Ein tunesischer Frisiersalon für Damen wird im Präsidentschaftswahlkampf zur Arena der politischen Auseinandersetzung. Spitzen schneiden und Spitzen austeilen zugleich. Wunderbar!
Der Frisiersalon „Saïda“ ist ein Raum, in dem offen gesprochen, gelacht und gestritten wird. Dabei geht es nur selten um Haare. Als die Präsidentschaftswahlen in Tunesien anstehen, entwickelt sich der Laden zur politischen Arena, in der sich die Frauen – egal ob jung oder alt, konservativ oder modern eingestellt – Diskussionen über das Für und Wider der Amtsanwärter hingeben. Ihre klugen und humorvollen Einlassungen spiegeln eine junge Demokratie mit all ihren Rissen und Verwerfungen.
Alices Erinnerungen sind Anlass für eine doppelbödige Auseinandersetzung mit der Darstellung traumatischer Ereignisse, mit kollektiver und individueller Wahrnehmungsrepräsentation.
Zeugenschaft versus „prosthetic memory“: Die Regisseurin synchronisiert vor einem Greenscreen die über zehn Jahre gesammelten Tonaufnahmen ihrer Großmutter, in denen die alte Dame rekapituliert, wie sie als Kind einem Wirbelsturm begegnete. Während sich die Details ihrer Erinnerung durch wiederholtes Erzählen im Lauf der Zeit verändern, suggeriert das Found-Footage aus Spiel- und Katastrophenfilmen, Wetterberichten und Landschaftsbildern das mediale Miterleben der Ereignisse.
Sie betreut für fünf Euro Stundenlohn Senioren zu Hause. Am Bett der Pflegefälle zählt das Ticken der Uhr den Arbeitstag herunter und stolpert beängstigend, wenn der Tod kommt.
Zwischen Kommen und Gehen erstreckt sich eine bleierne Zeit, ein Halbleben im linolschnittartigen Hell-Dunkel. Die Mutter der Erzählstimme betreut für fünf Euro Stundenlohn Senioren zu Hause. Am Bett der Pflegefälle zählt das Ticken der Uhr den Arbeitstag herunter, eingeklemmt zwischen dem beängstigenden Geräusch des schweren Atems vor dem nahen Tod und dem Dröhnen des Versprechungen machenden Fernsehgeräts. Die Sterbenden sind Mutters Lebensunterhalt.
Eine filmische Versuchsanordnung, die durch die Kombination von Oral History und Archivmaterial Vergangenes spürbar macht. Unauflösbar ist das Gestern mit dem Heute verknüpft.
Wie können wir Vergangenheit vergegenwärtigen, ohne sie dabei zu sehr als historische Gegebenheit wahrzunehmen? Durch eine kluge Kombination von Archivmaterial und Oral History werden Erinnerungen an ein transgeneratives Trauma und den damit verbundenen Schmerz an die Oberfläche gebracht. Das scheinbar Vergangene wird in seinen unzähligen Berührungspunkten mit der Gegenwart sichtbar. Ein schlichter und ergreifender Film, der die unfassbare Tragweite eines historischen Verbrechens erahnen lässt.
Reflektierende Aufbereitung von Beobachtungen während des Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 in London: das Virus als Menetekel für die Zukunft investorengerechter urbaner Räume.
Wie sah der Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus einem Fenster der Wohntürme im noblen East London aus? In der reflektierenden Aufbereitung zweiwöchiger Beobachtungen sind – auf unmittelbarer Ebene – gravierende Verschiebungen im alltäglichen Koordinatensystem einer privilegierten Stadtbevölkerung auszumachen. Darüber hinaus aber stellt der bewusst und aus Spekulationsmotiven herbeigeführte Wohnungsleerstand im Viertel auch ein Menetekel für die Zukunft investorengerechter urbaner Räume dar.
Ein virtuoses Porträt der deutschen Filmemacherin und Künstlerin Margaret Raspé. Automatismus und Loslassen von Kontrolle sind zentrale Kategorien in ihrem künstlerischen Schaffen.
Eine virtuose filmische Reflexion über Automatismen in der Kunst und über eine Begegnung mit Margaret Raspé auf einer griechischen Insel. Hier verbringt die Künstlerin und Filmemacherin einen Teil des Jahres. Raspé gilt als Pionierin des feministischen deutschen Films. „Ich weiß, wo ich bin“, so fasst sie ihr Gefühl auf der Insel zusammen. Orientierung im Raum, Kontrolle und Loslassen sind zentrale Kategorien in ihrer künstlerischen Praxis.
Eine DC-3 erzählt von ihrer turbulenten Vergangenheit als Linien- und Transportflugzeug: ein entrückter Trip in luftiger Höhe durch Historisches, Landschaftliches und Visionäres.
Im globalen Norden gilt die DC-3 als Oldtimer und touristische Attraktion. In Kolumbien aber ist sie weiterhin als Linienflugzeug im Einsatz und für entlegene Dörfer im Amazonasgebiet die einzige Verbindung zur Außenwelt. In der Geschichte des einstigen „Rosinenbombers“ spiegeln sich ökonomische und hegemoniale Verhältnisse. Die DC-3 erhebt nun ihre Stimme und berichtet in einer entrückten filmischen Reise durch Zeit und Raum von Gefahren, sinnlichen Erlebnissen – und einem mystischen Passagier.
Mit der Angst schwindet das Licht. Bei einem gemeinsamen Tauchgang steigen versunkene Erinnerungen auf. Die Beklemmung wächst und eine kraftvolle Sprache formt die Sandanimation.
Mit der Dunkelheit kommt die Angst, mit der Angst schwindet das Licht. Bei einem gemeinsamen Tauchgang steigen in „ihm“ versunkene Erinnerungen auf. Wie bei der Verlandung, beim „Faulen“ des Sees wird der Freiraum des Wassers zum Sumpf. Die wachsende Beklemmung beschleunigt den Atem im Rhythmus der intensiver werdenden lyrischen Sprache. Die Kraft der Strudel und der expressiven schweizerdeutschen Laute färben und formen die bestechend grafische Sandanimation.
Eine alte Frau in ihren letzten Tagen bildet das Zentrum der Aufmerksamkeit für ihre Familie. Doch sie verblasst hinter der Fürsorge von Mann und Tochter, die eigene Probleme haben.
Sie bildet das Zentrum der Aufmerksamkeit, aber ist erschöpft vom Leben. Eine alte Frau in ihren letzten Tagen, bettlägerig und körperlich zu schwach, um zu ihrem Mann und ihrer Tochter sprechen zu können. Und so verblasst ihre Persönlichkeit hinter der Fürsorge ihrer Angehörigen und deren eigenen Problemen. Julia Orlik rückt die Frau mit berührender Puppengestaltung und einem minimalistischen Konzept auf beeindruckende Weise wieder in den Vordergrund.
Der sechs Jahrzehnte andauernde Wandel eines Häuserblocks, gezeigt anhand von kunstvoll montierten Archivaufnahmen. Von der Schönheit und Traurigkeit des menschengemachten Zerfalls.
In einem Augenblick – so der Titel des Films – vergehen 66 Jahre, zerfallen sieben Jahrhunderte aus Stein und anstelle einer Kirche entsteht eine Sparkasse. Aufgeteilt in sechs Kapitel und zwei halbe gelingt Jorge Moneo Quintana ein Kunststück in Sachen Archivarbeit, Montage und Tongestaltung. Organisch fügen sich die Bilder des in Wandlung befindlichen Häuserblocks aneinander und lassen das Publikum in ein angenehm nüchternes Nachdenken über die Schönheit und Traurigkeit von Zerfall versinken.
Ein Taxifahrer in London muss Tag und Nacht 320 Touren im Kopf parat haben – ein Witz für zukünftige Roboterautos. Aber es geht um mehr, als Leute nur von A nach B zu bringen.
Seit 1865 kommt kein Taxifahrer Londons am „Knowledge“ vorbei. 320 Touren, abrufbar im Kopf – eine jahrelange Lernleistung, ein Witz für zukünftige Roboterautos. Ein Cabby aus Fleisch und Blut „hat Umgang mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Das bedeutet weit mehr, als Leute von A nach B zu bringen“, so eine Broschüre von Transport for London. Colson zeichnet visuell faszinierend den geistigen Stadtplan seiner Interviewpartner nach – mit einer Kartierungstechnologie für Roboterautos.
Farb- und musikgesättigtes Porträt einer vor Leben bebenden jungen Sängerin, ihrer Hingabe an die Traditionen Süditaliens und dem Versuch auszubrechen. Freiheit. Rhythmus. Tragik.
Enza, Anfang zwanzig, erforscht im Salento als Sängerin und Suchende die Rhythmen des Lebens. Sie atmet Musik, sammelt alte Volkslieder und verknüpft damit die Menschen, das Heute und das Gestern. Verwurzelt im Tarantismus und in der Tradition der Heilerinnen nutzt sie das Singen als Mittel gegen die Entfremdung. Ihr Porträt ist ein filmisches Vermächtnis, das vor Intensität flirrt. Es macht den schmalen Grat sichtbar, auf dem jene wandeln, die sich mit relativer Freiheit nicht zufriedengeben.
Ein Film wie ein Familientreffen: Liebe, Angst, Drama, gutes Essen. Nicht immer ist klar, wer hier wen begehrt oder belügt. Gebündelte Energie, direkt aufs Herz gerichtet.
Eine filmische Familienaufstellung, in der wir, einer scheinbar zufälligen Bewegung folgend, durch ein Konglomerat privater Fotos, Videoaufnahmen, Notizen, Gedanken, Sounds und Texte geführt werden. Erst nach und nach kristallisieren sich Erzählstränge, werden verworfen, wieder aufgenommen und schließlich in ihrer Vieldeutigkeit stehen gelassen. Es geht um die großen Fragen des Lebens, um Liebe[n], Familie[n], Beziehungen, Tod und gutes Essen. Nicht mehr – und auf keinen Fall weniger.
Auf der Suche nach Kater Leo streift ein Junge durch sonnige, buntstiftfarbene Felder. Im sorglosen Treibenlassen bäumt sich noch einmal die Kindheit auf, bevor sie erlischt.
Auf der Suche nach Kater Leo streift ein Junge durch sonnige Felder. In diesem sorglosen Treibenlassen oder beim Schätzeheben im geheimnisvollen Dunkel der Scheune bäumt sich noch einmal die Kindheit auf, bevor sie erlischt. Über die Buntstiftfarben des Sommers legt sich ein Flüstern und Rascheln des Behütetseins – und eine Vorahnung. Mara Cerri und Magda Guidi schärfen die Sinne für die Eindrücke einer verwirrenden Zeit.
Eine Schulklasse in der Banlieue studiert ein Theaterstück ein und entdeckt dabei die subversive Kraft der Aneignung. Das Ende der Könige ist der Anfang einer neuen Geschichte.
In Clichy-sous-Bois vor den Toren von Paris begannen jene Unruhen, die 2005 ganz Frankreich erfassten: junge Männer auf den Barrikaden, brennende Vorstädte. Die Spaltung der Gesellschaft wurde schmerzlich greifbar. Was hat sich seitdem getan? Dieser komplexe, dokumentarisch fein gewebte Blick in die Banlieue zeigt, wie bewusst Jugendliche heute mit Benachteiligungen umgehen. Die Zeit des Machismo scheint abgelaufen – im Schultheaterworkshop und beim Fußball. Women rule the world …
Luc-Carolin Ziemann
Credits
Regie
Rémi Brachet
Kamera
Zoe Bota, Anna Sauvage, Evgenia Alexandrova, Eva Sehet
Spielerisch wird erkundet, wie Tierkreiszeichen die Persönlichkeit prägen, während sich Mutter und Tochter über das Frauenbild der südkoreanischen Gesellschaft unterhalten.
Subtil vermittelt der handgezeichnete animierte Dokumentarfilm Einblicke in patriarchale Strukturen der südkoreanischen Gesellschaft und diskutiert, welche Rollen sie der Frau zuweist. Als Restaurantbesitzerin und Alleinerziehende gefordert, halfen der Mutter der Regisseurin die Eigenschaften ihres Tierkreiszeichens: Kämpferisch wie der Tiger verschaffte sie sich Respekt. Ihrer Tochter aber schärfte sie ein, niemandem von der Abwesenheit des Vaters zu erzählen. Darüber wird nur geflüstert.