Filmarchiv

Jahr

Rules of the Game

Dokumentarfilm
Frankreich
2014
106 Minuten
Untertitel: 
englische

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Muriel Meynard, Patrick Sobelman
Claudine Bories, Patrice Chagnard
Patrice Chagnard
Stéphanie Goldschmidt
Claudine Bories, Patrice Chagnard
Benjamin van de Vielle
Es geht das Gerücht, dass der Arbeitsmarkt mutige Individualisten sucht. Aber bitte in Grenzen, versteht sich. Tatsächlich gilt: Was nicht passt, wird passend gemacht – oder aussortiert.
Lolita liegt es fern zu lächeln. Kevin weiß nicht, wie er sich verkaufen soll. Hamid kann Chefs nicht ausstehen. Sie sind zwanzig. Sie haben keine Qualifikation. Sie suchen nach Arbeit und werden sich sechs Monate lang von einer Beratungsfirma schulen lassen, um sich die Verhaltensweisen und Ausdrucksformen anzueignen, die auf dem heutigen Arbeitsmarkt gefragt sind.
Die Motive der Berater sind mehr als redlich: jungen Menschen ein anständiges Leben im gegebenen Betrieb zu ermöglichen. Für die Kids ist es eine fremde, seltsame Welt, die sich vor ihnen auftut. Beide Seiten üben sich im Praktizieren bester Absichten, aber mitunter geht trotzdem etwas zu Bruch und manchmal droht gar der Absturz.
Man kennt filmische Darstellungen über das Aufnahmeprocedere bei Schauspielschulen (u.a. „Die Spielwütigen“). Solche sicher aufregenden Situationen sind aber ein Kinderspiel im Vergleich zu dem Rollenstudium, dem sich Lolita, Kevin und Hamid zu unterziehen haben, um einen Part in der Aufführung zu bekommen, welche „(Über-)Leben im gegenwärtigen Kapitalismus“ heißt.

Ralph Eue



Ausgezeichnet mit der Goldenen Taube im Internationalen Wettbewerb Dokumentarfilm 2014

Spartacus & Cassandra

Dokumentarfilm
Frankreich
2014
81 Minuten
Untertitel: 
englische

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Samuel Luret, Gérard Lacroix, Gérard Pont
Ioanis Nuguet
Aurélie Ménétrieux, Milk Coffee & Sugar
Ioanis Nuguet
Ioanis Nuguet, Anne Lorrière
Ioanis Nuguet
Maissoun Zeineddine, Marie Clotilde Chery, Jean-François Briand, Alexandre Gallerand, Marc Nouyrigat
Etwas sollte klar sein im Leben: dass ein Kind sich auf seine Eltern verlassen und behütet groß werden kann. Dass es ein Zuhause hat. Der 13-jährige Spartacus und seine 10-jährige Schwester Cassandra haben noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf, als die Unterkunft der rumänischen Roma-Familie im französischen Saint-Denis abbrennt. Während sie mit staatlicher Unterstützung Zuflucht bei der jungen Trapezkünstlerin Camille finden, geht die Spirale für ihre Eltern weiter abwärts. Die eine Seite bietet Sicherheit, Bildung und eine Kindheit jenseits der Straße. Auf der anderen wartet ein Teufelskreis aus Armut, Alkohol, Selbstmitleid und Handlungsunfähigkeit. Spartacus und Cassandra müssen sich entscheiden. Es ist mehr als die alte Frage, ob man sich aus schwierigen Verhältnissen befreien kann. Wie kann sich ein Kind von seinen Eltern lösen?
In flirrenden, traumverlorenen Bildern und einer impressionistischen Montage lässt Ioanis Nuguet die Kinder schweben zwischen einer Herkunft, die sie nicht abschütteln können, und einer Zukunft, die ihnen nicht ohne Weiteres offensteht. Ein kaukasischer Kreidekreis, an dessen Ende – wie bei Brecht – so etwas wie Hoffnung steht. Aber auch ein bitterer Rap von Spartacus, der klar macht, dass dieses Problem kein privates ist.

Grit Lemke



Ausgezeichnet mit dem Preis der Fédération Internationale de la Presse Cinématographique 2014

The Stone River

Dokumentarfilm
Frankreich,
Italien
2013
88 Minuten
Untertitel: 
keine

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Giovanni Donfrancesco, Estelle Fialon
Giovanni Donfrancesco
Piero Bongiorno, Olivier Touche
Giovanni Donfrancesco
Giovanni Donfrancesco, Thomas Glaser, Pauline Dairou, Muriel Breton
Federico Cavicchioli
Geschichte sei das, was früher war, sagt man. Sie lässt sich als Längs- oder Querschnitt abbilden. Mancher denkt sie länglich, für andere ist sie ein Haufen. Der italienische Regisseur Giovanni Donfrancesco wiederum betrachtet Geschichte als ein verzweigtes Netz lebendiger Adern, die bis in die Gegenwart reichen. Über eine dieser Adern ist Carrara in den Apuanischen Alpen aufs Engste verknüpft mit dem amerikanischen Barre. Im frühen 20. Jahrhundert waren viele verarmte italienische Marmorsteinmetze und Bildhauer über den Atlantik zu den Granitbrüchen in Vermont gezogen, wo sie hofften, besser leben zu können. Doch im Steinbruch wird man nicht alt. Binnen Kurzem starben viele der Arbeitsmigranten an Silikose, auch Staublunge genannt. Während der Krise der 30er Jahre befragten Schriftsteller die Steinbrecher von Barre, damit deren mündliche Zeugnisse einflössen in das große Projekt der Roosevelt-Administration, ein Bild von Amerika während der Großen Depression zu geben. Ähnlich titanenhaft ist Donfrancescos aktuelles Vorhaben: Er verknüpft Erzählungen der damaligen, vorgetragen mit den Stimmen heutiger Bewohner von Barre zu mächtigen Bild- und Tonfolgen, die zum veritablen Fresko aus vielschichtigen individuellen und sozialen Wirklichkeiten werden – zwischen Entbehrung und Stolz, persönlichen Tragödien und utopischen Hoffnungen.
Ralph Eue