DOK Leipzig 2026
Fokus Ost
Kuratiert von Grit Lemke
„Veränderungen werden immer da am heftigsten weitergetrieben, wo sie am tiefgreifendsten waren.“ So Christa Wolf im Vorwort zu Maxie Wanders Buch „Guten Morgen, du Schöne“ mit Selbstauskünften von Frauen in der DDR. Es hatteGenerationen zur schonungslosen Selbstbefragung ermächtigt. Und dazu, den eigenen Lebensentwurf und Glücksanspruch in Beziehung zur Gesellschaft zu setzen. Fünf Jahrzehnte später stellt DOK Leipzig mit „Guten Abend, du Schöne“ diese Fragen an den Anfang.
„Fokus Ost“ vereint Stimmen unterschiedlicher Generationen, Biographien und Herkünfte. Dabei geht es um das unter der Oberfläche liegende Vergessene oder Verdrängte. Die Ablagerungen von Geschichte in „10 bis 20 Halden“ des Mansfelder Lands. Die Suche nach Spuren einer mit dem Chip verbundenen Utopie in „Silicon Saxony“. „Ortsteil Autobahn“ erblickt hinter den Fassaden ehemaliger Grenzanlagen heutige Gewalt. „Übergang“, ein „Film für Thomas Heise“, betreibt „vorausschauende Archäologie“. „Die Klasse von 1990“ holt die ostdeutsche Studierendenbewegung der frühen Neunziger ins kollektive Gedächtnis zurück.
Den Aufbruch junger Künstler*innen dieser Zeit erzählt „Strahlen“. In einem Schweriner Plattenbaugebiet findet sich eine multikulturelle Gemeinschaft in einem „Garten der Hoffnung“. Die gibt es – neben den Abgründen – im ähnlichen Umfeld auch in „Kindsmutter“.
Vom Hitlergruß, der in „Guten Abend, du Schöne“ aus der Kindheit der Mütter und Großmütter in unsere Zeit wirkt, zieht sich der Bogen zum Gehorsam, den vietnamesische Vertragsarbeitende wie „Onkel Thuận“ in der DDR lernen mussten. Aber auch von der Rebellion der DDR-Frauen zu jener der Studierenden von 1990 bis zum alltäglichen Ringen um Würde und ein bisschen Glück in Schwerin und Halle-Neustadt.
Es geht darum, einen Leerraum zu füllen, um Korrektive und Gegennarrative. Zu fragen, warum ostdeutsche Vielfalt nicht gesehen und erzählt wird – und wer darüber entscheidet. Es geht um Selbstbefragungen – angesichts tiefgreifendster Veränderungen.
– Grit Lemke