Filmarchiv

Filmstill A Scary Movie

A Scary Movie

Una película de miedo
Sergio Oksman
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Spanien,
Portugal
2025
72 Minuten
Spanisch,
Portugiesisch (Portugal)
Untertitel: 
Englisch

Nuno ist jetzt zwölf und fängt an, sich für Horrorgeschichten zu interessieren. Als sein Vater Sergio, der Regisseur, vorschlägt, Madrid über den Sommer zu verlassen und in einem vor kurzem geschlossenen Hotel in Lissabon zu wohnen, ist er Feuer und Flamme. Seiner Gäste beraubt und dem Verfall preisgegeben, scheint das Hotel die perfekte Geisterkulisse für seine aufkeimende Fantasie zu sein, eine neue Version des Overlook-Hotels aus „The Shining“.
Während Nuno durch die dunklen Flure streunt, sich hinter flatternden Vorhängen versteckt und auf seinem Smartphone gruselige Clips schaut, denkt Sergio im Voiceover über die Bedeutung von Angst und seine eigenen Erfahrungen damit nach: der begonnene, aber nie fertiggestellte Dokumentarfilm über einen portugiesischen Serienkiller, die in Filmarchiven spukenden Geister der Kinovergangenheit, die beängstigenden historischen Versuche, Kriminelle anhand der Form ihrer Schädel zu kategorisieren, diese eine erschreckende Begegnung mit seinem entfremdeten Vater in den Straßen von São Paulo, als er selbst noch ein Kind war. „A Scary Movie“ schwankt auf bestechend skurrile Weise zwischen Meta-Horrorfilm, ins Ausschweifen gebrachtem Essay und berührendem Vater-Sohn-Drama. Diese köstlich unklassifizierbare Mischung aus Fiktion und Dokumentation macht klar, dass das Grauen immer Teil des Alltags ist. Gibt es etwas Furchterregenderes als Familie?

James Lattimer

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Regie
Sergio Oksman
Buch
Sergio Oksman
Kamera
Jorge Rojas
Schnitt
Ana Pfaff
Produktion
Sergio Oksman
Co-Produktion
Fernando Franco
Ton
Nuno Carvalho
Filmvertrieb
Patra Spanou
Nominiert für: FIPRESCI Preis, Preis der Interreligiösen Jury
Filmstill After the Silence

After the Silence

Después del silencio
Matilde-Luna Perotti
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Kanada
2024
14 Minuten
Spanisch
Untertitel: 
Englisch

Was passiert nach einem Missbrauch? Sechs Jahre nach der Tat nimmt die Regisseurin wieder Kontakt zu ihrer Großmutter auf – nicht, um über die Tat selbst zu sprechen, die allen bewusst ist. Sie will endlich erzählen, wie es ihr danach erging: um das Schweigen zu brechen, um ihre Scham und die Trauer um den Verlust ihrer gesamten kolumbianischen Familie zu benennen – und vor allem, um die Anerkennung ihres Leids einzufordern.
In ihrem ersten Film verarbeitet Matilde-Luna Perotti ein persönliches Trauma, das viele Frauen in Lateinamerika teilen. Die Erinnerung daran steckt in allem: in alten Familienvideos, in Textnachrichten, in Stoffen und Kleidern, in den Narben der eigenen Haut. Aus diesen Fragmenten entsteht ein persönliches und zugleich kollektives Porträt, das ein tief vergrabenes Trauma sichtbar macht – und am Ende zu einem Akt der Selbstermächtigung wird.

Seggen Mikael

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Regie
Matilde-Luna Perotti
Buch
Matilde-Luna Perotti
Kamera
Bleue Pronovost-Teyssier, Pauline Bouhelel
Schnitt
Matilde-Luna Perotti
Produktion
Matilde-Luna Perotti
Ton
Bleue Pronovost-Teyssier, Pauline Bouhelel
Filmvertrieb
Robin Miranda das Neves
Nominiert für: Silberne Taube
Ausgezeichnet mit: Goldene Taube kurzer Dokumentarfilm (Internationaler Wettbewerb Kurzfilm)
Filmstill BAEA

BAEA

BAEA
Terra Long
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Kanada,
UK,
USA
2025
18 Minuten
Englisch
Untertitel: 
Keine

Winter an der Pazifikküste in Kanada – eine schwierige Jahreszeit für die Tierpfleger*innen der Wildtierauffangstation in Comox, British Columbia: Es ist Jagdsaison. Trotz massiver Kritik von Tierschutzorganisationen verwenden Jäger*innen nach wie vor Bleimunition. Für die BAEA – so der offiziell in Nord- und Mittelamerika benutzte Alpha-4-Code für Weißkopfseeadler – ist sie auf besondere Weise lebensbedrohlich. Denn die Greifvögel ernähren sich von liegen gelassenen Tierkadavern. Die Überlebenschancen nach einer Bleivergiftung sind gering. Auch die Behandlung ist für die Adler eine schwere Belastung. Mit großer Geduld und liebevoller Zuwendung versuchen die Pfleger*innen, ihre Schützlinge vor dem Tod zu bewahren.
In behutsamen Bildern und respektvoll gegenüber den leidenden Vögeln begleitet Filmemacherin Terra Long den Alltag auf der Station und kontrastiert diesen mit Aufnahmen der – nur scheinbar – von Menschen unberührten Natur. Letztlich stellen sich in diesem Refugium ethische Grundsatzfragen: Wie können Wildtiere von ebenjenen Menschen versorgt und gleichzeitig ihre Würde und Wildheit erhalten werden? Und: Hat die aufwändige Behandlung überhaupt einen Nutzen angesichts der geringen Aussichten auf Veränderung der Jagdgesetze?

Annina Wettstein

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Regie
Terra Long
Kamera
Terra Long
Schnitt
Terra Long
Produktion
Heidi Fleisher, Mike Paterson
Ton
Colin Whitman
Musik
Kaija Siirala
Funding institution
Sandbox Films
Filmstill Café Kuba

Café Kuba

Café Kuba
David Shongo
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
DR Kongo,
Belgien
2025
29 Minuten
Lingála,
Französisch
Untertitel: 
Englisch

Ein mobiler Kaffeestand wird zu einer Kinoapparatur, welche die Aufzeichnung des oft Übersehenen und noch öfter Überhörten zu ermöglichen scheint. David Shongos nächtliches Kinshasa-Porträt im Nachklang der M23-Gewaltexzesse vom Februar 2025 im Osten der Demokratischen Republik Kongo ist eine eigensinnige und verdeckte Erkundung einer fragilen Stadt, die historisch wie gegenwärtig vielen Traumatisierungen ausgesetzt war und nach wie vor von Instabilität gezeichnet ist.
Um die Frage nach Kinshasas Zukunft aufzuwerfen, deutet der kongolesische Künstler und Komponist filmhistorische Konzepte um und fügt ihnen neue Facetten hinzu: Durch eine Praxis des radikalen Zuhörens und das Hinterfragen der Grenzen des Sehens entwirft er mit starken Bildern, einem komplexen Ton und äußerst einfallsreichen performativen Inszenierungen seine Form eines „flüchtigen Kinos“.

Borjana Gaković

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Regie
David Shongo
Buch
David Shongo
Kamera
David Shongo, Kevin Booto
Schnitt
David Shongo
Produktion
David Shongo, Tommy Simoens
Co-Produktion
Olga Sherazade Pitton, Tommy Simoens
Ton
Djo Wamba
Sound Design
David Shongo
Key Collaborator
Divin Sky Kayanga
Filmstill Clan of the Painted Lady

Clan of the Painted Lady

Clan of the Painted Lady
Jennifer Chiu
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Kanada
2025
101 Minuten
Englisch,
Chinesisch
Untertitel: 
Englisch

