Filmarchiv

Sections (Film Archive)

Filmstill A Simple Soldier

A Simple Soldier

A Simple Soldier
Artem Ryzhykov, Juan Camilo Cruz
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2025
Dokumentarfilm
UK,
Ukraine,
USA
2025
95 Minuten
Englisch,
Russisch,
Ukrainisch
Untertitel: 
Englisch

Als am 24. Februar 2022 die russische Invasion beginnt, tritt Artem Ryzhykov freiwillig der ukrainischen Armee bei. Ausgerüstet mit Maschinengewehr und Kamera, dokumentiert der Filmemacher seinen Alltag als Soldat. Doch schon bald zeigt sich, wie Vorstellung und Realität auseinanderdriften. Während ihn zu Beginn explodierende Bomben so sehr erschrecken, dass er in der verbarrikadierten Küche zu Boden stürzt, während verbrannte Leichen einer besiegten russischen Militäreinheit an der Front in Irpin für sensationsgierige Bilder sorgen, verlieren sich Euphorie und Sensibilität allmählich auf dem Schlachtfeld. Ryzhykov fällt langsam aus seiner beobachtenden Rolle, die Kamera verkommt zum „Spielzeug“ und wird von der Waffe abgelöst.
Das Kriegsgeschehen hinterlässt traumatische Spuren. Zunehmend entfremdet sich Ryzhykov von sich selbst und von seinem privaten Umfeld. Der überwältigende emotionale Ballast lässt sich nicht mehr so leicht katalysieren, Reflexionsräume werden immer kleiner und die Telefonate mit seiner Frau Irusya kälter und wortkarger. Co-Regisseur Juan Camilo Cruz formte aus über tausend Stunden Videomaterial einen Erzählstrang von unmittelbarer Eindrücklichkeit: ein intimer Einblick in das Leben eines Menschen, der versucht, in all dem Chaos klarzukommen.

Philipp Hechtfisch

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Artem Ryzhykov, Juan Camilo Cruz
Buch
Juan Camilo Cruz, Jesper Osmund
Kamera
Artem Ryzhykov, Ruslan Girin, Ruslan Girin
Schnitt
Jesper Osmund, Inés Boffi Sae-Ammac
Produktion
Howard Owens, Ben Silverman, James Packer, John Battsek, Marcel Mettelsiefen
Sound Design
Andrés Velásquez
Musik
Úlfur Hansson
Filmvertrieb
Daniel Thunell
Nominiert für: Filmpreis Leipziger Ring, MDR-Filmpreis
Ausgezeichnet mit: Filmpreis Leipziger Ring
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2024
Filmstill A Year in the Life of the Country
A Year in the Life of the Country Tomasz Wolski
Das exklusive Found-Footage-Material aus den frühen Achtzigerjahren zeigt ein Polen, das unter dem Kriegsrecht ächzt. Es zeigt zugleich ein Polen, in dem die Solidarność dabei ist, zu entstehen.
Filmstill A Year in the Life of the Country

A Year in the Life of the Country

Rok z życia kraju
Tomasz Wolski
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2024
Dokumentarfilm
Polen
2024
85 Minuten
Polnisch,
Englisch
Untertitel: 
Englisch

Anfang der 1980er Jahre befindet sich Polen im Ausnahmezustand. Die Demokratiebewegung im Land, repräsentiert durch die freie Gewerkschaft Solidarność, soll unterbunden werden. Dazu verhängt Präsident Wojciech Jaruzelski am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht. In heimlicher Absprache mit der Sowjetunion inszeniert man eine Drohkulisse, um den „stan wojenny“ zu rechtfertigen. Westliche Nationen wie Großbritannien und die USA belegen den Ostblockstaat daraufhin mit Wirtschaftssanktionen. Ein komplexes Spannungsfeld entsteht, in dem sich die polnische Bevölkerung einerseits mit existenziellen Engpässen konfrontiert sieht, anderseits den Kampf im Untergrund fortführt – Ausgangssperren, überwachten Telefongesprächen und einem militärisch kontrollierten Mediensystem zum Trotz.
Tomasz Wolski führt in seinem Found-Footage-Film Brisantes, Alltägliches und Ikonisches zusammen und gewährt damit Einblick in eine ebenso absurde wie gefährliche Situation. Die überaus dynamische (und musikalische) Montage verdeutlicht die rasche und verworrene Abfolge der Ereignisse, mischt sich zugleich kommentierend ein und beweist nicht selten Humor. Einem nicht immer souveränen britischen Nachrichtenkorrespondenten verhilft Wolski etwa zu nachträglichem Ruhm: „Am grundlegendsten ist die … Warten Sie, Entschuldigung, Entschuldigung, könnten Sie … Fotografieren und Filmen werden weitgehend kontrolliert …“

Carolin Weidner

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Tomasz Wolski
Buch
Tomasz Wolski
Kamera
Tomasz Wolski
Schnitt
Tomasz Wolski
Produktion
Anna Gawlita
Ton
Marcin Lenarczyk
Musik
Jerzy Rogiewicz
Nominiert für: Filmpreis Leipziger Ring, MDR-Filmpreis
Filmstill A Year of Endless Days

A Year of Endless Days

Godina prođe, dan nikako
Renata Lučić
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2024
Dokumentarfilm
Kroatien,
Katar
2024
70 Minuten
Kroatisch
Untertitel: 
Englisch

Renata Lučić, zugleich Regisseurin und Protagonistin, kehrt in ihren Heimatort zurück. In dem kleinen Dorf im kroatischen Teil-Slawoniens, nahe der bosnischen Grenze, besucht sie ihren Vater. Die ländliche Gegend am Ufer des Flusses Sava, „diese endlosen Wiesen und Gärten“ habe sie schon immer gehasst, verrät sie gleich in der einführenden Sequenz. Schon als Kind wusste sie, dass sie weggehen würde. Wie ihr älterer Bruder, wie ihre Mutter. Und wie 124.667 andere Frauen, die nach dem Krieg in den 1990er Jahren „in den Westen“ gingen, meist nach Deutschland und Österreich, um zu arbeiten – und nie wiederzukommen.
In der kaum noch bewohnten und frauenlosen Ortschaft hängt sie nun mit ihrem ihr fremd gewordenen Vater Tomislav und seinem besten Freund Joso herum. Die Männer folgen ihren Routinen, sie arbeiten im Wald oder essen den Flussfisch, den sie selbst gefangen haben. In zunächst belanglos wirkenden Alltagsgesprächen bildet sich nach anfänglichen Missverständnissen und trotz deutlich unterschiedlicher Weltbilder zunehmend eine emotionale Nähe und Vertrautheit. Das Filmprojekt, das als Geschichte einer Auswanderung anfing, wird mehr und mehr zur einfühlsamen Studie über Einsamkeit, zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaft und Liebe; über die Schönheit der kleinen Dinge, die zu größeren Erkenntnissen führt – nicht nur für Renata.

Borjana Gaković

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Renata Lučić
Buch
Renata Lučić
Kamera
Marinko Marinkić
Schnitt
Karla Folnović
Produktion
Tamara Babun Zovko, Matija Drniković
Sound Design
Ivan Zelić, Nina Ugrinović
Musik
Mislav Lešić
Nominiert für: MDR-Filmpreis
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2023
Filmstill Blue
Blue Weronika Szyma
Ein Ausflug zum Strand weitet sich zur Familienbeobachtung über zwei Generationen. Diese betörend minimalistische Dehnübung kommt mit wenig aus: Schwarz-Weiß und das tiefe Blau des Meeres.
Filmstill Blue

Blue

Jestem błękitem
Weronika Szyma
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2023
Animationsfilm
Polen
2023
7 Minuten
Polnisch
Untertitel: 
Englisch

Von einem dichten, pulsierenden Blau ist das Meer, an dem Weronika Szyma ihren Film angesiedelt hat. Der angrenzende Strand und die Familie, die sich dort aufhält, sind derweil auf feingliedrige Schwarz-Weiß-Strichzeichnungen beschränkt. Ihr Minimalismus lässt das Blau umso betörender hervortreten: Mal präsentiert es sich als horizontaler Streifen, der Freiheit verspricht, aber auch Unsicherheit schürt. Mal schwappt es diagonal über die Leinwand, verschluckt das Bild für einen kurzen Moment komplett und markiert eine Zäsur. Und Zäsuren gibt es so einige, denn die sieben Filmminuten umspannen die Geschichte gleich mehrerer Generationen.

Einmal verschwindet der Vater, und die Mutter und ihre erwachsen werdende Tochter sind ganz auf sich allein gestellt. Sie lernen, den Verlust zu begreifen, geben einander Halt, lassen Gesten der Distanz zu Gesten der Zuneigung werden. Bis das Vertrauen gewachsen ist, wieder von vorn anzufangen. Unveränderlich bleibt hier nur das Blau des Meeres.

