DOK Leipzig 2026
Matineen
Ende der 1970er-Jahre flohen viele Namibier vor dem Unabhängigkeitskrieg gegen die südafrikanische Besatzung. Um sie vor den Gefahren des Konflikts zu schützen, wurden hunderte Kinder ins Exil geschickt. Viele von ihnen waren traumatisiert, unterernährt oder verletzt. Die DDR, die sich im Klassenkampf mit der für die Unabhängigkeit kämpfenden Südwestafrikanischen Volksorganisation (SWAPO) verbündet sah, nahm über 400 Kinder auf. In Staßfurt bei Magdeburg wuchs ein Großteil von ihnen weitgehend isoliert von der DDR-Bevölkerung auf, lernte Deutsch und ging zur Schule. Ihr Kontakt nach Afrika riss größtenteils ab.
Als Namibia im März 1990 die Unabhängigkeit erlangte und gleichzeitig die DDR zusammenbrach, änderte sich die Situation der Kinder schlagartig. Sie waren nicht mehr erwünscht. Im August 1990 wurden sie – teils nach einem Jahrzehnt Aufenthalt und ohne ihre Ausbildung beenden zu dürfen – innerhalb weniger Tage zurückgeflogen. Zurück in eine Umgebung, die vielen längst fremd geworden war.
Die westdeutsche Regisseurin Lilly Grote und die in Leipzig aufgewachsene, in Potsdam-Babelsberg ausgebildete Kamerafrau Julia Kunert (1953–2022) schufen zwischen 1990 und 1992 eine außergewöhnliche filmische Trilogie über die „DDR-Kinder Namibias“. Der erste Teil, „Inside – Outside“, zeigt die Kinder in der Zeit des Umbruchs in Staßfurt. Kurz darauf folgte „Staßfurt – Windhoek“, produziert vom DEFA-Dokumentarfilmstudio im Umfeld der überstürzten Rückführung. Den Abschluss bildet der abendfüllende Dokumentarfilm „Oshilongo Shange – Mein Land“, gedreht ein Jahr nach der Ankunft in Namibia.
Die diesjährige Matinee präsentiert die ersten beiden Werke der Reihe in Anwesenheit der Regisseurin Lilly Grote.
– Stefanie Eckert, Philipp Zengel
Die Medien waren in der DDR fest in der Hand der Partei, so sagt man. Doch wie sah kreatives Filmschaffen im privaten Bereich aus?
Sieht man dort genauer hin, lässt sich eine Subkultur finden, die sich von den staatlichen Hochglanzproduktionen deutlich unterschied – anders, aber durchaus professionell arbeitende Hobbyfilmschaffende, die ihre Filme zwar nicht unbeschränkt öffentlich vorführen konnten, in einem gewissen Rahmen jedoch zugänglich machten.
Einer der bekanntesten privaten Filmemacher war der „filmende Bäcker“ Manfred Seifert, der mit eigener Kamera während und nach der DDR-Zeit seine Ideen verwirklichte. Seine Werke waren von einem großen Interesse an technischen Möglichkeiten und Varianten gekennzeichnet, so eignete er sich etwa selbst den Silhouettentrick als Animationstechnik an.
Kurz vor der Wende zeigte sich auch das kritische Potenzial von Produktionsstätten wie dem FDJ Filmstudio, wo Filmemacher*innen nun zusehends entlarvten, was hinter der Hochglanzfassade von Parteiproduktionen und Musterbetrieben steckte.
Das Sächsische Staatsarchiv verwaltet einen Teil des filmischen Erbes dieser Zeit. Dank vieler Schenkungen, Vor- und Nachlässen fanden auch solche privaten Produktionen den Weg ins Archiv. Dabei ist noch längst nicht alles erfasst, was über Jahre im Verborgenen geblieben ist. Die weitere Erschließung dieser Filmbestände wird auch in Zukunft filmische Schätze mit unterschiedlichsten Blickwinkeln auf die facettenreiche Stadt Leipzig der Öffentlichkeit zugänglich machen.
– Thekla Kluttig, Meike Weimann