Der Painted-Lady-Schmetterling, auch bekannt als Distelfalter, legt über mehrere Generationen hinweg eine 9.000 Meilen lange Reise zurück. Jede Generation fliegt zum nächsten Ort, ohne Anfang oder Ende der Route zu kennen. Die Volksgruppe der Hakka, deren Name so viel wie „Gastfamilie“ bedeutet, teilt dieses Schicksal der ständigen Bewegung. Ihre Identität ist nicht an ein spezifisches Territorium gebunden, sondern an ihre Vorfahr*innen. Die Regisseurin, selbst Hakka, folgt der Migrationsgeschichte ihrer Familie von den Wurzeln in Nordchina über Kanada bis nach Indien. Bei ihrer Spurensuche begegnet sie Hakka aus aller Welt, die ihre eigenen Geschichten von Aufbruch, Anpassung und dem Bewahren einer einzigartigen Kultur erzählen.
Zwischen Archivmaterial, persönlichen Reflexionen und Interviews mit Mitgliedern der globalen Diaspora entsteht das vielstimmige Porträt einer Gemeinschaft, deren Sprache, Bräuche und kollektive Erinnerung vom Verschwinden bedroht sind. Der Film stellt die Frage, wie Identität entsteht, wenn Heimat sich ständig verschiebt – und wie man Wurzeln an immer neuen Orten schlägt, ohne den Blick auf die Herkunft zu verlieren.

Seggen Mikael

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Regie
Jennifer Chiu
Buch
Jennifer Chiu, Aynsley Baldwin
Kamera
Antonia Ramirez
Schnitt
Aynsley Baldwin
Produktion
Jennifer Chiu
Co-Produktion
Brad Keeling, Sarah Jane Flynn
Ton
Oscar Vargas, Scott Gailey
Sound Design
Oscar Vargas, Scott Gailey
Musik
Scott Gailey, Oscar Vargas
Broadcaster
Knowledge Network
Redaktion
Patrice Ramsay
Nominiert für: Silberne Taube, Preis der Interreligiösen Jury, FIPRESCI Preis
Filmstill Elephants & Squirrels

Elephants & Squirrels

Elephants & Squirrels
Gregor Brändli
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Schweiz
2025
114 Minuten
Englisch,
Singhalesisch,
Deutsch,
Vedda
Untertitel: 
Englisch

Bei Recherchen in Schweizer Museen stößt die sri-lankische Künstlerin Deneth Piumakshi Veda Arachchige auf Depot-Objekte, die als Zeugnisse für das Alltagsleben einer Indigenen Adivasi-Gemeinschaft ihres Landes zusammengetragen wurden. Auch wenn die Schweiz keine Kolonien hatte, profitierte sie vom kolonialen System. Zwischen 1883 und 1913 unternahmen die Naturforscher Fritz und Paul Sarasin Expeditionen nach Britisch-Ceylon und Niederländisch-Ostindien. Sie erkundeten diese Gebiete – mit Hilfe von Zwangsarbeiter*innen – und brachten exotische Tiere, Pflanzen, Artefakte und menschliche Gebeine nach Basel: Eine der größten ethnologischen Sammlungen im deutschsprachigen Raum entstand – paradigmatisch für koloniale Gewalt und eurozentrischen Wissenschaftsanspruch. Bereits in den 1970er Jahren forderte Sri Lanka die Rückgabe, doch die Schweiz lehnte ab.
Deneth Piumakshi Veda Arachchige macht sich auf eine Reise entlang der damaligen Route der Sarasins und setzt sich, gemeinsam mit Adivasi-Repräsentant*innen, erneut für die Restitution ein. Ein Hürdenlauf durch Behörden und starre Museumsstrukturen beginnt. Konsequent begleitet der Film die interdisziplinäre Künstlerin und Co-Autorin des Drehbuchs beim kreativen und investigativen Verhandeln von Besitzverhältnissen. Dabei wirft er ein höchst unbequemes Licht auf die kolonialen Verflechtungen und deren bis heute blinde Flecken im globalen Norden.

Annina Wettstein

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Regie
Gregor Brändli
Buch
Gregor Brändli, Deneth Piumakshi Veda Arachchige
Kamera
Jonas Jäggy
Schnitt
Gregor Brändli
Produktion
Frank Matter
Co-Produktion
Urs Augstburger
Ton
Gregor Brändli
Sound Design
Thomas Rechberger
Musik
Yanik Soland
Filmvertrieb
Michaela Čajková
Broadcaster
SRF Schweizer Radio und Fernsehen
Nominiert für: Silberne Taube, FIPRESCI Preis, Preis der Interreligiösen Jury
Ausgezeichnet mit: Silberne Taube Langfilm (Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm)
Filmstill Equal Dust

Equal Dust

Elämä ja yö
Jani Peltonen
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Finnland
2025
14 Minuten
Finnisch
Untertitel: 
Englisch

Helsinki bei Nacht. Ein Auto fährt regennasse Straßen ab, kaum ein Mensch in Sicht. Jani Peltonen nutzt einen alten Kameratest, um die Kaurismäki-artigen Aufnahmen in ein apokalyptisches Szenario umzuwidmen: Der Radius der Fahrt entspräche ungefähr der Fläche, welche von der Detonationswelle nach einer Atombombenexplosion betroffen wäre. Peltonen, der in „Equal Dust“ mit Splitscreens arbeitet, bricht gewissermaßen das Raum-Zeit-Kontinuum auf und verschränkt es neu. Denn über die Straßenbilder legt sich die Erzählung der europaweiten Kommandoübung „Able Archer 83“, mit der die NATO im November 1983 den atomaren Ernstfall simulierte. Eine Aktion, die nicht nur die Sowjetunion veranlasste, echte Sprengköpfe in Ostdeutschland zu stationieren – auch die finnische Musiklandschaft verarbeitete die schwelende Angst in eindringlich-pathetischen Beiträgen für den Eurovision Song Contest. So warnte etwa Sänger Kojo davor, die Augen zu verschließen – und wurde prompt mit null Punkten abgestraft. „Equal Dust“ ist eine Zeitreise in den Kalten Krieg und antizipierten Weltuntergang, aber mindestens genauso sehr ein Dokument expressiver Frisuren und einen Wunden verursachenden Gesangswettbewerb.

Carolin Weidner

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Regie
Jani Peltonen
Buch
Jani Peltonen
Schnitt
Matti Näränen
Produktion
Kaarle Aho, Pauliina Maus
Ton
Antti Onkila
Sound Design
Antti Onkila
Filmstill Ether

Ether

Éter
Luiza Calagian
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Brasilien,
Kuba
2025
20 Minuten
Portugiesisch (Brasilien)
Untertitel: 
Englisch

Eine Enkelin besucht ihre fast 100 Jahre alte Großmutter in deren Landhaus. Die Enkelin sehen wir nie, sie bleibt hinter der Kamera, und die Großmutter sehen wir nur flüchtig, wie sie durch die schattigen Innenräume wandelt, wie sie in ihrem Gemüsebeet Kräuter für den Tee pflückt, wie sie eine auf ihrer Hand sitzende Gottesanbeterin betrachtet. Doch „Ether“ ist ebenso das Porträt einer betagten Dame wie das der Räume, die sie bewohnt – obwohl wir auch diese nie ganz zu Gesicht bekommen. Es gibt nur sorgfältig ausgewählte Fragmente, eingebettet in Kompositionen, die mit Schärfe und Schatten spielen: Nippes und Schmuck, Fotos, Texturen, Fensterblicke auf den Himmel, Ameisen, Schmetterlingsflügel, ruhende Tauben, eine in ihre Handfläche geschmiegte Wespe, das Fell des letzten verbliebenen Hundes.
Geräusche kommen und gehen in diesem stillen Bestiarium des Alltäglichen: die Stimme der Großmutter, die im Voiceover über Familie, Geister und Hunde-Reinkarnation spricht, das Rauschen der Räume auf den Fotos, der im Hintergrund plärrende Fernseher, die verschiedenen Schichten einer wellenförmigen Ruhe, die hochkommen, wenn alles andere verstummt. Wie fängt man ein ganzes Leben in nur 20 Minuten ein? Indem man seinen Echos im Raum lauscht.

James Lattimer

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Regie
Luiza Calagian
Buch
Luiza Calagian
Kamera
Luiza Calagian
Schnitt
Luiza Calagian
Produktion
Luiza Calagian, Branca Meliza Mandetta
Nominiert für: Silberne Taube
Filmstill Far from the Light of Day

Far from the Light of Day

Rahok me’oro shel yom
Yotam Ben-David
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Frankreich
2025
27 Minuten
Hebräisch
Untertitel: 
Englisch

Wo die beiden Männer sind, ist zunächst nicht zu sehen. Wir hören nur einen von ihnen im Voiceover hebräisch sprechen. Der Israeli findet keinen Schlaf, während sein palästinensischer Freund neben ihm im Bett von quälenden Albträumen hin und her geworfen wird. Nachts kommt alles hoch. Dieses Zuhause, wo sich der Hund zwischen die beiden kuschelt, liegt in Paris, erklärt der Sprecher. Aber er streift das nur nebenbei. Sein Sprechen ist vielmehr der Versuch, die politische Lage in der Heimat verständlich zu machen, einen Krieg, eine so schreckliche, andauernde Katastrophe, dass sie sich im Grunde unmöglich beschreiben lässt. Jeder Versuch dieser Art muss wohl scheitern. Aber was sonst kann man tun?
Der Sprecher weiß sich eloquent ausdrücken, seine Worte wirbeln und drehen sich um sich selbst, erzählen von Gräueln, Protesten, Diskriminierung, aber auch von Familie, Intimität, freudvollen Erinnerungen. Wie die Worte falten sich auch die Bilder ineinander, schweifen durch die dunkle Wohnung, manchmal sogar nach draußen, zu Metrostationen, vagen Landschaften, eingeschneiten Straßen. Lichtkontraste schaffen Perspektiven, obwohl Dunkelheit herrscht. Trotz allem wird vom nächsten Morgen gesprochen, von Neuanfängen, seien sie auch noch so unfassbar weit weg. Zärtlich fällt der Blick auf das Bett im Tageslicht und den Mann, der darin aufwacht. Woran sonst kann man sich noch festhalten?

James Lattimer

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Regie
Yotam Ben-David
Buch
Yotam Ben-David
Kamera
Yotam Ben-David
Schnitt
Yotam Ben-David
Produktion
Yotam Ben-David
Filmstill Green Desert

Green Desert

Desierto verde
Meliza Luna Venegas
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Chile
2025
70 Minuten
Spanisch
Untertitel: 
Englisch

Schwer zu sagen, welche Bilder aus der Vergangenheit stammen und welche von heute – etwa wenn die Regisseurin im Haus ihrer Urgroßeltern in den Spiegel blickt und darin mehrere Generationen ihrer mütterlichen Verwandtschaftslinie gleichzeitig sieht, all die Frauen, die früher Figuren aus Ton fertigten und zur Vihuela, einer Art Gitarre, Lieder sangen. Das Haus steht im Wald, in den Bergen: knorrige Baumstämme, rauschendes Wasser, grünes Laub und schimmernde Blüten auf Zelluloid, das Farben und Texturen zu einem hinreißenden Ganzen verschmelzen lässt. Aber dieses Naturparadies ist verschwunden, Waldbrände haben die alten Eichen mitsamt ihrem Unterholz zu Asche gemacht.
Wenn der Mann auf dem Pferd ein Holzkreuz durch das jetzt kahle Gelände zieht, scheint es, als würde er die Landschaft selbst betrauern. Die von der Regierung angelegte Kiefern-Monokultur ist kein Ersatz, nur noch mehr Futter für die Holzindustrie, das darauf wartet, in den riesigen Häcksler zu wandern und sich als Staub aus Spänen und Splittern auf den nackten Körper der Regisseurin zu senken. „Green Desert“ ist ein enorm persönlicher Essayfilm voller Schönheit, Wut und Reue. Er verbindet das Schicksal einer Familie mit allgemein lebensformenden Traditionen, er verknüpft eine unfreiwillig verformte Region in Chile mit einem allgemeinen ökologischen Unwohlsein.

James Lattimer

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Regie
Meliza Luna Venegas
Buch
Meliza Luna Venegas
Kamera
Ignacio Igna Martinez, Cristina Daza
Schnitt
Melisa Miranda, Macarena Ortiz
Produktion
Isabel Orellana Guarello
Co-Produktion
Vestigio Cine
Ton
Pablo Pinto
Sound Design
Romina Cano
Musik
Santiago Jara
Nominiert für: FIPRESCI Preis, Silberne Taube, Preis der Interreligiösen Jury
Filmstill It Must Be Because I Decided to Leave

It Must Be Because I Decided to Leave

Yi ding shi yin wei wo yao li kai
Zhuoyun Chen
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
USA
2025
19 Minuten
Chinesisch
Untertitel: 
Englisch

Die Grenzen zwischen Traum, Erinnerung, Kino und verschiedenen Teilen des Selbst lösen sich in diesem neuen Kurzfilm der in Los Angeles lebenden chinesischen Künstlerin Zhuoyun Chen auf hinreißende Weise auf. Wie benommen pendelt „It Must Be Because I Decided to Leave“ zwischen Tagebuch, Autofiktion und freier Assoziation, steckt voller halb erinnerter Gespräche, ansteckend surrealer Bilder und dem Wunsch der Erzählerin, in all dem einen Sinn zu finden, was ihr freilich nie ganz gelingt. Es wimmelt von traumartigen Motiven aller Art: Steine werden von Händen umschlossen oder verschmelzen mit Gesichtern, Bildschirme erscheinen in Fensterscheiben oder Scheinwerfern, ein glänzender roter Sportwagen dreht sich in der kalifornischen Wüste, eine schemenhafte Gestalt betritt eine Höhle, ein Hund paddelt rückwärts aus einem Pool, seine krabbelnden Gliedmaßen dargestellt in eleganten Überblendungen. Die Erzählerin lässt ihre Gedanken über Begehren, Familie und Entwurzelung kreisen. Sie erwähnt jede Menge „Dus“ und „Ichs“, die aber ebenso gut ein und dieselbe Person sein könnten. Falls es stimmt, dass „wir Landschaften in uns tragen“, dann lernen wir sie auf dieser Reise kennen.

James Lattimer

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Regie
Zhuoyun Chen
Buch
Zhuoyun Chen
Kamera
Luca Cioci
Schnitt
Zhuoyun Chen
Produktion
Zhuoyun Chen
Ton
Zhuoyun Chen, Paul Mason
Sound Design
Zhuoyun Chen
Musik
Keju Luo
Sprecher*in
Siru Wen
Filmstill L’mina

L’mina

L’mina
Randa Maroufi
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Frankreich,
Marokko,
Italien,
Katar
2025
26 Minuten
Arabisch
Untertitel: 
Englisch

Unwirklich mutet die Landschaft an, die Randa Maroufi im finalen Teil ihrer Trilogie über marokkanische Städte präsentiert. Es handelt sich um Jerada, wo einst eine Kohlenmine zahlreiche Arbeiter in die Region lockte. Und obschon das Bergwerk bereits 2001 schloss, findet der Abbau noch immer statt – heimlich und unter gefährlichen Umständen. Maroufi verflicht Super8-Aufnahmen der Kumpel und ihrer Familien mit 3D-Scans des Areals. Am eindrucksvollsten aber ist ihre Reinszenierung der Abläufe und Bedrohungen mit den in Jerada Tätigen selbst: In langen Einstellungen, sowohl über als auch unter der Erde, wird ein Malochen sichtbar, physisch, ausdauernd, ausgeführt mit den einfachsten Mitteln. Hände mit Schaufeln befüllen Kohlesäcke und laden sie auf ein umgebautes Motorrad, einige Meter darunter kriechen Männer durch engste Gänge, die jederzeit einzustürzen drohen. Gemeinsam mit einer ausgeklügelten Soundkulisse beschwört „L’mina“ einen fast surrealen Ort herauf. Gleichzeitig gemahnen dokumentarische Bilder daran, dass die Minengegend kein begehbares Diorama ist, sondern Realität. In ihrer Widmung zum Schluss formuliert Maroufi mit Nachdruck: „Für all jene, die im Schatten leben, um uns zu erleuchten“.

Carolin Weidner

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Regie
Randa Maroufi
Buch
Randa Maroufi
Kamera
Luca Coassin CCS
Schnitt
Céline Perréard, Randa Maroufi
Produktion
Randa Maroufi, Oumayma Zekri Ajarrai
Co-Produktion
Oumayma Zekri Ajarrai
Ton
Sara Kaddouri, Toni Geitani, Randa Maroufi
Filmvertrieb
Wouter Jansen
Filmstill Melt

Melt

Melt
Nikolaus Geyrhalter
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Österreich
2025
125 Minuten
Japanisch,
Deutsch,
Englisch,
Französisch
Untertitel: 
Englisch

Etwa zwei Prozent des Wassers auf unserem Planeten bedeckt gefroren die Erdoberfläche. Das ist mehr als doppelt so viel, wie in Flüssen, Seen und der Atmosphäre vorkommt, also der Großteil unseres Süßwassers. Mit der Erderwärmung drohen sich diese Verhältnisse dramatisch zu verschieben. Nikolaus Geyrhalter findet in seinem jüngsten Werk opulente Bilder einer Welt aus Eis und Schnee und evoziert zugleich eine lebhafte Vorstellung von der bevorstehenden großen Schmelze.
Von 2021 bis 2025 hat er eingeschneite Landschaften in der nordwestjapanischen Provinz Niigata besucht, den Schweizer Aletschgletscher und ein Dorf in den Osttiroler Bergen. In der Inuvik-Region in Kanada erfährt er, dass die Straßen erst in der Frostperiode befahrbar sind und nur dann Familienfeste gefeiert werden können. Er beobachtet, wie im japanischen Toyama präzise gezogene Schneewände Hunderte Schaulustige anlocken, wie sich der französische Skiort Val d’Isère durch Schneekanonen zu retten versucht, während man am österreichischen Dachstein Skilifte demontiert. Ob am Vatnajökull-Gletscher in Island, der nun auch im Winter dahinschmilzt, ob auf der deutschen Forschungsstation Neumayer III im Ekström-Schelfeis in der Antarktis – überall trifft Geyrhalter auf Menschen, deren Dasein von Naturgewalten geprägt ist. Und sie alle ahnen, dass sie die letzte Generation sein könnten, die mit der Schönheit von Eis und Schnee lebt.

Christoph Terhechte

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Regie
Nikolaus Geyrhalter
Kamera
Nikolaus Geyrhalter
Schnitt
Gernot Grassl
Produktion
Nikolaus Geyrhalter, Michael Kitzberger, Wolfgang Widerhofer, Markus Glaser
Ton
Sophia Laggner, Hjalti Bager-Jonathansson, Eva Hausberger, Sergey Martynyuk, Ariane Pellini
Sound Design
Florian Kindlinger, Flora Rajakowitsch
Filmvertrieb
Stephanie Fuchs
Nominiert für: Preis der Interreligiösen Jury, FIPRESCI Preis
Filmstill Oscurana

Oscurana

Oscurana
Violeta Mora
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Honduras,
Portugal,
Ungarn,
Belgien
2025
21 Minuten
Spanisch
Untertitel: 
Englisch

Die grelle Sonne steht am Himmel, doch während sie langsam sinkt, legt sich eine Kakofonie aus unbekannten Stimmen und Lauten über den Horizont. „Die Dunkelheit kommt wie Qualm, der sich ausbreitet“, kommentiert die Regisseurin im Off – und führt uns tiefer in die Nacht, auf den Weg, den viele Migrant*innen aus Zentralamerika wagen: zu Fuß, durch gefährliche Landschaften, mit ungewissem Ausgang.
In ihrem immersiven Kurzfilm macht Violeta Mora diesen Weg erfahrbar. Die wankende Handkamera folgt schweren Schritten, wir hören den Atem der Flüchtenden und die Geräusche der Tiere. Verzweifelte Gesprächsfetzen und Rufe nach Hilfe füllen das lichtdurchzuckte Schwarz, während das Gefühl der Bedrohung wächst. Ein Film, der nicht erklären will, sondern uns sinnlich und unmittelbar spüren lässt, was es heißt, eine Grenze zu überqueren – in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Seggen Mikael

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Violeta Mora
Kamera
Violeta Mora
Schnitt
Violeta Mora
Produktion
Violeta Mora
Sound Design
Violeta Mora, Tiago Raposinho
Filmstill Peacemaker

Peacemaker

Mirotvorac
Ivan Ramljak
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Kroatien
2025
100 Minuten
Kroatisch
Untertitel: 
Englisch

1991 spitzen sich die ethnischen Konflikte zwischen serbischer Minderheit und kroatischer Bevölkerung in der Region Slawonien im östlichen Kroatien zu. Josip Reihl-Kir, Polizeichef der Stadt Osijek, vermittelt unermüdlich zwischen den bereits bis an die Zähne bewaffneten Konfliktparteien. Am 1. Juli 1991 wird er auf offener Straße am helllichten Tag vor Dutzenden Augenzeug*innen auf dem Weg zu einer Friedensverhandlung ermordet.
Der kroatische Dokumentarist Ivan Ramljak analysiert die Umstände, die dazu geführt haben, dass eine Atmosphäre der Angst entstehen und der offene Terror zum Alltag werden konnte. Sein Film versucht gar nicht, die ungeklärten Details um mögliche Auftraggeber des Mordes an Reihl-Kir ans Licht zu bringen. Stattdessen setzt er ihm als einer der letzten Instanzen, die sich für den Frieden einsetzten, ein überfälliges Denkmal – in einer Region, in der die Täter und Kriegsverbrecher immer noch als freie Bürger herumlaufen, oft politische Ämter bekleiden und als Helden gefeiert werden. Das akribisch recherchierte, zum Teil noch nie ausgestrahlte Material aus dem kroatischen Fernseharchiv vom Beginn der 1990er Jahre, kontrastiert von aktuellen Aussagen von fünf sorgfältig ausgewählten Zeitzeug*innen aus dem Off, eröffnet gänzlich neue Perspektiven auf die Anfänge des Krieges in Slawonien. Ramljak scheut dabei kein Tabu.

Borjana Gaković

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Ivan Ramljak
Buch
Drago Hedl, Hrvoje Zovko, Ivan Ramljak
Kamera
Srđan Kovačević
Schnitt
Damir Čučić
Produktion
Nenad Puhovski
Sound Design
Tihomir Vrbanec
Ausführende Produktion
Edita Sentić
Nominiert für: MDR-Filmpreis, FIPRESCI Preis, Preis der Interreligiösen Jury
Ausgezeichnet mit: Goldene Taube Langfilm (Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm)
Filmstill string pieces

String Pieces

Garak
Vatae Kimlee
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Südkorea
2024
28 Minuten
Koreanisch
Untertitel: 
Englisch

Das einsame Leben einer Studentin in Incheon. Sie schickt spätnachts Aufsätze ab, geht aus ihrer beengten Wohnung zum Rauchen auf die Straße, scrollt durch alte Werbefilme im Internet. Auf ihrem USB-Stick entdeckt sie zufällig eine MPEG-Datei. Per Klick löst sie ein Gespräch mit ihren Großeltern aus. Die zwei berichten von ihrem Leben in exakt jenem Stadtviertel, in dem die Enkelin jetzt wohnt. Einmal freigesetzt, sind die Stimmen nicht mehr zum Schweigen zu bringen, schleichen sich in ihren Alltag und ihre Träume ein. Während sie von Vorurteilen gegen nordkoreanische Flüchtlinge erzählen, von der über Nacht gebauten Behelfsunterkunft aus Pappresten von einem US-Militärstützpunkt, vom Handel mit selbst gemachten Malztoffees, werden all diese Unternehmungen in Stop-Motion-Sequenzen lebendig, die – wie die Erzählstimmen selbst – aus einer anderen Zeit zu kommen scheinen. Doch dies ist nur eine von vielen visuellen Ideen und Animationstechniken, die hier Anwendung finden. Zu sehen sind Handzeichnungen in verschiedensten Ausführungen, 3D-Scans zur raffiniert unvollkommenen Nachbildung der städtischen Architektur, echte Fotos und Realfilmszenen, die an einer Stelle sogar die Menschen hinter den Stimmen zeigen. Die Geschichte schweigt nie; hier sehen wir sie in all ihren sich überlagernden Schichten.

James Lattimer

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Vatae Kimlee
Buch
Vatae Kimlee
Kamera
Junyong Lee, Eunsol Cho
Schnitt
Vatae Kimlee
Produktion
Saehoon Yoon
Ton
Luuk Bakkum, Tongxin Guo
Sound Design
Tongxin Guo
Animation
Vatae Kimlee
Nominiert für: Silberne Taube
Ausgezeichnet mit: Silberne Taube Kurzfilm (Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm)