Filmarchiv

Chris the Swiss

Dokumentarfilm
Kroatien,
Finnland,
Deutschland,
Schweiz
2018
90 Minuten
Untertitel: 
englische
deutsche
Credits DOK Leipzig Logo
Samir (Dschoint Ventschr), Siniša Juričić (Nukleus Film), Heino Deckert (Ma.ja.de.), Iikka Vehkalahti (IV Films Ltd / p.s.72 productions)
Anja Kofmel
Marcel Vaid
Simon Guy Fässler
Stefan Kälin
Simon Eltz
Anja Kofmel
Daniel Hobi, Marco Teufen, Hrvoje Petek
Christian Würtenberg starb 1992 in Kroatien. Obwohl der junge Schweizer als Journalist gekommen war, trug er die Uniform einer internationalen Miliz, die auf kroatischer Seite im Bürgerkrieg kämpfte. Lange blieb rätselhaft, warum er selbst zur Waffe griff. Seine Cousine, die Filmemacherin Anja Kofmel, hat sich dieser Frage gestellt.

Sie befragt Weggefährten und ergänzt die dokumentarischen Aufnahmen mit düsteren, aufs Wesentliche reduzierten Animationssequenzen, die das narrative Gerüst des Films bilden. Tief eintauchend in die politischen Wirrungen zeichnet der Film nach, wie Chris Teil der nationalistischen, von Opus Dei unterstützten Söldner wurde. Ein politisch bis heute brisanter, visuell beeindruckender Krimi, der zeigt, wie schnell die persönliche Haltung im Krieg versehrt werden kann.

Luc-Carolin Ziemann


Nominiert für den Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts und den MDR-Filmpreis; Schweizer Filmpreis 2019: Bester Dokumentarfilm, Beste Musik, Beste Montage

Days of Madness

Dokumentarfilm
Kroatien,
Slowenien
2018
74 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Oliver Sertić
Damian Nenadić
Miro Manojlović, Filip Sertić
Maja Šćukanec, Mladen Bađun, Damian Nenadić, Srđan Kovačević
Sandra Bastašić
Martin Semenčić
Kventiax, Seroquel, Rivotril, Prazine, Normabel … Wenn Mladen und Maja mit einer Mischung aus Abgeklärtheit und Wut all die psychoaktiven Substanzen aufzählen, die ihr Leben bestimmen und die ihre Körper mit ihren toxischen Nebenwirkungen kaputt machen, glaubt man sich in einem Gespräch über schrecklich penetrante Familienmitglieder. Zu ihrer langen und von zahllosen Klinikaufenthalten bestimmten Krankheitsgeschichte kommt hinzu, dass die echten Familienmitglieder, egal ob längst auf dem örtlichen Friedhof begraben oder als Elternpaar verächtlich aus dem Nebenzimmer herausschimpfend, ebenfalls nicht von ihnen ablassen. In enger Zusammenarbeit mit Mladen und Maja, die sich in Form videotagebuchartiger Nahaufzeichnungen selbst porträtieren, zeigt Damian Nenadić zwei Menschen, die von der Gesellschaft mit ihrem Leid allein gelassen wurden – oder deren Leid überhaupt erst durch diese hervorgebracht wurde. Majas Borderline-Störung diagnostizierten die Ärzte als Folge ihrer Transgender-Identität. Mladen, der mit Depressionen aus dem Jugoslawienkrieg heimkehrte, wurde von den Eltern erst einmal zum Priester geschickt. „Days of Madness“ schildert den schrittweisen Versuch, die Kontrolle über das von Psychiatrie, Familie und Kirche entwendete Leben ein Stück weit zurückzugewinnen. „Warum ist eine Borderline-Persönlichkeitsstörung eine Störung und Nationalismus nicht?“

