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Filmstill A Jewish Problem

A Jewish Problem

A Jewish Problem
Ron Rothschild
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Deutschland
2025
80 Minuten
Englisch,
Deutsch,
Hebräisch
Untertitel: 
Englisch

Im ersten Bild steht ein Gitter zwischen der Kamera und der Welt. Es vermittelt das Sichtfeld eines israelischen Soldaten, der zwischen 2007 und 2010 in den von Israel besetzten Gebieten als Kameramann eingesetzt wurde. Der selbstkritische Kommentar des Filmemachers fragt heute, was er damals sehen konnte und was nicht. Mit dem Verlassen des Landes und der Ankunft in Deutschland setzte ein Lernprozess ein, den er hier in einer vielschichtigen und sehr persönlichen Recherche nachzeichnet: „Ich habe gelernt, dass ich mir selbst nicht trauen kann, das Richtige zu tun.“
In komplexen Kameraschwenks kommen aktuelle deutsche Straßenszenen ins Bild, die Zeichen des prekären Miteinanders bündeln, während sich Familien und Freundeskreise über den sogenannten Nahostkonflikt auseinanderbewegen. Ron Rothschild lebt nun in einem Land, das seine Großmutter mit sieben Jahren auf der Flucht vor den Nazis fluchtartig verlassen musste. Im hohen Alter konnte sie noch Schillers Gedicht „Das Lied von der Glocke“ auswendig rezitieren. In Haifa angekommen, war sie als Soldatin Teil des Aufbaus des Staates Israel und der Vertreibung von Palästinenser*innen. Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit erzeugt in der Familiengeschichte Ambivalenzen und offene Fragen, denen sich der Enkelsohn stellt, ohne die immer wieder neuen Distanzen, die sich zwischen Kamerablick und Welt ergeben, aufzulösen.

Jan Künemund

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Regie
Ron Rothschild
Buch
Gil Rothschild
Kamera
Ron Rothschild, Julien Mayer, Masha Biller, Fion Mutert, Sina Aghazadeh
Schnitt
Astrid Hohle Hansen
Produktion
Yusuf Celik
Sound Design
Vadim Mühlberg
Musik
Georg Mausolf
Key Collaborator
Andreas Louis, Eyal Davidovitch
Nominiert für: DEFA Förderpreis, VER.DI Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness
Filmstill Active Vocabulary

Active Vocabulary

Active Vocabulary
Yulia Lokshina
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Deutschland
2025
82 Minuten
Deutsch,
Englisch,
Russisch,
Kirgisisch
Untertitel: 
Englisch

Yulia Lokshina widmet sich in ihrem dokumentarischen Experiment der Frage, wie die Institution Schule vom russischen Staat benutzt wird, um sein aggressives Expansionshandeln zu rechtfertigen, sei es durch militärische Gewalt nach außen oder durch ideologische Gewalt und Verfolgung Andersdenkender nach innen. Im Zentrum steht die Geschichte einer jungen russischen Lehrerin, die sich kurz nach der Invasion in die Ukraine im Unterricht gegen den Krieg ausspricht. Eine Schülerin zeichnet die Aussage heimlich auf und denunziert sie. Wenig später befindet sich die Frau im Fokus behördlicher Ermittlungen. Sie flieht nach Deutschland und beginnt erneut, als Lehrerin zu arbeiten. Gemeinsam mit ihrer Berliner Klasse stellt sie ihren eigenen Fall nach, um zu verstehen, warum es zu diesem Verrat kam und welche Konsequenzen Zensur und Verfolgung für die Einzelnen, aber auch für Gemeinschaften haben.
In welchem Zusammenhang stehen Schule und Politik, in welchem sollten sie stehen? Wie fühlt sich politische Überwältigung an und welche Formen des Widerstands kann es geben? Damit setzen sich die Kinder in Berlin-Moabit auseinander. Neben den Beobachtungen in der Schulklasse nutzt der Film Archivmaterial, Found Footage, dokumentarische Szenen und 3D-Animationen, um die durch Angst und Überwachung geprägte Situation in Russland auch hier spürbar und nachvollziehbar werden zu lassen.

Luc-Carolin Ziemann

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Regie
Yulia Lokshina
Buch
Yulia Lokshina
Kamera
Nina Wesemann
Schnitt
Yulia Lokshina, Maya Klar
Produktion
Yulia Lokshina
Ton
Jakob Gross
Sound Design
Alejandro Weyler
Animation
Felix Klee
Key Collaborator
Isabelle Bertolone
Nominiert für: DEFA Förderpreis, MDR-Filmpreis, VER.DI Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness
Ausgezeichnet mit: Goldene Taube Langfilm (Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm)
Filmstill Alter Ego

Alter Ego

Alter Ego
Sonia Leliukh
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Deutschland,
Ukraine
2025
10 Minuten
Englisch
Untertitel: 
Englisch

Diese gleichzeitig rohe und zärtliche Erinnerungsarbeit fräst sich durch Gedanken, Gefühle, Anekdoten, Fotos und Zeichnungen. Ein Versuch, die Trauer um den geliebten Großvater, der dem Krebs zum Opfer fiel, in filmische Bilder zu bannen, sie handhabbar zu machen. Dabei nimmt sich Sonia Leliukh heraus, aus einer bewusst subjektiven Perspektive zu sprechen und ihre Aussagen nicht durch vermeintlich geltende Sprach- und Benimmregeln abzuschwächen. Mit ihrem nur auf den ersten Blick verspielt wirkenden Desktop-Dokumentarfilm begegnet sie der radikalen Trauer mit einer ebenso radikalen Ehrlichkeit. Indem sie die alten Computerspiele, mit denen der Großvater sich von den Schmerzen ablenkte, auf die Leinwand holt, versetzt sie nicht nur sich selbst, sondern auch das Publikum in die Rolle des Sterbenskranken. Wenn mein Finger zuckt, weil ich die Solitärkarte an die richtige Stelle schieben oder beim Minesweeper ein anderes Kästchen anklicken will, dann bin ich schon mittendrin im Geschehen und muss mir auch die Frage stellen, wie ich selbst mit Trauer, Liebe oder Ablehnung umgehe. Sowohl in der Gegenwart, besonders aber dann, wenn die Menschen, die diese Gefühle auslösen, nicht mehr länger da sind. Sonia Leliukhs Arbeit ist die filmgewordene Weigerung, diese Gefühle zu Objekten der Vergangenheit sedimentieren zu lassen.

Luc-Carolin Ziemann

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Regie
Sonia Leliukh
Kamera
Sonia Leliukh
Produktion
Sonia Leliukh, Kunsthochschule für Medien Köln
Sound Design
Abonti Mukherjee
Filmstill Bendungan

bendungan

bendungan
jee chan
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Singapur,
Indonesien,
Deutschland
2024
30 Minuten
Englisch,
Indonesisch,
Javanisch,
Niederländisch
Untertitel: 
Englisch

Das indonesische Wort „bendungan“ kann verschiedene Bedeutungen haben. Es bezeichnet höchst unterschiedliche Gebilde, die Wasser zu begrenzen, zurückzuhalten und zu blockieren vermögen, etwa einen Damm, eine Aufschüttung oder Uferbefestigungen an Flüssen oder Meeren. Jee Chan, Vertreter*in einer künstlerischen Praxis zwischen (Tanz-)Performance und Expanded Choreography, hat für diese experimentelle filmische Arbeit mit drei Menschen gesprochen, die in der Nähe von Gewässern in Indonesien und in den Niederlanden leben. Beide Länder sind einander durch die europäische Kolonisierung Südostasiens und die damit einhergehenden Verbrechen verbunden. Jede der im Film geteilten Begebenheiten bildet eine andere Perspektive auf diese Zeit und ihre Folgen ab, erzählt eine andere Geschichte, ohne dabei explizit „Geschichte schreiben“ zu wollen.
Jee Chan beschäftigt sich mit der Frage, wie Erinnerung und Wissen sich nicht nur im Gedächtnis, sondern auch in der sozialräumlichen Lebenswelt, in Wasserlandschaften und in menschlichen Körpern manifestieren. Durch choreografierte Gesten in ruhigen Plansequenzen, Oral History und Interventionen im Raum wird das Erinnern als vielschichtige und mit der Umgebung verknüpfte Tätigkeit erfahrbar.

