikeln, Gesten und Haltungen, Parolen und Schlagzeilen, dann wäre „Darkness after Dawn“ dafür das Paradebeispiel. Ein Film, dessen Bilder und Töne einander wie in einem Magnetfeld anziehen oder abstoßen. Großartige Montagekunst, die fotografische Momentaufnahmen virtuos zueinander in Beziehung setzt und darüber den Zusammenhang eines vielfältigen Ganzen skizziert. Ralph Eue

Death to the Invader


R: Tomás Gutiérrez Alea
Kuba, 1961, 16:00min

Do, 20.10. 16:30 Uhr CineStar 5


Für die kubanische Wochenschau Noticiero ICAIC Latinoamericano unter der Leitung von Santiago Álvarez drehte Tomás Gutiérrez Alea 1961 zusammen mit Jorge Fraga den kurzen Dokumentarfilm „Muerte al invasor“ über die gescheiterte Invasion der Exilkubaner in der Bahía de Cochinos (Schweinebucht) im April 1961. – Ein parteilicher Film: Alea war als Freiwilliger bei der Verteidigung gegen die Invasoren beteiligt. In einem Interview kurz vor seinem Tod erzählte der Regisseur: „In den ersten Jahren nach der Revolution war unsere Wirklichkeit sehr bewegt, sehr reich an Ereignissen, an gewaltigen Veränderungen. Man brauchte nur die Kamera zu nehmen, auf die Straßen zu gehen und loszudrehen. Da konnte man ein vitales, direktes, organisches Kino machen. Die Wirklichkeit lieferte alles und forderte den Dokumentaristen heraus.” Der Film war einer der Beiträge, wegen derer die Leipziger Annalen später vermerkten, das gesamte 1961er Festival hätte „im Zeichen der kubanischen Filme“ gestanden, wobei die radikalen linken Positionen der Kubaner oft in Widerspruch zur offiziellen Festivalpolitik gerieten. Santiago Álvarez prägte mit seiner expressionistischen Bildsprache Generationen von Regisseuren und blieb dem Festival bis zu seinem Tod 1998 in Freundschaft verbunden. Ralph Eue

DEFA Augenzeuge 34/1961



DDR, 1961, 10:00min

Di, 18.10. 20:00 Uhr CineStar 6



DEFA Augenzeuge 34/1966



DDR, 1966, 7:00min

Di, 18.10. 20:00 Uhr CineStar 6



DEFA Augenzeuge 35/1961



DDR, 1961, 6:00min

Di, 18.10. 20:00 Uhr CineStar 6



DEFA Augenzeuge Schnittreste



DDR, 1961, 14:00min

Di, 18.10. 20:00 Uhr CineStar 6



Don Quixote


R: Vlado Kristl
Jugoslawien, 1960, 10:00min

Fr, 21.10. 17:30 Uhr CineStar 6


Dem anonymen Massenmenschen droht (!) Rettung durch einen einzelnen Fantasten. Vlado Kristl zeigt in seinem Film ein Gewimmel motorisierter Massenmenschen, die er mit spitzer Feder, in Fahrzeugen unterschiedlicher Art und Größe, auf horizontalen, vertikalen und diagonalen Fließbändern unter fortwährendem Brummen und Tosen hin- und herschiebt, bis Don Kihot, ein blechern klapperndes Männlein, gegen das Heer der Motorisierten antritt. Theodor Kotulla in einer zeitgenössischen Kritik: „Der einsame Individualist (Kristls Ideal) gegen die feindliche Masse der Konformisten (Kristls Realität).“ Dem latenten Aggressionstrieb der Vielen ist jetzt seinerseits ein Ziel gegeben: der Einzelne von der traurigen Gestalt. – Keine bündige Erzählung vom Triumph der Poesie, eher die vitale Nutzung der Chance, die man nicht hat. Ralph Eue

Each Day Has Its Name


R: Juraj Jakubisko
CSSR, 1961, 14:00min

Fr, 21.10. 17:30 Uhr CineStar 6


Das Pathos der viel beschworenen Geburt einer neuen Zeit mit ihrer Ikone Gagarin trifft hier auf eine Buñuel'sche Bilderwelt jenseits des Realismus und erscheint schließlich so absurd wie diese. – In freudiger Erwartung der Zukunft? Die Gegenwart jedenfalls befindet sich noch in eisiger Umklammerung der Vergangenheit. Surrealer Verweigerungsdiskurs gegenüber positivistischen Sirenengesängen. Ralph Eue

Fox Tönende Wochenschau 77/1961



BRD, 1961, 10:00min

Di, 18.10. 20:00 Uhr CineStar 6



Fox Tönende Wochenschau 77/1962



BRD, 1962, 7:00min

Di, 18.10. 20:00 Uhr CineStar 6



Fox Tönende Wochenschau 78/1961



BRD, 1961, 6:00min

Di, 18.10. 20:00 Uhr CineStar 6



Gypsies


R: Sándor Sára
Ungarn, 1962, 19:00min

Fr, 21.10. 14:30 Uhr CineStar 6


Zigeuner wohnen mit ihren Familien in ärmlichen, unhygienischen Erdhütten. Sie thematisieren unzureichende Arbeitsmöglichkeiten und ihre mangelnde gesellschaftliche Gleichstellung. Ärzte besuchen das Lager und stellen fest, dass ein hoher Prozentsatz der Bewohner unterernährt und krank ist. Kinder gehen in ärmlicher, abgerissener Kleidung zur Schule und sind beim Zurückgehen in die Trostlosigkeit des Lagers von der Hoffnung auf ein besseres Leben erfüllt. – Beobachtung von Mechanismen der Diskriminierung in einem gesellschaftlichen Zusammenhang, der doch wesentlich auf Abschaffung solcher Ungleichbehandlung gründet, und zugleich eines der ersten osteuropäischen Dokumente mit den Methoden des Direct Cinema. Ralph Eue

I am Eight Years Old


R: Yann Le Masson
Frankreich, Algerien, 1961, 10:00min

Sa, 22.10. 11:30 Uhr CineStar 5


„J’ai huit ans“ betrachtet das damalige Besatzungs- und Kriegsgeschehen in Algerien allein durch die Aussagen und Zeichnungen von geflüchteten algerischen Kindern, die in Tunesien Zuflucht fanden. – Viel Feind, viel Ehr: „J’ai huit ans“, ebenso militant wie anrührend, gilt als frühes Meisterwerk eines „Parallelen Kinos“. Mit ihrem kleinen Film sahen sich die Filmemacher unversehens als Feinde der französischen Armee und des französischen Staates angeklagt. „J’ai huit ans“ wurde am 10. Februar 1962 erstmals heimlich vorgeführt, die Kopie danach beschlagnahmt. Die Zeitschrift Partisans wurde konfisziert, weil sie den Kommentartext abgedruckt hatte, das Filmmagazin Positif abgemahnt, weil es eine Kritik veröffentlichen wollte. Der Film sollte einfach zur Nicht-Existenz verdammt werden. Das strikte Verbot jeglicher öffentlicher Vorführung bestand bis 1974. Ralph Eue

Kahl


R: Haro Senft
BRD, 1961, 12:00min

Sa, 22.10. 14:30 Uhr CineStar 5


Kurz nach der Gründung des bundesrepublikanischen Ministeriums für Atomfragen wurde die AEG mit dem Bau eines ersten deutschen Kernversuchsreaktors nahe dem unterfränkischen Kahl beauftragt. „Kahl“, der als Nebenprodukt eines doppelt so langen Auftragsfilms für das Unternehmen AEG entstand, ist zugleich eine Reportage über die Zeit von 1958 bis 1961, also die Frühzeit einer Technologie, die sich damals noch ohne gesellschaftlichen Gegenwind als saubere Zukunftslösung feiern konnte. Der allfälligen Euphorie begegnete „Kahl“ mit skeptisch-distanzierter Anschauung des Bauprozesses. – „Kahl“ wurde 1961 als erster bundesdeutscher Kurzfilm für den Oscar nominiert. Ralph Eue

Labyrinth


R: Jan Lenica
Polen, 1961, 14:00min

Sa, 22.10. 14:30 Uhr CineStar 5


Aus einem bedrohlich schwarzen Himmel stößt Ikarus, der letzte Mensch, auf die Stadt herab. Er entledigt sich seiner Flügel und beginnt, die Straßenschluchten zu erforschen, auf der Suche nach einem Wesen, das ihm gleicht. Aber wer dort lebt, hat kaum noch Menschenähnlichkeit: Eine Robbe mit Zylinder holpert hilflos des Wegs. Behoste Beine tragen einen Reptilienrumpf, ein Zylinderhut sitzt auf einer Robbe und ein Professorenkopf auf einem kuriosen Roboter. Ikarus ist in die Welt der Körperfresser und alptraumhaften Mutationen geraten. – Viel finstere Ahnung steckt in diesem Film und wird transformiert in eine klare poetische Vision: Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war! – Martin Ripkens in einer zeitgenössischen Kritik: „Kein Realfilm kann kräftiger vom Atem Kafkas durchweht sein, und das vor allem macht Lenicas Einmaligkeit aus: dass er den Zeichentrickfilm bedingungslos von jedem Odium der Behäbigkeit befreit hat.“ – 1964 kam „Labirynt“ als Vorfilm zu Andrej Tarkovskijs „Iwans Kindheit“ in die bundesdeutschen Kinos. Ralph Eue

Love Exists


R: Maurice Pialat
Frankreich, 1960, 21:00min

Sa, 22.10. 14:30 Uhr CineStar 5


Anfang der 1960er-Jahre wandelten sich viele provisorische Barackensiedlungen an den Stadträndern (Bidonvilles) zu einem zusammenhängenden Kranz aus Neubausiedlungen rund um die Innenstädte (Banlieues). Das Wort Satellitenstadt bekam 1961 einen Eintrag im Duden. Nie zuvor wurde so viel umgezogen. Im Spielfilm wie im Dokumentarfilm. Im Westen wie im Osten. Im Norden wie im Süden. – „L’amour existe“ beginnt als melancholische Erinnerung an eine Jugend in der Vorstadt, wandelt sich dann aber zu einer scharfen Beschreibung von Elend und Verfall in modernistischen Architekturklötzen: ein früher, großer Entwurf zur Gesellschaftskritik der 1960er-Jahre. Ralph Eue

Passion


R: Jiří Trnka
CSSR, 1961, 9:00min

Fr, 21.10. 17:30 Uhr CineStar 6


Ein kleiner Junge traktiert sein Spielzeugauto mit technischem Ehrgeiz. Er baut ein Federwerk ein, damit es schneller fährt. Die Feder springt und landet auf seiner Nase. Später frisiert er auch Tretroller, Fahrrad und Motorrad. Der Geschwindigkeitsrausch hat ihn fest im Griff. All seine Basteleien aber enden schlimm und schlimmer. Ein Unfall folgt auf den anderen. Der letzte ist tödlich. Die Seele fliegt gen Himmel und versucht, auf ihrer Bahn noch einen Sputnik zu überholen. – Die Hybris des Homo technicus bis zum bitteren Ende durchdekliniert. Ralph Eue

