DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 28 October – 3 November 2019
62nd International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Symposium

Wem gehört die Wahrheit? Der politische Gegner im Visier der Kamera

STAU – JETZT GEHT’S LOS von Thomas Heise

Berlin, September 1992. Kurz vor der Premiere von STAU – JETZT GEHT’S LOS ist ein Flugblatt im Umlauf mit dem Titel: "Kein Rederecht, kein Organisationsrecht, keine Propagandafreiheit für Faschisten!!!". In dem Dokumentarfilm porträtiert Thomas Heise eine Gruppe rechtsradikaler Jugendlicher aus Halle an der Saale. Die Berliner Antifaschisten rufen zum Boykott der Uraufführung auf.

 

Die Zone zwischen Meinung und Haltung ist vielleicht nicht grau. Aber ihre Grenzen sind zumindest nicht klar abgesteckt und ihr Ausloten löst hitzige Konflikte aus, mit denen sich auch der Dokumentarfilm konfrontiert sieht – und sah.

 

„In der jüngsten Festivalgeschichte waren mit LORD OF THE TOYS und MONTAGS IN DRESDEN Filme im Programm, die polarisierten. Das ist allerdings kein neues Phänomen“, so Ralph Eue, der das zweitägige Symposium initiiert hat. „Politisch umstrittene Filme gab es bei DOK Leipzig, solange das Festival existiert. Wir wollen die Lage sondieren und ausgehend von verschiedenen Filmen schauen, welche Strategien die Filmemacher/innen verfolgt haben, wenn sie den politischen Gegner vor der Kamera hatten.“

 

In sieben Programmblöcken wird die Leitfrage Wem gehört die Wahrheit? von verschiedenen Seiten und in verschiedenen Formaten beleuchtet.

 

Das Herantreten an den politischen Gegner

 

Die Frage nach dem Herantreten an die streitbaren Protagonist/innen ist dabei zentral. „Als ich angefangen habe mit dem Film, wusste ich ja auch nicht: Wie sagst du denn denen ‚Guten Tag‘? Also ich wusste ja nicht: Wer ist da?“, erzählt Thomas Heise über STAU – JETZT GEHT’S LOS. Sein Zugang zu den Jugendlichen ist schließlich ein zurückhaltender, ohne direkte Konfrontation. Thomas Heise wird einer der Gäste beim Symposium sein.

 

Ganz anders die Methode von Tamara Trampe und Johann Feindt in ihrem Film DER SCHWARZE KASTEN von 1992. Darin kommt der ehemalige Stasi-Offizier Dr. Jochen Girke zu Wort, der als Dozent an der Stasi-Hochschule wesentlichen Einfluss auf die Verhörmethodik des Geheimdienstes hatte, die nicht selten aus Freiheits- und Schlafentzug und psychologischer Folter bestand. Zur Zielsetzung des Films erklärt Johann Feindt: „Der Zweck des Gesprächs war, selbst zu verstehen, wie jemand denkt, und wenn man mit diesem Denken unzufrieden ist oder nicht zurechtkommt, ihn so zu provozieren, dass er über sein eigenes Denken nachdenkt. “

 

Aggressiver ist das Vorgehen des kubanischen Filmemachers Santiago Àlvarez. In seinem Kurzfilm L.B.J. arbeitet er sich in gewohnt zynischer Manier am ehemaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson ab, mit dem Mittel der konfrontative Montage, die seine ablehnende Haltung gegenüber Johnson deutlich spürbar werden lässt. L.B.J. ist der Anstoß eines diskursiven Vortrags beim Symposium zu Ungehorsam und Angriffslust von Dokumentarfilmer/innen.

 

Rekonstruktionen juristischer (Streit-) Fälle

 

Einen weiteren Themenblock bildet die Nebeneinanderstellung von zwei Arten der dokumentarischen Recherche, die beide ihren Ausgangspunkt in politisch aufgeladenen Gerichtsprozessen finden. In NOCH EINMAL/AGAIN wird in einem Filmstudio ein Vorfall reinszeniert, bei dem Bewohner/innen des ostdeutschen Arnsdorf einen Migranten wegen mutmaßlichen Ladendiebstahls überwältigten und mit Kabelbinder fesselten. Das theatral anmutende Projekt geht den Fragen nach: Wo hört Zivilcourage auf und fängt Selbstjustiz an?
77SQM_9:26MIN dokumentiert die spannende Detektivarbeit der Agentur Forensic Architectures, die einen der berüchtigten NSU-Morde untersuchen. Der Hintergrund: Als Halit Yozgat 2006 in einem Kasseler Internetcafé getötet wurde, war ein Mitarbeiter des Hessischen Verfassungsschutzes anwesend, gab das jedoch nicht bei der Polizei zu Protokoll. Mit Hilfe zweier Modelle des Cafés - eines 3D, eines physisch in Originalgröße nachgebaut – skizziert Forensic Architectures verschiedene realistische Szenarien.

 

Außerdem werden beim Symposium unter anderem das Peng!-Performancekollektiv zu Gast sein.

 

Das Symposium ist eng verknüpft mit weiteren Sonderreihen des Festivals. So finden sich im Programm der Re-Visionen und in der Retrospektive eine Reihe von Filmen, die ebenfalls in direktem Zusammenhang mit der Frage Wem gehört die Wahrheit? stehen. Gleiches gilt für die Film- und Videoschnipsel-Performance von und mit Jürgen Kuttner.


 

 

Das Symposium wird gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung.