Die Kurzfilmrollen vereinen Kurzfilme aus den Wettbewerben in sektionsübergreifenden Programmen.
Die Kurzfilmrollen vereinen Kurzfilme aus den Wettbewerben in sektionsübergreifenden Programmen.
Boi versucht leise zu sein, aber die Gläser zittern ihm in der Hand. Bloß den Papa nicht stören! Denn wenn der Papa gestört wird, dann erwacht der Wutmann in ihm und er prügelt die geliebte Mama. In „Angry Man“ gibt es kein Versteck vor der Gewalt, die als nervöse Antizipation oder lähmende Panik in jede Faser des Alltags kriecht. Doch trotz seiner Angst tut Boi das einzig Richtige: Er geht Hilfe holen. Killis Film ist aber nicht nur die Geschichte eines mutigen Jungen, der die Spirale der häuslichen Gewalt unterbricht: Ihr Werk strahlt Empathie in alle Richtungen aus, schließt sogar den Vater mit ein. Denn der hat ein Monster in sich – ein gezeichnetes, das wächst und kreucht, bevor es sich seinen Weg nach außen bahnt und dort als Cut-out-Wutmann eruptiert. Auch er braucht Hilfe. „Angry Man“, eine Adaption eines Bilderbuchs von Gro Dahle und Svein Nyhus, vermittelt humanistisch-glaubhaft, dass sich Menschen befreien und verändern können. Ganz ohne romantisierendes Happy End.
Marie Ketzscher
Thematisiert körperliche Gewalt, psychische Erkrankungen
Was bleibt übrig, wenn alles vergeht? Ein alter Fotograf versucht anhand von Fotografien, Menschen und Ereignisse zu rekonstruieren, aber sie entgleiten ihm immer wieder, verschwinden im Dunklen, werden von den Wellen überspült. Anton Dyakov zeigt mit seinem 2D-animierten und in Schwarz-Weiß umgesetzten Film eben nicht nur, wie die Erinnerung verloren geht, sondern auch, wie sie uns manchmal heimsucht und überkommt – etwa in Form eines beklemmendes Archiv-Fragment diffuser Kriegsaufnahmen. „Black Box“ verhandelt Verlust und Trauer aus persönlicher und doch universeller Sicht, und nimmt dabei Bezug auf die Erinnerungskultur im digitalen Zeitalter, die immer stärker ohne die haptische Vergewisserung eines Fotoabzugs auskommt – oder auskommen möchte.
Marie Ketzscher
Die Pestizide rotten die Insekten aus, das Öl fließt ins Meer, die Wälder brennen: 1994 lässt die Regisseurin Laila Rakvåg einen Vogel über und durch die ökologischen, mensch-gemachten Krisenherde fliegen, die uns heute noch in schlimmeren Ausmaßen beschäftigen. Manchmal kann der Vogel in der schönen Natur landen, doch das Innehalten ist nie von Dauer, das Paradies immer schon kurz vor der nächsten Höllentransformation. Je weiter der Vogel fliegt, desto menschlicher wird sein Antlitz: Er wird zum Baby, das dann tatsächlich auch geboren wird – und die Erinnerungen des Vogels in den gerade geöffneten Augen trägt. Wir sind untrennbar mit der Natur verbunden, was wir ihr zufügen, fügen wir auch uns zu: Rakvågs Film ist ein aktivistisches Plädoyer für mehr Empathie mit unserem Planeten und ein Umdenken aus der Perspektive einer werdenden Mutter.
Marie Ketzscher
Thematisiert Tod
Thematisiert psychische Erkrankungen, Mord
Photosensitivity warning
Die Geschichten, Mythen und auch die Lebensrealität der Samen ist immer eng mit den Rentieren verknüpft: Das Umherziehen mit ihnen, der Umgang mit ihnen als Nutztiere. Woher diese enge Beziehung kommt? Anita Killi greift einen Entstehungsmythos auf oder denkt ihn sich aus: der durchs Land ziehende, das Nichtstun genießende Alits bekommt mit dem Joiken (Jodeln), die enge Verbindung zu den Rentieren von Sonnentochter geschenkt, als sie ihn wieder verlassen muss. Der Gesang zieht die Tiere magisch an. Die Sehnsucht, die in den Tönen liegt, greift Killi mit poetischen Bildern und in samischer Sprache auf: In den Umarmungen zwischen Alits und Sonnentochter, aber auch in den Momenten, in denen sie durch die Wiesen streifen. Alles ist in dieser sinnlich-haptischen Auffassung der Natur miteinander verbunden.
