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Filmstill 1976: Search for Life

1976: Search for Life

1976: Search for Life
Tess Martin
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2023
Animationsfilm
Niederlande
2023
11 Minuten
Englisch
Untertitel: 
deutsche Untertitel für Menschen mit eingeschränkter Hörfähigkeit

Ein frisch gebackener Familienvater begibt sich mit Frau und Tochter auf eine Reise nach Schottland in die Geburtsstadt seiner Mutter. Es ist 1976 – dasselbe Jahr, in dem die NASA-Raumsonden Viking 1 und 2 auf der Marsoberfläche landen. Aus ferner Distanz senden sie Bilder aus einem nur vage erforschten Gebiet und erlauben einen ersten Einblick in die Geschichte eines fremden Planeten. So wie die Wissenschaftler*innen der NASA erhofft sich auch die kleine Familie durch ihre Reise Erkenntnisgewinn über vergangene Zeiten, Verständnis der gegenwärtigen Situation und vielleicht sogar die Möglichkeit, die Zukunft zu erahnen.

Texte aus dem Reisetagebuch des Vaters, Fotos und Videoaufnahmen verweben sich mit Bild- und Tonmaterial aus NASA-Archiven zu einer vielschichtigen Erzählung, die mehrere Dekaden Familiengeschichte, kosmologische Fragen und philosophische Überlegungen durchwandert. Vor uns entfaltet sich ein filmisches Multiversum, dessen Elementarteilchen zwischen den Zeiten und Welten, zwischen Realität und Fiktion schwingen.

Franka Sachse

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Regie
Tess Martin
Kamera
Matija Pekić
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis
Filmstill 27

27

27
Flóra Anna Buda
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2023
Animationsfilm
Frankreich,
Ungarn
2023
11 Minuten
Ungarisch
Untertitel: 
Englisch

Heute ist der 27. Geburtstag von Alice. Sie lebt in ihrem alten Kinderzimmer in der Wohnung ihrer Eltern. Ihre Mutter umhegt sie wie ein Kind. Ihr kleiner Bruder geht ihr auf die Nerven. Raum für Selbstverwirklichung und das Ausleben sexueller Bedürfnisse gibt es höchstens in ihrer eigenen Fantasie. Aus ökonomischen Gründen ist ihr und vielen anderen jungen Menschen verwehrt, ein unabhängiges Leben in eigenen vier Wänden zu führen. So muss Alice die Enge erdulden.

Am Abend ihres Geburtstages zieht sie mit ihrem Kumpel um die Häuser und tanzt sich bei einer Party auf dem Dach eines Hochhauses endlich für einige Momente frei. Der Blick über die nächtliche Stadt und die Ernüchterung nach all der Ausgelassenheit bringen das Dilemma jedoch ins Bewusstsein zurück: Wo ist ihr privater Rückzugsort, an dem sich Körper und Geist unbeobachtet entfalten können? Eindringlich, farbenfroh, mit fantastischem Sound und voller Erotik beschreibt dieser Film die bedrückende Lage einer ganzen Generation.

Franka Sachse

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Regie
Flóra Anna Buda
Buch
Flóra Anna Buda
Schnitt
Albane du Plessix
Produktion
Emmanuel-Alain Raynal, Pierre Baussaron, Gábor Osváth, Péter Benjámin Lukács
Ton
Péter Benjámin Lukács
Musik
Mári Mákó, Rozi Mákó
Animation
Zoltán Koska, Gábor Mariai, Luca Tóth, Borbála Zétényi, Flóra Anna Buda
Filmvertrieb
Annabel Sebag
Künstlerisches Design
Natália Andrade, Melinda Kádár
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2023
Filmstill A Crab in the Pool
A Crab in the Pool Alexandra Myotte, Jean-Sébastien Hamel
Zoe und ihr kleiner Bruder schaffen es gemeinsam, ihre Fantasiewelten hinter sich zu lassen und ein heilendes Pflaster auf die Wunde zu kleben, die der Verlust ihrer Mutter verursacht hat.
Filmstill A Crab in the Pool

