Hommagen & Meisterklassen

DOK Leipzig 2026

Hommagen & Meisterklassen

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Hommage Dokumentarfilm: Helena Třeštíková

Zeit ist Helena Třeštíkovás wichtigstes filmisches Material. Seit mehr als fünf Jahrzehnten begleitet die tschechische Dokumentarfilmemacherin Menschen, oft über viele Jahre hinweg. Mit großer Sensibilität und außergewöhnlicher Nähe entstehen Porträts von emotionaler Wucht und gesellschaftlicher Tiefe. Třeštíková macht sichtbar, was sich dem flüchtigen Blick entzieht: die leisen Veränderungen des Alltags, Brüche, Hoffnungen und Verluste, aus denen sich menschliche Biografien formen. Hinter den individuellen Geschichten zeichnen sich zugleich Panoramen politischer, sozialer und kultureller Umbrüche ab.

Seit Mitte der 1970er-Jahre hat Helena Třeštíková mehr als 50 Filme realisiert. Aus ihrer frühen Serie mit jungen Ehepaaren entwickelte sie eine einzigartige filmische Methode. Ihre Filme sind keine Momentaufnahmen, sondern Chroniken gelebter Zeit. Třeštíkovás Kamera blieb, wo andere wegsahen: bei Menschen am Rande der Gesellschaft, wie Mallory, die ohne festes Obdach lebt, oder dem Strafgefangenen René. 

DOK Leipzig und Helena Třeštíková verbindet eine langjährige künstlerische Beziehung. Diese Hommage lädt dazu ein, die Entwicklungslinien in ihrer Arbeitsweise von den Anfängen bis in die Gegenwart zu entdecken. Von der frühen, seinerzeit auch in Leipzig gezeigten Etüde „The Miracle“ wird der Bogen zu „Private Universe“ geschlagen, das dem Leben derselben Familie 37 Jahre lang folgt. Der mit der Goldenen Taube ausgezeichnete Film „René“ begleitet über fast zwanzig Jahre einen Strafgefangenen, während sich außerhalb der Gefängnismauern die politischen Verhältnisse grundlegend verändern. „A Marriage Story“ erzählt die Ehe von Ivana und Václav, die über vier Jahrzehnte und stürmische Zeiten hinauswächst. 

Im Internationalen Wettbewerb präsentiert DOK Leipzig Třeštíkovás neuen Film „Bára – Diary of a Rockstar“, in dem sie – über fünf Jahrzehnte hinweg – das Leben der Sängerin Bára Basiková begleitet. Vergangenheit und Gegenwart verdichten sich zu einem vielschichtigen Porträt, das zugleich tief in die Gesellschaft eingeschriebene Prägungen durch Geschlechterrollen freilegt.

Eine von Grit Lemke moderierte Meisterklasse mit Helena Třeštíková bietet persönliche Einblicke in die Arbeitsweise und dokumentarische Ethik einer Filmemacherin, die die Langzeitbeobachtung wie wenig andere geprägt hat.

– Ola Staszel

Hommage Animationsfilm: Trollfilm

Kuratiert von Marie Ketzscher

Empathie ist die Animationsessenz jeder Trollfilm-Produktion – von frühen Filmen wie Anita Killis und Hege Krogvig Bergstrands „The Glass Ball“ (1992) bis hin zur aktuellsten Produktion, Anton Dyakov’s „Black Box“ (2026). Mit seiner diesjährigen Animations-Hommage möchte DOK Leipzig das seit mehr als 30 Jahren aktive norwegische Trollfilm Studio für diese Haltung ehren. 

Mit seinem Beharren auf dem Sich-Einfühlen in Natur und Mitmenschen widersteht es zeitgemäßen zynischen Posen, appelliert an ein Umdenken. Dabei nimmt sich das Studio auch große Themen vor: Häusliche Gewalt, intergenerationale Traumata, Krieg. Der radikale Humanismus Trollfilms findet zu seiner rundesten Form, wenn es um Kinder-Eltern-Verhältnisse geht – dabei handelt es sich um vielfach preisgekrönte Filme, die zu Kindern und Erwachsenen sprechen und die darüber hinaus im Bildungskontext eingesetzt werden.

Die meisten Produktionen entstehen als Multiplan-Cut-out-Animationen am Tricktisch – und zwar in einer zum Filmstudio umgebauten Scheune im kleinen norwegischen Dovre, eingebettet zwischen Bergen und Nationalparks. Hier werden verletzliche Augen oder flatternde Flügelchen animiert. Das Handgemachte ist dabei nachhaltig: Viele Materialien sind gefundene Objekte wie Federn; das Erzähltempo ist passend zum zeitintensiven Stop-Motion-Prozess entschleunigt.

Bei allen ernsten Stoffen, die verhandelt werden, ist Hoffnungslosigkeit nie eine Option. Vielmehr sind Trollfilme von einem magischen Optimismus durchdrungen, der vielleicht von der sagenumwobenen Natur auf die Filme übergeht: Der Staub flirrt im Gegenlicht wie Feenstaub, samische Mythen und Trolle spielen eine Rolle, und in „Mother Didn’t Know“ (2020) hat sich gar ein Nisse (ein gutmütiger Hausgeist) verirrt. Zwei Hommage-Programme illustrieren die filmische Vielfalt und Einladung zum optimistischen Denken – eines ist dem Werk der Trollfilm-Gründerin Anita Killi gewidmet, das andere versammelt weitere Trollfilm-Produktionen.

– Marie Ketzscher

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