Chromatische Nahaufnahme eines Gesichts
Geomancy (Regie: Sybil Montet) | DOK Leipzig 2025

Die virtuelle Welt ist nicht so körperlos, wie sie scheint. Sie verbraucht Wasser und Energie, wird in Kriegen eingesetzt, nutzt die Kreativität und Arbeitskraft von Menschen (aus), kann reale körperliche Empfindungen auslösen und beeinflusst gesellschaftliche Strukturen und politische Machtverhältnisse. Unter dem Titel Immaterial präsentiert die diesjährige Ausgabe von DOK Neuland insgesamt acht Werke, die sich mit der Materialität digitaler Technologien auseinandersetzen.

Die von Dana Melaver kuratierte Ausstellung besteht aus vier VR-Erfahrungen, einem 360° Film, zwei Medienkunstarbeiten und einer Augmented-Reality-Installation. Während eine der VR-Erfahrungen wie bereits in den vergangenen Jahren im Museum der bildenden Künste Leipzig präsentiert wird, wandert DOK Neuland mit den weiteren Werken in den Leipziger Westen. Die öffentliche Ausstellung ist vom 28.10. bis 2.11.2025 in der Heilandskirche/Westkreuz im Stadtteil Plagwitz kostenfrei zugänglich.

Der experimentelle Science-Fiction-Film Geomancy“ (2024) der französischen Künstlerin und Filmemacherin Sybil Montet verändert sich basierend auf Echtzeit-Wetterdaten aus aller Welt. Die im wörtlichen Sinne lebendige Interaktion zwischen Computergrafik und Natur verweist auf Datenströme als unsichtbare Strukturen unserer physischen Welt.

Ausgehend von einer Handgeste, die vermeintlich Männer herabwürdigt und in Südkorea eine antifeministische Verschwörungstheorie entstehen ließ, legt die VR-Erfahrung Downfall of the Virtual Human“ (2025) patriarchale Strukturen in analogen wie digitalen Räumen offen. In diesem digitalen Fiebertraum voller unzähliger (pop-)kultureller Bezüge blickt Regisseurin Jimmy Vu auf selbstverstärkende Dynamiken innerhalb von Onlineplattformen.

In der dokumentarischen VR-Erfahrung Another Place“ (2025) erzählt der schweizerisch-thailändische Regisseur Domenico Singha Pedroli die Geschichte der Trans-Frau Renée, die 2022 aus ihrem Heimatland Thailand nach Frankreich floh und dort Asyl beantragte. Während sie innerhalb des Einwanderungssystems und auf den Straßen von Paris unsichtbar ist, werden ihre Empfindungen in Pedrolis Arbeit ins Zentrum gerückt. Mithilfe einer VR-Brille können die Ausstellungsbesucher*innen Renées Perspektive zur eigenen machen.

Die Wände in „The Dollhouse“ (2025) sind zwar aus Papier, haben aber eine schwere Last zu tragen. In trügerisch zarten Animationen lassen Charlotte Bruneau und Dominic Desjardins die Ausstellungsbesucher*innen das Zuhause der 9-jährigen Juniper betreten, das sie sich mit ihren Eltern und der Haushaltshilfe Magnolia teilt. Kindlicher Ungehorsam und Spiel eröffnen in dieser interaktiven VR-Geschichte eine neue Perspektive auf die Entstehung von Machtverhältnissen in der Intimität unserer Häuser.

Eine Zugfahrt, die in vollständiger Abstraktion endet: Im 360° Film „Volume“ (2025) lässt Niklas Poweleit mit KI-generierten Kurzclips eine hypnotische Erfahrung entstehen und zeigt eindrücklich, dass KI-Bilder vielmehr abstrakte architektonische Strukturen als reine Nachbildungen der Realität sind.

Mit der Augmented-Reality-InstallationFor Iron I Gave Gold“ (2025) thematisiert die deutsch-ghanaischen 3D-Künstlerin und Modedesignerin Keke Opata Elektroschrott als Ausdruck neokolonialer Abhängigkeiten und physische Kehrseite einer digitalen Welt.  

Die Videoskulptur „Blindspot“ (2025) macht sichtbar, was mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist: Mit hochauflösenden Kameras, die Licht und Bewegung nicht mehr in einzelnen Aufnahmen erfassen, sondern als kontinuierlichen Datenstrom verarbeiten. In poetischen Bildern entwirft der Medienkünstler Justin Urbach eine hybride Zukunft des Sehens und verweist mit den durch Lasergravuren bearbeiteten Bildschirme gleichzeitig auf Fragen rund um maschinelles Sehen und einer allzu detailgetreuen Sicht. Beim Get-Together von DOK Industry am 31. Oktober findet eine musikalische Performance von Alexander Koenig und William East, die gemeinsam das Sound Design für „Blindspot“ entwickelt haben, statt. Die Veranstaltung ist offen für akkreditierte Gäste und eine begrenzte Anzahl von Tickets steht für das öffentliche Publikum zur Verfügung.  

In der schrill-sarkastischen VR-Experience „Revival Roadshow“ (2025) kehrt der niederländische Seefahrer Abel Tasman aus dem 17. Jahrhundert zurück, um nach einer verheerenden Flut neues Land für niederländische Klimaflüchtlinge zu erobern. Zwischen Satire und Kritik entspinnt sich in einem Museum der Zukunft ein collagenartiges Narrativ über Kolonialgeschichte(n) – mit sich überschneidenden Erzählungen und aufeinanderprallenden Perspektiven. Die Betrachter*innen verändern die Geschichte durch ihren Blick und sind so inmitten der Bilderflut gezwungen zu entscheiden, was sie beachten und was sie ignorieren wollen. „Revival Roadshow“ wurde 2024 bereits im späten Entwicklungsstadium bei der DOK Exchange XR Prototyping Zone vorgestellt und ist nun im Museum der bildenden Künste Leipzig zu sehen.

DOK Neuland und DOK Exchange XR, die Branchenplattform zu interaktivem und immersivem Storytelling, rücken mit dieser Festivalausgabe näher zusammen: Sowohl die öffentliche Extended-Reality-Ausstellung (mit Ausnahme der Arbeit „Revival Roadshow“) als auch die Veranstaltungen für das XR-Fachpublikum finden 2025 in der Heilandskirche/Westkreuz statt. Außerdem ist heute eine gemeinsame Folge des DOK Industry Podcasts, kuratiert und moderiert von Weronika Lewandowska (Kuratorin und Koordinatorin von DOK Exchange XR) mit Dana Melaver (Kuratorin von DOK Neuland) und Prodromos Tsiavos (Leitung Digitales und Innovation beim Onassis Cultural Centre) erschienen. Darin sprechen sie über Herausforderungen, XR-Arbeiten für ein junges Publikum zu entwickeln und zu kuratieren.

Neu ist in diesem Jahr auch die enge Zusammenarbeit zwischen DOK Exchange XR / DOK Neuland und CPH:DOX/LAB. Ziel der gemeinsamen Aktivitäten rund um immersive und interaktive Medien ist der Aufbau eines bedeutenden europäischen Vertriebsnetzwerks, die Förderung von Talenten und der Austausch von Wissen. Im Rahmen des CPH:LAB 2026 wird DOK Leipzig einen neuen Preis verleihen und bei der 69. Festivalausgabe von DOK Leipzig soll im nächsten Jahr ein ausgewähltes CPH:LAB-Projekt bei DOK Exchange XR  präsentiert werden. Zudem ist eine Kooperation rund um den CPH:LAB-Think-Tank geplant.

DOK Exchange XR wird auch 2025 an zwei Tagen (30./31.10.) ausgerichtet. Das Programm umfasst die XR Conference, das XR Showcase und die XR Prototyping Zone. Über alle Veranstaltungen hinweg wird Extended Reality im Kontext von Erinnerung und kulturellen Narrativen, Innovation, Bildung sowie Ethik und Neuroplastizität betrachtet.

Die XR Conference hält in diesem Jahr für alle Akkreditierten vier Keynote-Präsentationen und drei Podiumsdiskussionen bereit. Die eingeladenen Expert*innen diskutieren darüber, wie immersive Praktiken kulturelle Narrative und Machtstrukturen beeinflussen. Abseits traditioneller Formate liegt der Schwerpunkt dabei vor allem auf experimentellem XR-Storytelling und hybriden Medien. In ihren Keynotes sprechen Rūta Kazlauskaitė, Katharina Haverich, Marcel van Brakel und May Abdalla über VR und Propaganda, Extended Reality im Kontext von Bildung, hybride Narrative und darüber, welchen Einfluss Geschichten, die mit dem gesamten Körper erlebt werden, auf die Wahrnehmung von uns selbst und anderen haben. Im Zentrum einer der Podiumsdiskussionen steht Barrierefreiheit im Game Design, in einer anderen die Nutzung von Audience Testing zur Verbesserung der Projekte, die im Rahmen der XR Prototyping Zone vorgestellt wurden. Die dritte Podiumsdiskussion, „What Lasts? Building a Future for XR and Immersive Arts”, ausgerichtet gemeinsam mit dem British Council, bringt XR Produzent*innen, Kurator*innen und Entscheidungsträger*innen der Kulturbranche aus Deutschland und dem Vereinigten Königreich zusammen. Gemeinsam sprechen sie darüber, wie der Sektor sich über kurzfristige Projekte hinaus entwickeln kann.

Für das diesjährige XR Showcase wurden vier Arbeiten aus Taiwan, Kanada und Europa ausgewählt. In einer Art kollektivem Brainstorming haben die XR-Künstler*innen die Gelegenheit, ihre Projekte in der frühen Entwicklungsphase zu präsentieren und sich anschließend mit sechs Expert*innen und Fachbesucher*innen darüber auszutauschen.

Die XR Prototyping Zone gibt XR-Künstler*innen die Möglichkeit, ihre Projekte in der späten Entwicklungsphase Expert*innen, Distributor*innen und dem Fachpublikum zu präsentieren. Dabei können sie interaktive Elemente, Erzählstrukturen und Nutzer*innenerlebnis unter Realbedingungen testen. In diesem Jahr werden insgesamt drei Prototypen vorgestellt.

Alle XR-Arbeiten bei DOK Neuland im Überblick: Filmlisten 2025
Bildmaterial zum Download: Filmstills

DOK Exchange XR wird von SEE NL, dem British Council, dem French Institute als Teil des Programms Novembre Numérique und dem Creative Europe Desk Berlin-Brandenburg gefördert. Es besteht eine Zusammenarbeit zwischen DOK Exchange XR und CPH:DOX/LAB. Die Podiumsdiskussion “Accessibility in Game Design” findet in Zusammenarbeit mit der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und der Inclusive Gaming GmbH statt.

DOK Neuland konnte wieder durch die Unterstützung der Sächsischen Medienanstalt (SLM), MDR Media und der Mitteldeutschen Medienförderung realisiert werden. DOK Neuland wird außerdem im Rahmen der Niederlande als diesjähriges XR-Land im Fokus von der Botschaft des Königreichs der Niederlande und SEE NL gefördert; ebenso vom French Institute als Teil des Programms Novembre Numérique.

DOK Industry wird mit Unterstützung des MEDIA-Programms von Kreatives Europa der Europäische Union, der Mitteldeutschen Medienförderung (MDM) sowie des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Grundlage des vom Deutschen Bundestag beschlossenen Haushaltes realisiert.

DOK Industry wird gefördert durch die Europäische Union. Die geäußerten Ansichten und Meinungen entsprechen jedoch ausschließlich denen der Autor*innen und spiegeln nicht zwingend die der Europäischen Union oder des MEDIA-Programms von Kreatives Europa wider. Weder die Europäische Union noch Kreatives Europa können dafür verantwortlich gemacht werden.

DOK Leipzig dankt allen Fördernden, Sponsor*innen und Partner*innen des Festivals.