Esther Buss


Nominiert für den MDR-Filmpreis

IKEA for YU

Dokumentarfilm
Kroatien,
Schweden
2018
52 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Vera Robić Škarica, Marija Ratković Vidaković
Marija Ratković Vidaković, Dinka Radonić
Siniša Krneta
Dinka Radonić
Damir Čučić
Marija Ratković Vidaković, Dinka Radonić
Johan Bodin, Siniša Krneta
Ein Familien-Selfie vor den „Drei Fäusten“, einem Denkmal für die im Zweiten Weltkrieg getöteten Bürger von Niš, der drittgrößten Stadt im heutigen Serbien. Drei Betonfäuste aus der Zeit des Titoismus ragen in den Himmel: die Faust eines Vaters, die einer Mutter, die eines Kindes. Marija bringt sich in Position, Mutter und Vater stellen sich daneben, der Bruder drückt den Auslöser. Nichts anderes wird auf diesem Bild gespeichert als die gesamte konflikt- und widerspruchsreiche Identitätsgeschichte Jugoslawiens und Ex-Jugoslawiens – eine Geschichte, die noch immer nachzittert und der Marija Ratković Vidaković, unterstützt von Co-Autorin Dinka Radonić, mit diesem persönlichen Familienfilm auf den Grund geht.

Geprägt durch Eltern und Großeltern, die die realsozialistischen Ideen und Werte der Tito-Ära auf dem Balkan noch in sich tragen, muss sich die Dreiunddreißigjährige mit einem paradoxen Identitätserbe auseinandersetzen, das mit ihrer privaten Welt und ihrem Leben in Kroatien kaum etwas zu tun hat. Marija weiß, dass sie dieses Erbe nicht an ihren Sohn weitergeben möchte, und sie weiß, dass es dafür in ihr verblühen muss. „IKEA for YU“ ist das über Jahre entstandene Zeugnis einer Reise in die eigene Familiengeschichte, tief hinein in die intimsten Geflechte, in denen sich eine lange, wendungsreiche Geschichte festgebissen hat. Und eine Reise weit hinaus aus Kroatien.

Lukas Stern


Nominiert für den MDR-Filmpreis

On the Water

Dokumentarfilm
Kroatien
2018
79 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Hrvoje Osvadić
Goran Dević
Damian Nenadić
Jan Klemsche, Vanja Siruček
Goran Dević
Martin Semenčić
Flüsse mögen einfache geografische Gegebenheiten sein. Darüber hinaus sind sie eloquente Mikromilieus, in denen sich Geschichte und Geschichten abgelagert haben. Durch das Zentrum der kroatischen Industriestadt Sisak fließen die Save, die Kupa und die Odra. Sie waren und sind die Lebensadern der Stadt und der Region. Heute muten diese Flüsse zwar wie pastorale Rückzugsorte an, jedoch liegen dort auch die zahlreichen aus der Vergangenheit kommenden Erzählungen offener zutage als anderswo.

Die Existenzen der Flussanwohner und -nutzer, um die herum Goran Dević seinen Film strukturiert hat, sind überwiegend mit Ereignissen des jugoslawischen Bürgerkriegs und dessen ethnischen und sozialen Konflikten verknüpft. Obwohl inzwischen über zweieinhalb Jahrzehnte zurückliegend, erscheint diese historische Zeit wie eine Parallelwirklichkeit, die ihre Schatten wie ein fortwährendes Trauma über die Protagonisten stülpt. „On the Water“ ist eine poetisch-politische Studie über Wandelbarkeit und Beständigkeit von Menschen und Räumen, wobei die Trennlinie zwischen beiden unscharf bleibt.

Ralph Eue


Lobende Erwähnung im Internationalen Wettbewerb Langfilm

Srbenka

Dokumentarfilm
Kroatien
2018
72 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Vanja Jambrović
Nebojša Slijepčević
Nebojša Slijepčević, Bojan Mrđenović, Iva Kraljević
Tomislav Stojanović
Der Kroatienkrieg Anfang der 1990er Jahre wirft nach wie vor lange dunkle Schatten in die Gegenwart. Ressentiments, Vorurteile und Traumata beeinflussen die Bevölkerung, sodass der Konflikt ungebrochen aktuell und schwelend scheint. „Srbenka“ beginnt mit einer Protagonistin, die berichtet, wie es war, als Serbin in Kroatien aufzuwachsen. Bereits in der Schule ist sie deswegen ausgeschlossen, beleidigt und bedroht worden. Ihr tiefer Schmerz trägt sich durch den Film und wird von den anderen Protagonisten geteilt – Serben und Kroaten gleichermaßen.

