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>1,5°C Pyropolitics and the New World
Zuerst hört man es knistern, dann schimmert ein diffuses oranges Leuchten durchs Dunkel. Eine lauter werdende Sirene und der Sound eines Hubschraubers markieren die Szene in Sekunden als Ort der Gefahr. Es brennt. Erst in der Ferne, kurze Zeit später überall. Bäume und Palmen gehen in Flammen auf. Die Kraft des Feuers ist enorm. Die Feuerwehrleute und auch alle anderen, die sich den Bränden rund um Los Angeles entgegenstellen, tun dies mit bemerkenswerter Ruhe. Niemand rennt, die Kommunikationskette sitzt, TV-Reporter berichten live, Helfende statten Notunterkünfte aus, versorgen verletzte Tiere, schlagen Brandschneisen vor Häusern von Nachbarn. Erprobte Routine, Effektivität und große Hilfsbereitschaft. Die Krise scheint das Beste in den Menschen hervortreten zu lassen. Die kommentarlose Beobachtung ist auch eine Verneigung vor diesem Einsatz. Doch je länger dieser dauert, desto mehr stellt sich die Frage, warum Solidarität und nachhaltiges Handeln im Notfall gelingen, es aber unmöglich scheint, der Krise zu begegnen, bevor sie zum Inferno wird. Mit seiner filmischen Meditation zur Pyropolitik nimmt der Film unsere Zeit der Multikrisen in den Blick. Das andauernde globale Brandmanagement lässt dabei leicht vergessen, dass hinter den sichtbaren Feuern geopolitische Ursachen liegen, die bekämpft werden müssen – nicht mit Wasser, sondern mit politischen Entscheidungen.
Luc-Carolin Ziemann
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lukasmarxt@gmail.com
Chile lebt
Der europaweite Protest gegen die chilenische Militärdiktatur äußerte sich neben der politischen Arbeit in einer Vielzahl künstlerischer Aktionen. Zu einem visuellen Markenzeichen wurde die farbenfrohe Ästhetik der Straßenkunst der Unidad Popular, bekannt geworden durch die Ramona-Parra-Brigaden. Nach deren Vorbild realisierte z.B. die Brigada Pablo Neruda, zu der bekannte chilenische Künstler*innen im Pariser Exil wie José Balmes, Gracia Barrios und Guillermo Núñez gehörten, 1977 am Rand der documenta 6 in Kassel ein 60 Meter langes Wandbild. Dessen Entstehen dokumentiert Franz Lehmkuhls Film „Chilenische Wandmalerei“ (1977–80), den Leipzig 1980 zeigte. In seinem mit Michael Börner koproduzierten Agitationsfilm „Chile lebt“ verwendet der chilenische Journalist und Filmemacher Juan Forch Bilder der Brigada Pablo Neruda, um dem Ausdruck zu verleihen, was die Hoffnung in seiner Heimat am Leben hält: die internationale Solidarität. 1979 kehrte Forch aus dem DDR-Exil zurück nach Chile.
Florian Wüst
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defa-filmverleih@deutsche-kinemathek.de
Eine chilenische Hochzeit
1977 hospitierte Valentin Milanow, bulgarischer Student an der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR, im DEFA-Studio für Dokumentarfilme. Regisseur Rainer Ackermann war ihm als Mentor zugewiesen. Milanow kam auf die Idee, die Lebensrealität von Exil-Chilen*innen in der DDR zu porträtieren. Ein befreundetes junges Paar, Alejandra Holzapfel und José Fuica, wohnte im gleichen Plattenbaukomplex in Potsdam-Babelsberg. Sie studierte Veterinärmedizin, er wurde Lehrer für Marxismus-Leninismus. Milanow durfte ihre Hochzeit mit der Kamera begleiten. Am Rand der scheinbar fröhlichen Feier kommen die Gespräche auf die Erinnerung an Verhöre und Folter durch die Militärjunta sowie auf die Sorge um zurückgelassene Angehörige. Was die Braut selbst damals nicht erzählte: Als linke Untergrundkämpferin war sie u.a. im Gefangenenlager „Venda Sexy“ schlimmsten Misshandlungen ausgesetzt gewesen. Dieser Ort ist heute die Gedenkstätte Asociación de Memoria y Derechos Humanos Irán 3030. Geleitet wird sie von Alejandra Holzapfel.