Luc-Carolin Ziemann

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Regie
jee chan
Kamera
Nelson Yeo
Schnitt
Stefan Pente
Produktion
jee chan, Elysa Wendi, Liao Jiekai
Key Collaborator
Jelena Golubović
Filmstill Boma a Bopa

Boma a Bopa

Boma a Bopa
Jana Rothe
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Luxemburg,
Deutschland
2025
12 Minuten
Luxemburgisch
Untertitel: 
Englisch

An der Wand hängen gerahmte Hochzeitsfotografien, auf dem Tisch liegen aufgeschlagene Alben mit Urlaubserinnerungen. Es ist ein Haushalt der seit Jahrzehnten eingespielten Handgriffe. Die Filmemacherin trifft auf gelebtes Leben im Luxemburger Eigenheim der Großeltern. Sie probiert das Jackett des Großvaters und die Ringe der Großmutter an. Aus Langeweile? Oder ist das die Aneignung einer Geschichte? Die Zeit scheint still zu stehen und geht doch unerbittlich weiter. Er hält ein Nickerchen mit der Schlafmaske, auf die offene Augen gedruckt sind, sie sitzt am Küchentisch und spricht über ihre beginnende Demenz. Mit vollen Zügen genießt sie eine Zigarette am Fenster, lässt sich von der Enkelin die Nägel pink lackieren. Vielleicht, um eine gute Figur vor der Kamera zu machen, während der Großvater zur Musik aus dem Radio mit den Hüften wackelt. Dem Gefühl der Vergänglichkeit trotzt das Paar bewegende Momente ab, ein Pas de deux erzählt von Liebe und Verbundenheit.

Anke Leweke

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Regie
Jana Rothe
Kamera
Jana Rothe
Schnitt
Jana Rothe
Produktion
Jana Rothe
Sound Design
Duc Nguyen
Key Collaborator
Jannis Lange
Ausgezeichnet mit: Goldene Taube Kurzfilm (Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm)
Filmstill Cold Call

Cold Call

Cold Call
Stefanie Schroeder
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Deutschland
2025
16 Minuten
Englisch
Untertitel: 
Englisch

In einer Künstlerresidenz sitzt eine Kreative mit Schreibblockade. Draußen werkeln Bauarbeiter, drinnen passiert nichts – bis das Festnetztelefon klingelt. Ein vermeintlicher Microsoft-Mitarbeiter will Zugriff auf ihren angeblich kaputten Computer. Sie beginnt sich mitzuteilen – Liebeskummer, Leere, Prokrastination. Der Scammer hört zu – und geht, ohne es zu merken, einer Scambaiterin in die Falle.
„Cold Call“ erzählt vom unerwartet echten, fast tröstlichen Gespräch zwischen diesen zwei Fremden – und davon, wie leicht man selbst Teil der Strukturen wird, die man glaubt zu hinterfragen: digitale Selbstjustiz, Rassismus, globale Ungleichheit. Stefanie Schroeder widmet sich einem Phänomen, das erst auf den zweiten Blick seine Vielschichtigkeit offenbart. Eine dieser Schichten ist das Scamming, ein per Täuschung und Manipulation durchgeführter Betrugsversuch, der oft nicht aus freiem Willen, sondern von sklavenähnlich „gehaltenen“ Beschäftigten in über die Welt verstreuten Kleinunternehmen begangen wird. Als ähnlich ambivalent erweist sich das Scambaiting, eine sich als Schutzmacht produzierende Gegenwelle im Internet, die dem betrügerischen Treiben durch persönliche Bloßstellung und Demütigung Einhalt gebieten will – nicht selten mittels rassistischer Stereotype. Schroeder bearbeitet diese Gemengelage mit Minimalismus und Humor und entfaltet dabei souverän die Komplexität des Themas.

Luc-Carolin Ziemann

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Regie
Stefanie Schroeder
Buch
Constanze Kerth
Kamera
Stefanie Schroeder
Produktion
Stefanie Schroeder
Key Collaborator
Istvan Gyöngyösi
Ausgezeichnet mit: Lobende Erwähnung (Deutscher Wettbewerb)
Filmstill My Mother’s Scars

Die Narben meiner Mutter

Die Narben meiner Mutter
Tete Hoffmann
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Deutschland
2025
5 Minuten
Deutsch
Untertitel: 
Englisch

„Der hat das so schön gemacht, mit so einer Akribie hat er das genäht, der Arzt.“ Im Leben der Mutter verweben sich Katholizismus und psychische Belastung. Im körnigen 16mm-Material sind Kratzer sichtbar, von anderen, körperlichen Narben ist im Voiceover die Rede. In dieser widerständigen Miniatur siegt der Respekt vor der Entschiedenheit über die Kritik an der moralischen Verurteilung. Dafür reichen wenige Bilder, ein Kichern und ein gemeinsam gesungenes Lied. Die Bezüge bleiben offen, die Ambivalenz, die zwischen den Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Interieurs, Arznei- und Andachtsarrangements, zwischen On und Off entsteht, darf so stehen bleiben. Auch in der Bibel gibt es Menschen, die keine Kraft mehr zum Leben haben. Am Ende ist die Haut wieder weich gecremt, und Bilder, Text und Gesang werden sanft miteinander vernäht.

Jan Künemund

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Regie
Tete Hoffmann
Kamera
Tete Hoffmann
Schnitt
Tete Hoffmann
Produktion
Tete Hoffmann
Ton
Tete Hoffmann
Funding institution
Universität der Künste Berlin
Key Collaborator
Julia Roliz
Filmstill Ekbatana

Ekbatana

Ekbatana
Simon Dickel, Werner Müller
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Deutschland
2025
13 Minuten
Deutsch,
Englisch
Untertitel: 
Englisch

Das Super8-Filmmaterial, das seit 1982 in einem privaten Archiv lag, gibt Rätsel auf. Es zeigt Kunst, abgerissene Gebäude und besetzte Häuser im Westberlin der frühen 1980er Jahre. Um die Zusammenhänge in den Bildern zu ergründen, wird eine sogenannte künstliche Intelligenz befragt. Interessanterweise stellt sie Bezüge zur antiken Hauptstadt des Mederreichs und späteren Königsresidenz der Achämeniden her. Außerdem erfahren wir Überraschendes über die Bedeutung des roten Rollkragenpullovers für die Emanzipation der Schwulen und lernen die Funktionen von Besen und Schlauch kennen. Von einer verwirrenden Soundcollage begleitet, verweisen die Graffitis an den Wänden einer viel beschriebenen Stadt auf eine erregende subkulturelle Tradition. Ein junger Mann schaut in die Kamera. Es ist der Künstler Gerhard Faulhaber.

Jan Künemund

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Regie
Simon Dickel, Werner Müller
Kamera
Gerhard Faulhaber, Werner Müller
Schnitt
Simon Dickel, Werner Müller
Produktion
Simon Dickel, Werner Müller
Sound Design
Simon Dickel, Werner Müller
Sprecher*in
Guntram Wischnewski
Filmstill Holler for Service

Holler for Service

Holler for Service
Ole Elfenkaemper, Kathrin Seward
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Deutschland,
USA
2025
77 Minuten
Englisch
Untertitel: 
Deutsch

Wer in der 900-Seelen Gemeinde Lumpkin im ländlichen Südwesten Georgias den Hardware Store betritt, der findet dort neben Werkzeug, Viehfutter und Saatgut manches, was man nicht erwarten würde. Kellies kleiner privater Baumarkt ist mehr als ein Laden – er ist eine Lebensader für die Umgebung: Versorgungslager, Klatsch- und Tratsch-Station, Zufluchtsort. Kellie hat ein gutes Wort für jeden, stellt gelangweilte Teenager aus der Nachbarschaft ein, heitert einsame Senioren auf und adoptiert streunende Hunde. Jedem Gegenüber begegnet sie mit Herzlichkeit, Geduld und trockenen Sprüchen. Dass sie es als queere Frau in einer traditionell stark republikanisch geprägten Ecke der USA nicht immer leicht hat, schon gar nicht mit einem Job, in dem der Umgang mit heimwerkenden Mansplainern zum täglichen Brot gehört, kommentiert sie nur knapp – und selbstverständlich erst nach Ladenschluss.
Kathrin Seward und Ole Elfenkaemper beobachten die Überzeugungstäterin in ihrem Alltag und haben großen Spaß daran, in die Details dieser Räume und die absurd-amüsanten Feinheiten der sozialen Interaktionen einzutauchen. Fast vergisst man in diesem ganz eigenen Universum, dass es neben der in jeder Hinsicht offenen Atmosphäre im Laden auch ein ganz anderes Amerika gibt, in dem nicht Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, sondern Egoismus, Aggression und Abgrenzung im Mittelpunkt stehen.

Luc-Carolin Ziemann

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Regie
Ole Elfenkaemper, Kathrin Seward
Kamera
Ole Elfenkaemper
Schnitt
Ole Elfenkaemper
Produktion
Ole Elfenkaemper, Kathrin Seward
Ton
Kathrin Seward
Sound Design
Alfred Tesler
Nominiert für: DEFA Förderpreis, VER.DI Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness
Filmstill I Don’t Think I’m Alone in This

I Don’t Think I’m Alone in This

I Don’t Think I’m Alone in This
Jack Wolf
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Deutschland
2025
10 Minuten
Arabisch
Untertitel: 
Englisch

Die Arbeit des in Berlin lebenden Filmemachers und Künstlers Jack Wolf beruht in erster Linie auf investigativer Recherche zu Konflikt- und Umweltthemen sowie Migration. In politischen und sozialen Epizentren agiert er zudem mit modernsten Technologien und innovativer Hardware. Sein Kurzfilm bündelt all diese Aspekte auf ebenso knappe wie präzise Weise. „I Don’t Think I’m Alone in This“ wurde mit einer Tiefenerkennungskamera gedreht, die in 3D-Verfahren Anwendung findet und Maschinen im weitesten Sinne befähigen soll, wie Menschen wahrzunehmen. Optisch geht es also um Datenstrom, Zahlen und Transformation. Inhaltlich wird das Schicksal eines jungen Mannes, der als Kind vor zehn Jahren von Damaskus nach Beirut geflohen ist, zum Greifen nahe.
Aus dem Off eines engen Zimmers, sicherer Rückzugsort und Käfig zugleich, erzählt Amjad Bahloul von früher. Davon, wie wunderbar es war, all die Leute auf den Straßen zu treffen, Fußball zu spielen, mit der echten Welt zu interagieren, ein Segen. Ein Segen für die verfluchte Einsamkeit im fremden Land wurden für Amjad dann Facebook, YouTube & Co. – als einzige Möglichkeiten für soziale Kontakte. „Sie erleichtern die Last“, sagt er. Und sie könnten ihm und anderen Geflüchteten jetzt dabei helfen, den Weg nach Hause zu finden, denn das syrische Regime ist gefallen. Ein Posting hatte es ihm verkündet …

Andreas Körner

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Regie
Jack Wolf
Buch
Jack Wolf
Kamera
Ioannis Kaltirimtzis
Schnitt
Jack Wolf
Produktion
Jack Wolf
Co-Produktion
Arne Büttner
Ton
Eero Nieminem
Sound Design
Lugh O'Neill
Animation
Keir Chaggar-Brown
Filmstill Intersection

Intersection – Alles ist politisch

Intersection – Alles ist politisch
Karoline Rößler
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Deutschland
2025
87 Minuten
Deutsch
Untertitel: 
Englisch

Das Projekt „Intersection – Alles ist politisch“ fragt, wie Diskriminierungsstrukturen erfahrbar gemacht werden können – insbesondere für jene, die Diskriminierung (noch) nicht selbst erlebt haben. Genau diesen Zweck verfolgt ein interaktives Handyspiel, das sich durch zwei Eigenschaften auszeichnet: Es ist kompetitiv – und es ist unfair. Die einen starten mit Privilegien, die anderen unter erschwerten Bedingungen, je nachdem, welche Figur sie zugeteilt bekommen. Im Film dient das Spiel als Ausgangspunkt, Visualisierung und Realitätscheck für eine Gruppe von sechs Menschen, die sich aktiv dafür einsetzen, gesellschaftliche Ungleichheit und Diskriminierung klar zu benennen und ihnen öffentlich entgegenzutreten.
Der Austausch der sechs am runden Tisch verdeutlicht, wie allgegenwärtig Rassismus, Sexismus, Ableismus, Queer- und Transfeindlichkeit sind. Und dass es in einer Zeit, in der weltweit rechte Parteien erstarken und marginalisierten Gruppen Rechte abgesprochen werden, umso wichtiger ist, nicht nur in den als „woke“ verhöhnten eigenen Bubbles gegen Ungleichheit zu arbeiten, sondern auch auf die ebenso oft zitierte „Mitte der Gesellschaft“ einzuwirken. Fragen nach der Erreichbarkeit dieser wichtigen, aber oft trägen Masse, nach der Rolle von Sprache und Identität im Diskurs über Diskriminierung stehen ebenso zur Diskussion wie Strategien, sich selbst vor Frust und Burn-out zu schützen.

Luc-Carolin Ziemann

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Regie
Karoline Rößler
Kamera
Clara Marnette
Schnitt
Julia Maxin Kaiser
Produktion
Markus Heidmeier, Laura Küntzel, Jascha Loos, Karoline Rößler
Co-Produktion
Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF
Sound Design
Anastasiia Nasonkina
Musik
Jan Glauser
Animation
Frederick Freund, Mascha Ermakova
Funding institution
Pola Weiß
Szenenbild
Stefanie Becker
Key Collaborator
Julia Maxin Kaiser
Nominiert für: DEFA Förderpreis, Gedanken-Aufschluss-Preis, VER.DI Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness
Filmstill Kamogawa

Kamogawa

Kamogawa
Rainer Komers
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Deutschland
2025
16 Minuten
Japanisch
Untertitel: 
Englisch

In der Ferne rattert ein Zug, ein Reiher stolziert durchs Wasser, Kinder machen Gymnastik auf der Promenade. Ein Pärchen ist unterwegs zum anderen Ufer, hüpfend von Stein zu Stein. Einer der Steine hat die Form einer Schildkröte, sie symbolisiert Weisheit. Unter einer Stahlbetonbrücke singt ein älterer Mann, seine Stimme klingt hallig. Bewegte Momentaufnahmen vom Kamogawa, dem Wildentenfluss in Kyoto. Sie entwickeln einen einnehmenden Rhythmus, dem man sich allzu gern überlässt. Die Männer, Frauen und Kinder scheinen versunken in ihre Tätigkeiten und in sich selbst. Etwa der Angler, der vom fetten Fisch an seiner Schnur regelrecht überrascht wird. Manchmal schaut sich die Kamera auch in den Häusern hinter der Böschung um. In einer Manufaktur fertigt ein betagtes Ehepaar Stoffe mit ausgefallenen Mustern an, das gleichmäßige Klappern des Webstuhls hat etwas Beruhigendes. Eine heitere Gelassenheit erfüllt die Bilder.

Anke Leweke

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Rainer Komers
Kamera
Rainer Komers
Schnitt
Gregor Bartsch, Dirk Peuker
Produktion
Rainer Komers
Sound Design
Christian Obermaier
Deutscher Filmverleih
Rainer Komers
Filmstill Nonna

Nonna

Nonna
Vincent Graf
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Deutschland,
Italien
2025
72 Minuten
Italienisch,
Deutsch
Untertitel: 
Englisch

Rosa hat über drei Jahrzehnte in Deutschland gelebt und gearbeitet, mit dem hart verdienten Geld wurde zu Hause, in Süditalien, ein Haus gebaut. Es war ursprünglich als Sicherheit für die ganze Familie gedacht, aber die blieb in Deutschland, als Rosa Ende der 1990er dort einzog. Seit ihr Mann gestorben ist, betreibt sie darin allein ein doppelstöckiges Bed and Breakfast, das seine beste Zeit bereits hinter sich hat. Ihre täglichen Routinen sind von Mühsal und Enttäuschung geprägt: Die Schufterei wird im Alter nicht leichter, Reinigungskräfte sind schwer zu finden, mit der Region geht es immer weiter abwärts. Rosa hat schlechte Laune, beklagt sich im Stillen und streitet laut mit dem Bruder, der nebenan wohnt. Die Familie ist weit weg und die Verbindung oft schlecht. Nur die regelmäßigen Fahrten ans nahe Meer, das auch im Winter schön ist, machen sie glücklich. Was tun mit einem Vermächtnis, das niemand haben will?
„Nonna“ ist eine Würdigung der Großmutter durch ihren filmemachenden Enkel, die präzise und mit leisem Witz Menschen, Orte und Zeit erfasst, und von einer Lebensbewegung zwischen zwei Heimaten erzählt, die nicht so verlaufen ist, wie man sich das einmal vorgestellt hat.

Jan Künemund

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Regie
Vincent Graf
Kamera
Vincent Graf
Schnitt
Vincent Graf
Produktion
Vincent Graf, Kunsthochschule für Medien Köln
Ton
Vincent Graf
Sound Design
Luisa Kremer
Key Collaborator
Rita Schwarze, Oliver Schwabe
Nominiert für: DEFA Förderpreis, VER.DI Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Filmstill Open Game
Offenes Spiel Justus Hanfland, Rasoul Mohammadi Koussehabad
Amir ist aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Er ist Schachspieler. Im Leben spielt das Glück eine Rolle, beim Schach nicht. Sagt er. Eine filmische Partie entlang der drei Spielphasen.
Filmstill Open Game

Offenes Spiel

Offenes Spiel
Justus Hanfland, Rasoul Mohammadi Koussehabad
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Deutschland
2025
7 Minuten
Farsi
Untertitel: 
Englisch

Die Kunst eines dokumentarischen Porträts besteht darin, dem Publikum eine Persönlichkeit in kurzer Zeit vorzustellen, dabei aber über eine Assemblage biografischer Fakten hinauszugehen und zu erfassen, was diesen Menschen tatsächlich ausmacht. „Offenes Spiel“ gelingt diese Kunst, indem der Film seinen jungen Protagonisten Amir als jemanden zeigt, der immer unterwegs zu sein scheint. Zuerst meisterte er den unsicheren Weg von Afghanistan nach Deutschland, nun pendelt er in Deutschland stetig zwischen Schule, Job und Schachbrett. Ruhe findet er nur, wenn er seine Figuren auf den 64 Feldern des Bretts bewegt, wenn er in eine Welt eintaucht, in der jeder Zug wohlüberlegt sein will und in der Strategie und nicht Glück darüber entscheidet, wie es weitergeht. Im Schach kennt Amir alle Regeln und kann den Fortgang des Spiels bestimmen – von der geschickt gewählten Eröffnung bis zum Zug um Zug vorausgeplanten Ende.
„Open Game“ strukturiert sein Material entlang der Entwicklungsphasen des Schachspiels und porträtiert Amir als Menschen, dessen Leben dem Zufall ausgesetzt war. Wer zu oft auf sein Glück hoffen muss, der weiß kontrollierte Umgebungen zu schätzen.

Luc-Carolin Ziemann

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Justus Hanfland, Rasoul Mohammadi Koussehabad
Kamera
Justus Hanfland
Schnitt
Justus Hanfland, Rasoul Mohammadi Koussehabad
Produktion
Justus Hanfland, Rasoul Mohammadi Koussehabad, Kunsthochschule für Medien Köln
Ton
Leonard Mann
Sprecher*in
Amir Hossein Rezai
Filmstill Sediments

Sedimente

Sedimente
Laura Coppens
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Schweiz,
Deutschland
2025
81 Minuten
Deutsch
Untertitel: 
Englisch

Szene für Szene wird eine Biografie behutsam in Schichten freigelegt und damit auch deutsche Geschichte: Nationalsozialismus, DDR, Nachwendezeit. Eine Enkelin besucht ihren Großvater. Der ältere Herr treibt regelmäßig Sport, hat einen Gymnastikraum im Haus. Sie erklärt ihm ihr Projekt – und ihr Film wird diesen Projektcharakter behalten. Es ist ein permanentes Ausloten, wie tief, wie weit sie mit ihren Fragen gehen kann.
In einer schäbigen Metallbox, die offenbar schon lange nicht mehr geöffnet wurde, verwahrt er Familienfotos aus der NS-Zeit. Auch die Aufnahme des älteren Bruders in der Uniform des nationalsozialistischen Reichsarbeitsdienstes ist darunter. Erst wenige Monate nach Kriegsende nahm es die Urgroßmutter aus Angst vor den Blicken der Rotarmisten von der Wand. Der Großvater verehrte seinen 1944 an der Ostfront gefallenen Bruder, bewunderte dessen Kraft und Sportlichkeit. Im Sportland DDR lebte er den Körperkult weiter. Wiederholt geht es in den Gesprächen um persönliche Verantwortung und moralische Grauzonen, um Vergessen und Verdrängung. Die Enkelin scheint sich zu fragen, wem sie überhaupt gegenübersitzt.

Anke Leweke

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Laura Coppens
Buch
Laura Coppens
Kamera
Pierre Reischer
Schnitt
Kathrin Schmid
Produktion
Laura Coppens
Ton
Laura Coppens
Sound Design
Azadeh Zandieh
Musik
Azadeh Zandieh
Nominiert für: Gedanken-Aufschluss-Preis, VER.DI Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness, Filmpreis Leipziger Ring, DEFA Förderpreis
Ausgezeichnet mit: Gedanken-Aufschluss-Preis
Filmstill The Woman Who Poked the Leopard

The Woman Who Poked the Leopard

The Woman Who Poked the Leopard
Patience Nitumwesiga
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Uganda,
Südafrika,
Deutschland,
USA
2025
107 Minuten
Englisch,
Luganda
Untertitel: 
Englisch

Wenn Stella Nyanzi einen Raum betritt, ist Action angesagt. Die ugandische Feministin, Genderforscherin, Anthropologin und Poetin nimmt bei ihrem Kampf gegen die staatliche Unterdrückung kein Blatt vor dem Mund. Mit einem vulgären Gedicht verhöhnt sie den seit fast 40 Jahren amtierenden Staatschef Yoweri Museveni und kommt dafür 2017 ins Gefängnis. Nach ihrer Freilassung kandidiert Nyanzi für das Parlament, ohne das nötige Geld für eine Wahlkampagne zu haben. Mit ihren Kindern druckt und verteilt sie Plakate und Flugblätter in den Slums von Kampala. Die Tochter schminkt und frisiert ihre Mutter für öffentliche Auftritte. Manchmal wünschen sich die fast erwachsenen Kinder mehr Zeit für sich selbst. Wiederholt sieht sich die Familie mit Polizeigewalt konfrontiert und emigriert schließlich nach Deutschland.
Mit einer beweglichen Handkamera übernimmt der Film die Power seiner Protagonistin, sein Rhythmus entspricht ihren wütenden Texten. Es entsteht das Porträt einer Frau, die Radikalität und Provokation zu ihrer Lebensform erklärt. Man kommt einer Aktivistin näher, die sich und ihre nächste Umgebung permanent überfordert. Dennoch kann man sich der Energie von Stella Nyanzi kaum entziehen.

Anke Leweke

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Patience Nitumwesiga
Kamera
Racheal Mambo, Phil Wilmot
Schnitt
Kristen van Schie
Produktion
Rosie Motene, Phil Wilmot, Patience Nitumwesiga
Co-Produktion
Natalia Imaz, Menzi Mhlongo
Ton
Penelope Najuna, Carla Walsh
Sound Design
Sean Peevers
Musik
Sylvia Babirye
Key Collaborator
Shua Wilmot
Nominiert für: DEFA Förderpreis, VER.DI Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness
Ausgezeichnet mit: DEFA Förderpreis, VER.DI Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness