DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 28 October – 3 November 2019
62nd International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Impressum

Symposium

SYMPOSIUM: „WEM GEHÖRT DIE WAHRHEIT? DER POLITISCHE GEGNER IM VISIER DER KAMERA“

 

 

Zweitägiges Symposium im Rahmen von DOK Leipzig 2019

 

Wann?

Donnerstag, 31.10.2019 und Freitag, 01.11.2019

 

Wo?

Kupfersaal, Kupfergasse 2, Leipzig

 

Eintritt frei. Um Anmeldung wird gebeten: symposium@dok-leipzig.de

anmeldung

 

Eintritt frei. 
Um Anmeldung wird gebeten: symposium@dok-leipzig.de

PROGRAMMÜBERSICHT:
DONNERSTAG, 31. OKTOBER

11:00 KICK-OFF


Eröffnung: Leena Pasanen – Intendantin, DOK Leipzig
Begrüßung und Moderation: Djamila Grandits – Kuratorin, Wien
Einführung, Überblick und historische Passage durch das Themenfeld: Ralph Eue – Kurator, Programmer, DOK Leipzig 

Wir sondieren die Lage auf dem umkämpften Feld zwischen Haltung und Meinung. Unter Beschuss sehen wir die Vielfalt des Dokumentarischen. Dieser Vielfalt gilt es, ein Plädoyer zu halten. Ein Auftakt mit wohlfeilen Lobpreisungen und Liebeserklärungen also? Gewiss. Aber auch mit einer ausdrücklichen Widerrede: gegen die Orthodoxie normativer Antworten, die auf dem Weg von der Haltung zur Meinung den Raum für Fragen überspringen. Beginnen wir damit, diesen vernachlässigten Raum wieder zur Festung auszubauen. Beginnen wir mittendrin: Braucht ein Dokumentarfilm notwendig einen Sprechertext und eine Kommentarstimme, um sich verständlich und politisch dingfest zu machen? Wie nähert sich ein Dokumentarfilm seinen Protagonisten an, ohne sich mit ihnen gemeinzumachen?

 

 

12:30 KONFRONTATION UND BEGEGNUNG

 

Film: DER SCHWARZE KASTEN, Tamara Trampe, Johann Feindt, Deutschland 1992, 98 min
Podiumsgespräch: Tamara Trampe – Filmemacherin, Autorin, Berlin | Andreas Kötzing – Historiker, Hannah-Arendt-Institut, Dresden

 

Zur Befragung steht eine Auseinandersetzung mit offenem Visier. Bereits der Anstoß für ihren Film, so Tamara Trampe über die Vorgeschichte von DER SCHWARZE KASTEN, kam aus einem Vis-à-vis coram publico. Sie begann 1990  mit einer Lesung des Schriftstellers Jürgen Fuchs aus Gedächtnisprotokollen seiner Haftzeit in einem Stasi-Gefängnis. Ein Zuhörer sei mit den Worten aufgestanden: »Ich bin einer von denen, die Sie beschreiben. Aber mit uns spricht ja keiner.« Tamara Trampe und Johann Feindt unterzogen sich dem Erfahrungsversuch, den Anderen reden zu lassen: Gespräche vor laufender Kamera, kurz nach der Wende, geführt mit einem Offizier und Dozenten für »Operative Psychologie« an der Hochschule des MfS. Er habe sich für Menschen interessiert, sich einen »humaneren« Verlauf der Verhöre gewünscht, sagt er. Darüber hinaus kein Wort des Bedauerns.

 

16:00 ROLLENBILDER UND STANDPUNKTE 

 

Film: L.B.J., Santiago Álvarez, Kuba 1968, 18 min

Diskursiver Vortrag mit Bonustracks und Audiokommentaren zu Filmen von Emile de Antonio, Walter Heynowski und Gerhard Scheumann, Rithy Panh, Thomas Harlan und anderen:

Federico Rossin – Autor, Kurator, Paris | Barbara Wurm – Autorin, Kuratorin, Berlin

 

Auch Dokumentarfilmemacher brillieren in hochspezialisierten Bühnenfächern. Agitator, Vermittler oder Pamphletist? Die Angriffslust macht den Ton, der Standpunkt die Weltsicht, das Temperament die Temperatur. Und manch- mal produziert der Gegner selbst die Bilder und Worte, die gegen ihn in Stellung gebracht werden. Gekaperte Dokumente und ihre Widerspruch stiftende De-Montage waren das Hoheitsgebiet des kubanischen Regisseurs Santiago Álvarez (1919–1998). Gruppiert um und extemporierend über Álvarez’ Agit-Pop-Stück L.B.J. stürzen wir uns in ein komparatistisches Abenteuer. Es führt entlang an Aus- schnitten aus Filmen zwischen Zeugenschaft und Ungehorsam. Es führt hinein in Meisterwerke der filmisch- politischen Streitbarkeit. Es erfordert ein mitsehendes und mithörendes Publikum, das sich mit Vergnügen der sinnlichen Überforderung aussetzt.

