Filmarchiv

Filmstill After the Silence

After the Silence

Después del silencio
Matilde-Luna Perotti
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Kanada
2024
14 Minuten
Spanisch
Untertitel: 
Englisch

Was passiert nach einem Missbrauch? Sechs Jahre nach der Tat nimmt die Regisseurin wieder Kontakt zu ihrer Großmutter auf – nicht, um über die Tat selbst zu sprechen, die allen bewusst ist. Sie will endlich erzählen, wie es ihr danach erging: um das Schweigen zu brechen, um ihre Scham und die Trauer um den Verlust ihrer gesamten kolumbianischen Familie zu benennen – und vor allem, um die Anerkennung ihres Leids einzufordern.
In ihrem ersten Film verarbeitet Matilde-Luna Perotti ein persönliches Trauma, das viele Frauen in Lateinamerika teilen. Die Erinnerung daran steckt in allem: in alten Familienvideos, in Textnachrichten, in Stoffen und Kleidern, in den Narben der eigenen Haut. Aus diesen Fragmenten entsteht ein persönliches und zugleich kollektives Porträt, das ein tief vergrabenes Trauma sichtbar macht – und am Ende zu einem Akt der Selbstermächtigung wird.

Seggen Mikael

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Matilde-Luna Perotti
Buch
Matilde-Luna Perotti
Kamera
Bleue Pronovost-Teyssier, Pauline Bouhelel
Schnitt
Matilde-Luna Perotti
Produktion
Matilde-Luna Perotti
Ton
Bleue Pronovost-Teyssier, Pauline Bouhelel
Filmvertrieb
Robin Miranda das Neves
Nominiert für: Silberne Taube
Ausgezeichnet mit: Goldene Taube kurzer Dokumentarfilm (Internationaler Wettbewerb Kurzfilm)
Filmstill BAEA

BAEA

BAEA
Terra Long
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Kanada,
UK,
USA
2025
18 Minuten
Englisch
Untertitel: 
Keine

Winter an der Pazifikküste in Kanada – eine schwierige Jahreszeit für die Tierpfleger*innen der Wildtierauffangstation in Comox, British Columbia: Es ist Jagdsaison. Trotz massiver Kritik von Tierschutzorganisationen verwenden Jäger*innen nach wie vor Bleimunition. Für die BAEA – so der offiziell in Nord- und Mittelamerika benutzte Alpha-4-Code für Weißkopfseeadler – ist sie auf besondere Weise lebensbedrohlich. Denn die Greifvögel ernähren sich von liegen gelassenen Tierkadavern. Die Überlebenschancen nach einer Bleivergiftung sind gering. Auch die Behandlung ist für die Adler eine schwere Belastung. Mit großer Geduld und liebevoller Zuwendung versuchen die Pfleger*innen, ihre Schützlinge vor dem Tod zu bewahren.
In behutsamen Bildern und respektvoll gegenüber den leidenden Vögeln begleitet Filmemacherin Terra Long den Alltag auf der Station und kontrastiert diesen mit Aufnahmen der – nur scheinbar – von Menschen unberührten Natur. Letztlich stellen sich in diesem Refugium ethische Grundsatzfragen: Wie können Wildtiere von ebenjenen Menschen versorgt und gleichzeitig ihre Würde und Wildheit erhalten werden? Und: Hat die aufwändige Behandlung überhaupt einen Nutzen angesichts der geringen Aussichten auf Veränderung der Jagdgesetze?

Annina Wettstein

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Terra Long
Kamera
Terra Long
Schnitt
Terra Long
Produktion
Heidi Fleisher, Mike Paterson
Ton
Colin Whitman
Musik
Kaija Siirala
Funding institution
Sandbox Films
Filmstill Clan of the Painted Lady

Clan of the Painted Lady

Clan of the Painted Lady
Jennifer Chiu
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Kanada
2025
101 Minuten
Englisch,
Chinesisch
Untertitel: 
Englisch

Der Painted-Lady-Schmetterling, auch bekannt als Distelfalter, legt über mehrere Generationen hinweg eine 9.000 Meilen lange Reise zurück. Jede Generation fliegt zum nächsten Ort, ohne Anfang oder Ende der Route zu kennen. Die Volksgruppe der Hakka, deren Name so viel wie „Gastfamilie“ bedeutet, teilt dieses Schicksal der ständigen Bewegung. Ihre Identität ist nicht an ein spezifisches Territorium gebunden, sondern an ihre Vorfahr*innen. Die Regisseurin, selbst Hakka, folgt der Migrationsgeschichte ihrer Familie von den Wurzeln in Nordchina über Kanada bis nach Indien. Bei ihrer Spurensuche begegnet sie Hakka aus aller Welt, die ihre eigenen Geschichten von Aufbruch, Anpassung und dem Bewahren einer einzigartigen Kultur erzählen.
Zwischen Archivmaterial, persönlichen Reflexionen und Interviews mit Mitgliedern der globalen Diaspora entsteht das vielstimmige Porträt einer Gemeinschaft, deren Sprache, Bräuche und kollektive Erinnerung vom Verschwinden bedroht sind. Der Film stellt die Frage, wie Identität entsteht, wenn Heimat sich ständig verschiebt – und wie man Wurzeln an immer neuen Orten schlägt, ohne den Blick auf die Herkunft zu verlieren.

Seggen Mikael

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Jennifer Chiu
Buch
Jennifer Chiu, Aynsley Baldwin
Kamera
Antonia Ramirez
Schnitt
Aynsley Baldwin
Produktion
Jennifer Chiu
Co-Produktion
Brad Keeling, Sarah Jane Flynn
Ton
Oscar Vargas, Scott Gailey
Sound Design
Oscar Vargas, Scott Gailey
Musik
Scott Gailey, Oscar Vargas
Broadcaster
Knowledge Network
Redaktion
Patrice Ramsay
Nominiert für: Silberne Taube, Preis der Interreligiösen Jury, FIPRESCI Preis
Filmstill Cutting Through Rocks

Cutting Through Rocks

Uzak yollar
Sara Khaki, Mohammadreza Eyni
Publikumswettbewerb 2025
Dokumentarfilm
USA,
Iran,
Deutschland,
Niederlande,
Katar,
Chile,
Kanada
2025
94 Minuten
Aserbaidschanisch,
Farsi
Untertitel: 
Englisch

Die Proteste mit dem Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ in Teheran und anderen Großstädten scheinen weit weg von dem Ort, an dem Sara lebt. Doch die Protagonistin dieses Films setzt sich in ihrer ländlichen Gemeinde im Nordwesten des Iran ganz alltagspraktisch für die gleichen feministischen Werte ein. Immer wieder werden wir in Bildern darauf zurückgeführt, dass ihr Vater sie einst – zum Unmut des Dorfes – das Motorradfahren lehrte. Ein kleiner Gefallen mit großer Wirkung: Für Sara ebnete er einen Weg jenseits der patriarchalen Ehe. Mobil auf zwei Rädern arbeitete sie als Hebamme und brachte zahlreiche Mädchen zur Welt, für die sie sich jetzt erneut stark machen will: Zu Beginn des Films und in der Mitte ihres Lebens entschließt sich Sara, als erste Frau in der Geschichte ihrer Kommune für den Gemeinderat zu kandidieren. Ein Schritt, der ihr einerseits begeisterte Unterstützung einbringt; andererseits muss sie offene Feindseligkeiten und eine Anhörung bei den Sittenwächtern der Islamischen Republik über sich ergehen lassen. Sara Khaki und Mohammadreza Eyni fangen in „Cutting Through Rocks“ diese Machtstrukturen und ihre individuelle Wirkung ebenso präzise ein wie Gesten der Solidarität und Selbstbestimmung.

Jan-Philipp Kohlmann

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Sara Khaki, Mohammadreza Eyni
Buch
Sara Khaki, Mohammadreza Eyni
Kamera
Mohammadreza Eyni
Schnitt
Sara Khaki, Mohammadreza Eyni
Produktion
Sara Khaki, Mohammadreza Eyni
Ton
Karim Sebastian Elias
Sound Design
Miguel Hormazabal
Filmvertrieb
Stephanie Fuchs
Deutscher Filmverleih
Stephanie Fuchs
Nominiert für: Filmpreis Leipziger Ring
Ausgezeichnet mit: Goldene Taube (Publikumswettbewerb)
Filmstill Death Does Not Exist

Death Does Not Exist

La mort n’existe pas
Félix Dufour-Laperrière
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2025
Animationsfilm
Kanada,
Frankreich
2025
72 Minuten
Französisch
Untertitel: 
Englisch

Als Marc seiner Freundin Hélène gesteht, dass er sie liebt, antwortet sie nur: „Später!“ Der Zeitpunkt für sein Geständnis könnte ungünstiger nicht sein, hinter Hélènes Erwiderung steckt eine viel größere Dimension. Die beiden gehören zu einer Gruppe von Aktivist*innen, die im Wald gerade ihre Smartphones verbrannt und sich den letzten wichtigen Fragen gestellt haben. Fragen nach Angst, Macht, Mut, Loyalität und nach Zweifeln. Im Anschluss überfallen sie – stellvertretend für die Schuldigen am Dilemma dieser Welt, wie sie meinen – ein reiches und einflussreiches Rentnerpaar in dessen Nobelanwesen. Die bewaffnete Attacke endet in einem Blutbad. Hélène aber wird mitten im Schusswechsel von einer seltsamen Erstarrung heimgesucht und gerät bald danach in den surrealistischen Strudel einer fatalen zweiten Chance.
Der kanadische Regisseur und Drehbuchautor Félix Dufour-Laperrière sagt, er schreibe „mit Farben im Kopf, Metamorphosen, traumhaften Sequenzen und mentalen Bildern, die sich auf der Leinwand materialisieren“. Aus handgezeichneten Vorlagen entstand eine vor allem symbolwuchtige 2D-Animation fließender Figuren und Silhouetten, die sich weder offensiv formulierten Botschaften noch der überbordenden Magie des Formats verweigert.

Andreas Körner

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Félix Dufour-Laperrière
Produktion
Nicolas Dufour-Laperrière
Animation
Félix Dufour-Laperrière
Hommage: Punto y Raya 2025
Filmstill Desire on the Surface of the Skin
Desire on the Surface of the Skin Sunny Stanila
Bilder, deren papierne Materialität an die Oberfläche von Haut erinnern, erzählen durch aufblitzende Farbakzente und einen elektrisierenden Sound von der Sensation der Berührung.
Filmstill Desire on the Surface of the Skin

Desire on the Surface of the Skin

Desire on the Surface of the Skin
Sunny Stanila
Hommage: Punto y Raya 2025
Animationsfilm
Kanada
2019
3 Minuten
ohne Dialog
Untertitel: 
Keine

Die Bilder, deren feinziselierte Materialität an die Oberfläche der menschlichen Haut erinnert, untersuchen die Erfahrung des physischen Kontakts. Dunkle Tinte befleckt den papierenen Untergrund und stört dessen klares Weiß. Aufblitzende Farbakzente und elektrisierender Sound machen die Sensation der Berührung spürbar. Die extreme Vergrößerung schafft eine intime Beziehung zu Pigment und Textur.

Franka Sachse

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Sunny Stanila
Filmstill Endless Cookie

Endless Cookie

Endless Cookie
Seth Scriver, Peter Scriver
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2025
Animationsfilm
Kanada
2025
97 Minuten
Englisch
Untertitel: 
Englisch

„Die Vergangenheit ist ein endloser Cookie.“ Das Vergangene ist allgegenwärtig in diesem sagenhaft originellen Familienporträt. Es macht sich schon in den ersten Minuten bemerkbar, als Filmemacher Seth aus Toronto seinen Halbbruder Pete anruft, der dem Indigenen Volk der Cree angehört: Die Erdkugel, auf der die Distanz zwischen den beiden visualisiert wird, schnippt das kleine Schildchen „Dominion of Canada“ weg und gibt darunter das Wort Shamattawa frei – so heißt die First-Nations-Gemeinde, in der Pete lebt. Die Vergangenheit bleibt eben Gegenwart durch die Verletzungen, die die Cree in der weißen Mehrheitsgesellschaft erfahren (haben), darunter Polizeigewalt und Landnahme. Nichtsdestotrotz ist Humor das prägende Stilmittel der Scrivers – von subtilen Jokes über Selbstironie bis hin zum detaillierten, liebevoll-surrealen Look aller Charaktere, den sie sogar rassistischen Polizisten angedeihen lassen.
Sieben Geschichten wollten die Brüder anfangs erzählen. Am Ende sind es Hunderte geworden – denn jede Sprachaufnahme wird durch den Alltag der Großfamilie unterbrochen, jede Anekdote birgt die nächste. Ganz gleich, ob es um den Tipi-Bau, den Einkauf im Supermarkt oder das Tiere-Schächten geht. Über neun Jahre entstand diese schier unendliche Familienchronik, die auch eine besondere Chronik Kanadas entwirft. Es ist ein unverwechselbarer Cookie geworden, auf dem man lange herumkauen kann.

Marie Ketzscher

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Seth Scriver, Peter Scriver
Buch
Seth Scriver, Peter Scriver
Schnitt
Sydney Cowper
Produktion
Daniel Bekerman, Chris Yurkovich, Alex Ordanis, Jason Ryle, Seth Scriver
Sound Design
Andrew Zukerman
Animation
Seth Scriver
Filmvertrieb
Phoebe Liebling
Ausgezeichnet mit: Goldene Taube Langfilm (Internationaler Wettbewerb Animationsfilm)
Hommage: Punto y Raya 2025
Filmstill Intersextion
Intersextion Richard Reeves
Auf mit Kratzwerkzeugen und Farben bearbeiteten Filmstreifen verfallen zwei abstrakte Formenwesen einander in der Dunkelheit. Sie kommen zusammen und entschwinden gemeinsam in die Ferne.
Filmstill Intersextion

Intersextion

Intersextion
Richard Reeves
Hommage: Punto y Raya 2025
Animationsfilm
Kanada
2022
5 Minuten
ohne Dialog
Untertitel: 
Keine

Als wunderschön und zeitlos präsentiert sich auch hier die Technik der direkten Bearbeitung eines Filmstreifens mit Kratzwerkzeugen und Farben. Der Sound, der durch analoge Eingriffe in die Lichttonspur des Filmmaterials entsteht, ist charmant, keck und organisch. Zwei abstrakte Formwesen verfallen einander in der Dunkelheit. Sie kommen zusammen und entschwinden gemeinsam in die Ferne.

Franka Sachse

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Richard Reeves
Filmstill Paradaïz

Paradaïz

Paradaïz
Matea Radic
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2025
Animationsfilm
Kanada
2025
10 Minuten
ohne Dialog
Untertitel: 
Keine

In das Paradies kann man nicht zurück. Zwischen dem Jetzt und dem Damals liegt der Bruch, die Erkenntnis: Es gibt diesen Ort nicht mehr. Das muss auch unsere Protagonistin erfahren, als sie das Grün der Landkarte unter sich wie eine Decke anhebt, um mit einem Paradeiser in der Hand darunter zu kriechen – zurück nach Sarajevo, nach Jugoslawien. Die Fremdheit des Rückflugs mit obligatorischem Tomatensaft ist erst so nostalgisch-aufregend wie die Smiley-Sticker, die überall kleben. Aber spätestens im Elternhaus holt die Vergangenheit sie in Gänze ein: In der verlassenen Wohnung werfen die Einschusslöcher Lichtkegel auf alte Familienfotografien im Flur, und als sie den Kühlschrank öffnet, löst der Anblick einer einzelnen Tomate plötzlich Erinnerungen an Bomben und Explosionen in ihr aus.
Mit eindrücklichen und originellen Bildern visualisiert Matea Radic ihr eigenes traumatisches Erleben des Bosnienkrieges und dessen verwirrendes Verwoben-Sein mit haptisch-sinnlichen Kindheitserinnerungen – dadaistische Šipad-Möbel-Reklame und bosnische Melodien inklusive. Ihr großzügiger und doch aufs Wesentliche reduzierter Animationsstil hebt das kindliche Staunen ihrer Protagonistin wunderbar hervor. Mit aufgeschlagenen Knien und Babydoll-Kleid stakst sie durch die Welt. Und sie lernt, dass es okay ist, auch mal keinen Smiley-Sticker drüberzukleben, sondern vielleicht lieber ein Pflaster.

Marie Ketzscher

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Matea Radic
Produktion
Jelena Popović
Sound Design
Tyler Fitzmaurice
Musik
Tyler Fitzmaurice
Animation
Matea Radic
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis, Gedanken-Aufschluss-Preis
Ausgezeichnet mit: Goldene Taube Kurzfilm (Internationaler Wettbewerb Animationsfilm)
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2025
Filmstill Passageways
Passageways Milla Cummings, Geneviève Tremblay
Wie fühlt sich das an, wenn der Körper ein anderer wird? Über die Wechseljahre wird viel zu selten positiv gesprochen. Hier geht es um den feierlichen Abschied dieser großen Transformation.
Filmstill Passageways

Passageways

Voies de passage
Milla Cummings, Geneviève Tremblay
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2025
Animationsfilm
Kanada
2024
5 Minuten
Französisch
Untertitel: 
Englisch

Wie fühlt sich das an, wenn der Körper ein anderer wird? Milla Cummings und Geneviève Tremblay erkunden die (Peri-)Menopause auf leiblich-konkrete Art: Die von ihnen gezeigten Wechseljahre sind ein lebender Stop-Motion-Organismus, eine Höhle mit pulsierenden Außenwänden, in der eine nackte, ältere Frau ihre letzten Eizellen behutsam zu Grabe trägt. Dabei berichten uns verschiedene reife Frauen aus dem Off von ihren Erfahrungen – von der trockenen Haut, besonders im Vaginalbereich, von der Wut auf den allseits behaupteten Sex Appeal alternder Männer und vom zunehmenden Verlust der eigenen gesellschaftlichen Sichtbarkeit.
Für jeden negativ erlebten Aspekt formulieren diese lebensklugen Erzählerinnen in authentischen Tondokumenten eine Kehrseite oder eine konstruktive Handlungsoption. Und sie berichten auch von den positiven Seiten dieser einschneidenden Transformation: Die Energie, die der Körper mit den Eizellen für das Kinderkriegen zurückgehalten hätte, würde nun frei für ganz neue Projekte! Passend dazu öffnet sich im On ein Vorhang und gibt den Blick auf gleißend-glitzernden Möglichkeitsschaum frei. Am Schluss verlässt unsere Protagonistin die Höhle und erklimmt den nächsten Berg. Dieser Film beschreibt mehr als nur beschwerliche Durchgänge, durch die man irgendwie durchmuss: Die „Passageways“ können ebenso gut auch Übergänge in ein neues Leben sein.

Marie Ketzscher

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Milla Cummings, Geneviève Tremblay
Buch
Milla Cummings, Geneviève Tremblay
Kamera
Geneviève Tremblay
Schnitt
Milla Cummings
Produktion
Geneviève Tremblay, Milla Cummings
Sound Design
Dave Gagné
Musik
Patrick Ouellet
Animation
Milla Cummings, Geneviève Tremblay
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis
DOK Neuland 2025
Filmstill The Dollhouse
The Dollhouse Charlotte Bruneau, Dominic Desjardins
Die 9-jährige Juniper navigiert durch vielschichtige Erinnerungen: In einer Papierwelt entfalten sich ungerechte Machtverhältnisse im Umgang mit einer Bediensteten der Familie.
Filmstill The Dollhouse

The Dollhouse

La maison de poupée
Charlotte Bruneau, Dominic Desjardins
DOK Neuland 2025
XR
Kanada,
Luxemburg
2025
23 Minuten
Französisch,
Englisch
Untertitel: 
Keine

Tauchen wir ein in die Welt der 9-jährigen Juniper, in ihre komplizierten und beschämenden Erinnerungen an Magnolia, die als Haushaltshilfe in die Familie kam. Animation und Ton sind so zart wie trügerisch. „The Dollhouse“ entlarvt das Zuhause als Werkstatt, in der ungerechte Machtdynamiken ausgeformt werden. Die Geschichte entfaltet sich in alle Richtungen und bietet manchmal Möglichkeiten zur Interaktion.

Dana Melaver

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Charlotte Bruneau, Dominic Desjardins
Produktion
Rayne Zukerman, Hélène Walland
Produktionsfirma
Wild Fang Films
Filmstill The Inheritors

The Inheritors

Les héritiers
Serge-Olivier Rondeau
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Kanada
2025
79 Minuten
Französisch
Untertitel: 
Englisch

Am Anfang scheinen die Menschen weit weg, nur die blinkenden Lichter Montreals über dem Wasser am Horizont künden von ihnen. Auf der Île Deslauriers lebt eine der weltgrößten Ringschnabelmöwen-Kolonien in einem Reich nur für sie allein: Heerscharen eleganter weißer Vögel versammeln sich im Gras, flattern, hocken, kreischen, kopulieren, die Kamera mitten unter ihnen, stets auf Vogelhöhe, um zu sehen, was sie sehen. Aber dieses nicht-menschliche Utopia wird nur heraufbeschworen, um es nach und nach zu untergraben: mit Bodenmarkierungen, aufgestellten Fallen und der Entnahme einzelner Exemplare. Einige entlässt man beringt oder etikettiert in die Freiheit, andere haben weniger Glück.
Der Himmel über dem Gelände ist schwarz von Flügeln, und wenn die vielen Schnäbel sich zu einem gemeinsamen Schrei zusammentun, ist der Lärm ohrenbetäubend. Kein Wunder, dass die Radiostimme vor Kontrollverlust warnt, auch wenn das die angepeilte Lösung kaum rechtfertigt. Vögel jagen Vögel, ein Naturvorgang. Ihn nun von Menschenhand gesteuert zu sehen, ist grausam. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Ringschnabelmöwe durch menschliche Bejagung fast ausgestorben. Hier besteht ihre Art fast ungebrochen fort – die Natur fand einen Weg, wer wollte es ihr verübeln. Heute sind die Gewichte verschoben, die alten Gesetze greifen nicht mehr. Werden die Sanftmütigen auch in Zukunft das Erdreich besitzen?

James Lattimer

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Serge-Olivier Rondeau
Kamera
Serge-Olivier Rondeau, Serge-Olivier Rondeau
Schnitt
Anouk Deschênes
Produktion
Serge-Olivier Rondeau
Ton
Serge-Olivier Rondeau, Félix Lamarche, Jean Paul Vialard
Sound Design
Samuel Gagnon-Thibodeau
Filmvertrieb
Clotilde Vatrinet
Nominiert für: Silberne Taube, Preis der Interreligiösen Jury, FIPRESCI Preis
Filmstill Vanished Past

Vanished Past

Passé disparu
Anna-Maria Dutoit
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Deutschland,
Kanada
2025
16 Minuten
Französisch
Untertitel: 
Englisch

Betrachtet man das Verhältnis zwischen realer Welt und ihrer Darstellung auf Karten, ist nicht zu übersehen, dass Menschen dazu tendieren, ihren gestaltenden Einfluss zu überschätzen. Nur weil Phänomene kartografisch stark vereinfacht dargestellt werden, nimmt ihre Komplexität in der realen Welt nicht ab. Und nur weil wir beispielsweise einen Fluss aus einer Karte tilgen, ihn in der realen Welt sogar eingrenzen und überbauen, ist er nicht etwa verschwunden, sondern nur unsichtbar.
Anna-Maria Dutoit durchstreift die Stadtlandschaft Montreals auf der Suche nach den Wasseradern, die diese Gegend einst prägten. Heute hat die jahrhundertelange Besiedlung und Urbanisierung sie verschmutzt, verschüttet und unter Tage verlegt. Nur noch kreisende Möwen und Kanaldeckel erinnern an das, was darunter liegt. Geleitet von einigen der ältesten Karten Montreals folgt „Vanished Past“ den Spuren der vergessenen Flüsse der Millionenmetropole und erkundet – begleitet von einem teils gurgelnden, teils plätschernden Sound – die ganz eigenen aquatischen Universen, die sich in ihren Verstecken entfalten. Für flüchtige Blicke scheint das Element Wasser in der zubetonierten Stadtlandschaft überhaupt keine Rolle mehr zu spielen. Zumindest so lange, bis starker Regen fällt, die Straßen überflutet – und die Stadt an ihre vermeintlich verschwundene Vergangenheit erinnert.

Luc-Carolin Ziemann

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Anna-Maria Dutoit
Kamera
Louis Dickhaut
Schnitt
Anna-Maria Dutoit
Produktion
Anna-Maria Dutoit
Co-Produktion
Chantal Limoges
Ton
Stéphane Barsalou
Sound Design
Andrew Mottl, Anna-Maria Dutoit
Musik
Hans Könnecke
Filmstill Yanuni

Yanuni

Yanuni
Richard Ladkani
Publikumswettbewerb 2025
Dokumentarfilm
Brasilien,
Österreich,
USA,
Deutschland,
Kanada
2025
112 Minuten
Portugiesisch (Brasilien)
Untertitel: 
Englisch

Die Aktivistin in ihr ist früh erwacht. Schon als Jugendliche spürt Juma Xipaia, dass sie sich dem Kampf für die Existenzrechte ihres Indigenen Volkes im brasilianischen Amazonasgebiet widmen würde. Denn der Amazonas sei Mutter, Wissen und Heilung zugleich. Über zehn Jahre später weiß Juma, was es bedeutet, wirklich eine Aktivistin zu sein. Als erster weiblicher Häuptling der Region Mittlerer Xingu überlebt sie Mordanschläge, erfährt Staatsgewalt gegenüber Protestierenden, muss entdecken, wie illegale Goldsucher Wälder roden, Böden und Flüsse vergiften. Die heute 34-Jährige sieht aber auch Hoffnung für alle Indigenen in Brasilien keimen, denn der Regierungswechsel 2023 bringt ihnen zum ersten Mal ein eigenes Ministerium. Juma wird Staatssekretärin und bekommt ein zweites Kind: Yanuni.
Der Österreicher Richard Ladkani porträtiert Juma Xipaia und ihren Mann Hugo, ein Spezialermittler der Umweltbehörde, nachdem er beide über mehrere Jahre im Alltag begleiten durfte. Ladkani mischt faszinierende Landschaftsaufnahmen mit der Brisanz des „embedded journalism“, schöpft hier die große Leinwand aus und intensiviert dort den intimen Moment. Es wird privat und persönlich, poetisch und politisch. Über allem aber transportiert der Film Juma Xipaias Botschaft, die Verantwortung für das Leben, trotz aller Enttäuschungen, nicht in andere Hände zu geben, sondern stets bei sich zu behalten.

Andreas Körner

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Richard Ladkani
Kamera
Richard Ladkani
Schnitt
Georg M. Fischer, BFS
Produktion
Anita Ladkani, Juma Xipaia, Phillip Watson, Leonardo Dicaprio, Richard Ladkani
Co-Produktion
Philipp Schall, Martin Choroba
Ton
Gabriel "Kiko" Tchillian, Achim Axel Schlögel, Michael Jones
Sound Design
Bernhard Zorzi
Musik
H. Scott Salinas
Filmvertrieb
Josh Braun, Amanda LeBow
Nominiert für: Filmpreis Leipziger Ring