Schauerliche Grimassen, Akrobatik, Farbfontänen – die Vorläufer des Kinos ließen mit wenigen Animationsbildern staunen. Eine Parade von reanimierten historischen Wunderscheiben.
Disques stroboscopiques du dix-neuvième siècle (1831–1882)
Dominique Willoughby
Animation Night 2024
Experimentalfilm
Frankreich
1999
14 Minuten
ohne Dialog
Schauerliche Grimassen, Handwerker bei der Arbeit, rennende Tiere, wilde Farbfontänen – die „Noch-nicht-Filme“ aus der Vorgeschichte des Kinos waren nur sechzehn Animationsbilder lang, aber sie ließen staunen und befriedigten die Schaulust. Der Pariser Künstler Dominique Willoughby hat Wunderscheiben des 19. Jahrhunderts aus den Archiven geholt und variantenreich zu minimalistischer Musik reanimiert.
Zeichnungen auf rotierenden Scheiben führen durch den Kreislauf des Lebens auf der Erde, machen den Rhythmus der Natur spürbar und erzählen vom Ursprung des bewegten Bildes.
Beim Betrachten einzelner Details und ihres Zusammenspiels im großen Ganzen, vorgeführt auf rotierenden Scheiben, erhalten wir ein Fünkchen Einsicht über die Wechselwirkungen von Flora und Fauna auf der Erde und die Urkraft unseres Zentralgestirns, der Sonne. Zeitabhängigkeit, Rhythmus und Funktionsweise von Film sind zu erahnen. Ein Blick auf die Entstehung des Lebens und den Ursprung des bewegten Bildes.
Ein Foto, welches zwischen verschiedenen anderen Dingen auf einem Küchentisch aufgestellt ist, erwacht zum Leben und eröffnet ein Fenster durch Raum und Zeit zum Außerhalb.
Ein Küchentisch, auf dem verschiedene Gegenstände abgestellt sind, steht still. Aber die Zeit sorgt für Bewegung. Eine Kerze brennt in rasender Geschwindigkeit ab, ein auf dem Tisch drapiertes Foto erwacht zum Leben. Es zeigt eine junge Frau, die eine Tasse Tee zubereitet. Alte Hände nähern sich dem Tisch und betasten den Brief, der darauf liegt. Das Leben im Foto kommt zum Stillstand.
Jimmie, ein gealterter Seemann mit geschädigtem Gedächtnis, driftet orientierungslos durch die Zeit. Zwischen früherem Selbst und heutigem Ich geht er in den Wogen der Jahrzehnte verloren.
Ohne funktionierendes Gedächtnis driftet der ehemalige Seemann Jimmie verloren durch die Zeit. Fragmente seines vergangenen Lebens und seines jüngeren Selbst tauchen wie Inseln am Horizont auf, gleiten vorüber, verschwinden in den Tiefen. Jimmie als älterer Mensch erkennt sich nicht wieder und erschrickt vor den „Fremden“. Er verirrt sich im Raum und versinkt im leeren Hintergrund.
Eine Schallplatte mit bunten Punkten dreht sich im Stroboskoplicht. Hypnotisierend regnet es Konfetti im Takt von psychedelischem Orgel-Krautrock aus Finnland.
Die bunt gepunktete Schallplatte ist aufgelegt und dreht sich, das Handstroboskop sendet seine Lichtblitze. Schon beginnt der hypnotisierende Konfettiregen im Takt des psychedelischen Orgel-Krautrocks, den das finnische Quartett Shogun Kunitoki zelebriert. Ein Anleitungsfilm für den Hausgebrauch, der erläutert, wie einen die Picture-Disc bei richtiger Verwendung akustisch und optisch abheben lässt.
Während einer kurzen Begegnung scheint sich zwischen einem Wal und einem Taucher eine echte Verbindung aufzubauen. Doch dann verschwindet der Wal wieder in den Tiefen des Ozeans.
Ein Taucher begegnet einem verletzten Wal. Er beschließt, dem Tier zu helfen, und erhält zum Dank einen freundlichen Blick. Für einige Sekunden scheint die Grenze zwischen den beiden Spezies durchlässig zu werden. Der Wal verschwindet in den Tiefen des Ozeans und lässt den Taucher mit der Frage zurück, ob all dies nur die Projektion menschlicher Hoffnungen war.
Franka Sachse
Credits
Regie
Tess Martin
Musik
Spencer Thun
Animation
Tess Martin, Webster Crowell, Stefan Gruber, Britta Johnson, Amanda Moore
Begleitet von vibrierenden Gitarrenklängen, verzaubert die Animations- und Geräuschmaschine „Thrum IX“ mit Schneckenhäusern und Mohnkapseln, die auf Fahrradspeichen wachsen und schrumpfen.
Seit 2020 arbeitet Will Bishop-Stephens an kinetischen Skulpturen, die er „Thrum“ nennt. Fassung IX verknüpft das Laufrad eines Fahrrads mit einer Gitarre. Auf den Radspeichen wachsen und schrumpfen Schmetterlingsflügel, Schneckenhäuser, Mohnkapseln und Federn, die Gitarrensaiten produzieren einen vibrierenden Drone. Die Animations- und Geräuschmaschine entführt in einen Zustand des Schwebens.
Rechteckformen in leuchtenden Farben wuchern im schwarzen Nichts. Sie gleichen Phosphenen, jenen subjektiven Lichtwahrnehmungen, die beim Reiben geschlossener Augenlider erscheinen können. Bunte runde Flächen umkreisen sich, obwohl sie in getrennten grafischen Welten leben. Die Pionierin der Computeranimation Lillian Schwartz simuliert mit der 2D-Programmiersprache EXPLOR fremde fantastische Galaxien.
Eine dumpfe Unterwasserwelt überspült einen grellweißen Krankenhausflur. In diesem Szenario erzählt die Hauptfigur die Geschichte ihrer Vergewaltigung und wie sie ihre Stimme verlor.
Eine dumpfe Unterwasserwelt, angefüllt mit unheimlichen Kreaturen, überspült einen grellweißen Krankenhausflur. Dieses Szenario bildet die Bühne für eine Erzählung über den Missbrauch einer Frau. Nach einer Vergewaltigung findet sie sich nicht nur mit den standardisierten Untersuchungen, dem Entsetzen ihres Freundes und der Entfremdung von sich selbst konfrontiert: Sie hat auch ihre Stimme verloren.
„Zyprazol“ ist Medizin, eine bewusstseinserweiternde Droge. Wild pfeifen grafische Elemente und gebrochene Beats an Augen und Ohren vorbei. Ein Musikvideo made by Sculpture.
Ursprünglich ist alles in diesem Musikvideo des Londoner Duos Sculpture nur zweidimensional. Aber beim Schauen besser wegducken! Auf vertrackt kombinierten Raumebenen pfeifen grafische Elemente wild an den Augen und gebrochene Beats mit elektronischen Klängen heftig an den Ohren vorbei. Zyprazol ist Medizin, eine bewusstseinserweiternde Droge – genau wie die Animationsschallplatten made by Sculpture.