Marie Ketzscher
Thematisiert Drogenkonsum, Tod, Mord
Enthält Darstellungen von körperliche Gewalt, Folter
Thematisiert Rassismus, Mord
Enthält Darstellungen von körperliche Gewalt
Romantisch, mystisch, folkloristisch: Das malerische Oeuvre von Theodor Kittelsen (1857–1914) widmet sich nicht nur der Natur, sondern auch Sagen und Trollen – und prägt Künstler*innen bis heute. So auch Natasha Nikitina, die mit ihrem Film die 12-teilige, von Kittelsen angefertigte Bildreihe „Soria Moria Palace“ und sein gleichnamiges Buch aufgreift: Der junge Held Askeladden sieht in der Ferne den goldenen Palast Soria Moria und macht sich auf den Weg dorthin; eine Allegorie auf die goldene Zukunft, die man sich mit viel Mühe und Einsatz verdienen kann. Nikitina greift in ihrem Film aber eher das atmosphärische Moment auf, lässt einen Troll im Felsen zum Leben erwachen und dann wieder einschlafen, Gänse und andere Vögel in die Luft fliegen, Nebel und Dämmerung zu Nacht und dann wieder zu einem glühenden Morgen werden. Eine Hommage an den Künstler, aber auch an die sagenumwobene, norwegische Landschaft im Allgemeinen.
Marie Ketzscher
Thematisiert Tod
Thematisiert psychische Erkrankungen
Thematisiert Kriegsszenen
Thematisiert Drogenkonsum, psychische Erkrankungen
Thematisiert psychische Erkrankungen
Thematisiert Rassismus
Der Baseball als Omen. Während die Menschen gebannt dem Flug der ledernen Kugel hinterherschauen – ja, sich vielleicht in der unterhaltsamen Freizeitbeschäftigung vor dem Fernseher oder im Stadion geradezu verlieren – schaut ein beunruhigter Vogel dem Ganzen zu. Denn fliegend verwandelt sich das Geschoss zunehmend in die Erdkugel, die der Vogel nun mit den eigenen Federn in einem behelfsmäßig zusammengebauten Nest schützen will. Ursprünglich als Einreichung für einen MTV-Wettbewerb geplant, findet Killi mit diesem Debütfilm schon zu wichtigen Lebensthemen: die Nutzung von Multiplan-Cut-out-Animation und die große Empathie, mit der sie ihre Verbundenheit mit Natur und Umgebung artikuliert. „The Glass Ball“, der visuell von osteuropäischen Granden wie Jurij Norstein inspiriert wurde, ist für sie auch heute eine Erinnerung an die Fragilität unserer Erde.
Marie Ketzscher
Immer wieder Brücken bauen. Damit sind Florian und Malene beschäftigt, und es geht ja auch nicht anders: Schließlich leben die beiden Kinder auf den gegenüberliegenden Seiten des Bächleins, wollen aber eigentlich immerzu miteinander spielen. Doch dann kommt der Krieg – und Florian darf nicht mehr zu ihr, denn Malene lebt jetzt im Feindesland: Das Bächlein ist zum Stacheldraht geworden. Mit ihrem kindgerechten Cut-out-Erwachsenenfilm (und vice versa!) erzählt Anita Killi von den unterschiedlichen Lebenswahrnehmungen von Jung und Alt, visuell inspiriert vom norwegischen Maler Theodor Kittelsen. Die Mikrokosmen der Kleinen sind liebevoll-detailliert eingefangen, vom Spiel im Schnee bis zum Nasenaneinanderreiben. Killi richtet den Blick dabei auch auf die Arbitrarität der meisten Konflikte. „War never dies, it just sleeps from time to time“, sagt Florians Vater, und: Es sind die Erwachsenen, die ihn wecken. Aber vielleicht fällt ja den nachfolgenden Generationen doch etwas anderes ein?
Marie Ketzscher
Vanja ist ein Tiger. Er streift durch den Urwald, er lauert auf, er greift an. Doch als es dunkel wird, fürchtet er sich – und als seine Schwester Thea das Licht anmacht, ist aus dem mutigen Tiger ein kleiner Junge geworden, in einer Wohnung ganz ohne Blattwerk. „Ich habe keine Angst“ ist Vanjas Mantra, mit dem er sich in seinem Alltag behauptet, wenn Fantasie und Realität nahtlos ineinander übergehen, das dunkle Treppenhaus ein Verlies und die Schattenspiele Monster sind. Aber auch dann, wenn er sich ausgeschlossen fühlt durch die ältere Schwester, die ihn beim Spielen nicht dabeihaben will. Marita Mayers verspielter 2D-Animationsfilm folgt Vanja dabei in alle Gemütslagen und Imaginationswelten, lässt die Bedürfnisse aller Kinder gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Erwachsenwerden ist schwer, Kindsein oft auch. Aber wenn sich alle gegenseitig sehen und verstehen, wird es schon einfacher, und oft macht es dann sogar richtig Spaß.
Marie Ketzscher
Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
26. Oktober bis 1. November 2026
Leipziger Dok-Filmwochen GmbH
Katharinenstraße 17
04109 Leipzig
Deutschland
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