Filmarchiv

Sections (Film Archive)

Doc Alliance Award 2023
Filmstill 07:15 – Blackbird
07:15 – Blackbird Judith Auffray
In einer Hütte im Wald lauschen Jean und Mana verschiedensten Tierarten und katalogisieren Stimmaufnahmen. Als sie unbekannte Laute hören, ist die Neugier geweckt, ein Geheimnis zu lüften.
Filmstill 07:15 – Blackbird

07:15 – Blackbird

7h15 – merle noir
Judith Auffray
Doc Alliance Award 2023
Dokumentarfilm
Frankreich
2021
30 Minuten
Französisch
Untertitel: 
Englisch

Schauplatz und Figurenaufstellung wirken wie der Auftakt für ein ungewöhnliches Märchen. Ein älterer Mann, Einsiedler in einer abgeschiedenen Hütte, bekommt Besuch von einer jungen Frau, fast noch ein Mädchen, das die Sprache der Vögel verstehen und nachahmen kann. Tief in den Wäldern nehmen Jean und Mana die Stimmen der verschiedenen Arten auf und katalogisieren sie Tag für Tag, Nacht für Nacht. Doch dann hören sie den Laut eines unbekannten Tieres und machen sich auf die Suche.

Im Zentrum stehen die Vogelstimmen und ihre Zuordnung. Anstatt aber die pedantische Analyse von Klangereignissen wie ein verschrobenes Hobby aussehen zu lassen, regt der Film zum genauen Zuhören an. Die unaufgeregte Neugier der beiden Wissenschaftler*innen steckt an. Beim Zuschauen überträgt sich nach und nach nicht nur ihre Begeisterung für das Forschungsobjekt, sondern auch die kindliche Lust, ein Geheimnis zu lüften.

Lina Dinkla

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Judith Auffray
Buch
Judith Auffray
Kamera
Mario Valero, Raimon Gaffier
Schnitt
Judith Auffray
Produktion
François Bonenfant, Luc-Jérôme Bailleul
Co-Produktion
Gaël Teicher
Ton
Stéphane Debien, Kilian Fanget
-
Joséphine Auffray, Victor Auffray
Doc Alliance Award 2022
Filmstill 5 Dreamers and a Horse
5 Dreamers and a Horse Vahagn Khachatryan, Aren Malakyan
Vier Menschen verkörpern die gegensätzlichen Facetten des aktuellen Armenien. So sehr ihre Träume sich auch unterscheiden mögen: Sie handeln immer von Freiheit und Selbstbestimmung.
Filmstill 5 Dreamers and a Horse

5 Dreamers and a Horse

5 yerazoghnery yev dzin
Vahagn Khachatryan, Aren Malakyan
Doc Alliance Award 2022
Dokumentarfilm
Armenien,
Deutschland
2022
82 Minuten
Armenisch
Untertitel: 
Englisch

Die vier Menschen, die Aren Malakyan und Vahagn Khachatryan in ihrem Langfilmdebüt vorstellen, verkörpern die gegensätzlichen Facetten des aktuellen Armenien. Einige von ihnen schmieden Zukunftspläne, die sich vielleicht tatsächlich verwirklichen lassen. Andere streben nach Idealen, die unerreichbar scheinen. Sie alle eint der Traum von einem selbstbestimmten Leben – und das ist in einem Land, in dem die Regierung alles und jeden zu kontrollieren versucht, fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Melania, Mitte sechzig, arbeitet als Fahrstuhlführerin in einem Krankenhaus in Jerewan und sehnt sich nach einer späten Karriere als Kosmonautin. Sie ist auf ihre Art ein anachronistisch wirkendes Überbleibsel der Sowjetzeit. Das platte Land, immer noch von uralten Traditionen und Glücksentwürfen bestimmt, wird repräsentiert vom Bauern Karen, der nach der besten aller Ehefrauen sucht. Und die Nacht über den Dächern der Hauptstadt gehört Amasia und Sona. Sie sind Teil einer neuen Generation, die bereit ist, für eine Zukunft zu kämpfen, in der sich trotz eines erstickenden Patriarchats Raum für Freiheiten auftut. Manchmal etwas belustigt, doch ohne zu urteilen, beobachten die beiden Filmemacher ihre Heimat beim Träumen.
Lina Dinkla

