DOK Leipzig 29. Oktober – 4. November 2018
61. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 29 October – 4 November 2018
61th International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Programm

Bildelektrik. Das Kino von Jay Rosenblatt

Die Filme von Jay Rosenblatt aktivieren die Sinne des Betrachters und fordern vielmehr heraus, als dass sie überzeugen wollen. So nähert sich der US-amerikanische Filmemacher in seiner wohl bekanntesten Arbeit Human Remains mithilfe von banalen Alltagszenen den größten Diktatoren des 20. Jahrhunderts an. Bearbeitete Archivbilder zeigen Hitler, Stalin oder Mao im privaten oder gar intimen Rahmen. Über eingesprochene Tagebucheinträge – zum Teil auf Dokumenten beruhend, zum Teil fiktiv - erfährt man von ihren Essensvorlieben oder der Lieblingsnichte. Der Filmemacher grenzt die Gräueltaten nicht als das Teuflische, Andere ab, sondern rückt sie auf verstörende Weise in unsere Nähe.

 

Human Remains (1998); Regie: Jay RosenblattHuman Remains (1998); Regie: Jay Rosenblatt

Der Umgang mit Archivmaterial ist ein zentrales Element des experimentellen Filmemachers, der mit einem Teil seiner Werke in der ständigen Sammlung des MoMA New York vertreten ist. Rosenblatt nutzt unterschiedlichste Quellen, wie z.B. Bildungs-, Amateur- oder Industriefilme. Indem er diese aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang nimmt, setzen seine Werke neue Bedeutungen frei. Sein Filmessay The Smell of Burning Ants reflektiert beispielsweise die Erwartungen an heranwachende Jungen. Diese malträtieren Insekten und müssen sich in einer gewaltvollen Umgebung behaupten, weil sie qua Geschlecht nicht als weinerlich, also mädchenhaft, gelten sollen. Rosenblatt, der vor seiner Laufbahn als Filmemacher als Therapeut gearbeitet hat, gelingt es mit seinen Filmen, dass man beim Betrachten auf sich selbst zurückgeworfen und mit den eigenen Gefühlen konfrontiert wird. In seinen kunstvollen Collagen gibt es stets Sequenzen, die irritieren, eher schräg zu den naheliegenden Erwartungen stehen und genau deswegen innere Prozesse auslösen.

 

Phantom Limb (2005); Regie: Jay RosenblattPhantom Limb (2005); Regie: Jay Rosenblatt

Häufig befragt der Filmemacher in seinen Werken auch sich selbst. Eine ganze Werkgruppe dreht sich um sein Familienleben. In diesen Arbeiten rückt er humorvoll und ironisch seine Rolle als Vater und den dadurch veränderten Alltag ins Zentrum, der zeitweise nicht mehr viel mit Filmemacherei zu tun hat. Folgerichtig heißt dann auch ein Werk I Used to Be a Filmmaker. The Phantom Limb ist dagegen eine Auseinandersetzung mit dem frühen Tod seines Bruders, in der er das Schweigen der Familie und seine eigenen Schuldgefühle verhandelt und die zurückbleibenden Erinnerungen als Phantomschmerz ausmacht. Sein Hintergrund als jüdischer Filmemacher tritt unter anderem in Four Questions for a Rabbi zutage, worin er sich nicht scheut auch provokante Fragen zum Stand der jüdischen Identität zu stellen.

 

Die Hommage wurde kuratiert von Ralph Eue, Filmwissenschaftler sowie Programmer von DOK Leipzig. Begleitet wird das Programm durch eine Meisterklasse, in der Jay Rosenblatt Einblicke in seine Arbeitsweisen geben wird. Zudem ist er Juror des Next Masters Wettbewerbs und gestaltet exklusiv den Festivaltrailer.