Filmarchiv

Publikumswettbewerb 2025
Filmstill Take the Money and Run
Take the Money and Run Ole Juncker
Ein Porträt des Künstlers als Schelm: 74.000 Euro hat Jens Haaning von einem Museum geliehen bekommen und nie zurückgegeben. Ein Vertragsbruch als Kunstwerk – kann das gut gehen?
Filmstill Take the Money and Run

Take the Money and Run

Take the Money and Run
Ole Juncker
Publikumswettbewerb 2025
Dokumentarfilm
Dänemark
2025
82 Minuten
Dänisch,
Englisch
Untertitel: 
Englisch

Was als harmloser Produktionsauftrag beginnt, entwickelt sich zu einer der medienwirksamsten Kunstdebatten der letzten Jahre: Der dänische Konzeptkünstler Jens Haaning soll für das Museum Kunsten in Aalborg zwei seiner früheren Werke rekonstruieren – Rahmen, gefüllt mit Geldscheinen, die das durchschnittliche Jahresgehalt in Dänemark und Österreich symbolisieren. Die Banknoten im Wert von einer halben Million Kronen, etwa 74.000 Euro, stellt das Museum zur Verfügung. Doch Haaning ärgert sich einmal mehr über die Arbeitsbedingungen seines Berufsstandes. Er behält das geliehene Geld, liefert leere Leinwände und einen Titel: „Take the Money and Run“.
Der Film von Ole Juncker begleitet den Künstler durch die Zeit nach dieser Aktion – zwischen internationalem Medienrummel, einer Zivilklage der geprellten Institution und persönlichen Krisen. Haaning, der an einer bipolaren Störung leidet, trifft impulsive Entscheidungen, investiert in Immobilien und gerät in Finanznöte, die er durch Ad-hoc-Verkäufe seiner Arbeiten auszugleichen sucht. Der Druck, der auf dem Protagonisten lastet, spiegelt sich in einer rasanten Montage disparater Bilder: Autofahrten, surreale Animationen, Action-Cam-Aufnahmen eines Parkourläufers und TV-Berichte verdichten sich zu einem Porträt des Künstlers als Schelm, der entschlossen ist auszuloten, ob zumindest die Kunst mit einer Straftat davonkommt.

Jan-Philipp Kohlmann

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Regie
Ole Juncker
Kamera
Ole Juncker
Schnitt
Lars Juul
Produktion
Bjarte Mørner Tveit, Mette Heide
Co-Produktion
Bjarte Mørner Tveit
Sound Design
Rune Palvig
Musik
Francois Rousselot
Animation
Rasmus Brink
Retrospektive: Un-American Activities 2025
Filmstill Teach Our Children
Teach Our Children Christine Choy, Susan Robeson
1971. Ein Aufstand der Gefängnisinsassen im Attica State Prison, New York, wird blutig niedergeschlagen. Der Film ergreift leidenschaftlich Partei und prangert den Rassismus des Gefängniswesens an. 
Filmstill Teach Our Children

Teach Our Children

Teach Our Children
Christine Choy, Susan Robeson
Retrospektive: Un-American Activities 2025
Dokumentarfilm
USA
1972
35 Minuten
Englisch
Untertitel: 
Keine

Am 9. September 1971 brach im Attica State Prison, New York, ein Aufstand der Gefängnisinsassen aus, der nach vier Tagen von der Nationalgarde blutig niedergeschlagen wurde und zum Tod von 43 Menschen führte. „Teach Our Children“ ergreift leidenschaftlich Partei für die revoltierenden Häftlinge und geht den menschenunwürdigen Haftbedingungen nach, die den Aufstand provozierten. Die während und nach den Ereignissen auf Film fixierten Äußerungen der Aufständischen prangern den offenen Rassismus des Gefängniswesens und die Ausbeutung im Rahmen von Arbeitsmaßnahmen an. Auf der anderen Seite steht das „reine Gewissen“ derjenigen, die den Schießbefehl gaben, allen voran das des Gefängnisdirektors Oswald: „Haben Sie denn überhaupt kein Schuldgefühl?“ – „Nein.“

Tobias Hering, Tilman Schumacher

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Regie
Christine Choy, Susan Robeson
Produktion
Newsreel
Filmstill The Thing to Be Done

The Thing to Be Done

Ono što treba činiti
Srđan Kovačević
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2025
Dokumentarfilm
Kroatien,
Serbien,
Slowenien
2025
88 Minuten
Slowenisch,
Bosnisch,
Kroatisch,
Serbisch
Untertitel: 
Englisch

Eine Landkarte Europas ist mit Zahlen versehen: Von Süden nach Norden, Osten nach Westen steigen die Werte immer weiter an. Es handelt sich um die Brutto-Mindestlöhne der jeweiligen Nationen – 281 Euro in Bosnien und Herzegowina, 842 Euro in Slowenien, 1.498 Euro in Deutschland und 1.613 Euro in Irland. Regisseur Srđan Kovačević ist auf Transparenz bedacht. Doch nicht nur er: Dem Büro für Arbeitnehmerrechte „Delavska svetovalnica“ im slowenischen Ljubljana dienen Aufklärung und Durchsichtigkeit als Grundlagen seiner Tätigkeit. Hierhin kommen Arbeitnehmer*innen, die von Unternehmen ausgebeutet und betrogen werden, die weder Arbeitsverträge noch Lohn erhalten. Viele von ihnen sind nicht im Besitz der slowenischen Staatsbürgerschaft, eine mit Fallstricken versehene Rechtslage macht sie verwundbar und stumm. Goran Zrnić, ehemaliger Elektriker und nun Jurist, Goran Lukić, unverrückbarer Gewerkschaftsaktivist, und Sozialarbeiterin Laura Orel erheben für sie ihre Stimmen, beraten zwischen Papierstapeln und permanent läutenden Telefonen.
Kovačevićs Kamera folgt den dynamischen Situationen mit entsprechender Geschwindigkeit und fängt darin schier Unglaubliches ein. „The Thing to Be Done“ versammelt Momente der Erschöpfung und des Triumphs, macht abwechselnd wütend und hoffend. Direct Cinema und Klassenkampf verbinden sich hier zu einer im besten Sinne aufwiegelnden Kraft.

Carolin Weidner

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Regie
Srđan Kovačević
Kamera
Srđan Kovačević
Schnitt
Klara Šovagović
Produktion
Sabina Krešić
Co-Produktion
Viva Videnović, Marta Popivoda, Jelena Angelovski
Sound Design
Julij Zornik
Nominiert für: Silberne Taube, FIPRESCI Preis, Preis der Interreligiösen Jury, MDR-Filmpreis
Ausgezeichnet mit: Preis der Interreligiösen Jury
Camera Lucida 2025
Filmstill Time to Land
Time to Land Raphaël Girardot, Vincent Gaullier
Als Philosoph hat Bruno Latour nicht nur Denkräume geöffnet, es waren ganze Häuser. Wie integriert man seine Ideen, Visionen und Konzepte in den Alltag, fern von Wissenschaft und Philosophie?
Filmstill Time to Land

Time to Land

Il est temps d’atterrir
Raphaël Girardot, Vincent Gaullier
Camera Lucida 2025
Dokumentarfilm
Frankreich
2025
91 Minuten
Französisch,
Wolof,
Englisch
Untertitel: 
Englisch

Als Philosoph hat der Franzose Bruno Latour (1947–2022) nicht nur Denkräume geöffnet, es waren ganze Häuser. Als Anthropologe und Soziologe wurde er zum international geachteten Kämpfer für das Verschieben von Paradigmen, verbunden mit dem Ziel, das menschliche Individuum möge seinen Platz im Kreislauf der Natur neu definieren. Latour prägte den Begriff der „ökologischen Klasse“, die es auf dem Planeten Erde zu erschaffen gilt, um sich grundlegender Optionen für das Handeln in Krisen bewusst zu werden. Doch: Wie reagieren wir im Alltag, fern von Wissenschaft und Philosophie, auf seine Fragen, Visionen und Konzepte? Erreichen sie uns? Regen sie Debatten an, wenn wir ihnen begegnen?
Raphaël Girardot und Vincent Gaullier haben in Frankreich, in Belgien und im Senegal Menschen gefunden, die beim Beobachten, Beschreiben und Verändern von Zuständen eigene Wege beschreiten wollen oder es in Gemeinschaft schon tun – auf Äckern und in Wäldern, beim Fischen und Demonstrieren, als Autonome und in gängigen Strukturen. Einige davon konfrontieren die Regisseure mit Latours Schriften, stoßen Gedanken und Gespräche an und lassen Bruno Latour selbst mit kurzen Interviewsequenzen via Internet durch die Episoden führen. Dabei zeigt er sich, zunehmend gezeichnet von seiner Krebserkrankung, als präziser Analyst mit Verve, Humor und klaren Statements.

Andreas Körner

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Regie
Raphaël Girardot, Vincent Gaullier
Kamera
Raphaël Girardot
Schnitt
Raphaël Girardot, Camille Lotteau
Produktion
Vincent Gaullier
Co-Produktion
Emmanuelle Jacq, Claire Lissalde
Ton
Vincent Gaullier
Sound Design
Thomas Robert, Raphaël Girardot
Animation Perspectives 2025
Filmstill Tord and Tord
Tord and Tord Niki Lindroth von Bahr
Als Tord nach Hause kommt, trifft er auf eine Person mit gleichem Namen in einer umgestalteten Wohnung. Der zweite Tord entpuppt sich als Seelenverwandter: Ein Grund, keine Fragen zu stellen.
Filmstill Tord and Tord

Tord and Tord

Tord och Tord
Niki Lindroth von Bahr
Animation Perspectives 2025
Animationsfilm
Schweden
2010
11 Minuten
Schwedisch
Untertitel: 
Englisch

Als Tord eines Tages von der Arbeit kommt, trifft er auf eine unbekannte Person gleichen Namens in einer umgestalteten Wohnung. Seine alte eigene Behausung ist der neuen fremden gewichen und befindet sich nun hinter der Nachbartür. Der zweite Tord entpuppt sich als angenehmer Gesprächspartner, als Seelenverwandter: Ein schwerwiegender Grund, keine weiteren Fragen zu stellen – bis sie unvermeidbar werden.

Irina Rubina

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Regie
Niki Lindroth von Bahr
Buch
Niki Lindroth von Bahr
Kamera
Niki Lindroth von Bahr
Schnitt
Niki Lindroth von Bahr
Produktion
Niki Lindroth von Bahr
Co-Produktion
SVT – Sveriges Television
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2025
Filmstill Trains
Trains Maciej J. Drygas
Festlich gekleidete Menschen genießen eine Zugreise. Dann werden Soldaten an die Front befördert, es folgen Kriegsgefangene, Verletzte. Die Zeiten ändern sich, das Muster wiederholt sich.
Filmstill Trains

Trains

Trains
Maciej J. Drygas
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2025
Dokumentarfilm
Polen
2024
81 Minuten
ohne Dialog
Untertitel: 
Keine

Dieser Film ist ein Juwel des Archivkinos. Es gibt keine Dialoge, nur ein Zitat von Franz Kafka am Anfang: „Es gibt Hoffnung genug, unendlich viel Hoffnung – nur nicht für uns.“ In der Eröffnungssequenz führen Menschen und Maschinen einen dynamischen Tanz auf. Arbeiter bauen eine Lokomotive zusammen. Bald schon mischen wir uns am Bahnsteig unter die Wartenden mit ihren altmodischen Hüten und Mänteln, bewundern später gemeinsam die idyllischen Landschaften hinter den Waggonfenstern und ahnen, dass sich diese Fahrt für manche unserer Mitreisenden wie eine Expedition ins Weltall angefühlt haben muss. Dann füllen Soldaten die Bilder, Ströme von Soldaten auf dem Weg in den Ersten Weltkrieg. Waffen gehen auf Transport, viele Waffen. Sie werden in Fabriken hergestellt.
Der Geist des Krieges zieht durch Europa. Dieses Gefühl durchdringt den Film und weist über ihn hinaus. Was im Archivmaterial gespeichert ist – Uniformmützen und Zylinder, Opfer und Täter, Luxus und Elend, Vieh- und Kommandowaggons, Hitler und Chaplin – hat Anschluss an die Gegenwart, sogar an die Zukunft. Ob wir auf sie hoffen dürfen, hängt davon ab, wie gut wir aus der Geschichte gelernt haben.

Vika Leshchenko

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Maciej J. Drygas
Kamera
Archive
Schnitt
Rafal Listopad
Produktion
Vita Żelakeviciute, Vita Żelakeviciute
Deutscher Filmverleih
Peter Stockhaus
Hommage: Punto y Raya 2025
Filmstill Transcience
Transcience Sylwia Żółkiewska
Mit schwarz-weißen Formen und Farbverläufen zeigt dieser Film die Möglichkeiten des digitalen Bildes. Eine Forschungsreise in einen nicht-realen Raum, ausgemalt von Tim Prebbles Ambient Soundtrack.
Filmstill Transcience

Transcience

Transcience
Sylwia Żółkiewska
Hommage: Punto y Raya 2025
Animationsfilm
Polen
2022
5 Minuten
ohne Dialog
Untertitel: 
Keine

Eine schwarz-weiße Palette von Formen und in sich verlaufenden Farbsättigungen offenbart die Möglichkeiten des digitalen Bildes. Diese visuelle Erzählung betrachtet den Screen als Raum, der parallel zur physischen Welt existiert. Sie lädt uns zu einer Forschungsreise in ein irreales dreidimensionales Universum ein, dessen Tiefen im Ambient-Soundtrack von Tim Prebble ausgemalt
werden.

Franka Sachse

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Sylwia Żółkiewska
Retrospektive: Un-American Activities 2025
Filmstill Trick Bag
Trick Bag Peter Kuttner, Jerry Blumenthal, Susan Delson
Menschen unterschiedlichster Herkunft berichten von ihren alltäglichen Problemen in Chicagoer Stadtvierteln, die Zentren vieler Kulturen sind. Ein Plädoyer für ein solidarisches Zusammenleben.
Filmstill Trick Bag

Trick Bag

Trick Bag
Peter Kuttner, Jerry Blumenthal, Susan Delson
Retrospektive: Un-American Activities 2025
Dokumentarfilm
USA
1975
21 Minuten
Englisch
Untertitel: 
Deutsch

Der Untertitel des Films lautet programmatisch: „a black & white movie“. In „Trick Bag“ berichten junge Menschen unterschiedlichster Herkunft von Gruppenzwängen und Dominanzgerangel in Chicagoer Stadtvierteln, die vormals als ethnisch homogen galten, heute jedoch Zentren vieler Kulturen sind. Weiße, Schwarze, Latinos und Latinas treten vor die Kamera. Sie sind Vietnam-Veteranen, Gangmitglieder und Fabrikarbeiter*innen, die versuchen, ein friedliches Miteinander zu organisieren. Anstatt sich zu bekriegen, so der Tenor, sollten sie sich gemeinsam ihrer Lage als Segregierte und prekär Beschäftigte bewusst werden. Ein unterhaltsames, kämpferisch vorgetragenes Plädoyer für ein solidarisches Zusammenleben in Chicago – stellvertretend für viele amerikanische Metropolen der Zeit.

Tobias Hering, Tilman Schumacher

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Regie
Peter Kuttner, Jerry Blumenthal, Susan Delson
Kamera
Peter Kuttner
Produktion
Kartemquin Films