ZUR FILMLISTE

 

Die Termine, Uhrzeiten und Tickets für die Kinovorführungen finden Sie in unserem Filmfinder. 

 

Alle Filme, die in Ergänzung zum Symposium gezeigt werden, ab morgen hier im Überblick >>

PROGRAMMÜBERSICHT: FREITAG, 1. NOVEMBER

PROGRAMMÜBERSICHT: FREITAG, 1. NOVEMBERSTAU - JETZT GEHT'S LOS von Thomas Heise

 

11:00 WANDERN UND RASTEN


Lesung aus Texten von Sineb El Masrar, Romy Straßenburg und Feridun Zaimoglu: Petra Castell (Kulturjournalistin, Moderatorin, Autorin)

 

Podiumsgespräch: Thorsten Schilling – Journalist, Chefredakteur fluter, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn/Berlin | Sineb El Masrar – Autorin, Journalistin, Berlin | Romy Straßenburg – Autorin, Journalistin, Paris

 

Über welche Tellerränder wollen wir hinaus? Es sind (film-) ästhetische Beschränkungen. Es sind die Provinzen des Alltags und der uns vertrauten Milieus. Dazu hören wir literarische Stimmen. Robust, direkt, souverän unterlaufen sie den Alarmismus des Nachrichtenhandels. In Texten wie »Muslim Girls« und »Adieu Liberté« dokumentieren sie erträumte, befürchtete und durchschrittene Lebenswirklichkeiten in Deutschland und Frankreich. In den wenigen Gewissheiten der eigenen Sozialisation finden sich Geschichten über: Beschädigungen, Ratlosigkeiten und Traumata. »Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt drin um«, verdichtete Wolf Biermann. Weiter verdichtet bedeutet das, sich einer »Wirklichkeit« auszuliefern, in der Unterschiede, Ausgrenzungserfahrungen und gesellschaftliche Spannungen nicht mit Ansage, sondern permanent verhandelt werden.

 

12:30 ERMAHNEN ODER VERANSCHAULICHEN? 

 

Filme: NOCH EINMAL, Mario Pfeifer, Deutschland 2019, 38 min | 77SQM_9:26MIN, Forensic Architecture, UK 2017, 29 min

Podiumsgespräch: Mario Pfeifer – Filmemacher, bildender Künstler, Dresden/Berlin | N.N. – Forensic Architecture/Goldsmiths, London | Alexander Bauer – Theaterregisseur, ongoing project, Leipzig

 

Wir stellen zwei Arten der dokumentarischen Recherche und zwei Weisen der Blick-Richtung vor. Beide schlagen Schneisen ins Dickicht politisch aufgeladener Gerichtsverhandlungen. Erstens: der NSU-Prozess und die in vielen Details inkonsistente Aussage des Verfassungsschützers Andreas Temme zum Mord an Halit Yozgat. Das Vorgehen: Digital Modelling, Audio-Analyse, Tatort- und Hergangsrekonstruktion – eine forciert rational argumentierende politisch-künstlerische Intervention. Zweitens: der Fall der Misshandlung und des Todes von Schabas Saleh Al-Aziz in einem Supermarkt in Arnsdorf. Das Vorgehen: Theatralisierung, atmosphärische Raum- und Sprachabtastung – eine forciert emotional argumentierende politisch-künstlerische Intervention.

 

15:30 ENTBERGEN UND VERSTÖREN

 

Präsentationen und Podiumsgespräch: Tatiana Bazzichelli – Künstlerische Leiterin und Kuratorin, Disruption Network Lab, Berlin | Anonymi – Peng!, Berlin/Leipzig | Julia Weigl – Journalistin, München

 

Wir strengen Nahuntersuchungen zu Wahrheitskonstruktionen an. Über den unmittelbaren Betrachtungswinkel der Filmrezeption hinaus geht es um künstlerische und aktivistische Strategien der Lenkung, Farb- und Tongebung öffentlicher Meinungsbilder: Whistleblowing, Hacktivism, disruptives Handeln. Solche Strategien wollen verborgene Fakten, Fragwürdigkeiten und blinde Flecken aufdecken. Sie sollen Bewusstsein für soziale, politische und technologische Zusammenhänge schaffen. Sie fordern institutionelle und persönliche Meinungsbildner empfindlich heraus. Auf welchen Wegen transportieren sich hier Kenntnisse über die Realität, in der wir leben? Wie unterschiedlich wird mit »Wahrheit« in politischen, technologischen und künstlerischen Kontexten operiert?