A Crab in the Pool

Un trou dans la poitrine
Alexandra Myotte, Jean-Sébastien Hamel
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2023
Animationsfilm
Kanada
2023
11 Minuten
Französisch
Untertitel: 
Englisch

Das Teenager-Mädchen Zoe und ihr kleiner Bruder Theo verbringen einen gemeinsamen Tag im Freibad. Theo verliert sich in seinen kindlichen Fantasien. Die Besucher*innen des Bades erscheinen ihm als Figuren aus der griechischen Mythologie. Zoe, nicht glücklich über die Aufgabe, auf ihren Bruder aufpassen zu müssen, verkriecht sich in der Umkleide. Sie hat ihre eigenen Probleme, denn sie kämpft mit den Veränderungen ihres jugendlichen Körpers. Im Spiegel betrachtet sie ihre Brüste, die im engen Badeanzug nicht zu verbergen sind. Der Horror, den diese Wandlung in ihr hervorruft, manifestiert sich in einer entsetzlichen Panikattacke.

Theos Flucht ins Reich der mythischen Wesen und Zoes Angstanfall liegt ein gemeinsames traumatisches Erlebnis zu Grunde. Die beiden finden einen Weg, vergangene Erlebnisse miteinander zu bewältigen – auch ohne die Unterstützung ihrer Mutter. Kunstvolle Bildübergänge, clever gestaltete Details und nicht zuletzt großes Einfühlungsvermögen für die kommunizierenden Innen- und Außenwelten der Geschwister machen diesen Film zu einem überzeugenden Doppelporträt.

Franka Sachse

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Regie
Alexandra Myotte, Jean-Sébastien Hamel
Buch
Alexandra Myotte, Jean-Sébastien Hamel
Schnitt
Jean-Sébastien Hamel
Produktion
Jean-Sébastien Hamel, Alexandra Myotte
Ton
François Lacasse
Animation
Alexandra Myotte
Filmvertrieb
Pierre Brouillette-Hamelin
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis
Filmstill Aferrado

Aferrado

Aferrado
Esteban Azuela
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2024
Animationsfilm
Mexiko
2024
18 Minuten
Spanisch
Untertitel: 
Englisch

Irgendwann vor Jahren wurde Joels Lebensbahn eine schiefe. Er ließ sich von der Energie skrupelloser Gangster anziehen, um für ein Handgeld kriminelle Aufträge zu erledigen. Mit Briefumschlägen und Pistolen kennt er sich seitdem aus. Jetzt aber ist der Tag gekommen, an dem er den finsteren Nachtdienst quittieren und ab sofort nur noch seiner eigentlichen Bestimmung nachgehen will: Motoren reparieren, seine Autowerkstatt in Mexiko-Stadt am Laufen und Menschen in Bewegung halten. Doch ausgerechnet am Geburtstag seines geliebten Neffen lotst ihn der Bandenchef zu einem letzten Job. Joel muss in Zwiesprache mit sich selbst gehen und vor allem eine Entscheidung treffen.
Dieses Zwiegespräch verlegt Regisseur Esteban Azuela an einen Durchgangsort zwischen Dies- und Jenseits, an dem keine Entscheidung mehr revidiert, sondern nur noch nachgelebt werden kann. Mit einer komplex komponierten Melange aus Erinnerungsfetzen, Karosserieteilen und Existenzschrott holt er das atemlose Dasein seines Protagonisten adäquat auf die Leinwand. Schartige, in Einzelbildschaltung animierte 3D-Scans sowie Blick- und Handlungsführung aus der Frühzeit der Ego-Shooter-Games beschwören stilbewusst das urbane Mexiko der 1990er Jahre herauf: hitzig, bedrohlich, allen Stillstand verweigernd.

