Frauen sollten finanziell unabhängig werden, um nicht ihr Leben lang in der Küche stehen zu müssen – vermittelte die Mutter. Ihren Kochkünsten widmet die Tochter diese Hommage.
Beim Kochen lässt sich wunderbar nachdenken, in Erinnerungen schwelgen, sich unterhalten. Und wenn man nie kochen gelernt hat, wenn man sein Leben lang den Platz am Herd als feministischen Rückschritt begriffen hat, dann gibt es geschmorte Schweinerippchen nur im Nachsinnen über die ferne erste Heimat, über die Mutter. Ein Glück aber, dass man auch in der Animation in Erinnerungen schwelgen kann, und zwar so eindrücklich, dass uns die duftenden Bilder das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen.
Ruhig und konzentriert fördert Elleni Sclavenitis ein von der hegemonialen Historiografie vergessenes historisches Verbrechen zutage: filmische Geschichtsschreibung par excellence.
Das Sand-Creek-Massaker am 29. November 1864: Mehr als 200 Cheyenne und Arapaho wurden von der US-Kavallerie ermordet. Ignorante Tradierung und Omnipräsenz verherrlichender Statuen von Mördern stehen einem leeren Museum für indigene Geschichte gegenüber, für das es keine Finanzierung gibt. Der Film einer weißen Regisseurin gegen das Vergessen verhandelt auch die eigene Position: Offen redet sie mit Nachfahren der Überlebenden – von denen sich viele wissenschaftlich der Geschichte zuwenden.
Papier und Farbpigmente führen ein Eigenleben. Das Material erwacht und öffnet den Mund. Die Farben beginnen einen subtilen Dialog über die Schwierigkeit menschlicher Interaktion.
Papier und Farbpigmente führen ein Eigenleben. Das Material erwacht und beginnt zu erzählen, es öffnet den Mund. Die Farben sprechen zueinander, ihre Substanzen addieren sich zu einer vielschichtigen Fabel über die Anstrengungen von Dialog und Interaktion. Die Stofflichkeit der handgemalten Einzelbilder ist eng verwoben mit einem Klangteppich aus menschlichen Lauten und minimalistischen elektronischen Resonanzen.
Ein älteres Ehepaar, ein paar Oliven auf der Erde, die niemand mehr aufsammeln möchte. Einst waren sie die Existenzgrundlage der Familie, die nun in alle Winde zerstreut lebt.
Kopfschüttelnd betrachtet Michele die auf dem Boden liegenden Oliven. Keiner sammelt sie mehr auf. Einst hatte er die Olivenbäume gepflanzt. Sie waren sein Stolz und ernährten die Familie. Nun sitzt er mit seiner Frau am Kamin. Auch ihren Händen sieht man die Jahre der harten Feldarbeit an. Mit zärtlichem Blick beobachtet ihr Enkel die Großeltern beim Kochen, Diskutieren, Spazieren. Es sind berührende Momentaufnahmen, die sich zu gelebtem Leben, zur Chronik der Landflucht in Italien verdichten.
Surrealer Bodyhorror: Eine junge Frau schlüpft in eine zweite Haut und ein seltsamer Auflösungsprozess beginnt. Augen, Münder und noch vieles mehr geraten außer Kontrolle.
Handy, Handy in der Hand, wer ist die Schönste im ganzen Land? Eine junge Frau schlüpft in eine zweite Haut. Sie geht aus, trinkt Bubbletea mit ihren Freundinnen. Selfies werden geschossen. Die Stimmung ist aufgekratzt. Doch wieder daheim verschmelzen sie und die äußere Hülle miteinander, ein Ich löst sich auf. Das eigene Spiegelbild wird zur Schimäre. Eine surreale Body-Horror-Animation über Schönheitsideale und den Zwang, ins Bild zu passen.
Anke Leweke
Credits
Regie
Sujin Moon
Kamera
Sujin Moon
Schnitt
Sujin Moon
Produktion
Sujin Moon
Ton
Sujin Moon
Musik
Sujin Moon
Ausgezeichnet mit:
Silberne Taube für den besten Film einer Nachwuchsregie (Internationaler Wettbewerb Kurzfilm)
Ein Film wie ein Familientreffen: Liebe, Angst, Drama, gutes Essen. Nicht immer ist klar, wer hier wen begehrt oder belügt. Gebündelte Energie, direkt aufs Herz gerichtet.
