Am 9. Februar 2022 besprechen vier Freunde in Kyjiw die Situation: An der Grenze harren 120.000 russische Soldat*innen – was wird geschehen? Ein gleichsam historischer wie privater Moment.
Am Abend des 9. Februar 2022 sitzen vier junge Männer in Kyjiw um einen Tisch. Die Freunde besprechen die Lage: 120.000 russische Militärs befinden sich vor der ukrainischen Grenze. Was wird geschehen? Regisseur und Kameramann Leo Dzhyshyashvili fängt in „The Birds Are Silent“ einen gleichermaßen privaten wie historischen Moment ein. Bezeichnend dabei ist die Klarsicht, mit der Andriy, Olexandr, Ivan und Sasha die Konsequenzen des bevorstehenden Angriffs einschätzen: Potenzielle Entscheidungen ob der eigenen Zukunft vermischen sich mit Sorgen um Angehörige sowie der Fassungslosigkeit, in eine Situation geworfen zu sein, die sowohl Hilflosigkeit als auch Ekel auslöst. Aber eine kleine Hoffnung ist noch zu vernehmen – möglicherweise sind die ausgemalten Horrorszenarien nichts weiter als Energieverschwendung? Schnitt. Aus den Diskutierenden sind teils Soldaten geworden; einer hat sich mit einer schmalen Matratze und einer Mahlzeit im Bad verschanzt. Binnen acht Minuten hat Dzhyshyashvili ein Davor und ein Danach zusammengezurrt, das schaudern macht.
Wer, wenn nicht wir? Der Kampf für Demokratie in Belarus
Juliane Tutein
Immer restriktiver entwickelt sich das politische Klima in Belarus, stets müssen Aktivist*innen mit Haftstrafen rechnen. Drei mutigen Aufbegehrenden ist dieser Film gewidmet.
Wer, wenn nicht wir? Der Kampf für Demokratie in Belarus
Wer, wenn nicht wir? Der Kampf für Demokratie in Belarus
Juliane Tutein
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2023
Dokumentarfilm
Deutschland
2023
77 Minuten
Belarusisch,
Russisch,
Ukrainisch
Untertitel: 
Englisch
2020 formierten sich in Belarus die bis dato größten Proteste gegen die Regierung. Den Demonstrierenden wurde mit Gewalt und Restriktionen begegnet, viele von ihnen erhielten drakonische Haftstrafen. Ein gefährliches Klima, das politischen Aktivismus bereits in der Entstehung zu unterbinden sucht, setzte sich fest. Juliane Tutein filmte und recherchierte für „Wer, wenn nicht wir? Der Kampf für Demokratie in Belarus“ drei Jahre lang in einem Land, das mit seiner vermeintlichen Unabhängigkeit 1991 keinen Elitenwechsel erlebt hat. An der Spitze der mutigen Aufbegehrenden entdeckt sie vor allem Frauen. Dreien von ihnen widmet sie dieses Porträt: Nina Bahinskaja, Mitte siebzig und seit den 1980er Jahren im Kampf für ein offenes Belarus engagiert, Tatsjana „Tanja“ Hatsura-Jaworskaja, Gründerin des Menschenrechtsfilmfestivals „Watch Docs“, und Darja Rubleuskaja, mit 22 die Jüngste, die für das von Friedensnobelpreisträger Ales Bjaljazki gegründete Menschenrechtszentrum „Wjasna“ arbeitet. Tutein entwickelt so eine mehrstimmige Collage, in der Minsks einschüchternde Architektur ebenso eindrücklich wirkt wie Hatsura-Jaworskajas Flucht in die von Russland attackierte Ukraine.
Carolin Weidner
Credits
Regie
Juliane Tutein
Buch
Juliane Tutein
Kamera
Siarhei Kavaliou, Feline Gerhardt, Juliane Tutein
Schnitt
Maria Hemmleb
Produktion
Ümit Uludağ, Martin Roelly, Erik Winker
Ton
Cécilia Marchat, Sirius Kestel, Juliane Tutein
Sound Design
Andreas Mühlschlegel
Musik
Julian Erhardt, Mirko Büchele
Animation
Georg Krefeld
Nominiert für:
MDR-Filmpreis,
Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts,
Filmpreis Leipziger Ring
Portrait sechs albanischer „Burrneshas“, die als Frauen in der sozialen Rolle von Männern, seit Jahrzehnten die patriarchalen Strukturen des Landes mit Witz und Mut gegen den Strich bürsten.
Selbst entscheiden, wie sie leben, das wollen die sechs albanischen Burrneshas, die hier ihre Geschichte erzählen. Sie merkten früh, dass die patriarchale Gesellschaft ihre Freiheit stark beschränkt. So wurden sie zu Burrneshas und schlüpften in die soziale Rolle von Männern, um wie sie handlungsfähig, unabhängig zu sein und ihre Familie wirtschaftlich unterstützen zu können, um sich Zwangsehen und Übergriffen zu entziehen. Und dabei haben sie – ganz nebenbei – auch eine Menge Spaß. Doch das Durchbrechen der Geschlechterschranken gibt es nicht umsonst. Burrnesha bleibt man lebenslänglich, besiegelt durch einen Schwur. Der Preis der Freiheit ist meist der Verzicht auf eine offen gelebte Sexualität, auf Kinder und Familie. Die beeindruckenden Protagonist*innen in diesem großartig fotografierten Film zeigen, wie viel Kraft es braucht, maskuline Geschlechterstereotypen einzuüben. Nicht bei allen reicht die Energie, um Klischees und männlichen Machtanspruch gleichzeitig zu behaupten und zu unterlaufen. Für die neue Generation von Feminist*innen in Albanien sind die Burrneshas Vorbilder, aber auch Mahnung. Denn der Weg zur Gleichberechtigung ist längst nicht geschafft, nur weil es einer Avantgarde mutiger Frauen gelingt, sich durch einen Sprung ins Herz des Patriarchats zu schummeln. Wer dem System an den Kragen will, darf die Strukturen nicht kopieren, sondern muss sie abschaffen.
Luc-Carolin Ziemann
Credits
Regie
Kristine Nrecaj, Birthe Templin
Kamera
Alfred Nrecaj
Schnitt
Evelyn Rack
Produktion
Katrin Springer
Ton
Adrian Guri, Arne Herrmann
Sound Design
Anders Wasserfall
Musik
Nico Pavlovic, André Feldhaus, Alfred Nrecaj, Arne Herrmann