Festivalgeschichte
Das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm – kurz: „DOK Leipzig“ – wurde 1955 unter dem Namen „Leipziger Kultur- und Dokumentarfilmwoche“ gegründet. Die Initiative ging vom Club der Filmschaffenden der DDR in Ostberlin aus, der gemeinsam mit dem Rat der Stadt Leipzig als Veranstalter auftrat. Erklärtes Ziel war es, mit einer gesamtdeutschen Filmwoche die beiden Nachkriegsstaaten über ihre Filmkultur verbunden zu halten.
Nach einer mit Zufriedenheit aufgenommenen ersten Ausgabe blieb das künstlerische Niveau des Programms jedoch im zweiten Jahr hinter den hohen Erwartungen zurück. Schon damals zeigte sich das Spannungsfeld zwischen der nationalen politischen Agenda des Präsidiums und dem Wunsch der Auswahlkommission nach internationaler Anschlussfähigkeit.
Zwischen 1957 und 1959 scheiterte die Umsetzung des Festivals immer wieder an Uneinigkeiten über seine Konzeption – inmitten der fortschreitenden Blockintegration von BRD und DDR sowie der Verfestigung der ideologischen Lager. Das gesamtdeutsche Konzept passte nicht mehr in das globale politische Umfeld. Der Club der Filmschaffenden hielt an seiner Idee eines internationalen Forums fest und konnte sie schließlich aufgrund der politischen und kulturellen Situation des Kalten Krieges durchsetzen. Als im Frühling 1960 DEFA-Produktionen in Mannheim und Oberhausen ausgeladen wurden, nahm die Wiederbelebung des Festivals schnell Konturen an. Im Herbst 1960 fand die „Internationale Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche“ statt.
In den folgenden Jahren entwickelte sich Leipzig zu einem bedeutenden Treffpunkt von Filmschaffenden aus aller Welt – in einer Zeit, in der die Frontlinien des Kalten Krieges den intellektuellen und kulturellen Austausch zwischen Ost und West stark beschränkten. Regelmäßig kamen namhafte Filmgrößen nach Leipzig, um über das Selbstverständnis des Dokumentarfilms, künstlerische Strömungen und Innovationen zu diskutieren – darunter Joris Ivens, Alberto Cavalcanti, John Grierson, Chris Marker, Santiago Álvarez, Richard Leacock und Patricio Guzmán. 1961 wurde die Teilung der Welt in zwei Systeme durch den Mauerbau zementiert. Wenige Wochen später präsentierte sich die Dokumentar- und Kurzfilmwoche unter dem Motto „Filme der Welt – Für den Frieden der Welt“, ab 1962 illustriert mit Pablo Picassos Friedenstaube, die der Künstler dem Festival als Signet zur Verfügung stellte.
Die Sympathien der Filmwelt für das Leipziger Festival waren ebenso groß wie die Widersprüche und politischen Setzungen, mit denen es zu ringen hatte, solange die DDR existierte. Die Konzeption unterlag systematischer staatlicher Kontrolle; Behörden prüften die Umsetzung ideologischer Vorgaben. Gleichzeitig taten sich stets auch kreative Frei- und Resonanzräume für internationale Debatten zur Ästhetik und gesellschaftlichen Funktion des Dokumentarfilms auf. Globale Anerkennung fanden die Verdienste des Festivals als Forum für Filme aus Entwicklungsländern.
In der Wendezeit nach 1989 stand DOK Leipzig knapp vor dem Aus. Der Umzug der Festivalzentrale von Berlin nach Leipzig, wo es noch keinerlei Infrastruktur für die weitere Organisation gab, sowie finanzielle Engpässe gefährdeten das Fortbestehen. 1991 wurde die Leipziger Dok-Filmwochen GmbH gegründet, unter anderem, um Fördermittel überhaupt empfangen zu können. Doch der Mangel an Ansprechpersonen in der Politik sowie einem stetigen Festivalbüro und der wirtschaftlich bedingte schwache Publikumszulauf in 1991 stellten weiterhin große Hürden dar. Dass es dennoch weiterging, ist nicht zuletzt dem Engagement der Mitarbeitenden zu verdanken. Unterstützt von einem Förderkreis aus internationalen Filmschaffenden, beharrten sie darauf, dass gerade eine sich neu erfindende Gesellschaft solche Orte des Austauschs, der filmischen Reflexion und des öffentlichen Diskurses braucht.
Auch inhaltlich suchte das Festival nach neuen Wegen. Seit 1990 lautete der Leitspruch „Filme der Welt – Für die Würde des Menschen“, der darauf aufmerksam machen sollte, dass auch zu Friedenszeiten Unrecht wie Erniedrigung, Folter und staatlich sanktionierte Ermordung in allen Erdteilen existierten. Ab 1991 bemühte sich das Leipziger Festival verstärkt um das junge Publikum und den Filmnachwuchs. Auch die Rolle der Animation wurde ausgebaut. Ein wichtiger Entwicklungsschritt war 1995 die Einführung eines eigenständigen Wettbewerbs für Animationsfilme. Damit profilierte sich das Festival als eines, das die beiden filmischen Formen Dokumentar- und Animationsfilm in enge Verbindung setzt – ein Aspekt, der bis heute maßgeblich zur Einzigartigkeit von DOK Leipzig beiträgt.
Ab 2005 kamen die Branchen- und Marktangebote von DOK Industry hinzu, durch die das Festival seine internationale Relevanz weiter festigen konnte. Mit der Extended-Reality-Ausstellung DOK Neuland, die 2015 ins Leben gerufen wurde, öffnete sich DOK Leipzig auch für immersive Medienkunst.
DOK Leipzig hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten als eines der weltweit wichtigsten Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm etabliert. Das Festival ist sowohl ein Ort für künstlerische Vielfalt und Innovationen als auch für gesellschaftlichen Diskurs.
Unangekündigte Vorführungen nach Mitternacht? Heimlich in Koffern über die Grenze geschmuggelte Filme? Von der Stasi verwanzte Hotelzimmer?
Die Geschichte des Leipziger Festivals steckt voller Legenden. Und wie immer bei Geschichten, die über die Jahre weitererzählt werden, lässt sich im Nachhinein kaum noch sagen, was wahr und was erfunden ist. Viele Hintergründe geraten nach und nach in Vergessenheit. Zur 60. Jubiläumsausgabe hat Historiker Andreas Kötzing die zahlreichen Umbrüche des Festivals in einem Essay festgehalten.