Eine filmische Familienaufstellung, in der wir, einer scheinbar zufälligen Bewegung folgend, durch ein Konglomerat privater Fotos, Videoaufnahmen, Notizen, Gedanken, Sounds und Texte geführt werden. Erst nach und nach kristallisieren sich Erzählstränge, werden verworfen, wieder aufgenommen und schließlich in ihrer Vieldeutigkeit stehen gelassen. Es geht um die großen Fragen des Lebens, um Liebe[n], Familie[n], Beziehungen, Tod und gutes Essen. Nicht mehr – und auf keinen Fall weniger.
An der irischen Westküste, begleitet vom kritischen Blick des Großvaters, erlernt Cian das herausfordernde Handwerk des Schäfers. Eine einfühlsame Coming-of-Age-Beobachtung.
Der sechzehnjährige Cian soll nach der Schule auf dem Schäferhof der Familie einsteigen. Das Leben dort ist so rau wie die westirische Küstenlandschaft. Fürs Ausschlafen oder Fußballspielen bleibt keine Zeit. Stattdessen müssen Hammel an den Hörnern genommen werden. Aus nächster Nähe beobachtet die Kamera in dieser einfühlsamen Coming-of-Age-Studie, wie der schmächtige Kerl die herausfordernden Handgriffe des Schäferberufs erlernt, begleitet vom geduldigen und kritischen Blick des Großvaters.
Daniel Abma
Credits
Regie
Matthias Joulaud, Lucien Roux
Kamera
Matthias Joulaud, Lucien Roux
Schnitt
Selin Dettwiler
Produktion
Jaber Debzi, Jean-Guillaume Sonnier
Ton
Yatoni Roy Cantu
Musik
Yatoni Roy Cantu
Ausgezeichnet mit:
Special Mention (Internationaler Wettbewerb Kurzfilm)
Ein wunderbar untergründiger Animationsfilm über die relevante (und bis dato nie ganz geklärte) Frage, wie man seinem Kind eigentlich am wenigsten im Weg steht.
Wer heute ein Kind in die Welt setzt, trägt schwer an der neuen Verantwortung. Als Ethan Barrett als „stay at home dad“ plötzlich für das Wohlergehen seiner kleinen Tochter zuständig ist, begreift er schlagartig: Jede seiner Handlungen wird ihr Leben beeinflussen – ob er will oder nicht. Charmant, ironisch und gewitzt sondiert er, wie er ihrer perfekten Entwicklung am wenigsten im Weg stehen könnte. Nach „Burp“ (DOK Leipzig 2020) das nächste kleine Meisterwerk des untergründigen Humors.
Cleveland, Nordengland: Schauplatz einer Missbrauchswelle, die als Skandal der falschen Anschuldigungen in die Geschichte einging. Ben Young erkundet Zeit und Ort – eigenwillig.
Den Ausgangspunkt dieser dokumentarischen Erkundung bildet ein Missbrauchsskandal aus den 1980er Jahren in Cleveland, Nordengland, der sich als Skandal falscher Anschuldigungen herausstellt. Auf seine spezifisch persönliche und literarisch bemerkenswerte Art verhandelt Ben Young aus dem Off diese historische Begebenheit. Zu sehen sind überraschende, zeitgenössische Aufnahmen aus der Gegend. Bild und Ton vereinen sich im eigensinnigen Bestreben, ein Stück lokaler Geschichte filmisch zu erfassen.
Mutierte Wesen taumeln im Nichts, Polizeistimmen schlagen zu wie Knüppel. Die Körper wehren sich, generieren ein unauslöschbares Energiefeld des radikalen feministischen Protests.
Im schwarzen Nichts taumeln marionettengleich vier Wesen. Eine fremde Macht versucht, sie zu beherrschen, Polizeistimmen schlagen zu wie Knüppel. Gekrümmt, mit wulstigen und fadendünnen Gliedmaßen, die Hautinnenseite nach außen gekehrt – die menschliche Anatomie ist mutiert. Doch die verletzlichen Körper setzen zur Gegenwehr an … „Scum Mutation“ führt ungeschützt in die Kampfzone, in ein unauslöschbares Energiefeld des radikalen feministischen Protests – und wird lautes Fanal der Rückeroberung.
André Eckardt
Credits
Regie
Ov
Buch
Ov
Schnitt
Ov
Produktion
Le Fresnoy – Studio national des arts contemporains
Bizarre Animationen auf einer Metallplatte zu Free-Jazz-Klängen. Lichtreflexe. Linien und Kreise, die menschliche oder insektenähnliche Gestalt annehmen und sich wieder auflösen.
Bizarre Animationen von seltsamer Schönheit auf einer Metallplatte zu Free-Jazz-Klängen. Lichtreflexe. Linien und Kreise, die menschliche oder insektenähnliche Gestalt annehmen, ineinander übergehen und sich wieder auflösen. Manchmal gibt eine Stimme aus dem Off Regieanweisungen, verlangt eine neue Platte. Es geht von vorne los – und doch ganz anders. Langsam begreift man: Es handelt sich um eine Expedition durch eine Unterwelt, die verschwiegen miteinander kommunizierende Irrlichter hervorbringt.
Die zufällige Begegnung zweier Ex-Liebender fördert Erinnerungen zutage und löst eine nicht zu unterdrückende, nach wie vor vorhandene Begierde aus: Sex with an ex is the best!
Mit verschiedenen Techniken und Materialien – von Holzkohlestiften über Aquarell bis zu Ölfarben, vor dem Hintergrund einer Fotografie – visualisiert die chinesisch-amerikanische Animationskünstlerin Renee Zhan auf sinnliche, eindrückliche und äußerst originelle Weise eine altbekannte Weisheit: „Sex with an ex is the best.“ Die zufällige Begegnung zweier Ex-Liebender am Bahnhof scheint nicht nur Erinnerungen, sondern auch eine ununterdrückbare Begierde auszulösen: ein Animaporn in Höchstform!
Auf der Suche nach Kater Leo streift ein Junge durch sonnige, buntstiftfarbene Felder. Im sorglosen Treibenlassen bäumt sich noch einmal die Kindheit auf, bevor sie erlischt.
Auf der Suche nach Kater Leo streift ein Junge durch sonnige Felder. In diesem sorglosen Treibenlassen oder beim Schätzeheben im geheimnisvollen Dunkel der Scheune bäumt sich noch einmal die Kindheit auf, bevor sie erlischt. Über die Buntstiftfarben des Sommers legt sich ein Flüstern und Rascheln des Behütetseins – und eine Vorahnung. Mara Cerri und Magda Guidi schärfen die Sinne für die Eindrücke einer verwirrenden Zeit.
Eine Zeichentrickfigur mit piepsiger Stimme und eine Seele, der es nicht gut geht, klagen über Unzulänglichkeiten. Kann die neue App „Squish!“ wirklich Abhilfe schaffen?
Auf einer bunten, poppigen Rutschpartie geht es kurvenreich in die emotionale Untiefe. Eine piepsige Stimme klagt über ihre Unzulänglichkeiten. Sie gehört einer Zeichentrickfigur, die einer Seele, der es nicht gut geht, als Auffangschale dient. Ihr Schöpfer hat sie zusammengestückelt, aber etwas Ganzheitliches flutschte aus dem demiurgischen Brei nicht heraus. Tulapop Saenjaroen legt die Anfänge der thailändischen Animation frei und blickt kritisch auf das Zukunftsversprechen medialer Placebos.
Beobachtender Dokumentarfilm über den Versuch, das Trauma der Vergangenheit künstlerisch zu verarbeiten – oder wenigstens, es nicht zu vererben. Ein Theaterworkshop soll helfen.
Die Eingangsszene zeigt die Wut: Es geht um Vergewaltigung. Der beobachtende Dokumentarfilm von Aïssata Ouarma ist aber eher gefasst. Er konzentriert sich auf den Umgang mit dem Trauma und die Versuche, es durch Kunst zu verarbeiten. Die hochschwangere Mariam besucht einen theaterpädagogischen Workshop. Die Kamera begleitet sie und ihren einfühlsamen Trainer in Momenten mentaler und körperlicher Anstrengung, die ihre Seele – und die ihres ungeborenen Kindes – langfristig befreien sollen.
Er und sie sind eingespielt. Ein schön gedachter Abend zu zweit wird von einer beißenden Bratenwolke überschattet und endet gesittet, aber blutig. Schwarzer Humor „well done“.
Paarbeziehungen haben eine eigene Dynamik. Ihre beruflichen Verpflichtungen ticken nicht nach der Uhr, seine Kochkunst und Liebe sind außerordentlich, aber eben zeitlich präzise getaktet. Diese allseits bekannte Unvereinbarkeit verdichtet sich zu einem undurchsichtigen, beißenden Bratennebel und endet gesittet, aber blutig. Špela Čadež drosselt zunehmend das Tempo und schafft so Platz, damit sich das absurde Geschehen immer tiefer bohren kann. Schwarzer Humor „well done“.
André Eckardt
Credits
Regie
Špela Čadež
Buch
Gregor Zorc
Kamera
Špela Čadež
Schnitt
Iva Kraljevic
Produktion
Tina Smrekar, Špela Čadež
Co-Produktion
Emmanuel-Alain Raynal, Pierre Baussaron, Fabian Driehorst