DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 28 October – 3 November 2019
62nd International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Retrospektive

Retrospektive: BRDDR. Wechselblicke auf 40 Jahre deutsche Doppelstaatlichkeit

DER WIRTSCHAFTSWUNDERBAUM, CDU Wahlwerbespot
„Nichts steht mehr, keiner lebt mehr.“ Die Decke des Hitler-Bunkers wird im August 1988 gesprengt. Auch vom Theater des Jüdischen Kulturbunds steht kein Stein mehr. Eduard Schreibers SPUREN (1989) erforscht, was noch übrig ist vom Weltkrieg, vor allem aber, was nicht mehr übrig ist.
 
Mit der Retrospektive wendet sich DOK Leipzig den vier Jahrzehnten zwischen NS-Diktatur und Wende zu, in denen zwei deutsche Staaten existierten: eine Ära, die durchzogen ist von Zukunftsenthusiasmus und Vergangenheitsverdrängung, von wirtschaftlichem Auf- und politischem Umbau sowie vom Kopf-an-Kopf-Rennen gegensätzlicher Ideologien.
 
Während der Herbst 2019 im Zeichen des Jubiläums der Friedlichen Revolution steht, nimmt DOK Leipzig eine etwas andere Perspektive auf die Ereignisse ein: „Wir wollen bewusst nicht das Datum 1989 ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit stellen. Uns interessiert viel mehr seine Vor- und Nachgeschichte“, so Ralph Eue, Programmer bei DOK Leipzig. Gemeinsam mit dem Filmwissenschaftler Olaf Möller hat er die Sonderreihe kuratiert.
 
Wechselseitige Beziehung: Die feindlichen Brüder BRD und DDR
 
Ankerpunkt der Filmauswahl war der Gedanke, dass die ehemalige BRD und die DDR ohne einander nicht existieren konnten: "Das Provisorium BRD und das Provisorium DDR haben sich verhalten wie zwei feindliche Brüder, die den jeweils anderen dringend für ihr eigenes Selbstverständnis brauchten", führt Eue aus.
 
Vor dem Hintergrund dieser wechselseitigen Beziehung treten auch die ausgewählten Filme in dialogische Verhältnisse. Die zehn Programme der Sonderreihe bilden dabei thematische Schneisen, in denen Ereignisse beider ehemaliger deutscher Staaten in Opposition gebracht werden. So trifft etwa Volkswagen-Stadt auf ‚Stalinstadt‘ und Wirtschaftswunder auf Antifaschismus. Und während sich der Westen mit den ‚Brüdern und Schwestern im Osten‘ auseinandersetzt (AUS DEM ALLTAG IN DER DDR: DRITTER VERSUCH EINER REKONSTRUKTION NACH BERICHTEN UND DIALOGEN, 1971), beäugt auch die DDR den feindlichen Bruder und nutzt dessen antikommunistische Initiativen für die eigene Propaganda (KGU – KAMPFGRUPPE DER UNMENSCHLICHKEIT, 1955). 

An Formaten bietet die Retrospektive dabei eine bunte Mischung – vom VW-Imagefilm (AUS EIGENER KRAFT, 1954) über einen CDU-Wahlwerbespot (DER WIRTSCHAFTSWUNDERBAUM, 1957) bis hin zum Animationsfilm, der für die D-Mark wirbt (SIE BEWEGT UNS ALLE, 1950).
 
Selbstverständlich bleibt auch die Wendezeit nicht ausgespart. Das Programm der Retrospektive begegnet ihr mit Blick von unten: In IMBISS SPEZIAL widmet sich Thomas Heise an einem Berliner Imbiss-Stand den Alltagserlebnissen und Sorgen der Menschen in der Umbruchzeit.

Und schließlich steht immer wieder auch die These im Raum, dass die Wende nicht nur den Untergang der DDR bedeutete, sondern auch den der BRD alten Zuschnitts. In ES WERDE STADT! von Dominik Graf und Martin Farkas wird genau diese These anhand der Geschichte des Fernsehens fakten- und ideenreich durchdekliniert.
 
Thematische Verknüpfungen: Projektpräsentation, Symposium, Matinee Sächsisches Staatsarchiv
 
Mit dem Fernsehen zur Nachwendezeit befasst sich auch ein besonderer Programmpunkt mit regionalem Fokus. Prof. Rüdiger Steinmetz und Dr. Judith Kretzschmar von der Universität Leipzig stellen erste Forschungsergebnisse ihres umfangreichen Medien- und Archivprojekts zu den Programmangeboten sächsischer Lokalsender zwischen 1990 und 1995 vor.
Filme und Tickets

Das Programm finden Sie in unserem Filmfinder.

Dort haben Sie außerdem die Möglichkeit, Online-Tickets zu erwerben.

 

 

ZUR FILMLISTE

 

Alle Filme der Retrospektive im Überblick >>

 

Die Termine und Uhrzeiten der Kinovorführungen veröffentlichen wir mit dem gesamten Filmprogramm am 10. Oktober.

WUNDKANAL von Thomas Harlan
Nicht zuletzt schlägt die Retrospektive in einem Programmblock den thematischen Bogen zum Symposium unter dem Titel Wem gehört die Wahrheit? Der politische Gegner im Visier der Kamera. In WUNDKANAL konfrontiert der Filmemacher Thomas Harlan einen ehemaligen SS-Befehlshaber in  einem wenig zimperlichen Kreuzverhör mit dessen Verbrechen. Robert Kramers NOTRE NAZI fügt dem Ganzen eine weitere Ebene hinzu: Er dokumentierte Harlans Dreharbeiten und stellte den Umgang seines Regiekollegen mit dem Protagonisten in den Mittelpunkt seines Interesses. „Die beiden absolut eigenständigen Filme sind zugleich untrennbar miteinander verschweißt", so Ralph Eue, „Und sie verhalten sich vielleicht ähnlich zueinander, wie die DDR zur BRD und umgekehrt.“
 
Auch die diesjährige Matinee Sächsisches Staatsarchiv widmet sich dem Thema der Retrospektive im regionalen Rahmen. In Zusammenarbeit mit dem Archivar Konstantin Wiesinger wurde in bewährter Tradition eine Auswahl an audiovisuellen Quellen aus dem Bestand der Institution zusammengestellt.
 
„Wir freuen uns, jedes Jahr wieder einige kostbare Fundstücke des Sächsischen Staatsarchivs präsentieren zu können“, betont Ralph Eue. „Das Material aus dem Archiv ist wie eine Zeitkapsel, die in einen vergangenen Gegenwartsmoment führt“.

 

Die Retrospektive wird gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Die Matinee Sächsisches Staatsarchiv entstand in Kooperation mit dem Sächsischen Staatsarchiv.