Florian Wüst
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defa-filmverleih@deutsche-kinemathek.de
El tigre saltó y mató, pero morirá... morirá...
Fünf Tage nach dem Putsch wurde der berühmteste Liedermacher Chiles, Víctor Jara, brutal ermordet. Zur Würdigung seines Werks, seiner politischen Haltung und darüber hinaus der „Opfer des faschistischen Sadismus, den das Militär und die CIA seit dem 11. September 1973 in Chile verüben“, schuf Santiago Álvarez sogleich einen filmischen „Bericht in vier Liedern“. Die musikalische, stark rhythmisierte Struktur und der gleichzeitige Reportage-Charakter, der durch gefundene Nachrichtenbilder und Aufnahmen von Jara entsteht, geben die für Álvarez‘ so typische Agit-Prop-Sprache wieder. Der Filmtitel entstammt dem Gedicht „Nuestra América“ (1891) des kubanischen Dichters José Martí. Auch das Ende verweist auf die Kontinuität des antikolonialen Kampfes: Auf eine Collage internationaler Beispiele staatlicher Repression gegen Aufständische von Puerto Rico bis Vietnam und Indonesien folgen Abbildungen legendärer Befreiungsschlachten im Südamerika des 19. Jahrhunderts.
Florian Wüst
Enthält Darstellungen von körperliche Gewalt
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Far Far Away
Romantisch, mystisch, folkloristisch: Das malerische Oeuvre von Theodor Kittelsen (1857–1914) widmet sich nicht nur der Natur, sondern auch Sagen und Trollen – und prägt Künstler*innen bis heute. So auch Natasha Nikitina, die mit ihrem Film die 12-teilige, von Kittelsen angefertigte Bildreihe „Soria Moria Palace“ und sein gleichnamiges Buch aufgreift: Der junge Held Askeladden sieht in der Ferne den goldenen Palast Soria Moria und macht sich auf den Weg dorthin; eine Allegorie auf die goldene Zukunft, die man sich mit viel Mühe und Einsatz verdienen kann. Nikitina greift in ihrem Film aber eher das atmosphärische Moment auf, lässt einen Troll im Felsen zum Leben erwachen und dann wieder einschlafen, Gänse und andere Vögel in die Luft fliegen, Nebel und Dämmerung zu Nacht und dann wieder zu einem glühenden Morgen werden. Eine Hommage an den Künstler, aber auch an die sagenumwobene, norwegische Landschaft im Allgemeinen.
Marie Ketzscher
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claus@trollfilm.no
Fracture
James Lattimer
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philippe.cotte@cvb.be
Free Zone
Abtin, ein junger Anarchist aus dem Iran, lebt nach seiner Flucht in Griechenland. In seiner Heimat führte er eine Untergrundbibliothek mit verbotenen Büchern. Wegen seiner Beteiligung an Protesten sei er verhaftet, inhaftiert und gefoltert worden. Im Athener Stadtteil Exarchia – Ort linker Utopien und schwer umkämpfter Schauplatz der Gentrifizierung – setzt er seinen politischen Kampf fort: Er organisiert sich in der Bewegung für Geflüchtete, besetzt Häuser, protestiert gegen illegale Pushbacks und kämpft für alternative Lebensentwürfe. Dabei ist seine eigene Lage höchst prekär, denn jeder Kontakt mit dem Staat kann seinen Aufenthaltsstatus bedrohen. Regisseurin Jasmine Alakari begleitet Abtin über den Zeitraum eines Jahres, erlebt seine Wut, Hoffnung und Ohnmacht, aber auch Euphorie und Zusammenhalt. Immer wieder kreist der Film um die Frage, wie sehr der politische Aktivismus das eigene Leben prägen darf und welche Rolle Gewalt dabei spielt. Währenddessen spitzt sich auf der Straße die Auseinandersetzung mit der Polizei zu und Abtin gerät tatsächlich ins Visier der Staatsmacht. Alakari dreht zwar weiter, merkt aber, dass sie sich auch mit ihrer eigenen Rolle auseinandersetzen muss. Was bedeutet es, Beobachterin zu sein? Wie weit kann ein Film die Ängste und Hoffnungen einer Person ins Bild setzen, die nicht die Freiheit hat, sich dieser Situation zu entziehen? „Free Zone“ gibt auf diese Frage keine einfache Antwort, sondern reicht sie weiter. An uns – das Publikum.
