Retrospektive: Die Dokumentaristinnen der DDR. Ein einführendes Gespräch

Retrospektive: Die Dokumentaristinnen der DDR. Ein einführendes Gespräch

default
Nur wenige Regisseurinnen aus der ehemaligen DDR haben den Sprung ins Dokumentarfilmgedächtnis geschafft. Woran liegt das?

Carolin Weidner und Felix Mende sprechen über die Recherchen zu ihrem Retrospektive-Programm, über das Kuratieren als Entdeckungsarbeit und über Frauen als „Irritationsmoment im Gefüge“.
Accredited
Off

Carolin Weidner (CW): Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, was wohl für Bilder in den Köpfen eines potenziellen Publikums aufsteigen, wenn es mit der Thematik dieser Retrospektive konfrontiert ist. Was kommt ihm in den Sinn? Hat es überhaupt einen Bezug zu den Dokumentaristinnen der DDR? Sicherlich denken viele an „Winter adé“ von Helke Misselwitz, den wir nicht zeigen werden. Gitta Nickel, Petra Tschörtner, Tamara Trampe oder Sibylle Schönemann werden einigen ebenfalls ein Begriff sein. Mir ist wichtig zu betonen, dass wir „ganz nackt“ an diese Arbeit gegangen sind. Wir haben viel Zeit darauf verwendet, erst einmal eine Bestandsaufnahme durchzuführen. Wen gab es da eigentlich?

Felix Mende (FM): Eine ganze Menge jedenfalls – insgesamt haben wir Filme von über fünfzig Regisseurinnen gesehen, darunter auch von Frauen, die nicht für die DEFA, sondern beim Fernsehen der DDR oder nur an der Hochschule gearbeitet haben. Die Anzahl ist sicherlich immer noch eine recht geringe im Vergleich zu den männlichen Kollegen. Dennoch sind das natürlich deutlich mehr als die paar Namen, die du nanntest.

CW: Definitiv. Und es war aufregend, in Gefilde vorzustoßen, für die sich lange oder vielleicht noch nie jemand ernsthaft interessiert hat. Zugewuchertes freizulegen, ein wenig Bergungsarbeit zu leisten. Wichtiger Wegweiser dabei war auf jeden Fall das Buch „Sie. Regisseurinnen der DEFA und ihre Filme“, herausgegeben von Cornelia Klauß und Ralf Schenk. Aber zurück zu den bekannten und weniger bekannten Namen. Was vermutest du, woran liegt es, dass man von so vielen Frauen bislang so wenig gehört hat?

FM: Zumindest fällt auf, dass die stärker wahrgenommenen Filmemacherinnen so etwas wie eine klar erkennbare künstlerische Handschrift besitzen und sie sich oft für eine sehr persönliche Herangehensweise entschieden haben. Das macht ihre Filme aus heutiger Perspektive zumeist etwas zugänglicher. Nicht selten sind wir aber auf Werke ganz anderer Gangart gestoßen: Ebenso sehr wie Männer wurden Frauen dafür eingebunden, ideologische Selbstbestätigungen zu drehen, voll von Brigaden, Festivitäten, klaren Feindbildern. Auch unter solchen Vorgaben entstanden natürlich ein paar Arbeiten, deren Blick, bei aller politischen Linientreue, eine gewisse Eigenwilligkeit aufweist und mehr erzählt als nur das eh schon Bekannte.

CW: Du spielst auf Annelie Thorndike an. „Du bist min. Ein deutsches Tagebuch“, der unsere Reihe eröffnet, ist einer der ausladendsten und teuersten Essays, die ich je gesehen habe. Sehr schön und schwelgend, aber auch perfide in seiner Lesart deutsch-deutscher Geschichte.

Eine alte Frau mit Brille und eng zurückgebundenem weißen Haar sitzt links im Bild und blickt zur rechten Seite. Dort wird eine Zeichnung eingeblendet: das Porträt einer alten Frau. Die beiden (Frau und Zeichnung) schauen sich an.
Filmszene aus „Du bist min. Ein deutsches Tagebuch“ (1969).
Regie: Michael Englberger, Hans-Joachim Funk, Manfred Krause, Andrew Thorndike, Annelie Thorndike

FM: „Du bist min“ ist ja einer der seltenen Fälle, bei denen eine sehr subjektive Herangehensweise und die Erzählung von der großartigen DDR sogar zusammenfallen, da die Thorndikes so aufrichtig überzeugt vom System waren. In späteren Filmen wie Nickels „Jung sein – und was noch?“ oder „Dialog“ von Róża Berger-Fiedler sieht man dann auf einmal, wie die eigentlich staatstragende Form des Institutionsporträts an der vorgefundenen Wirklichkeit zerbricht. Stattdessen entstehen ziemlich aufschlussreiche Einblicke in soziale Gegebenheiten, hier allerdings nur von Männerwelten. Hattest du denn das Gefühl, dass es im Zuge unserer Recherchen auch neue Erkenntnisse über das Frausein in der DDR gab?

CW: Neue Erkenntnisse für mich oder generell? Über das Frausein in der DDR habe ich durch meine Familie viel erfahren, und auf eine vielleicht etwas kokette Art empfinde ich mich ja selbst noch ein wenig als Frau aus der DDR. Dann gab es Bücher wie „Guten Morgen, du Schöne“ von Maxie Wander, das sicherlich sehr vielen geläufig ist. Sagen wir so: Die Bandbreite an Ostfrauen, wie ich sie zu kennen meine, hat sich in den Filmen widergespiegelt. Aber möglicherweise ist auch das eine Erkenntnis: Die Gesamtschau lässt kein idealisiertes Frauenbild zu. Was mich aber immer wieder berührt und begeistert hat, ist die klare und uneitle Selbstauskunft, wie sie etwa die Protagonistinnen in Petra Tschörtners „Hinter den Fenstern“ an den Tag legen.

FM: Das war auf jeden Fall ein Unterschied in unserer Zusammenarbeit: Ich habe diesen biografischen Zugang ja gar nicht, wodurch mir einiges Gesehene vielleicht etwas fremder, undurchdringlicher erschien. Ich hatte aber Freude daran, mir Fragen zu stellen über die Primärquellen, die mir als bemerkenswert ins Auge fielen. So wie das Bild, das unser Gespräch illustriert.

Finde die Frauen! Geladenes Publikum einer Leipziger Festivalvorführung von 1968
© Filmmuseum Potsdam | Reinhard Podszuweit
Schwarz-Weiß-Foto auf die ersten Reihen in einem voll besetzten Kinosaal. In der ersten Reihe sitzen ausschließlich Männer in dunklen Anzügen und weißen Hemden mit Krawatte.

CW: Und was hast du gedacht, als du es gesehen hast?

FM: Mich hat diese Ballung von hochnotwichtigen Herren direkt zu einem Suchspiel aufgefordert: Finde die Frauen! Gibt es da überhaupt welche? Je länger man den Blick schweifen lässt, desto mehr sieht man sie dann doch zwischen den Krawatten hervorlugen: Sie fügen sich genug in das Gesamtbild ein, um nicht sofort herauszustechen. Jede einzelne von ihnen ist aber trotzdem ein kleines Irritationsmoment im Gefüge.

CW: Mich würde interessieren, ob sie sich auch so empfunden haben – als „Irritationsmoment im Gefüge“. Aber das ist jetzt sehr abstrakt. Schade, dass man keine von ihnen mehr befragen kann, zumindest keine aus dieser Fotografie. Was ich aber direkt assoziiere, ist der Film „Frauen-Film-Träume“ (1993) von Beate Schönfeldt, in dem zumindest vier Frauen zu Wort kommen, beziehungsweise sogar fünf, wenn man Schönfeldts Perspektive mit einpreisen will: Gitta Nickel, Petra Tschörtner, Helke Misselwitz und Gabriele Denecke. Völlig unterschiedliche Persönlichkeiten.

Zwei Personen gehen an der Kaimauer einer Werft entlang. Dort liegen zwei große Schiffe direkt nebeneinander auf einem Trockendeck. Sie erheben sich wie Riesen aus dem Wasser.
Filmszene aus „Jung sein – und was noch?“. Regie: Gitta Nickel
© Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF | Gitta Nickel

FM: Gemeinsam ist ihnen, dass sie auf ihrem Gebiet recht erfolgreich waren, entgegen aller Widrigkeiten, von denen sie berichten. Sie machen in den Gesprächen aber auch klar, was das bedeutete: eine Hingabe an den Beruf, die sich mit Mutterschaft oder Liebesbeziehungen oft nur schwer vereinbaren lässt, und die Notwendigkeit eines gewissen Egoismus, der gerade Männer oft verschreckt. Die Bereitschaft zu Abstrichen im Privaten oder auch das nötige Quäntchen Unverfrorenheit brachte natürlich nicht jede mit, und so finden sich in unserem Programm auch Regisseurinnen, deren Karrieren jäh abbrachen.

CW: Nicht nur abbrachen, sondern die sogar als Personen regelrecht verschwanden. Am eindrücklichsten ist mir da das Beispiel von Dagnija Osite-Krüger in Erinnerung, deren Filme uns, glaube ich, beide sehr beeindruckt haben. Insbesondere „Ablinga“ ist für mich eine Entdeckung, von der ich sehr gespannt bin, wie sie sich auf der Leinwand entfalten wird. Osite-Krügers Spur verliert sich jedenfalls ab einem bestimmten Zeitpunkt, interessanterweise in Leipzig.

FM: Fast erscheint das folgerichtig, denn ihre Filme sind ja selbst Spurensuchen, skizzenhafte historische Rekonstruktionen anhand einiger ausgewählter Zeugnisse. Und darin vielleicht auch Verwandte unseres Programms: Osite-Krüger können wir nicht mehr ausfindig machen, viele andere sind bereits verstorben, teilweise weiß man nur wenig über sie – doch ihre Filme existieren größtenteils noch. Und mit der Auswahl, die wir zeigen, kann so immerhin eine Idee davon vermittelt werden, was es hieß, Dokumentaristin in der DDR zu sein.

Die Retrospektive ist gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Was läuft bei DOK Leipzig 2022?
zitrone
Inpage Navigation
Off