Slijepčević begleitet die Vorbereitungen einer Theateraufführung unter der Regie von Oliver Frljić. Es geht um die Ermordung eines zwölfjährigen serbischen Mädchens und ihrer Familie 1991 in Zagreb. Immer noch sind die Lager zu dieser Gräueltat gespalten und das Bühnendrama legt den Finger in die Wunde: Wieso sind die Mörder nie verurteilt worden? Wie kann es sein, dass die Ermordung eines Kindes politisch instrumentalisiert wird? Und was ist mit den vielen namenlosen kroatischen Kindern, für die niemand ein Stück schreibt? Die Proben, das Ensemble und die jugendlichen Laiendarstellerinnen ermöglichen eine rohe und emotional aufrüttelnde Spiegelung der Geschehnisse. Sichtbar wird die gesellschaftliche Spaltung und Ratlosigkeit über einen scheinbar unlösbaren Konflikt, der sich in einem seelenlosen Etikettieren von Menschen manifestiert.

Kim Busch


Nominiert für den MDR-Filmpreis

Strictly Animated
The Cake Daniel Šuljić

Das Schneiden von exakt gleich großen Kuchenstücken will gelernt sein ... In diesem wohl schönsten animierten Gemetzel überhaupt entwirft Daniel Šuljić ein bitterböses Bild unserer Gesellschaft.

The Cake

Animationsfilm
Kroatien
1997
8 Minuten
Untertitel: 
_ohne Dialog / Untertitel
Credits DOK Leipzig Logo
Dragan Švaco (Zagreb Film)
Daniel Šuljić
Božidar Kramarić
Zlata Reić
Stjepan Bartolić, Daniel Šuljić
Daniel Šuljić
Tomislav Babić
Željko Königsknecht
Feste feiern macht Spaß. Kuchen essen ebenfalls. Aber Achtung beim Verteilen unter den Gästen: Das Schneiden von exakt gleich großen Kuchenstücken will gelernt sein ... In Öl auf Glas hat Daniel Šuljić das wohl schönste animierte Gemetzel überhaupt geschaffen und zeichnet damit ein bitterböses Bild unserer Gesellschaft, das leider Bestand hat.

Duscha Kistler

The Cure

Dokumentarfilm
Kroatien
2018
44 Minuten
Untertitel: 
englische
Credits DOK Leipzig Logo
Noah Pintarić
Ana Opalić
Ana Opalić, Martina Zvonić
Ana Opalić
Noah Pintarić, Ana Opalić
Ana Opalić, Jasna Žmak
Nikola Uršić
Tamara mit Zigarette, Großaufnahme: „I get depressed without nicotine.” Titelvorspann. Tamara mit Zigarette, Großaufnahme: Stimme heiser, postoperativ und vor der therapeutischen Weiterbehandlung. Bei jedem Besuch bereitet Tamara der Zug an der Zigarette sichtlich mehr Schmerzen. Ihr Leib verpuppt sich zum dumpf grollenden Resonanzkörper ihres Mundrachenkrebses. Aber die Wortkarge stickt großflächig in bunten Farben dagegen an, verliert sich in Musik und abwesenden Blicken. Ihre eigensinnige Sucht gibt ebenso wenig klein bei, versöhnt immer wieder mit einer Zigarette, sodass das Kratzige des filmischen Porträts zum sanften Staunen gerinnt.

Ana filmt ihre Mutter, fragt nach, wenn Dinge sich nicht selbst erklären. „Coffee and Cigarettes“ in unprätentiösen Aufnahmen, in der Schlichtheit des familiären Alltags, in einer bescheidenen Küche, die unverkennbar „Zuhause“ ausstrahlt. Die Beobachtende wird zum Seismografen einer Sucht, mit liebevollen Gesten gegenüber ihrer süchtigen Mutter. Die Beobachtete hat die beste Zeit ihres Lebens, weil ihre Tochter als Künstlerin fähig ist, Schönheit zu erkennen, und mitten im Leben steht. Sie selbst braucht nun nichts mehr. Und die Zigarette? Sie ist für Tamara die schwermütige Erinnerung an jemanden von Bedeutung. Den holt sie sich mit dem Rauch in ihr Leben zurück: „I get depressed without nicotine.”

André Eckardt


Nominiert für den MDR-Filmpreis