Felix Mende

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Weronika Szyma
Buch
Weronika Szyma
Schnitt
Filip Dziuba
Produktion
Piotr Furmankiewicz, Mateusz Michalak
Co-Produktion
Weronika Szyma
Ton
Tomasz Sierpiński
Animation
Weronika Szyma
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2025
Filmstill Dance with Me, Dad
Dance with Me, Dad Małgorzata Goździk
Der Vater der Filmemacherin ist zu einem grummeligen Mann mutiert. Sie startet eine Konfrontation am Familientisch – und trifft auf eine handfeste Depression. Ist ein Neuanfang möglich?
Filmstill Dance with Me, Dad

Dance with Me, Dad

Zatańcz ze mną, tato
Małgorzata Goździk
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2025
Dokumentarfilm
Polen
2025
28 Minuten
Polnisch
Untertitel: 
Englisch

Im Elternhaus verbrachte Tage sind nicht immer die einfachsten. Regisseurin Małgorzata Goździk kann ein Lied davon singen. Denn heute sind es vor allem alte Aufnahmen aus ihrer Kindheit, die von der innigen Beziehung zu ihrem Vater künden. In der Gegenwart ist Mirosław zu einem grummeligen Mann mutiert, der seine Zeit mit dem Lesen von Nachrichten und Beantworten von Quizfragen verbringt. Dass sich hinter dem abweisenden Verhalten eine handfeste Depression verbirgt, wird im Verlauf von „Dance with Me, Dad“ deutlich. Und auch, dass Vater und Tochter hinsichtlich ihrer mentalen Gesundheit vielleicht mehr verbindet, als zunächst angenommen. Małgorzata Goździk wagt in ihrem Film eine mutige Intervention, die lange Schwelendes und Schmerzendes offenlegt. Markiert der radikal ehrliche Austausch am runden Familientisch möglicherweise einen Neuanfang?

Carolin Weidner

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Małgorzata Goździk
Buch
Małgorzata Goździk
Kamera
Magdalena Bojdo
Schnitt
Sabina Filipowicz
Produktion
Małgorzata Goździk, Jerzy Kapuściński, Magdalena Tomanek, Ewa Jastrzebska
Ton
Magdalena Bojdo, Małgorzata Goździk, Krzysztof Stasiak, Adam Mart, Mateusz Stasiak
Filmstill Dom

Dom

Dom
Massimiliano Battistella
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2025
Dokumentarfilm
Italien,
Bosnien und Herzegowina
2025
82 Minuten
Italienisch,
Bosnisch
Untertitel: 
Englisch

Sarajevo–Rimini. Diese Route brachte die zehnjährige Mirela einst in Sicherheit vor dem Bosnienkrieg, 1992, als sie zusammen mit einer Gruppe anderer Waisenkinder von einem Konvoi der Vereinten Nationen nach Italien transferiert wurde. Der Aufenthalt sollte nur vorübergehend sein, doch niemand kam, sie abzuholen. So begann Mirela ein neues Leben an der Adria.
Als Erwachsene reist sie zurück in die Heimat, auf der Suche nach der Mutter, die sie zuletzt als Vierjährige gesehen hat. Viele Fragen reisen mit: Warum gehörte ausgerechnet sie zu den wenigen, die ins Exil geschickt wurden? Wäre es besser gewesen, in Sarajevo geblieben zu sein, frei von Schuldgefühlen? Eindeutige Antworten findet Mirela nicht. Doch aus den Spuren, die sie aufliest, aus den Fäden, die sich in ihrem Leben kreuzen, webt „Dom“ eine feinfühlige Mediation über Identität und Zugehörigkeit.

Felix Mende

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Massimiliano Battistella
Kamera
Emanuele Pasquet
Produktion
Riccardo Biadene
Nominiert für: MDR-Filmpreis
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2024
Filmstill Ever Since I Knew Myself
Ever Since I Knew Myself Maka Gogaladze
Die Regisseurin im Disput mit ihrer Mutter über deren strenge Erziehung, die von Macht und Disziplinierung geprägt war. Das Erziehungssystem im modernen Georgien als solches steht zur Debatte.
Filmstill Ever Since I Knew Myself

Ever Since I Knew Myself

Rats tavi makhsovs
Maka Gogaladze
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2024
Dokumentarfilm
Georgien
2024
87 Minuten
Georgisch
Untertitel: 
Englisch

Die verhassten Klavierstunden ihrer Kindheit ließ Maka unter Tränen über sich ergehen. Als sie ihre Mutter darauf anspricht, erhält sie zur Antwort, diese Quälerei sei vor allem wichtig für die Disziplin. Das Gespräch gibt Anlass zu einer Überprüfung des aktuellen pädagogischen Alltags in Georgien: Hat er sich inzwischen von Erziehungskonzepten wie diesem gelöst? Eine Musikschule, in der brutaler emotionaler und verbaler Druck zum Curriculum gehört; eine Ballettschule, in der sich kleine Mädchen unter Schmerzen dehnen; eine Grundschulklasse, in der noch der leidenschaftlichste Vortrag eines patriotischen Gedichts auf die Helden des Mutterlandes Grund zur Kritik bietet. Hereinspaziert in eine irgendwie surreale, bisweilen urkomisch steife Welt, die an einen altsteinzeitlichen Dinosaurier erinnert, der sich verzweifelt ins Heute zu retten versucht.
„Stahl wird durch Feuer gehärtet“, sagt die Mutter. In ihren Worten drückt sich die Last der Verantwortung für die geliebte Tochter aus, in ihnen klingen viele warme, bisher unausgesprochene Gefühle an. „Aber ich bin zuerst ein menschliches Wesen“, erwidert Maka. Die liebende Tochter besteht darauf, dass das aus autoritären Machtstrukturen gebaute Menschenbild überwunden werden muss, denn es reproduziert sich noch in den privatesten Beziehungen, auch in jenen zwischen Eltern und Kindern.

Vika Leshchenko

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Maka Gogaladze
Kamera
Maka Gogaladze
Schnitt
Maka Gogaladze
Produktion
Maka Gogaladze
Sound Design
Vano Arsenishvili
-
Irma Gogaladze, Nino Nergadze
Nominiert für: MDR-Filmpreis
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2025
Filmstill Imago
Imago Déni Oumar Pitsaev
Seine Mutter hat Déni ein Stück Land in der tschetschenischen Siedlung in Georgien gekauft. Dort könnte er sich endlich ein Baumhaus bauen. Erwartet wird von ihm, dass er heiratet. Kann er hier ein neues Leben beginnen?
Filmstill Imago

Imago

Imago
Déni Oumar Pitsaev
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2025
Dokumentarfilm
Frankreich,
Belgien
2025
109 Minuten
Tschetschenisch,
Russisch,
Georgisch
Untertitel: 
Englisch

Im Pankisi-Tal, einer tschetschenischen Enklave im georgischen Teil des Kaukasus, wartet ein Stück Land auf Déni Oumar Pitsaev. Seine Mutter hat es ihm gekauft, in der Hoffnung, den in Westeuropa sozialisierten Sohn zurück zu seinen tschetschenischen Wurzeln zu bringen. Bei der Ankunft wird deutlich, dass das Geschenk an weitere Anforderungen geknüpft ist: Unentwegt fragen Verwandte und Bekannte aus der Nachbarschaft, wann denn der 40-Jährige mit dem bald schon schütteren Haar eine Familie zu gründen gedenkt. Setzt er ihnen seine eigene Vision entgegen – den Bau eines Baumhauses für Erwachsene, zehn Meter über dem Boden thronend, ein Traum aus Kindheitstagen –, katalysiert er komplexe Auseinandersetzungen. In ihnen geht es um das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft und welchen historischen Bedingungen es unterliegt: Die Region ist tief geprägt von den Auswirkungen der Tschetschenienkriege, die Wunden ziehen sich bis in die entfremdete Beziehung zum eigenen Vater. Dabei bleibt Pitsaevs Art der Konfrontation stets äußerst behutsam und gerät nie zum Angriff. Mit kundiger Neugier nähert er sich einer Welt, die ihm völlig fremd und Heimat zugleich ist.

Felix Mende

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Déni Oumar Pitsaev
Kamera
Sylvain Verdet, Joachim Philippe
Schnitt
Laurent Sénéchal, Dounia Sichov
Produktion
Alexandra Mélot
Co-Produktion
Anne-Laure Guégan, Géraldine Sprimont
Ton
Marie Paulus, André Rigaut, Joseph Squire
Sound Design
Marie Paulus, André Rigaut, Joseph Squire, Hélène Clerc-Denizot, Emmanuel De Boissieu
Filmvertrieb
Jing Xu
Nominiert für: MDR-Filmpreis
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2025
Filmstill Night Sky Elevator
Night Sky Elevator Csanád Baksa-Soós
Ein Fluss aus Schlagzeilen fließt durch die Großstadt, eine Sonnenfinsternis flackert violett. Die Bilder gleiten schwerelos und ohne festes Ordnungsprinzip dahin, eröffnen ganze Welten. 
Filmstill Night Sky Elevator

Night Sky Elevator

Night Sky Elevator
Csanád Baksa-Soós
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2025
Animationsfilm
Ungarn
2025
9 Minuten
ohne Dialog
Untertitel: 
Keine

Legetrick im Schwebezustand: minutiös und detailliert gearbeitet, zugleich aber doch wie aus dem Unbewussten hingetupft. Bei Csanád Baksa-Soós landen Schmetterlinge auf Damenschuhen und fliegen mit ihnen davon, fließt ein Fluss aus Schlagzeilen durch die Großstadt, lässt eine violett wabernde Sonnenfinsternis leuchtende Messer aus der Erde in den Himmel schießen, würgen steinerne Lippen einen Lichtball hervor. Die Bilder folgen keinem festen Ordnungsprinzip – jedes von ihnen eröffnet eine neue Welt, atmet tief durch, zieht weiter. Leitmotive tauchen auf, dann wieder ab. Was bleibt, sind betörende Farben und Texturen. Diese erstrecken sich bis auf die Tonspur: Das Kratzen eines malträtierten Cellos, nächtliche Saxofonklänge aus der kaum gedämmten Nachbarwohnung, gespenstische Klarinettenetüden im halligen Probenraum schmiegen sich den Bildern kongenial an.

Felix Mende

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Csanád Baksa-Soós
Schnitt
Csanád Baksa-Soós
Produktion
Zsuzsanna Vincze
Ton
Csanád Baksa-Soós
Sound Design
Csanád Baksa-Soós
Animation
Csanád Baksa-Soós
Filmstill Photophobia

Photophobia

Photophobia
Ivan Ostrochovský, Pavol Pekarčík
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2023
Dokumentarfilm
Slowakei,
Tschechische Republik,
Ukraine
2023
71 Minuten
Ukrainisch,
Russisch
Untertitel: 
Englisch

Seit Wochen harren der 12-jährige Nikita und seine Familie in einer U-Bahnstation in Charkiw aus. Der Ort verspricht Schutz vor den russischen Angriffen, doch viel zu erleben gibt es hier unten nicht. Das grelle Licht und die provisorisch hergerichteten Waggons erzeugen eine surreale bis triste Atmosphäre, Haustiere streunen durch die Gänge, ein in die Jahre gekommener Musiker stimmt Lieder auf seiner Gitarre an.

Ivan Ostrochovský und Pavol Pekarčík verdichten die ersten Kriegsmonate in der Ukraine zu einer beklemmenden, aber nicht hoffnungslosen Erzählung, denn die Station ist auch eine Stätte der Begegnung. So trifft Niki rasch die gleichaltrige Wika, die den lethargisch gewordenen Jungen aus der Reserve lockt. Gemeinsam unternehmen sie Streifzüge durch die Unterwelt. Doch während es Wika erlaubt ist, zumindest hin und wieder die Erdoberfläche zu betreten, endet Nikis Bewegungsradius an den Treppen, auf die manchmal etwas Sonnenlicht fällt. Dennoch existiert ein Außen, das die beiden Regisseure über einzeln eingestreute Super-8-Aufnahmen sichtbar machen. Sie zeigen ein versehrtes Charkiw: zerstörte Fahrzeuge, ein verkohltes Bett, notdürftig verbarrikadierte Denkmäler. „Photophobia“ ist ein hybrider, in sich gekehrter Film, der inmitten einer unwirklichen Situation so etwas wie zarte Romantik aufzuspüren vermag.

Carolin Weidner

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Ivan Ostrochovský, Pavol Pekarčík
Buch
Marek Leščák, Ivan Ostrochovský, Pavol Pekarčík
Kamera
Ivan Ostrochovský, Pavol Pekarčík
Schnitt
Ivan Ostrochovský, Pavol Pekarčík, Martin Piga
Produktion
Ivan Ostrochovský, Albert Malinovský, Katarína Tomková, Tomáš Michálek, Kristýna Michálek Květová
Co-Produktion
Helena Osvaldová, Denis Ivanov, Jakub Mahler, Pavol Pekarčík
Ton
Dušan Kozák, Jakub Jurásek
Sound Design
Jakub Jurásek
Musik
Roman Kurhan, Michal Novinski
Filmvertrieb
Michaela Čajková
Nominiert für: MDR-Filmpreis, Filmpreis Leipziger Ring
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2023
Filmstill Self-Portrait Along the Borderline
Self-Portrait Along the Borderline Anna Dziapshipa
Abchasien, für die Regisseurin Erinnerungsort und blinder Fleck zugleich. Von Georgien aus kaum mehr betretbar, nähert sie sich dem abgespaltenen Gebiet assoziativ und persönlich.
Filmstill Self-Portrait Along the Borderline

Self-Portrait Along the Borderline

Avtoportreti zghvarze
Anna Dziapshipa
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2023
Dokumentarfilm
Georgien
2023
50 Minuten
Georgisch,
Russisch
Untertitel: 
Englisch

Wie aus einem Horrorfilm wirken Teile des Wohnhauses, das Regisseurin Anna Dziapshipa in ihrer autobiografischen Durchwanderung der Vergangenheit aufspürt: von Spinnweben durchzogen, dunkel, verfallen. Es befindet sich in Abchasien, jenem für Georgier*innen offiziell nicht mehr betretbaren Gebiet, das von Russland protegiert und von der internationalen Staatengemeinschaft nicht als autonome Republik anerkannt wird.

Eine Hälfte von Dziapshipas Familie stammt von hier, unter anderem ein Fußballspieler, seinerzeit Leistungsträger bei Dinamo Tbilisi. In „Self-Portrait Along the Borderline“ montiert die Filmemacherin Aufnahmen seiner sportlichen Aktivitäten, zeigt aber auch die Pracht des einstigen sowjetischen Urlaubsparadieses. Es ist ein persönliches, assoziatives Herantasten, in welchem Dziapshipa ihre eigenen Erfahrungen als Kind mit sowohl georgischem als auch abchasischem Familienstrang verarbeitet und reflektiert. Diskriminierendes spielt dabei ebenso eine Rolle wie Feierliches, Verstörendes. Und immer wieder krabbeln Spinnen durchs Bild, weben ihre Netze und damit Verbindungen.

Carolin Weidner

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Anna Dziapshipa
Kamera
Anna Dziapshipa
Schnitt
Eka Tsotsoria
Produktion
Anna Dziapshipa
Co-Produktion
Niko Mikadze
Ton
Anna Dziapshipa
Sound Design
Paata Godziashvili
Musik
Nika Paniashvili
Nominiert für: MDR-Filmpreis
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2025
Filmstill Signs of Mr. Plum
Signs of Mr. Plum Urszula Morga, Bartosz Mikołajczyk
Die Entwürfe von Karol Śliwka haben Grafikdesign-Geschichte geschrieben. Doch wer war der Mensch hinter den ikonischen Linien und Formen? Ein agiles, unbedingt nahbares Porträt.
Filmstill Signs of Mr. Plum

Signs of Mr. Plum

Znaki Pana Śliwki
Urszula Morga, Bartosz Mikołajczyk
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2025
Dokumentarfilm
Polen
2025
72 Minuten
Polnisch
Untertitel: 
Englisch

Wenn Karol Śliwka (1932–2018) seine Schublade öffnet, springen ihm Dutzende Werkzeuge entgegen: Scheren, Zirkel, Lineale und Messer. Denn Śliwkas so berühmte wie elegante Grafiken sind reine Handarbeit. Sie prangen auf Konsumgütern und Werbeplakaten, wurden sogar zu ikonischen Symbolen der Vereinten Nationen. Dabei war sein Werdegang nicht unbedingt vorgezeichnet: Als Kind bei einem Unfall empfindlich an den Augen verletzt und dazu bestimmt, den elterlichen Hof zu übernehmen, kann Karol Śliwkas Hinwendung zur Kunst auch als Akt der Rebellion gelten. Dass sie sich bezahlt gemacht hat, beweisen nicht nur die zahlreichen Preise, die er während seiner langen Karriere gewonnen hat. „Signs of Mr. Plum“ gewährt anhand von privaten Videotapes auch Einblick in die freudvolle Ehe mit einer Opernsängerin. Dabei verstehen es Bartosz Mikołajczyk und Urszula Morga, Karol Śliwkas unverkennbare Entwürfe parallel zum Zeitgeschehen in Szene zu setzen, das Lebensgefühl der 1960er und 1970er Jahre leichtfüßig und in schnellen Schnitten einzufangen. Grafikdesign-Geschichte und Biografisches verbinden sich so zu einem nahbaren und überaus amüsanten Konglomerat.

Carolin Weidner

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Urszula Morga, Bartosz Mikołajczyk
Buch
Urszula Morga
Kamera
Bartosz Mikołajczyk
Schnitt
Anna Koc-Wikels, Dominik Jagodziński
Produktion
Stanisław Zaborowski, Daria Maślona
Co-Produktion
Ubi Leones, Jan Borowiec, Mazowia
Ton
Radosław Ochnio MPSE
Sound Design
Radosław Ochnio MPSE
Musik
Michał Jacaszek
Broadcaster
TVP
Funding institution
PFI
Nominiert für: MDR-Filmpreis
Filmstill Smoke of the Fire

Smoke of the Fire

O fumo do fogo
Daryna Mamaisur
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2023
Dokumentarfilm
Portugal,
Ukraine,
Belgien,
Ungarn
2023
22 Minuten
Portugiesisch (Portugal),
Ukrainisch
Untertitel: 
Englisch

Das Erlernen einer Fremdsprache ist wie das Erschaffen eines anderen Selbst. Wie kann man sie sprechen, ohne seinen eigenen Klang zu verlieren, ohne sich ganz darin aufzulösen – und trotzdem Gehör und Beachtung finden? Dieser Film ist ein charmanter und intellektuell akribischer Versuch, sich durch die Komplexitäten von Sprache, Identität und Trauma zu navigieren.

Dafür schöpft die Filmemacherin aus der eigenen Biografie. Denn als sich die aus Kyjiw stammende Daryna Mamaisur im Rahmen des Graduiertenstudiums Doc Nomads in Portugal aufhielt, überfiel Russland die Ukraine. Heimat und die Suche danach wurden bestimmend für diese Arbeit, ebenso die traumatische Erfahrung, der schwierigen Situation nur aus der Ferne „beiwohnen“ zu können. Sie, die Ukrainerin in Portugal, lernt Portugiesisch. Sie lässt sich die neuen Vokabeln für „Krieg“, „Explosion“ und „Angriff“ über die Zunge rollen. Sie vergleicht sie mit dem weichen, intimen Klang ihrer Muttersprache, mit dem Klang von Kyjiw. Freund*innen schicken Ton- und Bildaufzeichnungen aus der Ukraine, die sich mit Animationen zu einem vielschichtigen Essay verbinden und schließlich zum Zeugnis werden – für die Widerstandsfähigkeit von Sprache und Kultur, ganz gleich, wo sie gesprochen und gelebt werden, nicht zuletzt auch für die Kraft des künstlerischen Dokumentarfilms, der Sprechen und Klingen möglich zu machen vermag.

Victoria Leshchenko

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Daryna Mamaisur
Kamera
Shaheen Ahmed, Daryna Mamaisur, Svitlana Vostrikova
Schnitt
Daryna Mamaisur
Produktion
Frederik Nicolai, Daryna Mamaisur
Ton
Ghada Fikri, Juliette Menthonnex, Tetiana Usova
Sound Design
Anna Khvyl
Filmvertrieb
Valentina Zalevska
Filmstill The Birds Are Silent

The Birds Are Silent

Movchat’ ptakhy
Leo Dzhyshyashvili
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2025
Dokumentarfilm
Ukraine,
Deutschland
2025
8 Minuten
Ukrainisch,
Russisch
Untertitel: 
Englisch

Am Abend des 9. Februar 2022 sitzen vier junge Männer in Kyjiw um einen Tisch. Die Freunde besprechen die Lage: 120.000 russische Militärs befinden sich vor der ukrainischen Grenze. Was wird geschehen? Regisseur und Kameramann Leo Dzhyshyashvili fängt in „The Birds Are Silent“ einen gleichermaßen privaten wie historischen Moment ein. Bezeichnend dabei ist die Klarsicht, mit der Andriy, Olexandr, Ivan und Sasha die Konsequenzen des bevorstehenden Angriffs einschätzen: Potenzielle Entscheidungen ob der eigenen Zukunft vermischen sich mit Sorgen um Angehörige sowie der Fassungslosigkeit, in eine Situation geworfen zu sein, die sowohl Hilflosigkeit als auch Ekel auslöst. Aber eine kleine Hoffnung ist noch zu vernehmen – möglicherweise sind die ausgemalten Horrorszenarien nichts weiter als Energieverschwendung? Schnitt. Aus den Diskutierenden sind teils Soldaten geworden; einer hat sich mit einer schmalen Matratze und einer Mahlzeit im Bad verschanzt. Binnen acht Minuten hat Dzhyshyashvili ein Davor und ein Danach zusammengezurrt, das schaudern macht.

Carolin Weidner

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Leo Dzhyshyashvili
Kamera
Leo Dzhyshyashvili, Ivan Baliuk, Dmytro Makarov
Schnitt
Leo Dzhyshyashvili, Daria Penkova
Produktion
Luisa Nöllke
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2023
Filmstill The Box
The Box Tomaž Pavkovič
Eine Box mit Filmmaterial aus dem Jugoslawien der Tito-Ära wird zum erzählerischen Motor. Mit trockenem Witz und philosophischer Verve wühlt sich der Essay durch Familien- und Zeitgeschichte.
Filmstill The Box

The Box

Škatla
Tomaž Pavkovič
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2023
Dokumentarfilm
Slowenien
2023
22 Minuten
Kroatisch
Untertitel: 
Englisch

In einer Box findet Tomaž Pavkovič Unmengen an Filmmaterial, das nicht nur die Geschichte seiner Familie, sondern auch die eines ganzen Landes erzählt: Das Leben des Vaters verlief nahezu parallel zur Entwicklung Jugoslawiens, sie durchwirkt jede seiner Aufnahmen. Die Paraden auf dem Lande, später der Umzug in die Stadt und das Dasein als Arbeiterfamilie, zwischendrin immer wieder Präsident Tito, und sei es nur als Tätowierung auf der Brust eines Tauchers. Den Söhnen bleibt die abstrakte Erinnerung an einen Staat, den es nicht mehr gibt, der selbst eine Box darstellt. Sagen die Bilder, die man in der Box vorfindet, auch etwas über einen selbst aus?

Der essayistische Off-Text des kroatischen Dichters Marko Pogačar, in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur verfasst, beschreibt immer wieder Aufnahmen, die erst an einem ganz anderen Punkt des Films zu sehen sind – zwischen dem Abbild und der eigenen Erinnerung klaffen Lücken, denen man sich nur umkreisend annähern kann. Dazu gebraucht der Film nicht zuletzt eine idiosynkratische, treibende Musikauswahl und eine gute Dosis trockenen Humors.

Felix Mende

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Tomaž Pavkovič
Buch
Marko Pogačar, Tomaž Pavkovič
Kamera
Franci Pavkovič
Schnitt
Tomaž Pavkovič
Produktion
Tomaž Pavkovič
Sound Design
Rok Kovač
Sprecher*in
Marko Pogačar
Filmstill The Last Relic

The Last Relic

Viimane reliikvia
Marianna Kaat
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2023
Dokumentarfilm
Estland,
Norwegen
2023
104 Minuten
Russisch
Untertitel: 
Englisch

In den vorbeifahrenden Bussen und Straßenbahnen schauen die Leute ungläubig aus den Fenstern. Der Gegenschuss zeigt eine Protestmenge. Zwei Dutzend Menschen vielleicht, ein paar mit Schildern, einer schreit: „Putin in den Knast!“ Es ist ein symbolisches Bild vom dürftigen Zustand der russischen Opposition – im Jahr 2017, der Angriffskrieg gegen die Ukraine liegt noch in der Zukunft. Über einen Zeitraum von mehreren Jahren porträtiert „The Last Relic“ Personen aus unterschiedlichen oppositionellen Gruppen: ein Student vom marxistisch-leninistischen „Linken Block“ ist dabei, ein Lehrer mit Sympathien für Nawalny, ein Baggerfahrer fordert die Umverteilung der Ressourcen. Es fehlt diesen Aktivist*innen an Unterstützung, an Mut jedoch nicht. Einer kommt aus der Haft und hat einen Hungerstreik überlebt. Die anderen müssen jeden Moment selbst mit einer Anklage rechnen.

Die Ural-Metropole Jekaterinburg ist Schauplatz dieses Films. Der Großteil der Menschen dort, so verkündet ein Insert, träume von der „Rückkehr zu imperialem Ruhm“. Die estnische Regisseurin Marianna Kaat, geboren 1965, hat noch einen beträchtlichen Teil ihres Lebens im sowjetischen Imperium verbracht. Sie inszeniert die Mehrheitsgesellschaft auf Militärparaden als uniforme Menge und kontrastiert sie mit den Individuen der Opposition. Nur wenige Filme bieten solche Einblicke in deren fortdauernde prekäre Lage.

Jan-Philipp Kohlmann

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Marianna Kaat
Buch
Marianna Kaat
Kamera
Kacper Czubak
Schnitt
Jesper Osmund
Produktion
Marianna Kaat
Co-Produktion
Mette Cheng Munthe-Kaas, Tobin Auber
Ton
Boris Frolov
Sound Design
Israel Banuelos
Musik
Lauri-Dag Tüür
Filmvertrieb
Anja Dziersk
Ausgezeichnet mit: MDR-Filmpreis