Andreas Körner

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Regie
Esteban Azuela
Buch
Esteban Azuela
Schnitt
Pedro G. Garcia
Produktion
Daniel Cabrera Guzmán Belmont, Esteban Azuela
Sound Design
José Miguel Enríquez
Musik
Héctor Ruiz, Raúl Topete Torre, María Bonita, Álvaro Lamadrid Isoar
Animation
Esteban Azuela, Carlos Davila
Filmvertrieb
Luce Grosjean
-
Daniel Leon
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis
Filmstill Amarelo Banana

Amarelo Banana

Amarelo Banana
Alexandre Sousa
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2025
Animationsfilm
Portugal,
Ungarn
2025
12 Minuten
Englisch
Untertitel: 
Keine

„Bist du mit uns oder gegen uns?“ Nichts Geringeres als dies steht unausgesprochen im Raum. Keine Zwischentöne, keine Diskussion, kaum eine Wahl. Hat der müde Mann nach der Arbeit mit solchen Lebensentscheidungen gerechnet? Unwahrscheinlich. Er wollte einfach nur abschalten und sinnlos fernsehen, als ihn plötzlich die fremde Welt aus dem Bildschirm mitten im trauten Zuhause einholt: Eine sektenartige Community haust nebenan, affenähnlich in ihrem Verhalten, fanatisch in ihrem Glauben und entschlossen, ihn zu bekehren. Ihre Wohnung ist mit Wäldern und Wüsten gestaltet. Wer versucht, hinter die bemalte Tapete zu schauen, wer Kulisse von Wirklichkeit trennt, begeht Verrat und verdient Verbannung oder Tod. Platons Höhlengleichnis in einer radikalisierten Version für das 21. Jahrhundert.
Freiheit und Wahrheit oder Stabilität und Zugehörigkeit? Ist es ein zu hoher Preis, die verzerrte Realität zu akzeptieren, nur um leben zu dürfen? Und vor allem: Gibt es überhaupt eine lebenswerte Alternative? Die Welt draußen, hinter dem Fenster, bleibt vage und wird als Bedrohung nur angedeutet. In dieser Parabel über Passivität, Neugier und freie Wahl berührt Alexandre Sousa drängende Fragen unserer Zeit: Fragen nach Abschottung, nach Echokammern und nach der Unmöglichkeit, als Mensch unpolitisch zu bleiben. Haben wir überhaupt noch eine Chance zu widerstehen?

Irina Rubina

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Regie
Alexandre Sousa
Buch
Alexandre Sousa
Schnitt
Alexandre Sousa
Produktion
Jonas César, Tiago Ribeiro, Natália Andrade
Co-Produktion
Bella Szederkényi, Bálint Gelley
Ton
André Aires
Sound Design
André Aires
Musik
André Aires
Animation
Cristina Neto, Nina Glavaski, Alexandre Sousa
Filmvertrieb
Joaquim Pinheiro
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis
Filmstill Ancestor

Ancestor

Dédé
Yasmine Djedje-Fisher-Azoume
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2025
Animationsfilm
UK
2025
3 Minuten
ohne Dialog
Untertitel: 
Keine

Durch rhythmische, ekstatische Musik und Bruchstücke folkloristischen Gesangs führt uns Yasmine Djedje-Fisher-Azoume zu den mythischen Urahninnen, Göttinnen und Hüterinnen des Volkes der Bété an der Elfenbeinküste – jenem Ort, aus dem die Vorfahr*innen der Regisseurin stammen. In ihrer von traditionellen Holzskulpturen und Masken inspirierten Filmstudie verwandelt sie diese mithilfe von Kohlezeichnungen und Kupferreliefs in vielgestaltige weibliche Charaktere. Sich um die eigene Achse drehend, mehrgesichtig und allsehend, in flauschigen Gewändern tanzend, vollziehen sie Rituale und entfalten eine ansteckende Choreografie. Der ganze Film pulsiert in diesem Takt, sodass es nicht überrascht, wenn eine Figur einen wortwörtlichen Strom schöpferischer Energie freisetzt.
Dieser Strom ist so stark, dass er bis in die Gegenwart reicht – in einen modernen Tempel, in dem lebendige Göttinnen im unendlichen Fluss des Daseins rotieren. Anders als die leblos arrangierten Exponate in europäischen Museen, Zeugen der kolonialen Gewalt, versammelt Djedje-Fisher-Azoume hier ein Pantheon dessen, was sie ehrt und zutiefst bewegt. Ein Tempel, der nur für diejenigen existiert, die die eigene Herkunft kennen und diese respektvoll behandeln, um daraus Kraft für Gegenwart und Zukunft zu schöpfen. Diese Kraft der mystischen Selbsterkenntnis durchdringt den ganzen Film von der Wurzelspitze bis in die Knospen.

Irina Rubina

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Regie
Yasmine Djedje-Fisher-Azoume
Produktion
Yasmine Djedje-Fisher-Azoume
Ton
Alex Adetiba
Sound Design
Alex Adetiba
Musik
Alex Adetiba
Animation
Yasmine Djedje-Fisher-Azoume
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis
Filmstill Animalia Paradoxa

Animalia Paradoxa

Animalia Paradoxa
Niles Atallah
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2024
Animationsfilm
Chile
2024
82 Minuten
Spanisch
Untertitel: 
Englisch

Ein schmaler Körper, verpackt in staubige Lumpen. Die Gasmaske im Gesicht lässt nur ein müdes Augenpaar mit fast erloschenen Pupillen frei. Die Gestalt windet sich durch eine graue Landschaft aus bröckelndem Beton und rostigen Eisenteilen. So seltsam verrenkt sich das Mischwesen aus Mensch und Amphibie in dieser postapokalyptischen Welt, dass die Gesetze der Physik außer Kraft zu sein scheinen. Wo sich Oben und Unten befinden, ist unklar. Auf welchem Planeten sich das Geschehen abspielt, kann man kaum ausmachen. Beobachtet von anderen fantastischen Chimären, schleicht sich das Wesen immer wieder hinaus aus seinem Versteck, um Wasser für ein bescheidenes Bad zu finden.
Diese avantgardistische Gratwanderung zwischen dokumentarischen Zivilisationsresten, Found Footage, Tanz, Performance, Puppen- und Gebärdenspiel führt gängige Begriffsbestimmungen von Animation auf faszinierende Weise an ihre Grenzen – und darüber hinaus. Durch großartig inszenierte Bewegungschoreografien, clevere visuelle Ideen und herausragende auditive Gestaltung bringt Niles Atallah seine so andersartige Erzählung zu vollem Glanz.

Franka Sachse

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Regie
Niles Atallah
Buch
Niles Atallah
Kamera
Matías Illanes
Schnitt
Mayra Morán, Niles Atallah
Produktion
Catalina Vergara
Ton
Claudio Vargas
Sound Design
Claudio Vargas
Musik
Sebastián Jatz Rawicz
Animation
Niles Atallah
Filmvertrieb
Paulina Portela
Filmstill Balentes

Balentes

Balentes
Giovanni Columbu
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2025
Animationsfilm
Italien,
Deutschland
2024
69 Minuten
Italienisch,
Sardisch
Untertitel: 
Englisch

Sardinien, 1940. Das lockere geflügelte Wort vom gemeinsamen „Pferde stehlen“ bekommt für den 14-jährigen Michele und seinen 11-jährigen Freund Ventura eine sehr ernste und am Ende tragische Bedeutung. Als sie erfahren, dass die Bauern ihre besten Pferde für gutes Geld an den Staat und damit ans Militär für den nahenden Krieg verkauft haben, treffen die Jungs eine so naive wie intuitive Entscheidung: Sie schenken der Herde in einer heiklen Nacht- und Nebelaktion die Freiheit. Ihr Glücksgefühl aber währt nur kurz. Verraten von einem Dorfbewohner, fängt man sie schon auf dem Heimweg ab, und Ventura wird erschossen. Ein sinnloser Tod? Oder Zeichen besonderer Tapferkeit, wie der doppeldeutige sardische Filmtitel suggeriert?
Regisseur Giovanni Columbu, selbst Sarde, widmet sein spätes Animationsdebüt seiner Großmutter, die ihm einst diese Geschichte erzählte. Er war so frei, sie mit Pinselzeichnungen auf Papier zu adaptieren, und beruft sich stilistisch vor allem auf den Charme historischer Malereischulen, Tricktechniken und Filmgenres. Columbus assoziative Bildsprache, geprägt von Schwarz-, Weiß- und Grautönen, lebt von impulsiven Schraffuren, unzähligen Tupfern und großzügigen Auslassungen. Auch die Tonspur setzt eher sparsame Nuancen, die nur dezent illustrieren, sich sardischer Kulturtraditionen bedienen und zugleich den Raum für universelle Metaphern öffnen.