 

 

17:00 FRONTLINIEN UND STREITRÄUME

 

Film: STAU – JETZT GEHT’S LOS, Thomas Heise, Deutschland 1992, 85 min

Podiumsgespräch: Thomas Heise – Filmemacher, Berlin | Matthias Dell – Filmkritiker, Berlin | Pablo Ben Yakov – Filmemacher, Leipzig | André Krummel – Filmemacher, Kameramann, Berlin | Helene Hegemann – Schriftstellerin, Filmemacherin, Berlin | Stefanie Diekmann – Medienkulturwissenschaftlerin, Universität Hildesheim

 

»Politisch umstrittene Filme« fanden bei DOK Leipzig ihren Platz, solange das Festival existiert. Unklar blieb jedoch stets, ob das Etikett auszeichnete oder verunglimpfte. Es klebte fast zwangsläufig auf Arbeiten, die sich über den ideologischen und/oder audiovisuell-rhetorischen Zeitgeschmack hinwegsetzten. Es adelte Bilder und Töne von weltanschaulicher Nützlichkeit. Es tadelte Bilder und Töne, denen die Weltanschauung nicht gleich von den Lippen abzulesen war. So oder so befürchtete oder erhoffte man Ansteckungsgefahr. Viel Freund, viel Feind, viel Ehr’ für das unterstellte infektiöse Potenzial der Leinwand!

 

#VERTIEFTEUCH  PERFORMANCE

#VERTIEFTEUCH  PERFORMANCEJürgen Kuttner. Foto: Susann Jehnichen

Jürgen Kuttner: Im Spiegel das Feindbild. Eine Film-und-Video-Schnipsel-Performance

Do 31.10. 21:00 – Kupfersaal | Eintritt 15,00 € Vorverkauf ab Do 10.10. unter filmfinder.dok-leipzig.de
 

Wo ist Kuttner, wenn man ihn braucht? Bei DOK Leipzig
– als wort- und bildflinkes Beiboot zu den torpedierenden Fragen der Festivaledition und der Zeit. Der Bündnisfall begann mit einer Arbeitshypothese: »Die Geburt des Islamismus aus dem Hüftspeck des deutschen Schlagers«. Doch wo gearbeitet wird, da fallen ... Der Kuttner, er verwickelt sich.

Zusätzliches Material

Zusätzliches MaterialZ32. Regie: Avi Mograbi

Thematisch eng verknüpft mit dem Symposium sind einige Filme, die im Rahmen der diesjährigen Sonderreihen gezeigt werden. So finden sich im Programm der Re-Visionen und in der Retrospektive eine Reihe von Filmen, die ebenfalls in direktem Zusammenhang mit der Frage "Wem gehört die Wahrheit?" stehen. Gleiches gilt für die Film- und Videoschnipsel-Performance von und mit Jürgen Kuttner.

 

 

FILME

 

Tickets unter filmfinder.dok-leipzig.de

 

HITLERPINOCHET
Juan Forch, Jörg Herrmann, DDR 1976, 3 min


KGU – KAMPFGRUPPE DER UNMENSCHLICHKEIT
Joachim Hadaschik, DDR 1955, 22 min


DER LACHENDE MANN
Walter Heynowski, Gerhard Scheumann, DDR 1962, 65 min

 

OUR NAZI
Robert Kramer, Frankreich/BRD 1984, 116 min

 

WUNDKANAL
Thomas Harlan, BRD/Frankreich 1984, 107 min


Z32
Avi Mograbi, Israel/Frankreich 2008, 81 min

 

 

TEXTE

 

Anlässlich des Symposiums erscheint die Textsammlung Wem gehört die Wahrheit? Der politische Gegner im Visier der Kamera im Verlag SYNEMA, Wien.
Erhältlich während des Festivals | Subskriptionspreis 5,– € Direktbezug 10,– € ab Montag, 4. November über office@synema.at

 

Eine umfassende Dokumentation und Kontextualisierung der Veranstaltungsbeiträge findet sich unter www.bpb.de


 

Eine Veranstaltung von DOK Leipzig, gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung