Schöne Bilder und rhythmische Töne von harter Arbeit auf einem Schiffsschrottplatz in Westkuba, und doch nicht ästhetisierend. Öl und Metall kann man beim Zuschauen fast erriechen.
Ein Schiffsschrottplatz in Westkuba. Die beobachtende Kamera folgt Raudel und seinen Kollegen, die in diesem hermetisch abgeschlossen wirkenden Mikrokosmos arbeiten. Eine Brieftaube verirrt sich hierher; die Arbeiter betrachten sie schweigend und rauchend. Manchmal reden sie über ihre Träume. Aufnahmen fokussieren abwechselnd ihre Körper und ihre Umgebung. Rhythmische, kunstvoll gestaltete, authentisch erzeugte Töne begleiten präzise und klare Bilder, ohne die Härte der Arbeit zu ästhetisieren.
Borjana Gaković
Credits
Regie
Alejandro Alonso
Buch
Lisandra López Fabé, Alejandro Alonso
Kamera
Alejandro Alonso
Schnitt
Emmanuel Peña
Produktion
Boris Prieto, Alejandro Alonso, Oderay Ponce de León
Ton
Glenda Martínez Cabrera, Velia Díaz de Villalvilla, Alejandro Pérez
Musik
Pepe Gavilondo
Filmvertrieb
Boris Prieto
Funding institution
Norwegian Fund for Cuban Cinema, CNC / Aide aux cinémas du monde
Tzssssidd – beinahe genussvoll langsam trennen sich Haut und Klebeband. Sinnliche Variationen über Schmerz und Lust in einer ruhigen, aber Skalpell-scharfen Zeichenanimation.
Tzssssidd – beinahe genussvoll langsam trennen sich Haut und Klebeband. Nüchtern physikalisch betrachtet, werden Kräfte zwischen Molekülverbänden überwunden. Yoriko Mizushiri komponiert aus diesem Phänomen kurze, hochsinnliche Variationen über Schmerz und Lust. Zurückhaltend, ruhig und Skalpell-scharf geht sie dabei vor. Ihre flächige, farbreduzierte Zeichenanimation und die begleitenden kühlen elektronischen Klänge explodieren erst im Kopf und streuen dann in den bangen, aber neugierigen Körper.
André Eckardt
Credits
Regie
Yoriko Mizushiri
Produktion
Emmanuel-Alain Raynal, Pierre Baussaron, Nobuaki Doi / New Deer
Eine filmische Versuchsanordnung, die durch die Kombination von Oral History und Archivmaterial Vergangenes spürbar macht. Unauflösbar ist das Gestern mit dem Heute verknüpft.
Wie können wir Vergangenheit vergegenwärtigen, ohne sie dabei zu sehr als historische Gegebenheit wahrzunehmen? Durch eine kluge Kombination von Archivmaterial und Oral History werden Erinnerungen an ein transgeneratives Trauma und den damit verbundenen Schmerz an die Oberfläche gebracht. Das scheinbar Vergangene wird in seinen unzähligen Berührungspunkten mit der Gegenwart sichtbar. Ein schlichter und ergreifender Film, der die unfassbare Tragweite eines historischen Verbrechens erahnen lässt.
Eine Stimme in der aztekischen Sprache Nahuatl und ein rituelles Lied begleiten die Spiele der Kinder im Regenwald. Sie legen ihre Ohren an die Bäume, lauschen deren Geschichten.
Eine Stimme in der aztekischen Sprache Nahuatl und ein rituelles Lied begleiten die Spiele der Kinder im Regenwald der Maya. Sie legen ihre Ohren an die Bäume, die miteinander und mit dem Universum zu sprechen scheinen. Sie lauschen einer uralten Liebesgeschichte, die im Heute weitergeht. Ein Mythos der mesoamerikanischen Kultur wird vergegenwärtigt. Animierte Sequenzen und extremes Gegenlicht visualisieren das Eigenleben der Bäume. Welche Bilder mögen vor dem geistigen Auge der Kinder entstehen?
Anke Leweke
Credits
Regie
Fernando Colin Roque
Buch
Chloé Belloc
Kamera
Fernando Colin Roque
Schnitt
Fernando Colin Roque, Chloé Belloc, Mathilde Lavenne
Ein Haus an den Klippen, ein Vater, ein Sohn und ein Geschäft mit dem Eis. João Gonzalez’ atmosphärischer Animationsfilm entwickelt sich stilsicher zu einer Metapher über Familie.
An schweren Seilen, fest verankert im Stein des Felses, hängt ein Haus. Hoch oben in den Klippen, weit über der Stadt im Tal. Dort, in der Kälte, lebt ein Vater mit seinem Sohn. Regisseur João Gonzalez kommt in seiner 2D-Animation mit wenigen Farben aus. Umso atmosphärischer wirken seine Zeichnungen, mit den strengen Schatten und den extremen Kameraperspektiven. Ihm gelingt eine metaphorische Erzählung, die sich ohne Dialoge ganz auf ihren Sound und ihre Bilder verlassen kann.
In einem verwaschenen Video leben die Großeltern samt ihrer Küche weiter – ein Sehnsuchtsort in der fernen Ukraine der Kindheit, den die Enkelin virtuell nachbaut und nachfühlt.
Englisch, deutsche Untertitel für Menschen mit eingeschränkter Hörfähigkeit
Klick, klick baut sie virtuell im Rechner eine rumplige, enge Küche nach. Lady Di lächelt mit geknickten Fotorändern vom Kühlschrank, eine angerissene Schokolade liegt auf dem Tisch. Die technisch wirkende, detaillierte digitale Rekonstruktion fährt wie eine Fingerspitze an Erinnerungsbildern entlang und fühlt deren Scharten nach. Die Bilder speisen sich aus einem verwaschenen Video, in dem die Großeltern samt ihrer Wohnküche weiterleben – ein Sehnsuchtsort in der fernen Ukraine der Kindheit.
André Eckardt
Credits
Regie
Nataliya Ilchuk
Produktion
Nataliya Ilchuk, Le Fresnoy – Studio national des arts contemporains
Dolly fährt im Norden Kolumbiens täglich Menschen auf Schienen zwischen den Gemeinden hin und her – auf einem „Motorrodillo“, einem ebenso genialen wie improvisierten Zugersatz.
Im ländlichen Norden Kolumbiens, in dem die Bahngleise längst stillgelegt sind, weiß man sich durch eine Flotte von „Motorrodillos“ – Motorrad-angetriebene Minizüge – selbst zu helfen. Täglich fahren Dolly und ihre Kollegen Schulkinder, Waren und Reisende über abenteuerliche Strecken von Dorf zu Dorf. Wer unterwegs auf Gegenverkehr trifft, muss von den Schienen steigen. Wer Löcher auf den Gleisen findet, der flickt sie kurzerhand. Ein liebevolles Porträt eines selbstorganisierten Transportsystems.
Marie Kloos
Credits
Regie
Alba Jaramillo
Kamera
David Horacio Montoya
Schnitt
Francine Lemaître
Produktion
Qutaiba Barhamji, Marie-Odile Gazin, Alba Jaramillo
Mutierte Wesen taumeln im Nichts, Polizeistimmen schlagen zu wie Knüppel. Die Körper wehren sich, generieren ein unauslöschbares Energiefeld des radikalen feministischen Protests.
Im schwarzen Nichts taumeln marionettengleich vier Wesen. Eine fremde Macht versucht, sie zu beherrschen, Polizeistimmen schlagen zu wie Knüppel. Gekrümmt, mit wulstigen und fadendünnen Gliedmaßen, die Hautinnenseite nach außen gekehrt – die menschliche Anatomie ist mutiert. Doch die verletzlichen Körper setzen zur Gegenwehr an … „Scum Mutation“ führt ungeschützt in die Kampfzone, in ein unauslöschbares Energiefeld des radikalen feministischen Protests – und wird lautes Fanal der Rückeroberung.
André Eckardt
Credits
Regie
Ov
Buch
Ov
Schnitt
Ov
Produktion
Le Fresnoy – Studio national des arts contemporains
Auf der Suche nach Kater Leo streift ein Junge durch sonnige, buntstiftfarbene Felder. Im sorglosen Treibenlassen bäumt sich noch einmal die Kindheit auf, bevor sie erlischt.
Auf der Suche nach Kater Leo streift ein Junge durch sonnige Felder. In diesem sorglosen Treibenlassen oder beim Schätzeheben im geheimnisvollen Dunkel der Scheune bäumt sich noch einmal die Kindheit auf, bevor sie erlischt. Über die Buntstiftfarben des Sommers legt sich ein Flüstern und Rascheln des Behütetseins – und eine Vorahnung. Mara Cerri und Magda Guidi schärfen die Sinne für die Eindrücke einer verwirrenden Zeit.
Er und sie sind eingespielt. Ein schön gedachter Abend zu zweit wird von einer beißenden Bratenwolke überschattet und endet gesittet, aber blutig. Schwarzer Humor „well done“.
Paarbeziehungen haben eine eigene Dynamik. Ihre beruflichen Verpflichtungen ticken nicht nach der Uhr, seine Kochkunst und Liebe sind außerordentlich, aber eben zeitlich präzise getaktet. Diese allseits bekannte Unvereinbarkeit verdichtet sich zu einem undurchsichtigen, beißenden Bratennebel und endet gesittet, aber blutig. Špela Čadež drosselt zunehmend das Tempo und schafft so Platz, damit sich das absurde Geschehen immer tiefer bohren kann. Schwarzer Humor „well done“.
André Eckardt
Credits
Regie
Špela Čadež
Buch
Gregor Zorc
Kamera
Špela Čadež
Schnitt
Iva Kraljevic
Produktion
Tina Smrekar, Špela Čadež
Co-Produktion
Emmanuel-Alain Raynal, Pierre Baussaron, Fabian Driehorst
Die letzte Archivarin sichert Artefakte einer Zivilisation, die draußen in der realen Welt in sich zusammenbricht. Eine Doku-Science-Fiction im Spannungsfeld von Bild und Ton.
Fotografien werden entstaubt, Schallplatten gereinigt, Bücher von Ungeziefer befreit und alles digitalisiert für die Ewigkeit. Zu den nüchternen Aufnahmen gewissenhafter Archivarbeit aber tritt die Stimme einer jungen Frau, die vom Zusammenbruch der Zivilisation berichtet, deren fragile Artefakte sie als letzter im „Kongress“ verbliebener Mensch sichert. Im Spannungsfeld zwischen Bild und Ton tut sich Raum auf für unsere Fantasie.
Eine Schulklasse in der Banlieue studiert ein Theaterstück ein und entdeckt dabei die subversive Kraft der Aneignung. Das Ende der Könige ist der Anfang einer neuen Geschichte.
In Clichy-sous-Bois vor den Toren von Paris begannen jene Unruhen, die 2005 ganz Frankreich erfassten: junge Männer auf den Barrikaden, brennende Vorstädte. Die Spaltung der Gesellschaft wurde schmerzlich greifbar. Was hat sich seitdem getan? Dieser komplexe, dokumentarisch fein gewebte Blick in die Banlieue zeigt, wie bewusst Jugendliche heute mit Benachteiligungen umgehen. Die Zeit des Machismo scheint abgelaufen – im Schultheaterworkshop und beim Fußball. Women rule the world …
Luc-Carolin Ziemann
Credits
Regie
Rémi Brachet
Kamera
Zoe Bota, Anna Sauvage, Evgenia Alexandrova, Eva Sehet
Incel-Kultur ist Ausdruck eines aktuellen Männlichkeitsverständnisses. López’ Essay untersucht den Echokammereffekt im Netz und das Gefühl von Einsamkeit in Zeiten von Algorithmen.
2018 veröffentlichte ein User namens AnathematicAnarchist einen Abschiedsbrief in einem Online-Forum für Incels – eine Subkultur heterosexueller Männer, deren Selbstmitleid, Frauenhass und Gewaltfantasien vielerorts das Internet bestimmen und mancherorts offline Taten auslösen. Nahm er sich wirklich das Leben? Ist Amerika verantwortlich für seinen Tod, wie er in seinem Text behauptet? Eine Spurensuche in finsteren Ecken des Netzes, ein Essay über Schmerz und Einsamkeit in Zeiten von Algorithmen.
Marie Kloos
Credits
Regie
Gala Hernández López
Buch
Gala Hernández López
Kamera
A. Pol Camprubí
Schnitt
Gala Hernández López, Alberto Dexeus
Produktion
Lucas Le Postec, Thibault de Gantes, Ninon Chapuis
Ein dynamisches Porträt des Alltags in Ibadan: Im Trubel der nigerianischen Metropole misst der Filmautor Alain Kassanda den Puls dieser Großstadt mit allen Mitteln der Filmkunst.
Während bei Jazzklängen die Verkehrssteuereintreiber zu tänzeln scheinen, bringt eine pointiert in Szene gesetzte Textpassage von Patrick Chamoiseau neben visuellen und auditiven auch olfaktorische Sinne zur Entfaltung: Die drittgrößte nigerianische Stadt lässt sich erriechen. In dieser rhythmischen Darstellung des Lebens in Ibadan steht die urbane filmische Poesie keineswegs im Widerspruch zur Tiefgründigkeit, mit der sie Themen wie Perspektivlosigkeit, Globalisierung und Korruption einfängt.