DOK Leipzig 29. Oktober – 4. November 2018
61. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
DOK Leipzig 29 October – 4 November 2018
61th International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film
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Essay von Andreas Kötzing

Leipzig im Herbst

von Andreas Kötzing

Unangekündigte Vorführungen nach Mitternacht? Heimlich in Koffern über die Grenze geschmuggelte Filme? Von der Stasi verwanzte Hotelzimmer? Die Geschichte des Leipziger Festivals steckt voller Legenden. Viele stammen aus der DDR-Zeit, als das Festival noch Internationale Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche für Kino und Fernsehen hieß. Und wie immer bei Geschichten, die über die Jahre weitererzählt werden, lässt sich im Nachhinein kaum noch sagen, was wahr und was erfunden ist. Viele Hintergründe geraten nach und nach in Vergessenheit. Wie zum Beispiel bei jenem berühmten Foto aus dem Jahr 1964.

 

Rund zwei Dutzend Filmemacher und Filmemacherinnen bei einer Pressekonferenz 1964. Foto: Alfred Paszowiak, Bundesarchiv (BArch, DR 140/ Bild (1964))"Klassentreffen" im Jahr 1964. Von links, sitzend: Jean Lods, Santiago Álvarez, Basil Wright, Paul Rotha, Frances Flaherty, Richard Leacock, Alberto Cavalcanti, Dolmetscherin, Bert Haanstra; dahinter stehend, von links: Andrew Thorndike, Henri Storck, Gian Vittorio Baldi, Goverdhandas Aggarwal, John Grierson, Ivor Montagu, Karl Gass, Bruno Sefranka, Joris Ivens, Walter Heynowski, Annelie Thorndike, Václav Taborski, Chris Marker, Saad Nadim, Gerhard Scheumann, Dušan Vukotič.
Foto: Bundesarchiv, DR 140/ Bild (1964) / Alfred Paszkowiak .

Auf dem Bild sind etwa zwei Dutzend Regisseure zu sehen, aufgereiht zu einem Gruppenfoto. Die Atmosphäre erinnert an ein Klassentreffen. Nur, dass sich hier keine „Ehemaligen“ versammelt haben, um gemeinsam über alte Zeiten zu reden, sondern einige der damals berühmtesten Dokumentarfilmer der Welt. Das Treffen war ein Schlüsselmoment in der noch jungen Geschichte des Festivals. Binnen weniger Jahre hatte sich Leipzig einen erstaunlichen Ruf erarbeitet. Nach zwei wenig erfolgreichen Versuchen, eine gesamtdeutsche „Kulturfilmwoche“ zu etablieren (1955 und 1956) und einer anschließenden dreijährigen Zwangspause, war das Festival 1960 mit einem neuen Profil wieder ins Leben gerufen worden. Fortan sollte in Leipzig ein internationales Festival für politisch engagierte Dokumentar- und Kurzfilme veranstaltet werden. Zu einer Zeit, in der der Kalte Krieg den künstlerischen Austausch zwischen Ost und West behinderte, war das Konzept zwangsläufig ein Politikum, da die Vorstellungen über das „richtige“ politische Engagement dies- und jenseits des Eisernen Vorhanges weit auseinandergingen.

 

Dass Leipzig schnell zu einem der wichtigsten Treffpunkte für die internationale Dokumentarfilmszene werden konnte, war kein Zufall. Nach anfänglicher Skepsis unterstützten die DDR-Kulturbehörden das Festival und tolerierten zunächst eine vergleichsweise liberale Ausrichtung. Gerade vor dem Hintergrund des Mauerbaus kam der SED die Strahlkraft des Festivals gelegen. Ähnlich wie bei der jährlichen Frühjahrs- und Herbstmesse konnte man so den internationalen Gästen die angebliche Weltoffenheit des neuen sozialistischen Staates demonstrieren. Das Festival profitierte von dieser Konstellation. Mit großem finanziellen Aufwand wurden Regisseure und ihre Filme aus aller Welt nach Leipzig eingeladen. Sogar neue internationale Dokumentarfilmbewegungen, etwa das Cinéma Vérité aus Frankreich, fanden ihren Weg nach Leipzig. Joris Ivens’ La Seine a rencontré Paris (1960) und Chris Markers Le joli mai (1963) sorgten für Begeisterung, vor allem unter den jungen DEFA-Regisseuren, die als Absolventen von der Filmhochschule in Babelsberg kamen und in Leipzig mit der internationalen Filmbewegung in Kontakt treten konnten. Schon 1962 hatte kein Geringerer als Pablo Picasso die Dokumentarfilmwoche geadelt, indem er dem Festival seine Friedenstaube als Emblem zur Verfügung stellte. Sinnstiftend war damit auch das Festivalmotto verknüpft: „Filme der Welt – Für den Frieden der Welt!“

 

Festivalbanner im Jahr 1974. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-N1122-0016 / Friedrich GahlbeckEingang des Festivalkinos Capitol 1974. Photo: Bundesarchiv, Bild 183-N1122-0016 / Friedrich Galhbeck.

Die Bilder vom „Klassentreffen“ aus dem Jahr 1964 belegen daher durchaus die schnelle Erfolgsgeschichte des Leipziger Festivals. Doch ein Blick in die Festivalakten zeigt, dass der harmonische Eindruck täuscht. Hinter den Kulissen tobte eine Auseinandersetzung um die politische Ausrichtung des Festivals. Mitarbeiter, die zwar keine prinzipielle Kritik am Sozialismus geübt hatten, aber trotzdem für einen vorurteilsfreien Meinungsaustausch eintraten, waren entlassen worden. Die Dogmatiker innerhalb der SED drängten darauf, eine weitere Liberalisierung des Festivals zu unterbinden. Trotz zahlreicher klassenkämpferischer Filme im Programm ging ihnen die Propagierung des sozialistischen Weltbildes nicht weit genug. Die Vorwürfe gegen das Festival waren massiv: Es sei zu „Erscheinungen ideologischer Koexistenz“ gekommen und die notwendigen „politisch-ästhetischen Auseinandersetzungen“ würden vernachlässigt. Anstatt die Errungenschaften der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Staaten zu feiern, würde man sich bei den westlichen Gästen anbiedern.

 

Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Die Auswahlkommission erhielt den Auftrag, vor allem Filme auszuwählen, die die „Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung überzeugend dokumentieren“ und die „Unmenschlichkeit der imperialistischen Aggressoren“ entlarven. Freie Diskussionsrunden über die künstlerischen und politischen Einflussmöglichkeiten von Dokumentarfilmen wurden gestrichen. Die ideologische Verhärtung, die das Festival in den folgenden Jahren durchlebte, spiegelt sich auch im wachsenden Einfluss der Staatssicherheit wider. Vor allem die vielen Westkontakte waren der Stasi ein Dorn im Auge. Anfangs beschränkte sich die Kontrolle des Festivals auf wenige Inoffizielle Mitarbeiter, Ende der 1960er Jahre ging das MfS jedoch dazu über, die Festivalleitung direkt „abzuschöpfen“. Regelmäßige Berichte über die Vorbereitung und den Verlauf des Festivals gehörten zu den Aufgaben des Festivaldirektors, jeder Visumsantrag landete als Durchschlag bei der Stasi. Auch auf dem Festivalgelände und in den Kinos war der Geheimdienst präsent. Gemessen am Aufwand, den das MfS betrieb, um die „Sicherheit des Festivals zu gewährleisten“, war der geheimdienstliche Ertrag jedoch eher gering. So blieben zum Beispiel die vielen Versuche, westliche Festivalgäste als Informanten anzuwerben, ohne Erfolg. Dass das MfS jedoch in permanenter Alarmbereitschaft war, zeigen die Ereignisse von 1983, als sich am Eröffnungsabend des Festivals rund 20 Jugendliche mit Kerzen in den Händen vor dem Kino Capitol zu einer stillen Friedenskundgebung zusammenfanden. Binnen weniger Minuten wurde die Demonstration aufgelöst, einige der Teilnehmer erhielten lange Haftstrafen. Ein trauriger Tiefpunkt der Festivalgeschichte.

 

Dokumentarfilmer Roman Karmen zusammen mit Konrad Wolf im Foyer des Kinos Capitol bei der Eröffnung seiner Retrospektive. Foto: Friedrich Gahlbeck. Bundesarchiv (Bild 183-K1121-0006)1971 war die Retrospektive dem sowjetischen Dokumentarfilmer Roman Karmen gewidmet. Hier trifft er zusammen mit Konrad Wolf (2.v.l.) im Festivalkino ein. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-K1121-0006 / Friedrich Gahlbeck.

Lange Zeit mussten in Leipzig viele Themen ausgespart bleiben, wenn diese nicht in das „antiimperialistische“ Konzept des Festivals passten, wie 1980/81 beispielsweise die polnischen Filme über die Solidarność-Bewegung. Die ideologischen Vorgaben hingen dem Festival wie Fußfesseln an, eröffneten aber auch Gestaltungsmöglichkeiten, indem zum Beispiel wichtige Filme über den Vietnam-Krieg, die Militärdiktaturen in Lateinamerika oder die Staaten der „Dritten Welt“ einen Schwerpunkt im Programm bildeten. Herausragend waren auch die filmhistorischen Retrospektiven, die vom Staatlichen Filmarchiv veranstaltet wurden – ähnlich umfangreiche Werkschauen einzelner Regisseure oder Einblicke in das Filmschaffen ausgewählter Länder gab es auf keinem anderen Dokumentarfilmfestival der Welt. Darüber hinaus erkämpfte sich das Festival Freiräume, die seinen besonderen Reiz ausmachten. Für die sogenannten Trade Shows konnten im Petershof zum Beispiel kleine Vorführkabinen gemietet werden – die Zensur ließ sich auf diesem Weg leichter umgehen. Auch eine kreative Form der Programmgestaltung war in Leipzig gang und gäbe, um umstrittene Filme irgendwie im Programm zu verstecken, notfalls auch am Sonntagmorgen um 8 Uhr.

 

Für viele filmbegeisterte Zuschauer aus Leipzig und für das ostdeutsche Fachpublikum war das Festival der wichtigste Ort, um filmische Eindrücke aus aller Welt gewinnen zu können. Denn die internationalen Filme wurden danach nur selten in den DDR-Kinos oder im Fernsehen gezeigt. Die Akkreditierungen waren daher immens begehrt. Um die Filme sehen zu können, nahm man auch die ideologisch aufgeladenen Festtagsreden in Kauf, die immer zum Festival dazugehörten. Auf der Leinwand wurden die angeblichen Verheißungen des Sozialismus ohnehin zunehmend ad absurdum geführt. Die gelegentlichen Misstöne, die schon immer in einigen DEFA-Dokumentarfilmen und den Produktionen aus Osteuropa anklangen, verdichteten sich 1987 zu einem Vorboten des politischen Umbruchs, als einige sowjetische Filme in Leipzig zu sehen waren, die offen über gesellschaftliche Probleme erzählten: Tschernobyl, desillusionierte Jugendliche, verarmte Rentner, Alkohol als letzter Ausweg aus einem tristen Alltag. Und überall die Hoffnung, dass sich endlich etwas ändert. Glasnost und Perestroika hatten ihren Weg auf die Leinwand gefunden, sehr zum Ärger der SED-Bürokraten, die dafür Sorge trugen, dass sich Ähnliches im kommenden Jahr nicht wiederholte. Doch der Wandel ließ sich nicht aufhalten. Helke Misselwitz’ beeindruckende Dokumentation Winter adé, ein empathisches Porträt ostdeutscher Frauen und ihrer individuellen Sehnsüchte, wurde 1988 zum programmatischen Film des Festivals. Schon im Jahr darauf suchte die Dokumentarfilmwoche in den turbulenten Unruhen des „Wende“-Herbstes nach einer neuen Form.

 

Festivalpublikum im vollbesetzten Capitol 1984. Foto: Friedrich Gahlbeck. Bundesarchiv (Bild 183-1984-1128-026)Festivalpublikum im vollbesetzten Capitol in den 1980er Jahren. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1984-1128-026 / Friedrich Gahlbeck.

Im Nachhinein erscheint es fast wie ein Wunder, dass das Festival die schwierige Zeit nach 1990 überlebt hat. Reduzierte Finanzen, schwindende Zuschauerzahlen und die Konkurrenz mit anderen Festivals – an den neuen Aufgaben hätte das Festival leicht scheitern können. Für den Erhalt gab es viele Gründe, ausschlaggebend dürfte vor allem das Engagement der Mitarbeiter gewesen sein, die dem Festival noch aus DDR-Zeiten verbunden waren und auf seine gesellschaftspolitische Relevanz pochten. Brauchte man ein politisch engagiertes Festival nicht jetzt erst recht? Als Ort der künstlerischen Diskussion über die schnellen Veränderung in der Welt? Als Glücksgriff erwies sich dabei, dass das Festival 1995 mit einem eigenständigen Wettbewerb für Animationsfilme ein zweites Standbein erhielt. Die Kombination aus beiden Stilrichtungen macht bis heute ein Alleinstellungsmerkmal aus. Auch die vielen Kontakte des Festivals aus der Zeit vor 1989 blieben erhalten, osteuropäische Filme bilden bis heute einen Schwerpunkt im Programm. Eine wichtige Zäsur markieren die Markt- und Branchenangebote, die seit 2004 eingeführt wurden. Die internationale Relevanz des Festivals, die zwischenzeitlich zu schwinden drohte, konnte dadurch gesichert werden.

 

Wenngleich beim Festival heute nur noch wenig an die Zeit vor 1989/90 erinnert, stellt der Umgang mit der widersprüchlichen Vergangenheit immer wieder eine Herausforderung dar. Die Versuche, an die positiven Aspekte der DDR-Vergangenheit anzuknüpfen, ohne die Schattenseiten der Festivalgeschichte auszublenden, riefen häufig Konflikte hervor. Als 2004 zum Beispiel Picassos Friedenstaube durch eine modernere Taube ersetzt wurde, weil Picassos Motiv in der DDR für politische Zwecke instrumentalisiert worden war, kochten die Emotionen hoch. Der damalige Festivaldirektor Claas Danielsen sah sich mit dem Vorwurf konfrontiert, leichtfertig die Tradition des Festivals zu verspielen. Und auch als 2012 bekannt wurde, dass ausgerechnet Fred Gehler, der sich als langjähriger Direktor (1994–2004) große Verdienste um das Festival erworben hatte, zu DDR-Zeiten als IM für die Staatssicherheit tätig gewesen war, wurde die Ambivalenz der Festivalgeschichte spürbar. Das Aktenmaterial belastete Gehler schwer, er entzog sich jedoch einer Debatte und wischte den Vorgang als angebliche Fälschung vom Tisch. Viele Fragen blieben offen.

 

Viele Menschen im Foyer des CineStarDas Foyer im CineStar bei der Festivaleröffnung 2016. Foto: Susann Jehnichen

Trotz der Veränderungen, die das Leipziger Festival in den vergangenen Jahren durchlaufen hat, ist ihm sein besonderer Charakter nie abhandengekommen. Dies betrifft zum Beispiel die Publikumsnähe, die sich in den Gesprächen im Anschluss an die Filme widerspiegelt. Dass die Zuschauerzahlen in den vergangenen Jahren Rekordwerte erreichten, ist ein Ausdruck dafür, dass das Festival als Ort der Diskussion gebraucht wird. Die gesellschaftlichen Herausforderungen bleiben. Engagierte Regisseure, die sich künstlerisch mit den Konflikten in der Welt auseinandersetzen, braucht es heute nicht weniger als vor 60 Jahren. Sie haben in Leipzig ein Festival mit einem kritischen Publikum, ohne das die Filme ihre gesellschaftliche Relevanz verlieren würden. Filme alleine lösen keine Probleme, das können nur die Menschen, die sie sehen. Den Glauben daran zu erhalten, mag nicht immer leicht sein, aber gibt es eine schönere Aufgabe für ein Filmfestival?