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Regie
Vahagn Khachatryan, Aren Malakyan
Kamera
Vahagn Khachatryan, Aren Malakyan, Andranik Sahakyan
Schnitt
Federico Delpero Bejar
Produktion
Vahagn Khachatryan
Co-Produktion
Eva Blondiau
Ton
Jonathan Darch
Musik
Avet Terteryan, Rafael Tunyan
Doc Alliance Award 2025
Filmstill A Want in Her
A Want in Her Myrid Carten
Die Auseinandersetzung mit der eigenen alkoholkranken Mutter als Exorzismus, Liebeserklärung und Ohnmachtsbekundung. Ein ebenso verstörendes wie komisches Familiendrama von enormer Sogkraft.
Filmstill A Want in Her

A Want in Her

A Want in Her
Myrid Carten
Doc Alliance Award 2025
Dokumentarfilm
Irland,
UK
2024
81 Minuten
Englisch,
Irisch
Untertitel: 
Englisch

Einmal verschwindet Myrid Cartens alkoholkranke Mutter Nuala für zwei Wochen. Die Tochter erkennt sie, zusammengekrümmt inmitten der Fußgängerzone von Belfast, an den Schuhen: die einzige Straßentrinkerin mit High Heels. Sie weiß nicht, was sie tun soll, lässt ein paar Minuten lang die Kamera laufen und geht wieder. Wie verhält man sich gegenüber einer Mutter, die selbst bemuttert werden muss? Carten nähert sich der Frage, indem sie einen Film darüber macht – als Intervention, Exorzismus, Liebeserklärung, Ohnmachtsbekundung.
Nuala bildet das Zentrum einer komplexen, fragilen Familiendynamik, die sich um das heruntergekommene Elternhaus rankt. Immer wieder kriecht die Kamera hier obsessiv kopfüber die Wände entlang. Auch sonst spukt es mannigfach durchs Material: versprengte Spuren vergangener Kunstprojekte, nervenaufreibende Telefonaufzeichnungen und verblichene Fernsehbilder stehen neben Kindheitserinnerungen auf MiniDV-Kassetten, die fast nahtlos in die Gegenwart hineindiffundieren. Einmal scheint sich gar die Stimme der Mutter ihrer Tochter ganz zu bemächtigen. Cartens gestalterischer Überschwang ist von enormer Sogkraft, zusammengehalten durch einen fluiden Schnitt, der den hochaufrichtigen emotionalen Kern des Films freilegt.

Felix Mende

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Regie
Myrid Carten
Kamera
Donna Wade, Sean Mullan
Schnitt
Karen Harley
Produktion
Roisín Geraghty, Tadhg O’Sullivan, Kat Mansoor
Ton
Morgan Muse
Musik
Clarice Jensen
Filmvertrieb
Jasmina Vignjevic
Doc Alliance Award 2023
Filmstill Adjusting
Adjusting Dejan Petrović
Ein Tierheim in Serbien, ein Trainer bei der Arbeit mit dem Mischling Vanja. Die Studie über die Erziehung eines liebenswerten Hundes wächst über sich hinaus und fragt: Was ist Freiheit?
Filmstill Adjusting

Adjusting

Prilagođeni
Dejan Petrović
Doc Alliance Award 2023
Dokumentarfilm
Serbien
2021
19 Minuten
Serbisch
Untertitel: 
Englisch

Ein überfülltes Hundeheim in Serbien. Man überblickt kaum, wie viele Tiere hier hinter Maschendraht in trostlosen Zwingern gehalten werden. Pflege und Erziehung übernehmen Gefängnisinsassen, die ohne weitere Kommentare oder nähere Erläuterungen bei der Verrichtung ihrer Arbeit zu sehen sind. Die Kamera hält jedoch nie auf die Gesichter dieser Männer. Die Beobachtungen finden vielmehr auf Augenhöhe mit den Hunden statt. Insbesondere der zottelige Vanja und seine Fortschritte beim Trainieren stehen im Mittelpunkt von Dejan Petrović’s kurzer Studie über Freiheit. Denn die gleichförmigen, konzentrierten Aufnahmen lassen viel Raum für Fragen. Vor allem danach, ob dieses (Hunde-)Leben tatsächlich unfrei ist. Oder ob unter diesen Umständen der Wunsch nach Freiheit zurücktreten muss, bietet sich doch ein Dach über dem Kopf und eine Aufgabe, die den Tag füllt. Während man noch darüber nachdenkt, hat Vanja mit wachem Blick und einnehmendem Wesen bereits einen Platz gefunden – nicht nur im Herzen des anfangs etwas abweisenden Ausbilders.

Lina Dinkla

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Regie
Dejan Petrović
Buch
Dejan Petrović
Kamera
Dragan Vildović
Schnitt
Aleksandar Uhrin, Aleksandar Popović
Produktion
Dejan Petrović
Co-Produktion
Ivica Vidanović
Ton
Nikola Cvijanović
Sound Design
Nikola Cvijanović
Musik
Vojin Ristivojević
Filmvertrieb
Wouter Jansen
Doc Alliance Award 2024
Filmstill Balomania
Balomania Sissel Morell Dargis
Die unglaubliche Geschichte der „Baloeiros", einer Untergrundkultur im Herzen von Brasiliens Favelas. Riesenballons, im Verborgenen hergestellt, lassen aus dem Staunen nicht herauskommen.
Filmstill Balomania

Balomania

Balomania
Sissel Morell Dargis
Doc Alliance Award 2024
Dokumentarfilm
Dänemark,
Spanien
2024
93 Minuten
Portugiesisch (Brasilien),
Englisch
Untertitel: 
Englisch

Ein riesiges, leuchtendes Gebilde mit dem Antlitz von Rocky Balboa zieht durch die Nacht, rätselhaft und wie aus einer anderen Welt. Erst allmählich offenbart sich die tatsächliche Größe. Sissel Morell Dargis erzählt die unglaubliche Geschichte der „Baloeiros“, einer Untergrundkultur im Herzen von Brasiliens Favelas. Diese losen Gruppen haben sich dem Bauen, Steigenlassen und Jagen von Heißluftballons verschrieben. Das klingt nicht besonders spektakulär? Wer die gigantischen Objekte aus feinem Seidenpapier sieht, die oft populäre Figuren wie Karate Kid oder Superman abbilden, wird aus dem Staunen so schnell nicht herauskommen! Solch ein Ballonstart, dem manchmal Jahre des Schweißens und Klebens in heimlichen Werkstätten vorausgehen, ist nämlich nicht nur ein logistisch komplexes Unterfangen. Es ist auch gefährlich. Denn die „Baloeiros“, die mit ihrer Leidenschaft keinen Centavo verdienen, werden als kriminelle Vereinigung verfolgt.
Es dauert eine ganze Weile, bis Morell Dargis das Vertrauen dieser verborgenen Gemeinschaft gewinnt. Die Ballons dienen ihr dabei auch als Metapher für ein Land, das sich in einer politisch ebenso fragilen wie festgefahrenen Situation befindet, in dem die am Rande der Gesellschaft sich Durchschlagenden kaum auf ihre Rechte pochen können. Ein intimer, vielschichtiger und actiongeladener Film, der gängige Vorstellungen vom Leben in den Favelas auf den Kopf stellt.

Lina Dinkla

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Regie
Sissel Morell Dargis
Kamera
Sissel Morell Dargis, Elisa Barbosa Riva
Schnitt
Biel Andrés, Rikke Selin Als, Isabela Monteiro de Castro, Steen Johannessen, Sissel Morell Dargis
Produktion
Jesper Jack, Marie Schmidt Olesen, Marieke vanden Bersselaar, Carles Brugueras, Marie Schmidt Olesen, Jesper Jack
Sound Design
Carlos E. Garcia
Musik
Aquiles Ghirelli, O Novíssimo Edgar
Filmvertrieb
Eli Kilpatrick
Doc Alliance Award 2024
Filmstill Crushed
Crushed Camille Vigny
Ein Stockcar-Rennen, bei dem am Ende nur noch Autokadaver übrigbleiben. Aus dem Off erzählt die Regisseurin von ihrer gewaltvollen Beziehung. Eine Metapher, präzise wie Messerstiche.
Filmstill Crushed

Crushed

Crushed
Camille Vigny
Doc Alliance Award 2024
Dokumentarfilm
Belgien
2023
13 Minuten
Französisch
Untertitel: 
Englisch

Sommer, Staub, brennende Sonne. Es ist die Zeit der Stockcar-Rennen, eine laute, aggressive Show, bei der am Ende nur noch zerschrottete Autokadaver übrig bleiben. Nach jeder Runde werden die Beulen mit harten Hammerschlägen bearbeitet. Dann schickt man die lädierten Rennwagen wieder zurück auf die dunstige Piste. Das Publikum steht am Rand der Sandgrube und kann sich an den Massenkarambolagen gar nicht sattsehen.
Nüchtern berichtet die Regisseurin aus dem Off von ihrer gewaltvollen Beziehung, in die sie mit 18 geriet und aus der sie sich erst zwei Jahre später wieder zu befreien vermochte. Präzise analysiert sie, was ihr damals widerfahren ist. Die zerbeulten, komplett zerstörten Fahrzeuge fungieren dabei als wuchtige Metapher für ihren verletzten Körper. Das Zusammenspiel von Bildern und Worten sitzt – wie exakt platzierte Messerstiche.

Lina Dinkla

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Regie
Camille Vigny
Kamera
Adrien Heylen Vanorlé
Schnitt
Marianna Romano
Produktion
Julie Freres
Ton
Pierre-Nicolas Blandin
Sound Design
Pierre-Nicolas Blandin
Filmstill Disturbed Earth

Disturbed Earth

Disturbed Earth
Kumjana Novakova, Guillermo Carreras-Candi
Doc Alliance Award 2023
Dokumentarfilm
Spanien,
Bosnien und Herzegowina,
Nordmakedonien
2021
71 Minuten
Bosnisch,
Englisch
Untertitel: 
Englisch

Lastwagen fahren im Schritttempo über die Landstraße, geschmückt mit Blumengirlanden, beladen mit den sterblichen Überresten von Menschen, die bei dem Massaker von Srebrenica ermordet wurden. Die Hinterbliebenen nehmen die Särge in Empfang, um die erst vor Kurzem exhumierten und identifizierten Toten auf dem weitläufigen Friedhof der Stadt, gleichzeitig Gedenkstätte, zu bestatten. So überwältigend beginnt der Film, um sich anschließend auf drei der wenigen Überlebenden des Massenmordes zu konzentrieren, dem in der Kleinstadt in Bosnien und Herzegowina im Juli 1995 innerhalb von wenigen Tagen Tausende, hauptsächlich Männer und Jungen, zum Opfer fielen.

Srećko kehrte zurück und lebt nun in den Wäldern auf einem Hügel oberhalb der Stadt. Mirza entkam, indem er tagelang durch die Berge wanderte, und bewohnt jetzt wieder mit seiner Frau das alte Haus. Mejra hat ihren Mann und ihre Söhne verloren und versorgt sich, inzwischen 85-jährig, immer noch allein von ihrem Feld. Die leise beobachteten Alltagshandlungen wechseln sich ab mit prägnantem Archivmaterial, das die Abläufe der unfassbaren Ereignisse fast minutiös darstellt. Wacklig-rauschige Videos stehen in Kontrast zu den klaren Aufnahmen von Landarbeit und berückend unschuldiger Natur. Die Vergangenheit lastet unverändert schwer, doch zeigt sich die Beharrlichkeit des menschlichen Geistes, auch schrecklichste Umstände ertragen zu wollen.

Lina Dinkla

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Regie
Kumjana Novakova, Guillermo Carreras-Candi
Kamera
Kumjana Novakova, Guillermo Carreras-Candi
Schnitt
Jelena Maksimović
Produktion
Guillermo Carreras-Candi, Kumjana Novakova
Sound Design
Oriol Gallart
Doc Alliance Award 2025
Filmstill Fear Nothing
Fear Nothing Tuva Björk
Eine düstere und gleichzeitig unfreiwillig komische Reise in die Welt der Security Services in Südafrika. Hier gibt es weit mehr private Sicherheitsleute als Polizisten und Soldaten zusammen.
Filmstill Fear Nothing

Fear Nothing

Fear fokol
Tuva Björk
Doc Alliance Award 2025
Dokumentarfilm
Schweden
2025
15 Minuten
Englisch
Untertitel: 
Englisch

„Fokol“ bedeutet auf Afrikaans so viel wie „nichts“, und es ist ein Versprechen der Sicherheitsfirmen in Südafrika, dass es mit ihrem Service nichts mehr zu befürchten gibt – fear fokol. In Südafrika gibt es weit mehr private Sicherheitsleute als Polizist*innen und Soldat*innen zusammen. Tuva Björk begibt sich hier auf eine düstere, gleichzeitig unfreiwillig unterhaltsame Reise in die Welt der nicht staatlichen Wachdienste, in der die Illusion von Schutz in diesem angespannten Klima von Ungleichheit, Angst und krisengeschüttelter Männlichkeit eine harte Währung ist. Björk beobachtet nicht frei von voyeuristischer Neugier und lässt die Security-Angestellten unbekümmert erzählen – die Absurdität ihrer Arbeit wird ganz von allein offengelegt. Die hohe Nachfrage nach privatem Schutz in Ländern mit großer sozialer Ungleichheit wie Südafrika treibt eine Industrie an, die immer neue unverzichtbare Produkte, Gadgets und Services erfindet. Aufgebaut auf dem Versagen der öffentlichen Behörden und angefeuert durch die erbarmungslose Vermarktung des Misstrauens gegenüber dem „Anderen“ löst sich die Illusion von Sicherheit langsam auf.

Lina Dinkla

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Regie
Tuva Björk
Kamera
Sally Jacobsson
Schnitt
Neil Wigardt, Tuva Björk
Produktion
Dennis Harvey
Ton
Rasmus Richter
Sound Design
David Gülich
Musik
Sanele Ngubane
Filmstill Flophouse America

Flophouse America

Flophouse America
Monica Strømdahl
Doc Alliance Award 2025
Dokumentarfilm
Norwegen,
Niederlande,
USA
2025
78 Minuten
Englisch
Untertitel: 
Englisch

Der zwölfjährige Mikal wohnt mit Vater Jason, Mutter Tonya und Katze Smokey auf engstem Raum in einem heruntergekommenen Hotelzimmer. In sogenannten „Flophouses“ finden all jene Platz, die sich der radikalen Ungleichheit des US-Wohnungsmarktes nicht entziehen können und ein Leben am Rande der Gesellschaft führen müssen. Die wenigen Quadratmeter sind gleichzeitig Schlafzimmer, Wohnzimmer und Küche, abgewaschen wird in der Badewanne. Nichts als ein dünner Vorhang trennt Mikals „Reich“ vom Bett der Eltern, und Ausflucht aus der häuslichen Enge bieten lediglich die einsamen Hotelgänge und der Getränkeautomat in der Lobby. Doch nicht nur die prekäre Wohnsituation, sondern auch der Alkoholmissbrauch seiner Mutter stellt das familiäre Zusammenleben auf die Probe.
Trotz all dieser schwierigen Umstände werden Momente der Liebe, der Zuneigung und des Träumens sichtbar. Schon fast harmonisch wirkt es, wenn Vater und Sohn nach einem heftigen Streit, gemeinsam an der Badewanne kniend, einen Berg an Geschirr spülen und dabei scherzhaft die Kommandosprache einer Großküche annehmen. Solche Ambivalenzen fängt Regisseurin Monica Strømdahl in ihrer über drei Jahre andauernden Observation in fragilen und intimen Bildern ein, deren Unmittelbarkeit zu jeder Zeit spürbar ist.

Philipp Hechtfisch

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Regie
Monica Strømdahl
Buch
Monica Strømdahl, Siv Lamark
Kamera
Monica Strømdahl
Schnitt
Siv Lamark
Produktion
Beathe Hofseth, Siri Natvik
Co-Produktion
Eline van Wees
Sound Design
Mark Glynne, Olmo van Straalen
Musik
Andreas Ihlebæk, Marius Troy
Filmvertrieb
Raluca Iacob
Doc Alliance Award 2025
Filmstill Grey Zone
Grey Zone Daniela Meressa Rusnoková
In der „Grauzone“ geborene Kinder sind Extremfrühchen, der Umgang mit ihnen ist gesellschaftlich kaum vorgesehen. Daniela Meressa Rusnoková wagt eine höchst intime, verletzliche Annäherung.
Filmstill Grey Zone

Grey Zone

Šedá zóna
Daniela Meressa Rusnoková
Doc Alliance Award 2025
Dokumentarfilm
Slowakei
2024
75 Minuten
Slowakisch,
Englisch
Untertitel: 
Englisch

Kommt ein Kind bereits in der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt, befindet es sich in der sogenannten Grauzone. Die Eltern entscheiden, ob es kurativ oder palliativ behandelt, ob es also am Leben erhalten oder sanft in den Tod begleitet werden soll. Daniela Meressa Rusnoková hat fünfzehn Minuten Zeit zu überlegen. Sie entscheidet sich für Ersteres. Fortan befindet auch sie sich in einer Grauzone, ohne Halt und Orientierung in einem blinden gesellschaftlichen Fleck, in dem der Umgang mit Frühgeburten ausgespart und unbesprochen bleibt.
Rusnokovás filmisches Tagebuch eines fortwährenden Extremzustandes ist radikal intim und verletzlich. Es lässt emotionale Kreisläufe voller Schmerz, Schuld, Verzweiflung und Wut fast körperlich spürbar werden und zeichnet dabei nach, wie der Alltag mit einem schwerbehinderten Kind das eigene Wertesystem neu ordnet, einen anderen Zugang zum Leben selbst eröffnet.

Felix Mende

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Regie
Daniela Meressa Rusnoková
Kamera
Radka Sisulakova, Jonathan Ryan King
Schnitt
Alexandra Gojdičová, Tereza Michalova, Jonathan Ryan King, Maria Hirgelova
Produktion
Jana Belišová
Co-Produktion
Daniela Meressa Rusnoková, Ivan Ostrochovský
Nominiert für: MDR-Filmpreis
Filmstill I Stumble Every Time I Hear from Kyiv

I Stumble Every Time I Hear from Kyiv

I Stumble Every Time I Hear from Kyiv
Daryna Mamaisur
Doc Alliance Award 2024
Dokumentarfilm
Ukraine,
Belgien,
Portugal,
Ungarn
2022
17 Minuten
Ukrainisch,
Englisch
Untertitel: 
Englisch

Aus der Ferne, während sie ihr Studium in Belgien absolviert, erlebt Daryna Mamaisur den Angriff Russlands auf ihr Heimatland Ukraine. Es wird wärmer, die Kastanienbäume blühen schon, hier in Brüssel wie dort in Kyjiw. Weil ihr die Worte fehlen, dreht sie einen Film, der diesen Frühling – in der Ferne, in der Nähe – festhält. Sie beginnt einen visuellen Briefwechsel mit Tanja in Kyjiw, die sich lieber über den Streit mit ihrem Partner oder den Gesang der Vögel unterhalten möchte, als vom Dröhnen der Bomben zu erzählen.
Auch die Filmemacherin sucht nach einer Art zu sprechen, die ihrer Ohnmacht und Erschütterung angemessen ist. Sie nimmt Unterricht in Stimmbildung und verwebt die Aufnahmen der Vortrags- und Lautübungen mit den Beobachtungen, die sie und die Freundin austauschen. Sie lenkt unser Augenmerk auf die Zerbrechlichkeit des Alltagslebens – und die Erfahrung des Krieges, die jeden noch so banalen, gelösten Moment beschwert.

Lina Dinkla

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Daryna Mamaisur
Kamera
Shaheen Ahmed, Tetiana Usova
Produktion
Daryna Mamaisur
Doc Alliance Award 2024
Filmstill In Limbo
In Limbo Alina Maksimenko
Ukraine, Februar 2022. Die Filmemacherin flieht zu ihren Eltern an den Stadtrand von Kyjiw. Dort leben sie in einem unerträglichen Zwischenzustand, dem etwas Selbstzerstörerisches innewohnt.
Filmstill In Limbo

In Limbo

W zawieszeniu
Alina Maksimenko
Doc Alliance Award 2024
Dokumentarfilm
Polen
2024
71 Minuten
Russisch,
Ukrainisch
Untertitel: 
Englisch

Februar 2022, der Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Als die Gefechte näher kommen, flieht Regisseurin Alina Maksimenko aus der Kreisstadt Irpin nordwestlich von Kyjiw aufs Land zu ihren Eltern. Sie strandet dort, mit Katze und Kamera. Noch weiter weg müsste man gehen, bis hinter die Grenze, um wirklich sicher zu sein, drängt die Tochter. Dennoch beschließen sie zu bleiben – einerseits in der Hoffnung auf eine Beruhigung der Lage, andererseits im Vertrauen auf die Abgeschiedenheit ihres dörflichen Refugiums.
Die drei harren in dem sich immer weiter leerenden Örtchen aus. Angst macht sich breit, Müdigkeit. Die Eltern weigern sich, an ihren gewohnten Verrichtungen etwas zu verändern. Es ist ein unerträglicher Zwischenzustand, dem etwas Selbstzerstörerisches innewohnt. Sie versuchen, so gut es geht, am Alltag festzuhalten. Vater Tolja kümmert sich um die Tiere der Nachbarschaft, Dutzende zurückgelassene Katzen sammeln sich Tag für Tag an der Haustür. Währenddessen gibt Mutter Tetjana durchs Telefon Klavierunterricht, falls das Netz nicht wieder ausfällt. Und Alina, die Tochter, macht einen Film. Sie interessiert sich nicht für das Kampfgeschehen. Ihre Dokumentation dieser ersten Kriegswochen ist vielmehr ein minutiöses Porträt des Wartens. Der Blick richtet sich auf einen Mikrokosmos, in dem das Überleben infrage steht und der dadurch universell wird.

Lina Dinkla

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Alina Maksimenko
Buch
Alina Maksimenko
Kamera
Alina Maksimenko
Schnitt
Feliks Mamczur
Produktion
Katarzyna Madaj-Kozłowska
Ton
Joanna Napieralska, Siergyi Chegodayev
Sound Design
Joanna Napieralska
Musik
Vladimir Tarasov
Nominiert für: MDR-Filmpreis
Doc Alliance Award 2023
Filmstill Kristina
Kristina Nikola Spasić
Transfrau Kristina verdient ihr Geld als Sexarbeiterin. Sie gestaltet ihr Leben heiter und wohlarrangiert, unabhängig von den Besonderheiten des Berufs. Ein halb-fiktionaler Dokumentarfilm.
Filmstill Kristina

Kristina

Kristina
Nikola Spasić
Doc Alliance Award 2023
Dokumentarfilm
Serbien
2022
90 Minuten
Serbisch
Untertitel: 
Englisch

Ihm sei es mit diesem Film um die fließenden Grenzen zwischen Dokumentarfilm und Fiktion gegangen, erläutert Regisseur Nikola Spasić in einem Interview, und mit Kristina habe er dafür die perfekte Protagonistin gefunden: jemand mit einer interessanten persönlichen Geschichte, der darüber hinaus auch schauspielern kann. Und so spielt sie sich selbst, Kristina, eine transsexuelle Sexarbeiterin in Serbien. Sie wohnt allein mit ihrer Katze in einem schönen alten Haus, sammelt Antiquitäten und praktiziert Ikebana auf der Terrasse ihres Gartens. Sie trifft sich mit Freund*innen, besucht ein Kloster, lebt ihre Religiosität, arrangiert ein Kruzifix.

Unterbrochen wird diese Idylle immer wieder vom aufdringlichen Klingelton ihres Diensthandys. Aber auch das Treffen mit dem Kunden, der kurze Zeit später vor ihrer Tür steht, ist wohldurchdacht und steht nicht im Widerspruch zu Kristinas elegantem, anmutigem und heiterem Dasein, das sie selbstbestimmt nach ihren eigenen Vorstellungen gestaltet. Insgesamt haben die makellos kadrierten und komponierten Tableaus etwas Überhöhtes. Doch Spasić betont mit seiner ästhetischen Inszenierung die unumstößliche Freiheit dieser modernen Frau, die er hier in einem intimen wie gewagten Porträt festhält.

Lina Dinkla

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Nikola Spasić
Buch
Milanka Gvoic
Kamera
Igor Lazić
Schnitt
Nikola Spasić
Produktion
Nikola Spasić, Milanka Gvoic
Co-Produktion
Igor Lazić
Ton
Đorđe Stevanović
Sound Design
Đorđe Stevanović
Musik
Đorđe Stevanović
Animation
Milanka Gvoic
Doc Alliance Award 2023
Filmstill Silent Sun of Russia
Silent Sun of Russia Sybilla Tuxen
Der Film begleitet drei junge Russinnen nach dem Angriff auf die Ukraine. Bleiben oder gehen? Ein eindringlicher Blick auf eine Generation im heutigen Russland und ihr Leben auf dem Sprung.
Filmstill Silent Sun of Russia

Silent Sun of Russia

Vi er Rusland
Sybilla Tuxen
Doc Alliance Award 2023
Dokumentarfilm
Dänemark
2023
71 Minuten
Russisch,
Georgisch,
Spanisch,
Englisch
Untertitel: 
Englisch

Aljona, Alika und Katja gehören zu einer Generation von jungen Russ*innen, die einfordern, was man ihnen nicht zugesteht. Sie sind Teil einer globalen Jugend, die von Selbstbestimmung und Freiheit träumt. Sybilla Tuxen begleitete ihre Protagonistinnen zwischen 2018 und 2022, bis in die Zeit nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine, in der sich die drei jungen Frauen in einer neuen Realität wiederfinden. Jetzt erst recht bäumen sie sich auf gegen Putins Staat und leben seitdem ein Leben auf dem Sprung.

Eine hat es nach Georgien geschafft, eine andere geht nach Spanien, während die dritte in der Heimat bleibt. Über Smartphone und soziale Medien halten sie Kontakt. Aus ihren Gesprächen hört man, dass sie wie viele nicht daran glauben, politisches Engagement könne etwas ändern. Ihr Widerstand besteht vielmehr darin, ein modernes und westliches Leben zu führen, in dem Geschlecht, Sexualität, Popmusik und Identitätsfragen eine wichtige Rolle einnehmen. Tuxens düster-poetischer Debütfilm spielt nachts in Autos, Wohnungen und Hinterhöfen. Der Transit, in dem sich die drei befinden, wird physisch erlebbar. Durch ihre Geschichten bekommen wir einen seltenen Einblick in eine fast unsichtbare Seite des heutigen Russlands und in die Komplexität des gelebten Widerspruchs.

Lina Dinkla

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Sybilla Tuxen
Kamera
Sybilla Tuxen
Schnitt
Enis Saraçi
Produktion
Rikke Tambo Andersen, Maria Møller Christoffersen
Sound Design
Mathias Dehn Middelhart
Doc Alliance Award 2025
Filmstill Sixty-Seven Milliseconds
Sixty-Seven Milliseconds fleuryfontaine
Eine Überwachungskamera nimmt die Flugbahn einer Kugel auf. Rekonstruktion eines Vorfalls. Anhand von 67 Millisekunden wird die Gewaltanwendung durch die Polizei infrage gestellt.
Filmstill Sixty-Seven Milliseconds

Sixty-Seven Milliseconds

Soixante-sept millisecondes
fleuryfontaine
Doc Alliance Award 2025
Dokumentarfilm
Frankreich
2025
15 Minuten
Französisch
Untertitel: 
Englisch

Die Situation dauert nur wenige Sekunden, eine Viertelstunde lang wird sie minutiös rekonstruiert. In einer Stadt in Frankreich stürmt ein Polizeikommando nachts in ein Viertel und schießt auf einen jungen Mann, ohne zu prüfen, ob er überhaupt bewaffnet ist oder ein Verbrechen begangen hat. Eine von dutzenden Überwachungskameras in der Gegend nimmt diesen Vorfall auf. 67 Millisekunden ist die Zeit, die zwischen zwei Aufnahmen dieser Kamera liegt: Auf einem Bild ist die Patrone sichtbar, auf dem nächsten nicht mehr. Das Regie- und Künstlerduo fleuryfontaine nutzt dieses Videoüberwachungsmaterial und kombiniert es mit nachträglich animierten Bildern der Grafiksoftware Blender, um fast forensisch die Positionen zu betrachten, die jeder von uns in der heutigen künstlichen und sicherheitsfixierten Umwelt einnimmt, und die unser Verhalten, unseren Körper und unsere Beziehung zur Welt und zu anderen Menschen bestimmen. In seinem elegant-strengen Aufbau hinterfragt der Film eindringlich die Auswüchse von Gewaltanwendung und deren Legitimität bei Polizei und anderen staatlichen Organen.

Lina Dinkla

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
fleuryfontaine
Kamera
fleuryfontaine
Schnitt
Marie Loustalot
Produktion
Eliott Baillon
Sound Design
Luc Aureille
Musik
Abul Mogard
Animation
fleuryfontaine
Filmvertrieb
Wouter Jansen
Doc Alliance Award 2022
Filmstill The Eclipse
The Eclipse Nataša Urban
Nataša Urban stößt auf das Wandertagebuch ihres Vaters und nimmt dies zum Anlass für einen berückend schönen Film über das eigene Aufwachsen während des Krieges in Jugoslawien.
Filmstill The Eclipse

The Eclipse

Formørkelsen
Nataša Urban
Doc Alliance Award 2022
Dokumentarfilm
Norwegen
2022
110 Minuten
Serbisch
Untertitel: 
Englisch

Vor langer Zeit schon hat sie Serbien verlassen und nie zurückgeschaut. Doch dann stieß Nataša Urban auf das Wandertagebuch ihres Vaters und begann, seine Einträge mit den Ereignissen der Jugoslawienkriege der 1990er Jahre in Verbindung zu bringen. Die Sonnenfinsternis von 1999 ist dabei das zentrale Motiv und fungiert als Metapher, mit der Urban aufzeigt, wie eine dunkle Vergangenheit Teil der Gegenwart bleibt.

Ausgestattet mit analoger Filmausrüstung reist die Regisseurin zurück, um Geschichten von Familie, Vertrauten und Bekannten zu finden. Sie hört den Erinnerungen an unfassbar grausame Taten zu, sie beobachtet den Wind, der durch Gräser streift. Ihr Vater, ein hagerer, grauhaariger Mann wandert durch die Wälder, durchschreitet die schon einmal begangenen Orte erneut. Szenen wie aus Träumen treffen auf nüchterne Schilderungen von kaum zu ertragendem Gräuel. Geschickt kombiniert Urban 16mm- und Super-8-Format mit Archivmaterial, um die fließenden Grenzen zwischen Individuum und Kollektiv, Privatem und Öffentlichem, Persönlichem und Politischem zu erkunden. Ein berückend schönes Kunstwerk entsteht, ein poetisches Nach-Denken des eigenen Aufwachsens während des Krieges.
Lina Dinkla

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Nataša Urban
Buch
Nataša Urban
Kamera
Ivan Marković
Schnitt
Jelena Maksimović
Produktion
Ingvil Giske
Sound Design
Svenn Jakobsen
Musik
Bill Gould, Jared Blum
Filmvertrieb
Zorana Vuckovic