Luc-Carolin Ziemann
Enthält Darstellungen von körperliche Gewalt
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jasmine.alakari@gmail.com
Glaube Sitte Heimat
André Eckardt
Enthält Darstellungen von Drogenkonsum, Nacktheit, körperliche Gewalt
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fidelsievering@gmail.com
The Hedge of Thorns
Immer wieder Brücken bauen. Damit sind Florian und Malene beschäftigt, und es geht ja auch nicht anders: Schließlich leben die beiden Kinder auf den gegenüberliegenden Seiten des Bächleins, wollen aber eigentlich immerzu miteinander spielen. Doch dann kommt der Krieg – und Florian darf nicht mehr zu ihr, denn Malene lebt jetzt im Feindesland: Das Bächlein ist zum Stacheldraht geworden. Mit ihrem kindgerechten Cut-out-Erwachsenenfilm (und vice versa!) erzählt Anita Killi von den unterschiedlichen Lebenswahrnehmungen von Jung und Alt, visuell inspiriert vom norwegischen Maler Theodor Kittelsen. Die Mikrokosmen der Kleinen sind liebevoll-detailliert eingefangen, vom Spiel im Schnee bis zum Nasenaneinanderreiben. Killi richtet den Blick dabei auch auf die Arbitrarität der meisten Konflikte. „War never dies, it just sleeps from time to time“, sagt Florians Vater, und: Es sind die Erwachsenen, die ihn wecken. Aber vielleicht fällt ja den nachfolgenden Generationen doch etwas anderes ein?
Marie Ketzscher
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claus@trollfilm.no
Herminda de la Victoria
In einer groß angelegten Aktion besetzt eine Gruppe obdachloser Familien im März 1967 brachliegendes Land am Rand von Santiago. Beim Räumungsversuch durch die Polizei stirbt ein Mädchen, die kleine Herminda, in den Armen ihrer Mutter. Die Räumung wird abgebrochen, die Menschen können bleiben und ohne vorhandene Infrastruktur die heute noch existierende Siedlung errichten: Herminda de la Victoria. „Voller Irrtümer und Fehler ist [der Film] meine erste Annäherung ans Kino, allerdings an ein ‚neues Kino‘, ein durch die Unterentwicklung gekennzeichnetes lateinamerikanisches Kino. Trotzdem bedeutet der filmische Prozess, Schnitt und Vertonung für mich eine vollgültige Erfahrung. ‚Herminda de la Victoria‘ engagiert sich für die Interessen der Obdachlosen in Chile, leidet mit ihnen, ist Zeugnis und ein ‚Dokument‘, das zur Stellungnahme zwingt.“ (Douglas Hübner)
Florian Wüst
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Hope Is a Word
Jan-Philipp Kohlmann
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anita@smau.no
Der Hund auf dem Papier
Die Schwester von Paul ist traurig: Seitdem sein kleiner Hund gestorben ist, hat ihr großer Bruder aufgehört, die fantastischen Comic-Abenteuer zu zeichnen, in denen er und der Hund die Helden waren. Beharrlich besteht die kleine Schwester darauf, dass er endlich die eine unvollendete Zeichnung fertigstellt. Und siehe da, der geliebte Hund erwacht in den Bildern wieder zum Leben. Gemeinsam brechen die beiden zu einer letzten turbulenten Reise auf. Vielleicht fällt Paul so auch der Abschied leichter. Wunderschön in Blau und Weiß gezeichneter Film, der selbst wie ein Comic gestaltet ist.
Lina Dinkla
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festivals@bearwithmefilm.com