Andreas Körner

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Regie
Giovanni Columbu
Buch
Giovanni Columbu
Schnitt
Giovanni Columbu
Produktion
Giovanni Columbu
Co-Produktion
Flavia Oertwig
Musik
André Feldhaus, Filippo Ripamonti, Alessandro Olla, Hans Zeller, Pietro Mascagni
Animation
Giovanni Columbu
Key Collaborator
Daniele Maggioni
Filmstill Bar Croquette Freestyle

Bar Croquette Freestyle

Bar krokiet freestyle
Maria Dakszewicz
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2025
Animationsfilm
Polen
2025
5 Minuten
Polnisch
Untertitel: 
Englisch

Die Diskrepanz zwischen einer trostlosen, tristen Provinzstadt und einer sich nach Abenteuern sehnenden, fantasievollen Frau in den besten Jahren löst sich als mitreißender animierter Seelenschrei. Maria Dakszewiczs Protagonistin taucht so tief in einen Bollywood-Film ein, dass sie in ihrer Imagination zur Hauptfigur der bunten, himmlisch lustvollen Liebesgeschichte wird. Umso schmerzhafter ist die Rückkehr in die leere, kalte „Bar der Realität“ – mit der lästigen Nachbarschaft, dem deprimierenden Wetter, den spöttischen Slogans zur Selbstoptimierung auf Werbetafeln und in Frauenmagazinen.
Ein hochprozentiger Cocktail aus Tragikomik, garniert mit enormer Wucht, Humor, Liebe, Körperlichkeit und Melancholie. Der letzte Pinselstrich ist das Äquivalent der unerreichbaren, schimmernden Figur des Bollywood-Sultans in der Bar-Croquette-Realität, welcher auch eine Art Befriedigung mit sich bringt, wenn auch ganz anderer Natur … Mit diesem Film erschafft Dakszewicz eine unverwechselbare, originelle und wilde Ästhetik: Die Knetfigur, noch warm von Fingerabdrücken, geht nahtlos in Tuschezeichnungen über – auf den ersten Blick unpassend und doch so harmonisch verschmelzend wie geträumte Sinnlichkeit mit einem indischen Sultan in der grauen polnischen Provinz.

Irina Rubina

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Regie
Maria Dakszewicz
Buch
Maria Dakszewicz
Schnitt
Maria Dakszewicz
Produktion
Agata Golańska
Sound Design
Jakub Krzyszpin, Maria Dakszewicz
Musik
Maria Dakszewicz
Animation
Maria Dakszewicz
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis
Filmstill Blinded by the Lights

Blinded by the Lights

Blinded by the Lights
Francis Yushau Brown
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2025
Animationsfilm
Ghana
2025
13 Minuten
Englisch
Untertitel: 
Englisch

Ein Mann reißt sich aus den Ketten der Sklaverei los, wischt die traditionelle Kente-Bekleidung beiseite, zieht den Business-Anzug an – und läuft der Zukunft entgegen. Oder dem, was er für die Zukunft hält. Denn es ist kein erquicklicher Gang: Bejubelt vom Volk drängt sich der Mann in die Hinterräume eines asiatischen Restaurants, in dem er Landstücke verschachert, dann geht’s mit dem Geldkoffer weiter in den nächsten Hinterraum, um anschließend den Pfarrer zu bestechen – und zu guter Letzt ab auf die Bühne, um eine staatstragende Rede als Präsident zu halten, natürlich gegen Korruption. Der Karriereweg unseres namenlosen Protagonisten – dessen sonnenbebrilltes Gesicht wir interessanterweise erst im Scheinwerferlicht zu sehen bekommen – geht mitten durch die Straßen einer afrikanischen Großstadt, an den Protesten vorbei, die niedergeschlagen werden, durch marode Infrastruktur, kriminelle Mobs und sogar Naturkatastrophen.
In Francis Yushau Browns schonungslos kritischem Film hat sich niemand von der Sklaverei befreit. Stattdessen legen sich einige wenige selbst an die Kette des Nepotismus und halten die restliche Bevölkerung in Armut und Rückständigkeit. Sein Film ist eine Anklage in 3D, die nur so strotzt vor Wut, auch auf die westlichen und fernöstlichen (Neo-)Kolonisator*innen. Und über all dem schweben die erzürnten Götter und warten, dass das Volk dem Zustand endlich ein Ende macht.