Playthings


R: Kazimierz Urbánski
Polen, 1962, 7:00min

Fr, 21.10. 17:30 Uhr CineStar 6


Wenn die Entfesselung der Produktivkräfte zur Selbstermächtigung des menschlichen Destruktivpotenzials wird: Von Raubzügen mit Pfeil und Bogen über den Stellungskrieg von Blechbüchsenarmeen zur Explosion der Nuklearbombe und danach wieder in die Steinzeit. – Sind Waffen des Menschen liebstes Spielzeug und Krieg nur ein Spiel? Ist jegliches Rüsten nur eine Reaktion auf die Rüstung des Feindes? Oder verschafft es einfach nur den großen Kick? Und wieso sollten rote Knöpfe, wenn sie schon mal da sind, nicht auch mal gedrückt werden? Oder diese ganzen Panzer – welche Verschwendung, sie völlig ungenutzt rumstehen zu lassen? Eine wunderbar groteske Lesart der Menschheitsgeschichte. Ralph Eue

Prefabricated Houses


R: Jiří Menzel
CSSR, 1960, 6:00min

Fr, 21.10. 17:30 Uhr CineStar 6


Die Lösung des Wohnungsproblems war eine der Schlüsselfragen des „realen Sozialismus“. Wie eine Utopie verkommt, wurde in kaum einem Land schon so zeitig filmisch aufgearbeitet wie in der ČSSR: Neubautristesse, Impressionen aus der Vorstadt. Die Unwirtlichkeit der Städte ist nicht nur ein Phänomen kapitalistischer Urbanistik. Schwere Musik. Wohnblocks schauen dich an, niemand schaut zurück. Hier und da spielen Kinder. Der Wind trocknet Wäsche. Wenn es Abend wird, verschwinden auch die Kinder. Die Bettenburg rüstet sich für die Friedhofsruhe der Nacht. Ralph Eue

SFB Abendschaumaterial 13.8.1961



BRD, 1961, 5:00min

Di, 18.10. 20:00 Uhr CineStar 6



SFB Drehmaterial Auszüge



BRD, 1961, 5:00min

Di, 18.10. 20:00 Uhr CineStar 6



The Hall of Lost Steps


R: Jaromil Jireš
CSSR, 1960, 11:00min

Sa, 22.10. 14:30 Uhr CineStar 5


Der Holocaust und Hiroshima, ein junges Paar im Sommerglück, Leichenberge und „Lili Marleen“, ein Atompilz in der Sahara und die Stimmen lachender Kinder, Tickermeldungen und Zahlen. Eine Bahnhofshalle voller Menschen, von denen am Ende nur das Echo ihrer Stimmen bleibt – so wie die Schatten von Atombombenopfern noch zu sehen sind, wenn ihre Träger längst ausgelöscht sind. Das Trauma einer unvorstellbar zerstörerischen Kraft und einer realen Gefahr in einer expressiven Bild- und Toncollage. – Zugleich ein Film, dessen formaler Treibstoff das Diktum Godards ist, dass ein Film Anfang, Mitte und Ende brauche, aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Ralph Eue

They Called Me Teacher


R: Jorge Fraga
Kuba, 1961, 18:00min

Do, 20.10. 16:30 Uhr CineStar 5


Die Ausbildung von jungen Leuten in den Bergen zu ambulanten Lehrkräften. – Das Vorhaben, eine neue Art von Bildung für alle zu installieren, ist kein einfaches Unterfangen. In Fragas Film geht es aber nicht um strahlende Helden, die eine große abstrakte Parole vertreten, um sie widerborstigen konkreten Gegebenheiten überzustülpen. Stattdessen: einfache Protagonisten, die in kleinen Schritten, nämlich provisorisch und in einem Prozess der ständigen Justierung, Fertigkeiten weitergeben, die aus dem Leben kommen und für das Leben taugen sollen. – In einer zeitgenössischen Kritik schrieb der kubanische Filmkritiker Julio García Espinosa: „Was uns (wie offensichtlich auch die Autoren) an diesem Geschehen beeindruckt, dass ganz gewöhnliche junge Leute ein solches Leben führen, das sie nicht das grandiose Ideal neuen Gesellschaft wie einen Slogan vor sich hertragen, sondern dass sich Geschichte in ihnen verwirklicht wie eine klare und alltägliche Aufgabe.“ Ralph Eue

Travel Notebook


R: Joris Ivens
Kuba, Niederlande, 1960, 34:00min

Do, 20.10. 16:30 Uhr CineStar 5


1960 folgte Joris Ivens der Einladung, am Instituto Cubano del Arte e Industria Cinematográficos (ICAIC) in Kuba zu unterrichten und einen Film mit den Studierenden zu drehen. Dabei entstanden ist „Carnet de viaje“, ein filmischer Brief aus Kuba, der einen Eindruck von der ersten Zeit der Insel nach der Revolution zu geben versucht. Der Film zeigt das alltägliche Leben kubanischer Bauern, von Volksmilizionären, Arbeitern auf den Zuckerrohrfeldern und jungen Filmemachern der ICAIC. – Ivens widmete diesen Film Charlie Chaplin, nach dem in Havanna auch der neue Filmclub benannt wurde. Ralph Eue

Variations on a Theme


R: István Szabó
Ungarn, 1961, 11:00min

Fr, 21.10. 17:30 Uhr CineStar 6


Ein filmisches Essay in drei Teilen: „Objektiv“, „Mit Erschrecken“ und „Welch gellender Schrei“. Wie artikuliert sich Kriegslust, wie wird sie antrainiert und wie dringt militaristisches Gedankengut, einem schleichenden Gift gleich, erst unmerklich, dann immer massiver ins Innere einer eigentlich friedliebenden, aber überwiegend gleichgültigen Gesellschaft. Alle waren dabei, aber keiner hat’s gesehen oder gehört. Ralph Eue

Verstummte Stimmen


R: Roger Fritz
BRD, 1962, 12:00min

Di, 18.10. 20:00 Uhr CineStar 6



Wenn ich erst zur Schule geh


R: Winfried Junge
DDR, 1961, 13:00min

Fr, 21.10. 17:30 Uhr CineStar 6


1961 war in der DDR nicht nur das Jahr des Mauerbaus, sondern auch der Einführung der zehnklassigen allgemeinen Schulbildung auf dem Land. Kameramann Hans Dumke dokumentierte beides, im Verlauf weniger Tage. Die „Kinder von Golzow“ sollten mit dem Schöpfer der gleichnamigen Langzeitbeobachtung, Winfried Junge, später Filmgeschichte schreiben. Hier begegnen sie sich zum ersten Mal. Einschulung, die ersten Schultage. Das spielerische Erlernen des ersten Buchstabens. Konflikte zwischen dem Wollen und dem Müssen. „Lernen macht Spaß“, steht auf dem Schulgebäude. Der Regisseur beobachtet, wie sich die Kinder allmählich und nicht ohne Mühen in den neuen Alltag einfinden: Jürgen, der seinen Blick schweifen lässt und eine Katze am Fenster beobachtet, Jochen, der müde seinen Kopf auf die Schulbank legt, und Marieluise, die ihre Tränen nicht unterdrücken kann. – So begann der Weg zu „allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeiten“. Ralph Eue

Why the Rebel Army Was Born


R: José Massip
Kuba, 1960, 18:00min

Do, 20.10. 16:30 Uhr CineStar 5


Ein Rückblick auf die Lage der kubanischen Bauernschaft unter der Diktatur von Fulgencio Batista: Sabotagegruppen lehnen sich gegen die Zuckerbarone auf. Aus den isoliert operierenden Widerstandsgruppen heraus entsteht die Revolutionsarmee, die die Maßnahmen der Land- und Agrarreform stützt. – „¿Por qué nació el Ejército Rebelde?“ wurde wie auch „Muerte al invasor“ und „Y me hice maestro“ stumm gedreht, sodass der Filmmusik entscheidende erzählerische und kommentierende Funktion zukam. Ralph Eue