Buntes Filmstill einer Animation in Popart-Ästhetik: geballte Faust, dahinter groß die Buchstaben U P, unten die chilenische Flagge, Sterne und ein Hammer und eine Sichel.
Chile lebt (Regie: Juan Forch, Michael Börner) | DOK Leipzig 2026
DEFA-Stiftung/Michael Börner

Unter dem Titel „Kino und Kampf. Lateinamerika zwischen Ost und West“ widmet sich die diesjährige Retrospektive dem radikalen politischen Kino Lateinamerikas der 1960er und 70er Jahre. Der Freiheitskampf der Menschen in Ländern wie Argentinien, Brasilien oder Chile war ein wiederkehrendes Thema politisch engagierter Filmfestivals beiderseits der Mauer; zahlreiche analoge Kopien der Filme liegen heute in deutschen Archiven. Die überraschende Geschichte des Austauschs und der Erhaltung dieser Filme zwischen Leipzig, Ost-Berlin und West-Berlin steht ebenfalls im Fokus der Retrospektive.

Die sieben Programme umfassen fünf Lang- und 16 Kurzfilme aus den Jahren 1958 bis 1985. Das Kernstück der Retrospektive bilden Filme des sogenannten „Dritten Kinos“ Lateinamerikas – eine radikale Kinobewegung, die dem antikolonialen Kampf des Globalen Südens entsprang und gegen soziale Ungleichheit, staatliche Repression und kulturelle Fremdbestimmung aufbegehrte. Ergänzt werden sie durch einzelne ihnen thematisch verbundene DDR-Produktionen. Im Anschluss an jedes der sieben Programme finden Filmgespräche statt.

„Mir war wichtig, nicht nur das Naheliegende zu zeigen,“ sagt Kurator Florian Wüst über die Filmauswahl, „sondern immer auch neue Verbindungen herzustellen und Überraschungen einzubauen. Dem Publikum etwas vielleicht noch völlig Unbekanntes zu zeigen – und zugleich für manche eine Wiederbegegnung mit Filmen zu ermöglichen, die sie bereits damals gesehen haben.“

So zeigt das erste Programm „Ruf nach Befreiung“ zwei Klassiker des „Dritten Kinos“, die international auf große Resonanz stießen. In „Now!“ (1965) montiert der kubanische Filmemacher Santiago Álvarez Bilder rassistischer Gewalt im Rhythmus zu Lena Hornes gleichnamiger Bürgerrechts-Hymne. „La hora de los hornos“ (1968), ein agitatorisches Pamphlet für die nationale Befreiung Argentiniens, bewegte die 68er-Generation wie kaum ein anderer Film.

Mit insgesamt drei Programmen legt die Retrospektive einen besonderen Fokus auf Chile und spiegelt damit die große Aufmerksamkeit wider, die dem chilenischen Zeitgeschehen und Filmschaffen seinerzeit entgegen gebracht wurde. Das Programm „Alle Hände vereint“ zeigt mit Patricio Guzmáns „El primer año“ (1972) ein berührendes Zeitdokument, das die Aufbruchsstimmung im ersten Regierungsjahr Salvador Allendes und der Unidad Popular einfängt.

Der Militärputsch vom 11. September 1973 zerstörte die mit der Regierung Allende verbundenen Hoffnungen, brachte jedoch auch internationale Unterstützung für Chilen*innen, die für die Rückkehr zur Demokratie und gegen die Menschenrechtsverletzungen des Pinochet-Regimes kämpften. Diese Solidarität sowie die Erfahrungen von Exil-Chilen*innen in der DDR stehen im Zentrum der Programme „Chile lebt“ und „Sieg und Niederlage“. Letzteres zeigt erstmals die neue digitalisierte und restaurierte Fassung von „Eine Minute Dunkel macht uns nicht blind“ (1976), Teil des berühmten „Chile-Zyklus“ von Walter Heynowski, Gerhard Scheumann und Peter Hellmich und eine Momentaufnahme Chiles nach zwei Jahren Militärdiktatur.

Die enge Kooperation mit indigenen Gemeinschaften als dokumentarische Praxis steht im Fokus der Programme „Mutter Erde“ sowie „Tod der Ausbeutung“. Das Programm „Mut des Unperfekten“ versammelt Kurzfilme aus verschiedenen Ländern Lateinamerikas und zeigt, wie die Filmemacher*innen des „Dritten Kinos“ trotz beschränkter materieller Mittel ihr Publikum zu mobilisieren wussten.

Das Besondere an den im Rahmen der Retrospektive gezeigten Filmen: Ein Großteil von ihnen liegt in unterschiedlichen analogen Formaten im Archiv des Arsenal Filminstituts und im Bundesarchiv. Dieses Filmmaterial bezeugt eine rege und miteinander verflochtene Festival-, Verleih- und Archivierungsarbeit vor allem während der 70er Jahre. Die Internationale Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche (heute: DOK Leipzig) wurde zur Anlaufstelle für Filmschaffende, die insbesondere in den von Militärdiktaturen regierten Ländern Zensur und Verfolgung ausgesetzt waren. Im Wettbewerb sowie in umfassenden Retrospektiven wurde das militante Kino Lateinamerikas zu einem wiederkehrenden Bestandteil des Festivals. In West-Berlin boten die Freunde der Deutschen Kinemathek (heute: Arsenal Filminstitut) und das von ihnen 1971 gegründete Internationale Forum des Jungen Films der Berlinale den Filmschaffenden eine ähnliche Plattform.

Dabei war das Engagement für das radikale Kino Lateinamerikas in Leipzig, Ost-Berlin, West-Berlin oder auch im Kontext der Westdeutschen Kurzfilmtage Oberhausen kein rein paralleles, sondern ein gemeinsames. Die Retrospektive beleuchtet, wie Akteur*innen in Ost und West ungeachtet der Komplikationen offizieller innerdeutscher Beziehungen zusammenarbeiteten. Sowohl das Staatliche Filmarchiv der DDR in Ost-Berlin, das die Leipziger Retrospektiven veranstaltete, als auch die Freunde der Deutschen Kinemathek in West-Berlin kopierten analoge Filmmaterialien, tauschten sie über persönliche Netzwerke miteinander aus und archivierten sie. So trugen sie gemeinsam dazu bei, dass die politisch gefährdeten Filme außerhalb ihrer Herkunftsländer erhalten und verbreitet werden konnten. Die damals im Staatlichen Filmarchiv der DDR archivierten lateinamerikanischen Filme wurden nach 1990 vom Bundesarchiv übernommen.

Erstmalig beleuchtet die Retrospektive von DOK Leipzig in Kooperation mit dem Arsenal Filminstitut, dem Bundesarchiv und der DEFA-Stiftung diese besondere Verbindung zwischen Lateinamerika, Leipzig und dem geteilten Berlin. In einem DOK Talk sprechen Vertreter*innen der vier Institutionen über diese historischen Verbindungen sowie ihre Bedeutung für Fragen der Digitalisierung und Archivierung heute. Der DOK Talk findet am 28.10.2026 von 15–16:30 Uhr im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig statt.

Weitere Programmreihen der diesjährigen Festivalausgabe werden in den kommenden Wochen vorgestellt. 

Das gesamte Programm inklusive aller Vorführzeiten ist ab dem 8.10. auf der Website von DOK Leipzig zu finden. Gleichzeitig startet online der Ticketverkauf.

Die Retrospektive wird gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Alle Filme der Sektion im Überblick: Filmlisten 2026 

Bildmaterial zum Download: Filmstills