Marie Ketzscher

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Regie
Francis Yushau Brown
Buch
Francis Yushau Brown
Schnitt
Charles Sam
Produktion
Ruth Ojougboh
Ton
Gomez Beatx
Sound Design
Gomez Beatx
Musik
Gomez Beatx
Animation
Francis Yushau Brown, Charles Seyi Kilanko, Kingsford Appiah, Jason Bonsu Sarpong
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis
Filmstill Breaker

Branden

Branden
Juliane Ebner
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2023
Animationsfilm
Deutschland
2023
16 Minuten
Deutsch
Untertitel: 
Englisch

Sirenenhafter Gesang und rhythmische Lichtreflexionen leiten über zu einem lyrischen Text und skizzierten Silhouetten von Küstenabschnitten und Wellen. Zarte Linien und sanfte Schattierungen auf transparenten Folien bilden in der Überlagerung vielschichtige Netzwerke aus Formen und Strukturen. Was sich außerhalb der Leinwand befindet, schleicht sich über Spiegelungen ins Bild und mischt sich ein in die visuelle Gestaltung des Films. Damals und Jetzt begegnen sich und verschmelzen zu einer poetischen Erzählung über eine Kindheit in Stralsund, zu einer Zeit, als die Stadt noch Teil der DDR war. Eine eingezäunte, begrenzte Kindheit, eingerahmt von nächtlichen Flutlichtern, dem Grölen betrunkener Seemänner und dem bröckelnden Putz der vergrauten Fassaden und Mauern. Der Erzählerin gelingt es, diese bedrückende Festung hinter sich zu lassen. Ganz entkommen kann sie ihr jedoch nie. Die Erinnerungen, die sich wie grauer Staub über ihr Inneres gelegt haben, bleiben für immer haften.

Franka Sachse

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Regie
Juliane Ebner
Buch
Juliane Ebner, Sophia Marie Schnoor
Kamera
Juliane Ebner
Schnitt
Juliane Ebner
Produktion
Juliane Ebner
Ton
Alma Luise Schnoor
Sound Design
Manfred Miersch
Animation
Juliane Ebner
Sprecher*in
Juliane Ebner
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis
Filmstill Brother

Brother

Brother
Marcus Grysczok
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2023
Animationsfilm
Deutschland
2022
2 Minuten
Englisch
Untertitel: 
Deutsch

In nur neunzig Sekunden erzählt Marcus Grysczok eine berührende persönliche Verlustgeschichte und nimmt mit in große emotionale Tiefen. Tune in: ein elektronisch verzerrter Aufschrei. Der Protagonist spricht zu sich und zu jemandem, der nicht mehr in der Welt, aber umso mehr im Herzen beheimatet ist. Er sucht einen Ausweg aus der Ohnmacht. Er nimmt eine fremde Rolle an und eilt als freilaufender Papierhund durch reale Regalfächer und über Tischflächen, rennt vorbei an Personen auf schwarz-weißen Fotografien und Alltagsgegenständen, jagt sich selbst auf einem Tellerrand. Die Bilder vermitteln das Gefühl von einem Zuhause – einem Zuhause für die Erinnerung und für das Leben. Tune out? Sobald der Hund innehält, beendet die Wirklichkeit das rastlose Treiben und macht den andauernden Verlust bewusst. Sprachlich wie auch gestalterisch poetisch formuliert der Film einen bewegenden, doch unverklärten Abschied vom Bruder.

André Eckardt

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Regie
Marcus Grysczok
Buch
Marcus Grysczok
Kamera
Marcus Grysczok
Schnitt
Marcus Grysczok
Produktion
Marcus Grysczok, Ana M. Vallejo Cuartas
Co-Produktion
Marcus Grysczok
Ton
Roosmarijn Tuenter
Animation
Marcus Grysczok
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis
Filmstill Bunnyhood

Bunnyhood

Bunnyhood
Mansi Maheshwari
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2024
Animationsfilm
UK
2024
9 Minuten
Englisch
Untertitel: 
Keine

Bobbys Magen rebelliert. Sie hat einen Riesenhunger. Normalerweise sollte das Abendessen längst auf dem Tisch stehen. Doch heute ist alles anders. Mit einer Lüge lockt Mum die Teenagertochter aus dem Haus und bringt sie ins Hospital, wo bereits ihre Verwandten auf sie warten. Alle in Schwarz gekleidet, mit Tränen in den Augen, bekunden sie ihr Mitgefühl. Aber Mitgefühl weshalb? Noch bevor Bobby sich versieht, wird sie von unsanftem Pflegepersonal in die endlosen Korridore des Krankenhauses verschleppt, entkleidet und auf eine Operation vorbereitet, von der sie nichts wusste und der sie nie zugestimmt hat.
Hinter den Kulissen dieses nächtlichen Horrortrips offenbart sich eine verstörende Erzählung über das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern. Mansi Maheshwaris Genremix aus Thriller, Angstvision und Erziehungssatire fasziniert. Die dynamische Gestaltung, die dramatische Animation und die fesselnde Tonspur schicken uns tief hinein in einen fürchterlich-vorzüglichen Albtraum, der nachwirkt.

Franka Sachse

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Regie
Mansi Maheshwari
Buch
Anna Moore, James Davis
Kamera
Adam Pietkiewicz
Schnitt
Kaupo Muuli
Produktion
Ashionye Ogene
Ton
Alexander Faingold
Sound Design
Alexander Faingold
Musik
Marcin Mazurek
Animation
Mansi Maheshwari, Ryan Power, Elizabeth Fraser, Paula Gonsalez, Kathryn Haddow, Beatrice Babbo, Lucas Fruen
Filmvertrieb
Hemant Sharda
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis
Filmstill Clot

Clot

Klonter
Levi Stoops
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2025
Animationsfilm
Belgien
2025
15 Minuten
Niederländisch
Untertitel: 
Englisch

Seinen nackten Körper, in Tomatensoße ertränkt, auf einer Tiefkühlpizza betrachten - das ist der Inbegriff entfremdeter Lohnarbeit. Vor allem, wenn es sich dabei um jenes Massenprodukt handelt, dessen Qualität man tagtäglich hundertfach am Fließband kontrollieren muss. Ist es diese Entfremdung, der mehrfache tägliche Konsum ebendieser Mahlzeit oder schlicht die Abwesenheit bedeutender menschlicher Beziehungen, die dazu führen, dass Frankie sich todkrank fühlt und bereit ist, sich von seinem als wertlos und leer empfundenen Dasein zu verabschieden? Es kümmert niemanden, bis sein Körper sich in einen wilden Planeten verwandelt, auf dem die Evolution im Schnelldurchlauf stattfindet: Entstehung des Lebens, Miniatur Frankies mit absurden Penis-Tänzen, Kannibalismus, Darwinismus, gegenseitige Vernichtung, Ausrottung anderer Spezies – und schließlich das Verglühen des Frankie-Planeten selbst.
Levi Stoops lässt uns laut auflachen – und doch verspüren wir den bitteren Geschmack der Selbstzerstörung auf der Zunge. Wird Frankie nach dieser apokalyptischen Erfahrung eine Lebenswende wagen? Oder hält ihn das System so fest in den Klauen, dass heilsame Naturdokus mit exotischen Blumen schon Trost genug sind – anstelle von Kochshows, in denen Steinofenpizzen schwungvoll in die Luft geworfen werden?

