Drei Weiße Personen, zwei Frauen und ein Mann, stehen mit Laptops an einem Stehtisch. Sie wirken sehr produktiv.
DOK Co-Pro Market 2021
Viktoria Sophie Conzelmann

34 Dokumentarfilmprojekte aus 32 Ländern erhalten beim diesjährigen 18. DOK Co-Pro Market die Gelegenheit, internationale Finanzierungs- und Koproduktionspartner zu finden (vollständige Liste siehe unten). Zum ersten Mal ist ein Serienprojekt Teil der Auswahl. „The Sharp End of a Knife" von Godisamang Khunou (Mogale Pictures) lässt Insassinnen eines Frauengefängnisses in Johannisburg zu Wort kommen, die lebenslängliche Haftstrafen verbüßen, nachdem sie sich gegen ihre gewalttätigen Männer zur Wehr setzten.

Insgesamt wurden 262 Projekte für den DOK Co-Pro Market eingereicht. Bemerkenswert war dabei die Vielzahl an starken Filmprojekten aus Georgien, von denen sich drei schließlich durchsetzten. Die französisch-georgische Produktion „Kartli“ von Tamar Kalandadze und Julien Pebrel wird koproduziert von Habilis Productions und Sakdoc Film, der Produktionsfirma hinter den erfolgreichen Filmen von Salomé Jashi. Tcholokava wird „The Mud Princess“ (17/07) vorstellen und Gvantsa Meparishvili sucht Partner für ihren Film „Boxes From Georgia“ (Millimeter Film). Darin begleitet sie Freiwillige in einer Sammelstelle für humanitäre Hilfe in Tiflis, die lebenswichtige Güter an vom russischen Angriffskrieg betroffene Ukrainer*innen verschicken.

Auch die ukrainische Produktion „A Bit of a Stranger“ (Albatros Communicos) blickt auf die Auswirkungen des Krieges auf die Menschen in der Ukraine. Regisseurin Svitlana Lishchynska filmt ihre russischsprachige Familie über ein Jahr während der Angriffe Russlands auf ihre Heimat: Mariupol und die Ukraine. Ihre Tochter und ihre Enkelin flüchten schließlich nach London, ihre Mutter bleibt allein zurück in Kiew.

Daneben reflektieren weitere Projekte aktuelle, global diskutierte Themen. In „The Culprits“ (Boogaloo Films) lässt Marta Duran junge Frauen zu Wort kommen, die sich als Teenager für eine Abtreibung entschieden haben. Tuffi Films stellt „In a Box“ von Liinu Grönlund und Okku Nuutilainen vor, ein Film über das Engagement von Forscher*innen und Privatleuten, bedrohte Frösche, Reptilien und Fischarten vor dem Aussterben zu bewahren. „Ojos de Agua, Free the Waters of Chile“ (Dryades Films) folgt zwei indigenen Chilen*innen bei ihrem Kampf um die Entprivatisierung von Wasser und um die Festschreibung seines Status als Gemeingut in der Verfassung.

Auch mit Blick auf die künstlerischen Ansätze sind die ausgewählten Filmprojekte allesamt einzigartig und vielversprechend. Eine Reihe an Projekten zeichnet ihr kreativer Umgang mit Archivmaterial aus. Für „Becoming Omer Khairy“ (Black Balance Artistic Production) nutzt Alyaa Musa öffentliches und persönliches Archivmaterial eines sudanesischen Künstlers, um dessen mystischer Geschichte um seine zweite Identität als junger Weißer Brite auf die Spur zu gehen. In „Colosal“ (Tavab/ Movimiento Cine) versucht Nayibe Tavares-Abel mittels Zeitungsartikeln, VHS-Kassetten, 16-mm-Filmen und Objekten aufzuklären, ob ihr Großvater bei den Präsidentschaftswahlen der Dominikanischen Republik 1990 tatsächlich an Wahlbetrug beteiligt war und setzt sich gleichzeitig mit einem erneuten Betrugsfall bei den Kommunalwahlen 2020 auseinander. Auf eine Forschungsreise innerhalb der eigenen Familiensphäre begibt sich auch Sára Timár mit „Under the Dance Floor“ (Little Bus Production/ Alter Ego Production). Sie erkundet die Vergangenheit ihres Familienhauses, das in den 1950er Jahren dem kommunistischen Regime der Volksrepublik Ungarn als Geheimgefängnis und Ort für gewalttätige Verhöre diente.

Einige der zum DOK Co-Pro Market eingeladenen Produzent*innen oder Regisseur*innen waren in der Vergangenheit bereits mit Filmen bei DOK Leipzig. In „Superposition“ (CORSO Film) erzählt Gesa Hollerbach („Landretter“, 2019) von der ambitionierten Arbeit renommierter Wissenschaftler*innen am ersten kommerziell nutzbaren Quantencomputer Deutschlands – ein technologischer Meilenstein, der Lösungen für globale Probleme verspricht, zugleich aber auch im Einhalten dieses Versprechens scheitern könnte. Auch Bálint Révész („Granny Project“, 2017) wird zum Festival zurückkehren und sein neues Projekt „Voice/Over“ (Roughhouse Project) vorstellen.
Die Filmemacherin Jasmila Žbanić („One Day in Sarajevo“, 2015), u.a. bekannt für den preisgekrönten Spielfilm „Quo vadis, Aida?“, nimmt mit „Blum“ (Deblokada/ Produkcija Živa) am Co-Pro Market teil. Susanne Kim (Regisseurin von „Trockenschwimmen“, 2016 und „Meine Wunderkammern“, 2021) ist mit ihrem neuen Projekt „Becoming Kim“ (Neufilm) vertreten.

Teil der Auswahl sind außerdem vier vielversprechende Projekte, die das DOK Industry Team bei verpartnerten, regional fokussierten Trainingsinitiativen und Filmmärkten gescoutet hat. Alle Projekte wurden mit dem DOK Leipzig Accelerator Prize ausgezeichnet: „Baltic UXO“ (East Doc Platform), „A Hole in the Wall“ (Doc Lab Poland Docs to Start), „Kange“ (Durban FilmMart) sowie „In the Light of Darkness“ (Docs by the Sea). Ein fünftes Projekt wird Ende September beim BDC Discoveries Workshop ausgewählt.

Bei der Auswahl wurde das Team von DOK Industry unterstützt von Anna Berthollet (CEO & Sales Agent bei Lightdox), dem Produzenten Derren Lawford (Gründer und CEO von DARE Pictures) und der Produzentin Heejung Oh (Gründerin von Seesaw Pictures).

Letztes Jahr als Hybridveranstaltung durchgeführt, wird der DOK Co-Pro Market in diesem Jahr vorrangig vor Ort stattfinden (17.10. und 18.10.2022). Im Vorfeld bietet DOK Industry erneut ein Online-Treffen der Projektvertreter*innen zur Vorbereitung auf den DOK Co-Pro Market und zur Stärkung der Community an.

 

Alle 34 Projekte in der Übersicht: DOK Co-Pro Market