Von leuchtenden Fäden in der Dunkelheit und roten, verweinten Augen von Call-Center-Affen bis zur Resilienz des künstlerischen Animationsfilms in Zeiten kostengünstiger KI-Produktionen: DOK Leipzig gibt dem Animationsfilmschaffen in seinen Reihen „Animation Perspectives“ und „Animation Night“, in einem DOK Talk sowie in den Angeboten von DOK Industry auch jenseits des Wettbewerbsprogramms eine breite Plattform, um den Blick auf besondere künstlerische Handschriften und Positionen, auf Produktionsbedingungen und aktuelle Diskurse zu richten.
„Animation Perspectives“ – zwei junge künstlerische Positionen zwischen experimenteller Narration, schwarzem Humor und einer zerbröckelnden Welt
Die Reihe „Animation Perspectives“ bringt am Festivaldonnerstag zwei Animationskünstlerinnen zusammen, die mutig, eigenwillig und fragmentarisch ihre eigenen Filmwelten erschaffen: Niki Lindroth von Bahr und Réka Bucsi. Mit ihrer kompromisslosen Herangehensweise haben beide bereits ein internationales Festivalpublikum von Cannes bis zur Berlinale begeistert. DOK Leipzig bietet die Gelegenheit, beide Künstlerinnen und ihre unverwechselbaren Handschriften im Dialog kennenzulernen. In dem von der Kuratorin Irina Rubina moderierten Gespräch stellen sie einander und dem Publikum ausgewählte Werke ihres Schaffens vor, gewähren Einblicke in ihre Arbeitsweisen und Werkstätten und diskutieren Schnittmengen und Differenzen.
Beide beschreiten in ihren Werken unerforschte Pfade zwischen experimenteller Narration, schwarzem Humor, Abstraktion und intuitiven Verbindungen, die Unausgesprochenes, Schmerzhaftes, aber auch das Schöne an die Oberfläche bringen. In absurden, modernen Fabeln mit nahbaren, anthropomorphen Tieren legt die in Stockholm lebende Niki Lindroth von Bahr mit subtilem Humor und melancholischem Musical-Gesang den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft. Schicht für Schicht schält sie menschliche Normen ab – zurück bleiben die roten, verweinten Augen der Call-Center-Affen, und die existenzielle Angst in all ihren Variationen. Die in Budapest ansässige Réka Bucsi nähert sich der Welt auf andere Weise. Sie zieht bunte, leuchtende Fäden aus der Dunkelheit, um daraus ein fast ungreifbares „Dazwischen“ zu weben: Futuristisch, surreal, bevölkert von mehrschichtigen, nur scheinbar niedlichen Figuren. Bucsi lädt dazu ein, diese Dunkelheit der eigenen Existenz nicht auszublenden, sondern zu umarmen: Erst dann können magisch leuchtende Pflanzen wachsen und orangene Wolken weinen.
Die „Animation Night“ widmet sich der Filmkunst des Videosynthesizers
Das Konzept des Videosynthesizer revolutionierte vor mehr als einem halben Jahrhundert das filmische Schaffen an der Grenze von Kunst und Technik. Mitte der 1960er Jahre entdeckte eine neue Generation von Künstler*innen auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen das Medium Video für ihre Arbeit. Videokameras wurden an Fernseher angeschlossen, die Rückkopplungsschleifen zwischen Kamera und Bildschirm eröffneten völlig neue kreative Räume. Kunstgrößen wie Nam June Paik brachten diese Technik in die Museen. Mit dem Einzug der Ästhetik der Videosynthese in die Popkultur begann eine neue Welle von Künstler*innen, mit eigenen Videoerfindungen zu experimentieren. Anhand eines Programms mit ausgewählten Filmen aus fast drei Jahrzehnten beleuchtet Kurator Ben Sassen am Festivalfreitag die Rolle des Videosynthesizers in der Geschichte des modernen Films und zeigt einige der bedeutendsten künstlerischen Errungenschaften aus dieser Zeit. Im Anschluss an die Filmvorführungen gibt es eine Performance der zeitgenössischen Audio-/Videokünstler CINEMA.AV (USA) und Processing___ (Kanada), die ihr neues Live-Werk „MICROWAVE“ vorstellen werden.
Meisterklasse und DOK Talk "Behind the Screens"
In der kostenlos zugänglichen Meisterklasse "In Conversation with Punto y Raya", die während des Festivals am Donnerstag stattfindet, spricht Kuratorin Franka Sachse mit dem Team hinter Punto y Raya, einem Animationsfilmfestival, das geleichzeitig auch als internationale Plattform an der Schnittstelle zwischen Bildender Kunst und neuer Technologien agiert. Es leistet mit seiner Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Sichtbarkeit einer Kunstform, die sich dem audiovisuellen Werk in seiner elementarsten Erscheinung widmet: Form, Farbe, Bewegung und Klang. Am gleichen Tag findet auch der DOK Talk "animation@DOK Leipzig – Behind the Screens" statt, bei dem die Koordinatorin des Animationsfilmwettbewerbe, Jana Kraft, im Gespräch mit Animationsfilmschaffenden nahbare Einblicke in die Arbeit mit Animation gibt.
Das Branchenprogramm von DOK Industry zur Animation
Der Festivaldonnerstag steht auch bei DOK Industry im Zeichen der Animation. Beim DOK Industry Talk "Anidox Lab – The Alchemy of Animated Documentaries" geht es um die Magie, die entsteht, wenn Geschichten und Erfahrungen der realen Welt auf die nahezu grenzenlosen Möglichkeiten der Animation treffen. Anhand von drei Projekten, die am Anidox Lab teilgenommen haben – einem Workshop, der sich der Entwicklung von animierten Dokumentarfilmen widmet – veranschaulichen die Filmemacherinnen Rand Beiruty, Ayala Shoshana Guy und Irina Rubina im Gespräch mit Tutor Uri Kranot, wie gelebte Erfahrung und künstlerisch erschaffene Welten dem animierten Filmschaffen im Dokumentar- und Animationsfilm neue Möglichkeitsräume bieten.
Das Partnerevent "AG Animationsfilm: AI in Animation – Curse, Blessing or Both" sucht Wege für einen Umgang mit der wachsenden Flut rein KI-generierter Inhalte auf Streaming-Plattformen, die durch ihre schnelle und preisgünstige Produktion bei gleichzeitig fragwürdiger Qualität sowohl die Produktionsprozesse als auch die Sehgewohnheiten des Publikums verändern. Das Panel lädt zu einer konstruktiven Diskussion darüber ein, wie kreative, persönliche Stimmen und Stile sich gegenüber KI-generierten Inhalten durchsetzen können und welche Möglichkeiten es für Allianzen in der künstlerischen Animation gibt, um mehr Sichtbarkeit zu erlangen.
Bei "DOK Industry Connections: Animation Meets Doc" sind alle Fachbesucher*innen aus den Bereichen Animation und Dokumentarfilm eingeladen, sich zu vernetzen und sich untereinander über das kreative Potenzial der Verknüpfung von Animation und Dokumentarischem im Film auszutauschen.
Das Animation Lab DOK Leipzig geht 2025 mit acht ausgewählten Projekten aus elf Ländern in die nächste Runde. Bei dem dreitägigen Workshop, den DOK Industry zusammen mit CEE Animation präsentiert, können Dokumentarfilmproduzent*innen, die ihren ersten animierten Dokumentarfilm entwickeln, ihr Wissen über Produktion und Vertrieb vertiefen. Als Tutoren konnten auch dieses Jahr wieder der renommierte Produzent Jean-François Le Corre (Vivement-Lundi!, „Flee“) und der multidisziplinäre Künstler Uri Kranot (ANIDOX) gewonnen werden.
Zwei auf Kurzfilm fokussierte Branchenveranstaltungen am Mittwoch richten sich ebenfalls an die Animationsfilmbranche. Der DOK Industry Talk "Shorts, Screened and Streamed: Connecting Audiences to Short Films" untersucht, wie kurze Dokumentarfilme, animierte Dokumentarfilme und Animationsfilme ihr Publikum sowohl über internationale Filmfestivals als auch über Online-Plattformen erreichen können. Branchenexpert*innen diskutieren kuratorische und programmatische Strategien sowie die Rolle von Festivals bei der Steigerung der Sichtbarkeit von Filmemacher*innen. Gleichzeitig werden die Chancen und Herausforderungen des Online-Vertriebs thematisiert – von Strategien, ein breites Publikum zu erreichen bis hin zu aktuellen neuen Trends. Beim Kurzfilm-Pitch DOK Short n’ Sweet, werden sieben spannende kurze Animations- und Dokumentarfilmprojekte in verschiedenen Produktionsstadien vorgestellt. Internationale Expert*innen aus den Bereichen Festivals, Fernsehen, Online-Plattformen, Vertrieb und Verleih geben Feedback und Ideen zu Finanzierungs- und Auswertungsmöglichkeiten, um das Potenzial der Projekte zu steigern und kreative Kooperationen anzuregen.
Am Festivalfreitag bringt das Get Together XR & Animation die beiden Branchen zum Netzwerken in entspannter Atmosphäre zusammen. Das Get Together findet in der Heilandskirche/Westkreuz statt und wird unterstützt von SEE NL sowie der AG Animationsfilm (ASIFA Germany) und dem Internationalen Trickfilm-Festival Stuttgart.
Mehr zu den Programmen: Animation Perspectives, Animation Night
Zum vollständigen Branchenprogramm DOK Industry: Industry Programm A–Z