DOK Leipzig 2026
Retrospektive
„Wir mußten lernen: das Volk interessiert viel mehr zu wissen, wie und weshalb das Elend entsteht; wer es verursacht; wie und auf welche Weise es zu bekämpfen ist“, schreiben die bolivianischen Filmemacher Jorge Sanjinés und Óscar Zambrano über ihre Erfahrungen auf dem Weg zu einem Kino, das als Waffe „gegen die herrschende Klasse und den Yankee-Imperialismus”[i] dienen und ein revolutionäres Bewusstsein herstellen sollte: einem Kino, das im Augenblick des politischen Einsatzes vor allem außerhalb der etablierten Räume bürgerlicher Kultur zum militanten Kino wird.
Diesem militanten Kino Lateinamerikas der 1960/70er-Jahre ist die diesjährige Retrospektive gewidmet. An den historischen Programmen der Internationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche lässt sich die Aufmerksamkeit ablesen, die das Festival lateinamerikanischen Filmen zukommen ließ. Neben der Präsenz im Internationalen Wettbewerb und den Informationsreihen fand 1972 die fast 60 Filme umfassende Retrospektive „Film im Freiheitskampf der Völker: Lateinamerika“ statt. Der „Dokumentarfilm in Kuba“, dessen Einfluss auf die künstlerische Entwicklung des politischen Kinos nicht nur Lateinamerikas unbestritten ist, bekam 1974 seinen großen Auftritt. 1983, zehn Jahre nach dem Militärputsch vom 11. September 1973, erinnerte die Retrospektive an Sieg und Niederlage des gesellschaftlichen Aufbruchs in Chile. Das zu Zeiten des Kalten Krieges unter dem Motto „Filme der Welt – Für den Frieden der Welt“ stehende Festival spiegelte das Interesse der DDR-Regierung an den antikolonialen und antikapitalistischen Bewegungen im damals als „Dritte Welt“ diskreditierten globalen Süden.
Auf westdeutscher Seite bildete die Kino- und Festivalpraxis der Freunde der Deutschen Kinemathek (heute: Arsenal Filminstitut) eine ähnlich politisierte Plattform für die revolutionären lateinamerikanischen Filme, vor allem nach Gründung des Kino Arsenal und des Internationalen Forum des Jungen Films der Berlinale Anfang der 1970er Jahre. Die Solidarität der Freunde mit den zensierten, verfolgten, inhaftierten, ins Exil geflüchteten Filmschaffenden zeigte sich über die Programmarbeit hinaus in Verleih- und Publikationstätigkeit bis hin zu diplomatischen Initiativen.
Die Retrospektive thematisiert die besondere historische Verbindung zwischen Leipzig, Ost-Berlin und West-Berlin, die in Bezug auf das Engagement für die politischen Filme und Filmemacher*innen Lateinamerikas ungeachtet der Komplikationen offizieller innerdeutscher Beziehungen bestand und im wahren Sinne des Wortes materielle Spuren hinterließ. Denn was an sich überraschen mag: Fast alle in dieser Retrospektive gezeigten lateinamerikanischen Filme befinden sich in unterschiedlichen analogen Formaten im Archiv des Arsenals und/oder im Bundesarchiv, zwei davon im Archiv der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. Das Bundesarchiv übernahm nach 1990 den Bestand des Staatlichen Filmarchivs der DDR und damit viele der Dokumentarfilme aus Lateinamerika, die über das Leipziger Festival ins Land kamen und in Ost-Berlin vervielfältigt wurden. Auch für die Freunde der deutschen Kinemathek fertigte das Staatliche Filmarchiv Duplikatnegative und Kopien an. Die Freunde wiederum stellten für den Verleih überlassene und damit in West-Berlin in Sicherheit gebrachte Filme den Leipzigern zur Verfügung.
Beiderseits der Mauer nahm Chile eine besondere Rolle ein. Die Regierungszeit der Unidad Popular hatte für viele nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 die Hoffnung auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ wiedererweckt.[ii] Auf dessen jähe Zerstörung unter maßgeblicher Mithilfe der CIA folgte die internationale Unterstützung der Chilen*innen, die für die Rückkehr zur Demokratie und gegen die Menschenrechtsverletzungen des Pinochet-Regimes kämpften. „Kino und Kampf. Lateinamerika zwischen Ost und West“ setzt einen Schwerpunkt auf die kulturelle Prägung der Reformpolitik Allendes, den antifaschistischen Widerstand sowie die Exilerfahrung von Chilen*innen in der DDR.
Filmmaterialien sind Subjekte der Geschichte: Filme bezeugen auch durch ihre Präsentations- und Distributionswege, durch Ort und Art ihrer Archivierung die gesellschaftlichen Bedingungen ihres Entstehens wie ihrer langfristigen Rezeption. Dass diese Wege nationale und ideologische Grenzen passieren, ist einem internationalen unabhängigen Film- und Kinoschaffen zu verdanken, das auf Austausch und Verständigung baut, filmisches Wissen einer ineinander verflochtenen Welt bewahrt, zugänglich macht und immer wieder aktualisiert.
Vor dem Hintergrund dieses Selbstverständnisses stellt die Retrospektive die erste derartige Zusammenarbeit der vier institutionellen Projektpartner dar.
– Florian Wüst
[i] Jorge Sanjinés, Óscar Zambrano, Kino für das Volk – die bolivianische Erfahrung, in: Peter B. Schumann (Hg.), Kino und Kampf in Lateinamerika: Zur Theorie und Praxis des politischen Kinos, München/Wien 1976, S. 147. Schumanns Publikation inspirierte den Titel der Retrospektive: ein Verweis auf die wichtige Rolle einer der großen Kenner der revolutionären Kinobewegungen Lateinamerikas auch für die Recherche zu diesem Projekt. Schumann wirkte ab 1971 als Verantwortlicher der Lateinamerika-Auswahl der Westdeutschen Kurzfilmtage Oberhausen und des Internationalen Forums des Jungen Films der Berlinale.
[ii] Vgl. Ralf Schenk, 1970. Chile, das unbeugsame Gedächtnis, in: Leipziger Dok-Filmwochen GmbH (Hg.), Bilder einer gespaltenen Welt. 50 Jahre Dokumentar- und Animationsfilmfestival Leipzig, Berlin 2007, S. 67. Die Losung vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ ist an eine Textstelle des Aktionsprogramms der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei (KPČ) vom April 1968 angelehnt. Die KPČ stieß unter Alexander Dubček einen von der kritischen Öffentlichkeit stark beeinflussten Reformprozess an, welcher durch am 21. August 1968 in die Tschechoslowakei einmarschierende Truppen anderer Mitgliedstaaten des Warschauer Pakts gewaltsam beendet wurde.
Ein Projekt von Arsenal Filminstitut e.V., Bundesarchiv, DEFA-Stiftung & DOK Leipzig
Kuratiert von Florian Wüst
Mitarbeit Recherche und Organisation von Andrea Hoffmann