DOK Leipzig 29. Oktober – 4. November 2018
61. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 29 October – 4 November 2018
61st International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Retrospektive

Retrospektive: 68. 
Eine offene Partitur

Mickey Mouse in Vietnam. Regie: Lee Savage

1968 ist vielmehr als eine bloße Jahreszahl. 1968 steht für eine Bewegung, für viele Einzelbewegungen, die Großes vorhatten. 50 Jahre sind nun vergangen – und deshalb soll heute der Blick auf jene Jahre um 1968 gerichtet werden, welche die Film- und Zeitgeschichte maßgeblich mitgeprägt haben.

 

„Mit unseren Programmen wollen wir zeigen, dass in der Zeit ‚um 1968‘ eine große Zahl von Dokumentar- und Animationsfilmen entstanden ist, die wie Seismographen funktionierten“, so Ralph Eue, Kurator der Reihe RETROSPEKTIVE: 68. EINE OFFENE PARTITUR und Programmer von DOK Leipzig. „Sie zeigten sozial- wie kultur- und mentalitätsgeschichtliche und nicht zuletzt auch medienhistorische Umbrüche an, begleiteten sie, ja provozierten sie gelegentlich sogar.“ Statt auf die Zentren der Revolte – Berlin, Frankfurt, Paris – zu schauen, möchte DOK Leipzig mit dieser Retrospektive das Hinterland von „68“ erkunden: Was tat sich in der Provinz? Wie war an den geografischen Rändern das Echo der Unruhen zu hören?

 

In sieben Programmen widmet sich die Retrospektive, gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der 68er-Kultur und ihrem Verlangen nach einem neuen Kino, das inhaltliche wie auch formale Umbrüche mit sich brachte. Wo liegt der Fokus des Blicks, wo der unscharfe Rand? Wer hat eigentlich das Recht, was zu berichten? Und müsste nicht das bisher Unerzählte dazu beitragen, das bisher Erzählte in Frage zu stellen? Solche Fragen platzten im Filmschaffen der Zeit um 1968 wie eine reife Frucht auf.

 

68 lieferte mit Vietnam, sexueller Befreiung und der Entstehung von Subkulturen nicht nur neue Themen für Film und Fernsehen, sondern führte auch dazu, traditionelle Formen der Produktion, Distribution und Rezeption von Filmen zu hinterfragen. Dadurch mussten sich bestehende Strukturen verändern, Institutionen wandeln.

 

In der Retrospektive werden die zentralen Themen von 68 – der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag und der Vietnamkrieg – nur zweimal explizit in den Blick genommen. „Stattdessen arbeiten wir an einer vorsätzlichen Dezentralisierung, ja Aufsplitterung der Perspektiven, um darüber die Brüchigkeit der damaligen Ordnungen in Szene zu setzen“, so Ralph Eue.

 

Filmemacher wie Klaus Wildenhahn wendeten den großen Ereignissen gern den Rücken zu und konzentrierten sich lieber darauf, was abseits der Brennpunkte passierte: So in Der Reifenschneider und seine Frau, in dem eine große Anti-Nixon-Demonstration in Berlin nur leise aus der Ferne zu hören ist. Ebenso sind die Revolten dieser Zeit in Marion Zemanns Des Lebens Wunderhorn über eine junge Bäckereiarbeiterin in Ulm nur am Rande spürbar. In Pasolinis The Sequence of the Paper Flower (Love and Anger) aus dem Episodenfilm Amore e Rabbia tanzt ein junger Hippie mit einer Papierblume ‚bewaffnet‘ durchs belebte Rom, wobei die Wirklichkeit der Nachrichten über monochrome Doppelbelichtungen aggressiv in den Film hineinragt.

 

Immer wieder geht es in der Retrospektive um Sexualität und Genderfragen, mitunter thematisiert im Begriff des „Expanded Cinema“, worin der traditionelle Raum des Kinos grundsätzlich in Frage gestellt wird. Gezeigt wird deshalb die Dokumentation von Valie Exports legendärer Tapp und Tastkino-Straßenperformance oder auch Exprmntl 4 Knokke von Claudia von Alemann und Reinhold E. Thiel, die darin ihre Eindrücke vom Festival für experimentellen Film im belgischen Knokke festhielten. Darüber hinaus wird auch die aufregende Parallelgeschichte zwischen den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen und DOK Leipzig in einem Programm der Retrospektive untersucht. Tobias Hering und Andreas Kötzing haben dafür Filme aus den Jahren 1968/69 ausgewählt, die von der Geste des Boykotts inspiriert sind, gar von Verweigerungen, Ausweichmanövern und Retourkutschen.

 

Die 68er-Bewegung wird auch in einer Matinee in Kooperation mit dem Sächsischen Staatsarchiv aufgegriffen und in einem Podiumsgespräch vertieft und kontextualisiert.

ZUR FILMLISTE

 

Alle Filme der Retrospektive im Überblick >>

 

Die Termine und Uhrzeiten der Kinovorführungen veröffentlichen wir mit dem gesamten Filmprogramm am 10. Oktober.


 

Die Retrospektive wird gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.