Irina Rubina

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Levi Stoops
Buch
Levi Stoops
Schnitt
Levi Stoops
Produktion
Annemie Degryse
Ton
Paulo Rietjens
Sound Design
Paulo Rietjens
Musik
Wiet Lengeler
Animation
Camiel Hermans, Sarah Menheere, Karolien Raeymaekers, Neyrouz Jemour, Jana Leeuwerck
Filmvertrieb
Annabel Sebag
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis, Gedanken-Aufschluss-Preis
Ausgezeichnet mit: Gedanken-Aufschluss-Preis
Filmstill Compound Eyes of Tropical

Compound Eyes of Tropical

Re dai fu yan
Zhang Xu Zhan
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2023
Animationsfilm
Taiwan
2022
17 Minuten
ohne Dialog
Untertitel: 
Keine

Ein malaiisches Märchen erzählt von Sang Kancil, dem listigen Zwergböckchen, das einen Fluss überquert, indem es die darin schwimmenden Krokodile dazu bringt, ihm eine Brücke zu bilden. Davon inspiriert, inszeniert Zhang Xu Zhan, einer der profiliertesten jungen Künstler Taiwans, die Flussüberquerung in seinem jüngsten Stop-Motion-Animationsfilm als halsbrecherischen Schamanentanz im tiefgrünen Dschungel, in dem akrobatisches Geschick an die Stelle der List tritt. Angespornt von Trommlern am Ufer, geleitet von hellen Glockentönen hüpft das kostümierte Wesen, halb Mensch, halb Tier, von Krokodilsrücken zu Krokodilsrücken, stets in Gefahr, mehr als nur Federn zu lassen.

Trotz der überwältigenden Komplexität der animierten Szenerie rufen die aus Pappmaschee von Hand gefertigten Figuren den verführerischen Reiz traditioneller javanischer Wayang-Schattenspiele in Erinnerung. Deren starres Szenenbild verwandelt sich hier in eine äußerst fluide Welt andauernder Transformationen und Metamorphosen, die in eigenartig geformten Spiegelscherben widerscheint und so eine Ahnung davon vermittelt, wie es wäre, mit Facettenaugen zu sehen.

Christoph Terhechte

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Zhang Xu Zhan
Buch
Zhang Xu Zhan, Chi Chun Feng
Kamera
Zhang Xu Zhan, Kuan Yu Chen
Schnitt
Zhang Xu Zhan
Produktion
Yu Chu Chan
Ton
Prairie WWWW, Zi Ming Feng
Musik
Prairie WWWW
Animation
Zhang Xu Zhan, Raito Low, Liang Jie Chen
Ausgezeichnet mit: mephisto 97.6-Publikumspreis
Filmstill Contradiction of Emptiness

Contradiction of Emptiness

Contradiction of Emptiness
Irina Rubina
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2024
Animationsfilm
Deutschland
2024
3 Minuten
Russisch,
Deutsch
Untertitel: 
Englisch

Wie brutal ist es, wenn die eigene Sprache jemanden aus dem Zuhause verstößt, weil sie zur Sprache des Verbrechens gegen andere Menschen gemacht wird? In ihrem autobiografischen Animationsfilm analysiert Irina Rubina, warum Russisch für sie nicht mehr die Sprache der Geborgenheit sein kann und warum Deutsch – geschichtsbedingt schuldbewusst und dadurch verunsichert – ihr noch kein neues Zuhause bietet. Die schonungslose Sachlichkeit der Regisseurin als Sprecherin wühlt enorm auf, weil sie die Unumkehrbarkeit dieses emotionalen Zustands präzise beschreibt.
Visuell fressen sich dunkle Flecken in grafisch idealisierte Heimatbilder, bis sich Flächen im Abstrakten ineinander verbeißen. Die Bilder sind am sogenannten Pinscreen entstanden. Auf dieser Leinwand, die mit rund 200.000 in Linien angeordneten Nadeln versehen ist, lassen sich Reliefs durch Schattenwürfe der Nadeln „malen“ und animieren. Der Wechsel von Licht und Schatten und beider unmittelbare Nachbarschaft verleihen der Zerrissenheit und Ambivalenz einen drastischen Ausdruck.

André Eckardt

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Irina Rubina
Produktion
Irina Rubina
Sound Design
Luis Schöffend
Animation
Irina Rubina
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis