Mit Filmen den Horizont der Wahrnehmung weiten, den oder dem Anderen begegnen, die Menschen hinter den Schlagzeilen sehen, Schweigen brechen, hinschauen. Die Sektionen außer Konkurrenz, die die vier Wettbewerbe zum Dokumentar- und Animationsfilmschaffen ergänzen, ermöglichen dies jeweils unter einem besonderen Fokus, wie dem geografischen Schwerpunkt Mittel- und Osteuropa oder den künstlerischen Filmsprachen, die Erzählkonventionen des Kinos herausfordern. Die Reihe „Doc Alliance Award“ wiederum präsentiert eine Auswahl der aktuell nominierten Dokumentarfilme aus dem Wettbewerb des europäischen Festivalnetzwerks Doc Alliance.
Panorama: Mittel- und Osteuropa
In der Reihe mit dem Fokus auf das Filmschaffen in Mittel- und Osteuropa ist der Krieg an der Grenze Europas in den Filmen aus der Ukraine omnipräsent. Die Gespräche in einem Freundeskreis von jungen Ukrainern kreisen in „The Birds Are Silent“ um das Filmemachen und ein Leben mit Kunst, aber anlässlich des Aufzugs russischer Truppen an ihrer Grenze zum Jahresbeginn 2022 geht es bei ihrem Abend vor allem auch um die Frage, ob sie als Soldaten für ihr Land kämpfen werden. Auch der Film „A Simple Soldier“ von Artem Ryzhykov und Juan Camilo Cruz dokumentiert, wie der Krieg Träume und Zukunft zerstört und Menschen aus der Mitte der Gesellschaft von einem Tag auf den anderen zu Soldaten macht. In „Imago“ von Déni Oumar Pitsaev geht es ebenfalls um Leben und Träume in einer Region der ehemaligen Sowjetunion, die tief geprägt ist von den Auswirkungen des Krieges. In der tschetschenischen Enklave im georgischen Kaukasus, wo die Familie des Regisseurs wohnt und seine Mutter ihm ein Stück Land gekauft hat, nähert sich Pitsaev einer Welt, die ihm völlig fremd und Heimat zugleich ist. „Trains“ von Maciej J. Drygas zeigt über historische Archivbilder von Zügen, wie aus einem Transportmittel für Menschen hinaus ins Grüne eines für Soldaten an die Front wird. Um Historie geht es auch in dem Porträt eines Mannes, der mit seiner künstlerischen Arbeit Geschichte schrieb: der legendäre polnische Grafikdesigner Karol Śliwka („Signs of Mr. Plum“ von Urszula Morga, Bartosz Mikołajczyk). Wie Kunst Verletzungen verwandeln kann, zeigt der kurze Animationsfilm „The Pool or Death of a Goldfish“ von Daria Kopie, in dem diese poetisch-makaber und kreativ-zielgenau ins Bild gesetzt werden.
Camera Lucida
Die Reihe „Camera Lucida“ konzentriert sich in diesem Jahr auf Menschen und ihre Lebensrealitäten in verschiedenen Zusammenhängen: in der Wissenschaft, der Haft und dem Avantgarde-Kino. Die vier Langfilme weiten Horizonte und Reflexionsräume im besten Sinne: In „Little, Big, and Far“ reflektiert Jem Cohen in einer Mischung aus inszenierten und beobachteten Szenen über akademisches Arbeiten und Melancholie, die in der Kommunikation von drei einander eng verbundenen Wissenschaftler*innen liegt. Sie sprechen über das Große, das über Physik und Astronomie erfahrbar wird, aber auch über eine ungewisse Zukunft, Beziehungen und Einsamkeit. „Conbody vs. Everybody“ von der gefeierten Regisseurin, Drehbuchautorin und Kamerafrau Debra Granik dokumentiert die Realität von verurteilten Straftätern in Amerika. Ihre fast sechsstündige Langzeitdokumentation folgt einem Ex-Drogendealer, der aus der Haft entlassen darum kämpft, nicht zu den drei Vierteln in der Statistik zu gehören, die innerhalb von fünf Jahren wieder im Knast landen. „Time to Land“ von Raphaël Girardot und Vincent Gaullier widmet sich dem kürzlich verstorbenen französischen Philosophen Bruno Latour, von dem Die Zeit in ihrem Nachruf schreibt, dass er „für die Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften, aber auch für die Kunst und den Aktivismus unserer Zeit so folgenreich gewesen sein [dürfte], wie die Physik Isaac Newtons für das 18. […] Jahrhundert.“ Aber wie integriert man seine Ideen, Visionen und Konzepte in den persönlichen Alltag? „Bulle Ogier, Portrait of a Hidden Star“ von Eugénie Grandval porträtiert eine eigenwillige Persönlichkeit aus dem Kontext der „Nouvelle Vague“: die Schauspielerin Bulle Ogier, die mit den schillerndsten Persönlichkeiten des Avantgarde- und Arthouse-Kinos zusammenarbeitete, wie Luis Buñuel, Marguerite Duras, Rainer Werner Fassbinder oder Jacques Rivette.
Doc Alliance Award
Die Sektion "Doc Alliance Award" präsentiert drei kurze und drei lange Dokumentarfilme, die dieses Jahr für den Wettbewerb des Festivalnetzwerks Doc Alliance nominiert waren: Zwei Langfilme geben Einblicke in das Leben mit alkoholkranken Eltern zwischen Liebe und Ohnmacht, Sehnsucht und Rausch („Flophouse America“ von Monica Strømdahl und „A Want in Her“ von Myrid Carten). Auch „Grey Zone“ von Daniela Meressa Rusnoková richtet den Blick auf familiäre Dynamiken und Schicksale: eine höchst intime, verletzliche Annäherung an Extremfrühchen und den Umgang in einer Gesellschaft, in der davon nicht gesprochen wird, obwohl sie nicht so selten sind, wie das Schweigen über sie vermuten lässt. „Fear Nothing“ von Tuva Björk und „Sixty-Seven Milliseconds“ von fleuryfontaine reflektieren Gesellschaft von der Seite unseres Umgangs mit Gewalt. „Fear Nothing“ ist eine düstere Reise Welt der Security Services in Südafrika, in der es mehr private Sicherheitsleute als Polizisten und Soldaten zusammen gibt. „Sixty-Seven Milliseconds“ rekonstruiert einen realen Fall in Frankreich und stellt anhand von 67 Millisekunden einer zufälligen Kameraaufnahme die Gewaltanwendung durch die Polizei infrage. Die Schönheit, die die Welt trotz ihrer mannigfachen Konflikte hat, dokumentieren die märchenhaft poetischen 16mm-Aufnahmen der Landschaften in Portugal in „Unstable Rocks“ von Ewelina Rosińska.
Alle Filme der Sektionen im Überblick: Filmlisten 2025